entgegennahm.
Er hatte Fukaeri schon angerufen, und sie wusste, dass
.Die Puppe aus Luft. den Preis bekommen hatte. Sie
machte allerdings nicht den Eindruck, als würde sie sich
besonders freuen. Es schien ihr ziemlich gleichgültig zu
sein, dass sie den Preis bekommen hatte. Der Tag war fast
sommerlich warm, dennoch bestellte sie eine hei.e
Schokolade. Sie trank and.chtig, den Becher mit beiden
H.nden umschlie.end. Von der Pressekonferenz hatte er
ihr noch nichts gesagt, doch auch als sie davon h.rte, zeigte
sie keine Reaktion.
.Du wei.t schon, was eine Pressekonferenz ist, oder?.
.Pressekonferenz., wiederholte Fukaeri.
.Reporter von Zeitungen und Zeitschriften kommen
zusammen und stellen dir alle m.glichen Fragen. Du sitzt
auf einem Podium. Es werden auch Fotos gemacht.
Vielleicht kommt auch das Fernsehen. Deine Antworten
werden im ganzen Land verbreitet. Es kommt schlie.lich
nicht alle Tage vor, dass eine Siebzehnj.hrige den Preis für
das beste Erstlingswerk der Zeitschrift Literatur und
Kunst erh.lt. Diese Nachricht ist von gesellschaftlicher
Bedeutung. Die Sensation ist, dass alle Juroren einstimmig
dein Buch gew.hlt haben. Das ist normalerweise nie der
Fall..
.Sie stellen Fragen., erkundigte sich Fukaeri.
.Sie stellen Fragen, und du beantwortest sie..
.Was für Fragen..
.Verschiedene. über dein Buch, über dich, dein
Privatleben, deine Hobbys, deine Pl.ne für die Zukunft.
Vielleicht ist es besser, wenn wir schon einmal ein paar
Antworten auf diese Fragen vorbereiten..
.Warum..
.Weil es sicherer ist. Damit du bei der Antwort nicht
stecken bleibst oder etwas sagst, das zu Missverst.ndnissen
führt. So eine Art Probe kann nicht schaden..
Fukaeri trank wortlos ihren Kakao und musterte Tengo
mit einem Blick des Inhalts: Interessiert mich nicht, aber
wenn Sie es für n.tig halten. Bisweilen sagten ihre Augen
mehr als ihr Mund. Zumindest sprachen sie in ganzen
S.tzen. Leider lie. sich eine Pressekonferenz nicht nur mit
Blicken bestreiten.
Tengo nahm ein paar Bl.tter mit mutma.lichen Fragen
aus seiner Mappe und breitete sie auf dem Tisch aus. Er
hatte sich am Abend zuvor noch das Hirn darüber
zermartert.
.Ich stelle jetzt Fragen wie ein Zeitungsreporter, und du
beantwortest sie, ja?.
Fukaeri nickte.
.Haben Sie bisher schon viel geschrieben?.
.Ja., antwortete Fukaeri.
.Wann haben Sie mit dem Schreiben angefangen?.
.Vor langer Zeit..
.Das reicht v.llig aus., sagte Tengo. .Deine Antworten
k.nnen ruhig kurz sein. Du brauchst nichts überflüssiges
zu erz.hlen. So genügt es v.llig. Schlie.lich hat Azami alles
für dich aufgeschrieben, oder?.
Fukaeri nickte.
.Das brauchst du aber nicht zu sagen. Das ist ein
Geheimnis zwischen dir und mir..
.Ich sage nichts., versprach Fukaeri.
.Haben Sie damit gerechnet, den Debütpreis zu
bekommen?.
Sie l.chelte und schwieg. Das Schweigen dauerte an.
.M.chten Sie darauf nicht antworten?., fragte Tengo.
.Genau..
.Ganz prima. Wenn du nicht antworten willst, l.chelst du
nur freundlich. Bei jeder dummen Frage..
Fukaeri nickte wieder.
.Woher haben Sie denn die Geschichte der .Puppe aus
Luft.?.
.Von der blinden Ziege..
..Blinde Ziege. klingt nicht gut., sagte Tengo. .Besser du
sagst: .von einer Ziege, die nicht sehen kann...
.Warum..
..Blind. ist ein diskriminierender Begriff. Einer der
Reporter k.nnte einen Herzanfall erleiden..
.Diskriminierender Begriff..
