gehen. Oder eines ihrer Kinder. Er durfte sie nicht anrufen.
So lautete ihre Abmachung.
Tengo bestellte noch einen Gin Tonic. W.hrend er
wartete, stellte er sich vor, dass er in einem kleinen Boot
sa. und in rei.ender Str.mung dahinschoss. .Wenn wir
einen Wasserfall hinunterstürzen, gehen wir zusammen
mit Pauken und Trompeten unter., hatte Komatsu am
Telefon gesagt. Aber konnte er sich auf das, was Komatsu
sagte, überhaupt verlassen? Würde Komatsu nicht, sobald
sie den Wasserfall erreichten, mit einem Satz auf den
n.chsten Felsen in seiner Reichweite springen? Und ihn
sitzen lassen? .Tut mir leid, Tengo, mir f.llt gerade ein,
dass ich noch etwas ganz Dringendes zu erledigen habe.
Aber alles Weitere kannst du mir überlassen..
Und er würde rettungslos und allein mit Pauken und
Trompeten den Wasserfall hinunterrauschen. Unm.glich
war das nicht. Nein, ganz sicher würde es so enden.
Er fuhr nach Hause, schlief ein und tr.umte. So realistisch
hatte er schon lange nicht mehr getr.umt. Er war ein
winziges Stück eines gigantischen Puzzles. Aber er
ver.nderte st.ndig seine Form, weshalb er nirgendwo
richtig hineinpasste. Au.erdem musste er parallel zu der
Aufgabe, seinen Platz im Puzzle zu finden, in einem
vorgeschriebenen Zeitraum die Notenbl.tter für ein
Paukenstück aufsammeln. Sie waren von einem starken
Windsto. davongeweht und überall verstreut worden. Blatt
für Blatt hob er sie auf. Nun musste er die Seitenzahlen
überprüfen und in die richtige Reihenfolge bringen. Dabei
ver.nderte er wie eine Am.be immer wieder seine Form. Er
konnte die Situation einfach nicht unter Kontrolle bringen.
Irgendwann tauchte Fukaeri auf und ergriff seine linke
Hand. Pl.tzlich h.rte Tengo auf, seine Gestalt zu
ver.ndern. Auch der Wind legte sich, und die Notenbl.tter
flogen nicht mehr herum. Tengo war erleichtert. Doch
w.hrenddessen lief auch seine Zeit ab. .Jetzt ist Schluss.,
mahnte Fukaeri mit leiser Stimme und sogar in einem
ganzen Satz. Die Zeit blieb pünktlich stehen, und die Welt
endete. Die Erdrotation kam zum Stillstand. Alle Ger.usche
verstummten. Alle Lichter erloschen.
Als Tengo am n.chsten Tag aufwachte, bestand die Welt
unver.ndert fort. Alles war wie vorher. Der gro.e Kreislauf,
das riesige Rad der indischen Mythologie, hatte sich wieder
in Bewegung gesetzt und überrollte unabl.ssig s.mtliche
Lebewesen vor sich.
KAPITEL 17
Aomame
Glück oder Pech
Am folgenden Abend waren es noch immer zwei Monde.
Der gro.e, Aomame vertraute Mond war in ein sonderbares
Wei. getaucht, als sei er gerade einem Ascheberg
entstiegen, doch abgesehen davon war es der gute alte
Mond. Der Mond, auf den Neil Armstrong im hei.en
Sommer des Jahres 1969 jenen kleinen und zugleich gro.en
ersten Schritt gesetzt hatte. Neben ihm stand der kleinere,
etwas verbeulte grünliche Mond. Ein wenig verlegen, wie
ein Kind mit schlechten Noten, schmiegte er sich an den
gro.en.
Ich bin eindeutig nicht ganz richtig im Kopf, dachte
Aomame. Es gab immer nur einen Mond, und auch jetzt
kann es nur einen geben. K.me pl.tzlich ein zweiter hinzu,
erg.ben sich ja daraus alle m.glichen Ver.nderungen für
das Leben auf der Erde. Zum Beispiel würde sich das
Verh.ltnis von Ebbe und Flut verschieben. Die Nachrichten
w.ren voll davon. Unm.glich, davon nichts
mitzubekommen. Das ist eine andere Dimension, als
ungewollt einen Zeitungsartikel zu übersehen.
