Widersprüche., sagte sie und l.chelte.
An dieser Stelle endete ihr Gespr.ch. Sie tranken ihren
Kr.utertee aus und gingen zu ihren Kampfsportübungen
über.
Anschlie.end nahmen sie in der Villa eine leichte
Mahlzeit ein.
.Ich kann Ihnen nur eine Kleinigkeit anbieten. Ich hoffe,
es genügt?., sagte die alte Dame.
.Natürlich., sagte Aomame.
Tamaru fuhr das Essen auf einem Servierwagen herein.
Die Zubereitung oblag einem Koch, aber das Servieren war
seine Aufgabe. Er entkorkte den Wei.wein, der in einem
Kühler mit Eis stand, und schenkte mit geübter Hand ein.
Die alte Dame und Aomame tranken. Der Wein hatte ein
feines Bouquet und war genau richtig temperiert. Das
Menü bestand aus gekochtem wei.em Spargel, Salat
Ni.oise und Omelette mit Krebsfleisch. Dazu wurden
Br.tchen und Butter gereicht. Alle Zutaten waren frisch
und schmackhaft. Die Portionen hatten gerade die richtige
Gr..e. Die alte Dame nahm ohnehin immer sehr wenig zu
sich. Wie ein kleiner Vogel. Anmutig mit Messer und Gabel
hantierend, schob sie sich winzige Bissen in den Mund.
W.hrend sie a.en, hielt sich Tamaru die ganze Zeit über
unauff.llig in einer entfernten Ecke des Raumes bereit.
Dass ein Mann von seiner Statur sich so lange nahezu
unsichtbar machen konnte, versetzte Aomame stets aufs
Neue in Erstaunen.
Die beiden Frauen konzentrierten sich ganz auf ihre
Mahlzeit und sprachen nur gelegentlich. Leise Musik
erklang. Ein Cellokonzert von Haydn, für das die alte Dame
ebenfalls eine Vorliebe hegte.
Es wurde abger.umt und eine Kanne mit Kaffee serviert.
Als Tamaru sich bückte, um einzuschenken, hob die alte
Dame einen Finger.
.Ich brauche Sie jetzt nicht mehr, danke., sagte sie.
Tamaru verbeugte sich leicht und verlie. wie immer
ger.uschlos den Raum. Er schloss leise die Tür. W.hrend
die beiden ihren Kaffee tranken, endete die CD, und Stille
senkte sich über den Wintergarten.
.Sie und ich, wir vertrauen einander. Nicht wahr?., sagte
die alte Dame und sah Aomame ins Gesicht.
Aomame stimmte ihr knapp, aber ohne Vorbehalt zu.
.Wir teilen ein bedeutendes Geheimnis., sagte die alte
Dame. .Wir verlassen uns sozusagen aufeinander..
Aomame nickte schweigend.
Hier in diesem Wintergarten hatte Aomame der alten
Dame ihr Geheimnis anvertraut. Sie erinnerte sich noch
genau daran. Irgendwann hatte sie nicht mehr anders
gekonnt, eine Grenze war erreicht. Sie musste jemandem
ihr Herz ausschütten. Sie konnte das, was auf ihrer Seele
lastete, nicht mehr allein tragen. Also .ffnete Aomame, als
die alte Dame es ihr anbot, mit einem kühnen Sto. die
lange verschlossene Tür zu ihrem Geheimnis und erz.hlte
ihr alles.
Dass ihre beste Freundin jahrelang von ihrem Mann
misshandelt worden war, das seelische Gleichgewicht
verloren hatte, nicht mehr entkommen konnte und
schlie.lich ihren Qualen durch Selbstmord ein Ende
bereitet hatte. Dass sie, Aomame, kaum ein Jahr sp.ter das
Haus des Mannes aufgesucht und geschickt eine Situation
herbeigeführt hatte, die es ihr erm.glichte, ihm eine spitze
Nadel in den Nacken zu rammen und ihn so zu t.ten. Mit
nur einem Stich, ohne dass Blut floss oder eine Wunde
zurückblieb. Alle glaubten, er sei aufgrund einer
Erkrankung eines natürlichen Todes gestorben. Niemand
meldete auch nur den geringsten Zweifel an. Aomame hatte
nicht das Gefühl, etwas Falsches getan zu haben. Dieser
Meinung war sie auch jetzt nicht. Sie hatte nicht einmal ein
schlechtes Gewissen. Aber, so sagte sie zu der alten Dame,
das k.nne die Schwere ihrer Tat – die vors.tzliche
Vernichtung eines menschlichen Lebens – nicht mindern.