.Es würde zu lange dauern, dir das zu erkl.ren. Sag statt
.blinde Ziege. einfach Ziege, die nicht sehen kann, ja?.
Fukaeri machte eine kleine Pause. .Von einer Ziege, die
nicht sehen kann., sagte sie dann.
.So ist es gut., sagte Tengo.
..Blind. soll ich nicht sagen., vergewisserte sich Fukaeri.
.Genau. Aber deine Antwort ist sehr gut..
Tengo fragte weiter. .Was sagen Ihre Mitschüler dazu,
dass Sie den Preis bekommen haben?.
.Ich gehe nicht zur Schule..
.Warum gehen Sie nicht zur Schule?.
Keine Antwort.
.Werden Sie nun weiterschreiben?.
Schweigen.
Tengo trank seinen Kaffee aus und stellte die Tasse auf
den Unterteller zurück. Aus den in die Decke eingelassenen
Lautsprechern ert.nte leise Geigenmusik. Sie stammte aus
The Sound of Music. Regentropfen, Rosen, Schnurrbart
vom K.tzchen.
.War das falsch., fragte Fukaeri.
.Nein, gar nicht., antwortete Tengo. .Keineswegs. Sehr
gut..
.Da bin ich froh., sagte Fukaeri.
Tengo empfand es wirklich so. Auch wenn sie jedes Mal
nur einen Satz sagte und die Betonung fehlte, war ihre Art
zu antworten perfekt. Vor allem, weil sie so prompt war.
Und weil sie ihrem Gegenüber dabei fest und ohne zu
blinzeln in die Augen sah. Das unterstrich die Ehrlichkeit
ihrer Antwort und bewies, dass sie mit der Kürze ihrer
Antworten die Leute nicht für dumm verkaufen wollte.
Au.erdem würde niemand genau verstehen, was sie sagte.
Ebendas war es, was Tengo wollte. Dass sie den Eindruck
von Aufrichtigkeit vermittelte und die Reporter zugleich
einnebelte.
.Was ist Ihr Lieblingsbuch?.
.Die Geschichte von den Heike..
Eine tolle Antwort, dachte Tengo. .Was gef.llt Ihnen an
der Geschichte von den Heike?.
.Alles..
.Und was m.gen Sie noch?.
.Die Geschichten aus alter Zeit..
.Lesen Sie keine moderne Literatur?.
Fukaeri überlegte einen Moment. ..Sansho, der
Landvogt...
Gro.artig. Die Erz.hlung von Ogai Mori stammte aus
dem Jahre 1915. Anfang der Taisho-Zeit. Das verstand sie
also unter moderner Literatur.
.Haben Sie Hobbys?.
.Musik h.ren..
.Welche Musik h.ren Sie?.
.Ich mag Bach..
.Gibt es ein Werk, das Ihnen besonders gut gef.llt?.
.BWV 846 bis BWV 893..
Tengo dachte nach und sagte dann: .Das
Wohltemperierte Klavier. Teil eins und zwei..
.Ja..
.Warum haben Sie die Nummern genannt?.
.Die kann ich mir leichter merken..
Für einen Mathematiker war Das wohltemperierte
Klavier die reinste Himmelsmusik. Jeder Teil umfasste
vierundzwanzig Satzpaare aus Pr.ludium und Fuge. Alle
zw.lf Tonarten kamen darin jeweils in Dur und Moll zum
Einsatz. Erster und zweiter Teil ergaben zusammen
achtundvierzig Stücke.
.Und was noch?.
.BWV 244..
Tengo konnte sich nicht sofort erinnern, worum es sich
bei BWV 244 handelte. Die Nummer kam ihm bekannt vor,
aber der Titel fiel ihm nicht ein.
Fukaeri begann zu singen:
Bu.’ und Reu’
Bu.’ und Reu’
Knirscht das Sündenherz entzwei
Bu.’ und Reu’
Bu.’ und Reu’
Knirscht das Sündenherz entzwei
Knirscht das Sündenherz entzwei
Bu.’ und Reu’
Bu.’ und Reu’
Knirscht das Sündenherz entzwei
Bu.’ und Reu’
Knirscht das Sündenherz entzwei
Dass die Tropfen meiner Z.hren
Angenehme Spezerei
Treuer Jesu, dir geb.ren.
Eine Zeit lang war Tengo sprachlos. Die T.ne stimmten
nicht ganz, aber ihre deutsche Aussprache wirkte
erstaunlich klar und pr.zise.