Aber bin ich wirklich verrückt? Kann ich das mit
hundertprozentiger Sicherheit feststellen?
Aomame runzelte kurz die Stirn. St.ndig ereignen sich
seltsame Dinge um mich herum, dachte sie. Dinge
ver.ndern sich ohne mein Wissen. Als würde die Welt ein
Spiel spielen, bei dem sich alles bewegen darf, sobald ich
die Augen schlie.e. Angenommen es w.re so, dann w.re es
auch gar nicht so seltsam, wenn am Himmel zwei Monde
erscheinen. Als ich einmal nicht aufgepasst habe, ist
zuf.llig von irgendwo aus dem Raum ein entfernter Cousin
des Mondes aufgetaucht und hat beschlossen, sich im
Gravitationsfeld der Erde ans.ssig zu machen.
Die Polizei hatte ihre Uniform und Bewaffnung
vollst.ndig erneuert. In den Bergen von Yamanashi war es
zwischen Einheiten der Polizei und einer radikalen Gruppe
zu einem Feuergefecht gekommen. All das war geschehen,
ohne dass Aomame etwas davon mitbekommen hatte.
Dann die Nachricht, dass Amerika und die Sowjetunion
eine gemeinsame Mondbasis errichten wollten. Ob das in
Zusammenhang mit der gestiegenen Anzahl der Monde
stand? Sie wühlte in ihrem Ged.chtnis. Hatte es in den
Zeitungen, die sie in der Bücherei durchforstet hatte, einen
Artikel gegeben, der sich auf einen neuen Mond bezogen
haben k.nnte? Ihr fiel kein einziger ein.
H.tte sie nur jemanden fragen k.nnen. Aber wie sollte sie
eine solche Frage formulieren? ..h, übrigens, ich glaube, es
gibt da jetzt auf einmal zwei Monde. Ob Sie vielleicht mal
gucken k.nnten?. Das war in jedem Fall eine idiotische
Frage. Falls es wirklich zwei Monde gab, w.re es seltsam,
nichts davon zu wissen. Falls es aber wie bisher nur einen
gab, würde man sie für verrückt halten.
Aomame lie. sich in den Rohrstuhl sinken, legte die
Beine auf das Gel.nder und überlegte sich ungef.hr zehn
M.glichkeiten, wie sie die Frage stellen konnte. Sie klangen
alle gleich idiotisch. Da konnte man nichts machen. Die
Situation an sich war zu abwegig. Sie konnte niemanden
fragen, das war offensichtlich.
Sie beschloss, das Problem mit dem zweiten Mond
vorl.ufig beiseite zu lassen. Sie würde sich ihm sp.ter noch
einmal widmen. Im Augenblick bereitete es ihr ja keine
konkreten Schwierigkeiten. Vielleicht würde dieser Mond ja
auch ebenso unversehens wieder verschwinden, wie er
aufgetaucht war.
Um die Mittagszeit des folgenden Tages fuhr sie nach
Hiroo ins Sportstudio, wo sie zwei Kampfsportkurse und
eine Privatstunde zu geben hatte. Als sie kurz an der
Rezeption stehen blieb, übergab man ihr eine Nachricht
von der alten Dame aus Azabu. Das war ungew.hnlich.
Aomame m.ge sie anrufen, sobald sie Zeit habe, stand
darin.
Wie immer war Tamaru am Apparat. .Wenn es dir passt,
sollst du morgen herkommen. Ihr werdet euer übliches
Programm absolvieren und anschlie.end eine Kleinigkeit
zusammen essen., erkl.rte er Aomame.
.Du kannst ihr ausrichten, ich k.me gegen vier Uhr und
würde auch gern mit ihr zu Abend essen., sagte Aomame.
.In Ordnung., sagte Tamaru. .Also dann, morgen gegen
vier..
.Du, Tamaru? Hast du dir in letzter Zeit mal den Mond
angeschaut?., fragte Aomame.
.Den Mond?., fragte Tamaru. .Den Mond am Himmel?.
.Genau den..
.Nicht bewusst. Ich wei. nicht. Was ist mit dem Mond?.
.Ach, nichts., sagte Aomame. .Also dann, bis morgen um
vier Uhr..
Tamaru z.gerte einen Moment, dann legte er auf.