Es war ein ausführliches Gest.ndnis, und Aomame sprach
mit erstickter Stimme. Schweigend lauschte die alte Dame,
bis sie ihre Geschichte zu Ende erz.hlt hatte. Dann erst
stellte sie einige Fragen zu verschiedenen Einzelheiten, die
ihr nicht ganz klar waren. Schlie.lich drückte sie lange und
fest Aomames Hand.
.Sie haben das Richtige getan., erkl.rte die alte Dame
langsam. .W.re dieser Mann am Leben geblieben, h.tte er
früher oder sp.ter einer anderen Frau etwas .hnliches
angetan. Irgendwo h.tte er immer wieder ein Opfer
gefunden. Und alles h.tte sich wiederholt. Sie haben dieses
übel an der Wurzel gepackt. Das ist etwas anderes, als nur
pers.nliche Rache zu nehmen. Seien Sie also ganz ruhig..
Aomame vergrub das Gesicht in den H.nden und weinte
rückhaltlos. Es war Tamaki, um die sie weinte. Die alte
Dame zog ein Taschentuch hervor und wischte ihr die
Tr.nen ab.
.Es ist ein seltsamer Zufall., sagte sie mit fester, ruhiger
Stimme. .Aber auch ich habe aus dem gleichen Grund
einen Menschen vernichten lassen..
Aomame hob das Gesicht und blickte die alte Dame an.
Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Wovon redete sie?
.Natürlich habe ich das nicht mit meinen eigenen
H.nden getan., fuhr die alte Dame fort. .Dazu besitze ich
gar nicht die k.rperliche Kraft, und eine besondere
Technik, so wie Sie, beherrsche ich auch nicht. Ich habe
andere Mittel angewandt, um diesen Mann zu vernichten.
Ohne einen einzigen konkreten Beweis zu hinterlassen. Es
ist faktisch unm.glich, mir etwas nachzuweisen, es sei
denn, ich würde mich stellen und ein Gest.ndnis ablegen.
Es ist genau wie in Ihrem Fall. Sollte es so etwas wie ein
Jüngstes Gericht geben, wird Gott über mich urteilen. Aber
davor fürchte ich mich nicht im Geringsten. Ich habe nichts
Falsches getan. Ich nehme für mich in Anspruch, eine
Rechtfertigung zu haben..
Die alte Dame seufzte beinahe erleichtert. Dann fuhr sie
fort: .Wir teilen nun bedeutende Geheimnisse, nicht
wahr?.
Aomame hatte noch immer nicht richtig verdaut, was die
alte Dame ihr erz.hlt hatte. Vernichten lassen? Mit zutiefst
ungl.ubigem und erschrockenem Gesicht starrte sie die alte
Dame an. Um sie zu beruhigen, erkl.rte diese ihr mit
sanfter Stimme, was geschehen war.
Die Tochter der alten Dame war unter .hnlichen
Umst.nden ums Leben gekommen wie Tamaki Otsuka. Sie
hatte den falschen Mann geheiratet, und die alte Dame
hatte von Anfang an gewusst, dass die Ehe nicht
funktionieren würde. In ihren Augen war der Mann
eindeutig pervers. Auch zuvor waren schon Probleme
aufgetreten, deren Ursachen vermutlich tief wurzelten.
Dennoch hatte niemand die Hochzeit verhindern k.nnen.
Erwartungsgem.. kam es immer wieder zu heftigen
Ausbrüchen h.uslicher Gewalt, und allm.hlich verlor die
Tochter der alten Dame jede Selbstachtung und jedes
Selbstvertrauen. V.llig in die Enge getrieben, fiel sie in eine
tiefe Depression. Die Kraft, sich zu behaupten, war ihr
geraubt worden, und wie eine Ameise, die in den Trichter
eines Ameisenl.wen gestürzt ist, hatte sie keine
M.glichkeit mehr, sich zu befreien. So hatte sie eines Tages
eine gro.e Menge Schlaftabletten mit Whisky
heruntergespült.