.Die Matth.us-Passion., sagte Tengo. .Du kannst den
Text!.
.Nein, eigentlich nicht., antwortete die junge Frau.
Tengo wollte etwas sagen, aber ihm fehlten wieder die
Worte. Ergeben schaute er auf seine Notizen und ging zur
n.chsten Frage über.
.Haben Sie einen Freund?.
Fukaeri schüttelte den Kopf.
.Warum denn nicht?.
.Weil ich nicht schwanger werden m.chte..
.Aber man muss doch nicht unbedingt schwanger
werden, nur weil man einen Freund hat..
Fukaeri sagte nichts. Sie schloss und .ffnete nur
mehrmals ruhig ihre Lider.
.Warum m.chten Sie nicht schwanger werden?.
Fukaeri blieb stumm. Tengo hatte das Gefühl, eine v.llig
idiotische Frage gestellt zu haben.
.Lass uns aufh.ren. Das reicht., sagte er und packte seine
Liste wieder in die Mappe. .Eigentlich wissen wir ja gar
nicht, welche Fragen drankommen. Du antwortest einfach,
wie du willst. Du schaffst das schon..
.Da bin ich froh., sagte Fukaeri sichtlich erleichtert.
.Du findest es sowieso sinnlos, dich auf irgendwelche
Interviewfragen vorzubereiten, stimmt’s?.
Fukaeri zuckte leicht mit den Schultern.
.Ich kann dir nur recht geben. Mir gef.llt das auch nicht.
Aber Herr Komatsu hat mich darum gebeten..
Fukaeri nickte.
.Allerdings., sagte Tengo, .m.chte ich nicht, dass du
jemandem erz.hlst, ich h.tte .Die Puppe aus Luft.
überarbeitet. Das wei.t du, ja?.
Fukaeri nickte abermals. .Ich habe alles allein gemacht..
..Die Puppe aus Luft. stammt auf jeden Fall von dir und
niemand anderem. Das war von Anfang an klar..
.Von mir allein., wiederholte Fukaeri.
.Hast du meine überarbeitete Fassung gelesen?.
.Azami hat sie mir vorgelesen..
.Und wie fandest du sie?.
.Sie schreiben sehr gut..
.Also hat sie dir gefallen?.
.Als h.tte ich sie geschrieben., sagte Fukaeri.
Tengo sah sie an. Fukaeri nahm ihre Tasse mit Kakao und
trank. Es kostete ihn einige Anstrengung, nicht auf die
anziehende W.lbung ihrer Brüste zu schauen.
.Das freut mich., sagte er. .Die Arbeit hat mir viel Spa.
gemacht. Aber natürlich habe ich mir auch Mühe gegeben,
dass .Die Puppe aus Luft. allein dein Werk bleibt. Deshalb
ist es für mich die Hauptsache, dass dir das Ergebnis
gef.llt..
Fukaeri nickte schweigend und berührte nachdenklich ihr
kleines wohlgeformtes Ohrl.ppchen.
Die Kellnerin kam und schenkte beiden kaltes Wasser
nach. Tengo nahm einen Schluck, um seine Kehle zu
befeuchten. Dann fasste er sich ein Herz und sprach eine
Idee an, die ihm gerade gekommen war.
.Ich h.tte eine pers.nliche Bitte. Natürlich nur, wenn es
dir recht ist..
.Was denn..
.K.nntest du vielleicht auf der Pressekonferenz das
Gleiche anziehen wie heute?.
Fukaeri sah ihn verst.ndnislos an. Dann musterte sie
jedes einzelne ihrer Kleidungsstücke, als sei ihr bis eben gar
nicht bewusst gewesen, was sie anhatte.
.Ich soll diese Sachen dort tragen., fragte sie.
.Ja. Das, was du heute anhast, sollst du auf der
Pressekonferenz tragen..
.Warum..
.Weil sie dir sehr gut stehen. .h, na ja, dein Busen
kommt darin sehr hübsch zur Geltung, und – es ist nur so
eine Ahnung von mir – es k.nnte doch sein, dass die
Reporter dann eher dorthin sehen und weniger bohrende
Fragen stellen, oder? Aber wenn es dir unangenehm ist,
auch kein Problem. Ich will dich nicht zwingen..
.Azami sucht meine Sachen aus., sagte Fukaeri.
.Du suchst deine Kleidung nicht selbst aus?.
.Mir ist egal, was ich anhabe..