Auch in dieser Nacht waren es zwei Monde. Beide waren
zwei Tage vom Vollmond entfernt. Lange betrachtete
Aomame, ein Glas Brandy in der Hand, abwechselnd den
gro.en und den kleinen Mond, wie man ein ganz und gar
unl.sbares R.tsel betrachtet. Je mehr sie schaute, desto
r.tselhafter erschien ihr das Ensemble. Am liebsten h.tte
sie sich an den Mond selbst gewandt und ihn gefragt. Wie
kommt es, dass du pl.tzlich diesen kleinen grünen
Kameraden bei dir hast? Aber natürlich konnte der Mond
nicht antworten.
Seit undenklichen Zeiten betrachtete der Mond den
Erdball ganz aus der N.he. Niemand sonst kannte ihn so
gut. Wahrscheinlich war er Zeuge aller Ph.nomene und
Ereignisse, die jemals auf der Erde stattgefunden hatten.
Aber der Mond schwieg und sprach nie. Kühl und
ungerührt trug er die Last der vergangenen Zeiten. Dort
oben gab es keine Luft und auch keinen Wind. Vielleicht
war dieses Vakuum besonders gut geeignet, Erinnerungen
unbesch.digt zu bewahren. Niemand konnte das Herz
dieses Monds erweichen. Aomame erhob ihr Glas in seine
Richtung.
.Hast du in letzter Zeit mal im Arm von jemandem
geschlafen?., fragte Aomame den Mond.
Der Mond antwortete nicht.
.Hast du Freunde?., fragte sie.
Der Mond gab keine Antwort.
.Hast du dieses coole Leben nicht mitunter satt?.
Keine Antwort vom Mond.
Wie üblich war es Tamaru, der Aomame am Tor empfing.
.Ich habe mir gestern Abend den Mond angeschaut.,
sagte er als Erstes.
.Aha?., sagte Aomame.
.Du hast mich darauf gebracht. Der Mond ist sch.n,
wenn man ihn nach langer Zeit mal wieder betrachtet. Es
wird einem ganz friedlich zumute..
.Hast du ihn gemeinsam mit deinem Freund angesehen?.
.Ja., sagte Tamaru. Er legte einen Finger an den
Nasenflügel. .Und was ist mit dem Mond?.
.Nichts., sagte Aomame. Sie überlegte sich ihre Worte
genau. .Er besch.ftigt mich neuerdings irgendwie..
.Ohne einen Grund?.
.Ohne Grund..
Tamaru nickte stumm. Er schien etwas zu mutma.en. Er
war nicht überzeugt davon, dass sie wirklich keinen Grund
hatte. Doch statt weiter in sie zu dringen, ging er Aomame
voran, um sie in den Wintergarten zu führen. Die alte
Dame sa. im Trainingsanzug in einem Lehnstuhl und las
ein Buch, w.hrend sie einer Instrumentalversion von
.Lachrimae. von John Dowland lauschte. Es war eines ihrer
Lieblingsstücke. Auch Aomame hatte es immer wieder
geh.rt, und die Melodie war ihr vertraut.
.Entschuldigen Sie, dass ich Sie gestern so pl.tzlich
herbestellt habe., sagte die alte Dame. .Ich bin froh, dass
Sie einen früheren Termin einrichten konnten, denn ich
hatte gerade eine Lücke..
.Machen Sie sich keine Gedanken., sagte Aomame.
Tamaru brachte das Tablett mit dem Kr.utertee herein
und schenkte etwas davon in zwei elegante Tassen ein.
Dann verlie. er den Raum und schloss die Tür. Still
tranken die alte Dame und Aomame ihren Tee, w.hrend sie
der Musik von Dowland zuh.rten und die voll erblühten
Azaleen im Garten betrachteten. Jedes Mal, wenn Aomame
hierherkam, hatte sie das Gefühl, eine andere Welt zu
betreten. Die Luft hatte eine gewisse Schwere, und die Zeit
verfloss auf ganz eigene Weise.
.Diese Musik versetzt mich mitunter in eine seltsame
Stimmung., sagte die alte Dame, als habe sie in Aomames
Gemüt gelesen. .Ist die Vorstellung, dass Menschen vor
vierhundert Jahren die gleiche Musik geh.rt haben, nicht
seltsam?.
.Ja, wirklich., sagte Aomame. .Wenn man es richtig
bedenkt, haben die Menschen vor vierhundert Jahren auch
den gleichen Mond gesehen wie wir..