.Und das, was du heute anhast, hat auch Azami
ausgesucht?.
.Ja..
.Das steht dir sehr gut..
.In dem Pullover habe ich einen sch.nen Busen., fragte
sie ohne fragende Intonation.
.Auf jeden Fall. Geradezu sensationell..
.Die Kombination von diesem Pullover mit dem BH ist
gut., sagte Fukaeri und sah ihm direkt in die Augen. Tengo
spürte, wie er err.tete.
.Von solchen Kombinationen verstehe ich nicht genug,
aber auf alle F.lle ist – .h, wie soll ich sagen – das Ergebnis
sehr gut., sagte er.
Fukaeri starrte ihm wieder lange und ernst in die Augen.
.Mussten Sie hinsehen., fragte sie.
Tengo w.hlte seine Worte sorgf.ltig. .Ich konnte nicht
umhin, es zu bemerken., erwiderte er.
Fukaeri zog am Ausschnitt ihres Pullovers und steckte die
Nase hinein. Vielleicht um sich zu vergewissern, welche
Unterw.sche sie heute trug. Dann betrachtete sie eine
Weile Tengos rot übergossenes Gesicht, als würde sie
Zeugin eines überaus seltenen Ph.nomens. .Ich mache es,
wie Sie sagen., erkl.rte sie kurz darauf.
.Danke., sagte Tengo. Damit war ihr Treffen beendet.
Tengo brachte Fukaeri zum Bahnhof Shinjuku. In den
Stra.en sah man schon viele M.nner ohne Jackett und
sogar Frauen in .rmellosen Kleidern. Der L.rm der
Menschenmenge verschmolz mit dem des Verkehrs zur
typischen Ger.uschkulisse der Gro.stadt. Eine erfrischende
frühsommerliche Brise wehte durch die Stra.en. Tengo
fragte sich verwundert, woher dieser wundervolle Duft nur
kommen mochte.
.F.hrst du jetzt nach Hause?., fragte er Fukaeri. Die Züge
waren voll, und sie würde unglaublich lange brauchen.
Sie schüttelte den Kopf. .Wir haben eine Wohnung in
Shinanomachi..
.Dort übernachtest du, wenn es sp.t wird, ja?.
.Weil Futamatao zu weit ist..
Wie beim letzten Mal ergriff Fukaeri unterwegs Tengos
linke Hand. Sie ging wie ein kleines Kind an der Hand eines
Erwachsenen neben ihm her, und dennoch brachte die
Berührung eines so sch.nen M.dchens sein Herz zum
Klopfen.
Am Bahnhof angekommen, lie. Fukaeri seine Hand los
und kaufte an einem Automaten einen Fahrschein nach
Shinanomachi.
.Machen Sie sich keine Sorgen wegen der
Pressekonferenz., sagte Fukaeri.
.Ich mache mir keine Sorgen..
.Auch wenn man sich keine Sorgen macht, geht alles
gut..
.Ich wei.., sagte Tengo. .Kein Grund zur Sorge. Es wird
alles gut..
Ohne ein Wort zu sagen, verschwand Fukaeri in der
Menge hinter der Fahrkartensperre.
Nachdem sie sich getrennt hatten, ging Tengo in eine
kleine Bar in der N.he der Buchhandlung Kinokuniya und
bestellte einen Gin Tonic. Die Bar, die er hin und wieder
aufsuchte, war altmodisch eingerichtet, und es wurde keine
Musik gespielt. Das gefiel ihm. Er setzte sich an die Theke
und betrachtete versonnen seine linke Hand. Die Hand, die
Fukaeri noch vor kurzem gehalten hatte. Er konnte die
Berührung ihrer Finger noch spüren. Er musste an ihre
Brüste denken. Sie waren sehr hübsch. So sch.n und
wohlgeformt waren sie, dass sie dadurch beinahe jede
erotische Bedeutung verloren.
In Tengo stieg der Wunsch auf, seine verheiratete
Freundin anzurufen. Er h.tte gern mit ihr über ihre
Schwierigkeiten bei der Kindererziehung oder den
Beliebtheitsgrad der Regierung Nakasone gesprochen. Oder
etwas anderes, egal was. Er sehnte sich danach, ihre
Stimme zu h.ren. Und sich m.glichst sofort mit ihr zu
treffen und mit ihr zu schlafen. Aber er konnte sie nicht zu
Hause anrufen. Vielleicht würde ihr Mann ans Telefon