Die alte Dame musterte Aomame ein wenig erstaunt.
Dann nickte sie. .Eigentlich haben Sie recht. Wenn man es
so sieht, ist es vielleicht gar nicht so verwunderlich, dass
wir eine Musik h.ren, von der uns vier Jahrhunderte
trennen..
.Vielleicht sollte man sagen, es ist fast der gleiche Mond..
Aomame sah die alte Dame aufmerksam an. Aber ihre
.u.erung schien kein besonderes Interesse bei ihr zu
wecken.
.Das Konzert auf der CD wurde mit antiken
Instrumenten aufgeführt., sagte die alte Dame. .Und nach
den damaligen Noten gespielt. Somit müsste die Musik
ungef.hr den gleichen Klang haben wie einst. Ebenso wie
der Mond noch der gleiche ist..
.Auch wenn die Dinge die gleichen sind, so ist doch die
Art, in der die Menschen sie jetzt wahrnehmen, eine ganz
andere. Die n.chtliche Dunkelheit war damals viel tiefer, ja,
es muss stockfinster gewesen sein. Entsprechend wirkte der
Mond sicher viel heller und gr..er. Und es gab natürlich
auch keine Schallplatten, Tonb.nder oder CDs. Die
Menschen konnten nicht nach Belieben so rein klingende
Musik h.ren. Sie war etwas ganz Besonderes..
.Sie haben recht., gab die alte Dame zu. .All der
Komfort, in dem wir leben, hat uns abgestumpft, nicht
wahr? Auch wenn der Mond am Himmel noch derselbe ist,
sehen wir ihn doch ganz anders. Vielleicht waren wir vor
vierhundert Jahren geistig reicher und der Natur viel
n.her..
.Aber es war auch eine grausame Welt. über die H.lfte
der Menschen starb bereits im Kindesalter an Seuchen und
Unterern.hrung. Polio, Tuberkulose, Pocken und Masern
kosteten viele Menschen schon früh das Leben. Im
einfachen Volk wurden nicht viele .lter als vierzig Jahre.
Die Frauen bekamen ein Kind nach dem anderen und
waren mit drei.ig zahnlose Gro.mütter. Gewalt war h.ufig
das einzige Mittel, um zu überleben. Kinder mussten von
klein auf Schwerstarbeit verrichten, die ihre Knochen
deformierte, und Kinderprostitution war – bei M.dchen
und Jungen – an der Tagesordnung. Die meisten Menschen
führten ein armseliges Dasein, weit entfernt von geistigen
Werten und seelischer Empfindsamkeit. In den Stra.en der
St.dte wimmelte es von Leibeigenen, Bettlern und
Schurken. Gefühlvoll den Mond zu betrachten,
Shakespeares Stücke zu genie.en und Dowlands sch.ner
Musik zu lauschen, war vermutlich nur einem winzigen
Teil der Menschheit verg.nnt..
Die alte Dame l.chelte. .Sie sind ein Mensch mit
ausgepr.gten Interessen..
.Ich bin ganz durchschnittlich., sagte Aomame. .Ich lese
nur sehr gern. Haupts.chlich Bücher über Geschichte..
.Das tue ich auch gern. Die Geschichte lehrt uns, dass
Vergangenheit und Gegenwart im Grunde eins sind. Ganz
gleich, wie sehr wir uns in Garderobe und Lebensart
unterscheiden, unsere Gedanken und Taten sind gar nicht
so unterschiedlich. Wir Menschen sind letztlich nur Tr.ger
von Genen. Auf ihrem Weg reiten sie auf uns von
Generation zu Generation, gerade so, wie man Pferde zu
Tode reitet. Die Gene denken nicht in Kategorien von Gut
und Schlecht. Wir haben Glück oder Pech mit ihnen, aber
sie wissen nichts davon. Denn wir sind nicht mehr als ein
Mittel zum Zweck. Für die Gene z.hlt nur, was für sie
selbst den gr..ten Nutzen bringt..
.Dennoch ist es uns unm.glich, nicht darüber
nachzudenken, was gut und was schlecht ist. Nicht wahr?.
Die alte Dame nickte. .So ist es. Wir Menschen müssen
st.ndig darüber nachdenken. Und dennoch sind es die
Gene, die unsere Lebensweise von Grund auf beherrschen.
Selbstverst.ndlich entstehen aus dieser Situation