Bei der Untersuchung der Leiche wurden zahllose Spuren
von Gewalt entdeckt. Male von heftigen Schl.gen und
Hieben, kaum verheilte Knochenbrüche, etliche
Verbrennungen, wo Zigaretten auf ihr ausgedrückt worden
waren. An beiden Handgelenken waren Verletzungen von
Fesseln zurückgeblieben. Die Polizei lud den Ehemann vor
und verh.rte ihn. Er gab die Misshandlungen zu,
behauptete aber, sie h.tten in gegenseitigem
Einverst.ndnis als Teil des Geschlechtsverkehrs
stattgefunden. Seine Frau habe ihn sogar dazu aufgefordert
und Gefallen daran ge.u.ert.
Am Ende konnte die Polizei, ebenso wie in Tamakis Fall,
den Mann nicht mit rechtlichen Mitteln zur Verantwortung
ziehen. Au.erdem geh.rte er der besseren Gesellschaft an
und hatte sich einen bekannten Anwalt genommen. Die
Ehefrau konnte keine Anklage mehr erheben, sie war ja tot.
Hinzu kam, dass die Todesursache zweifelsfrei Selbstmord
war.
.Und diesen Mann haben Sie umbringen lassen?., fragte
Aomame eindringlich.
.Nein, get.tet habe ich ihn nicht., sagte die alte Dame.
Aomame konnte ihr nicht folgen und sah sie nur stumm
an.
.Der frühere Mann meiner Tochter, dieses
niedertr.chtige Subjekt, ist noch am Leben. Er wacht jeden
Morgen in seinem Bett auf und l.uft auf beiden Beinen
durch die Gegend. Ich habe auch nicht die Absicht, ihn
t.ten zu lassen.. Die alte Dame machte eine Pause. Sie
wartete, bis ihre Worte bei Aomame angekommen waren.
.Ich habe meinem früheren Schwiegersohn etwas viel
Schlimmeres angetan. Ich habe ihn gesellschaftlich und
beruflich ruiniert. Das hat ihn v.llig fertiggemacht. Zuf.llig
hatte ich die Macht dazu. Dieser Mann ist ein Schw.chling.
An sich ist er recht intelligent, kann gut reden und hatte es
auch zu einigem Erfolg gebracht, doch im Grunde ist er ein
erb.rmlicher Waschlappen. M.nner, die ihre Frauen und
Kinder misshandeln, haben immer eine schwache
Pers.nlichkeit. Und weil sie selbst schwach sind, müssen
sie sich noch Schw.chere suchen, denn ohne Opfer
kommen sie nicht aus. Ihn zu ruinieren war ganz leicht. Ist
ein solcher Mann einmal erledigt, kommt er niemals wieder
auf die Fü.e. Der Tod meiner Tochter liegt nun schon
l.ngere Zeit zurück, und dennoch lasse ich diesen Mann
nicht aus den Augen. Sobald er versucht, nach oben zu
kommen, verhindere ich es. Er ist noch am Leben, aber
praktisch wie tot. Er bringt sich nicht um, denn er hat nicht
den Mut, den man dazu braucht. Ich t.te ihn nicht einfach,
ich mache ihn auf meine Art kaputt. Ich qu.le ihn
gnadenlos und unaufh.rlich, aber ich füge ihm keine
t.dlichen Wunden zu. Es ist, als z.ge ich ihm bei
lebendigem Leibe die Haut ab. Aber ich habe meine
Gründe dafür..
Die alte Dame hatte Aomame noch mehr zu berichten. Im
Jahr nach dem Selbstmord ihrer Tochter hatte sie für
Frauen, die wie diese Opfer h.uslicher Gewalt waren, ein
privates Frauenhaus eingerichtet. In der N.he ihrer Villa in
Azabu besa. sie ein kleines einst.ckiges Apartmenthaus,
das leer stand und über kurz oder lang abgerissen worden
w.re. Das Geb.ude lie. sich leicht sanieren, und sie
beschloss, es zu einer Zuflucht für Frauen zu machen, die
ihre Bleibe verloren hatten. Ein Anwalt aus der Stadt
übernahm den Vorsitz und richtete eine .Beratungsstelle
für Opfer h.uslicher Gewalt. ein. Ehrenamtliche
Mitarbeiter erteilten abwechselnd pers.nliche und
telefonische Beratung. Es gab auch eine Telefonverbindung
zum Haus der alten Dame. Ins Frauenhaus wurden
diejenigen aufgenommen, die sofort eine Unterkunft
brauchten. In vielen F.llen hatten sie kleine Kinder.
Darunter zehnj.hrige M.dchen, die sexuellen übergriffen
seitens ihrer V.ter ausgesetzt gewesen waren. Sie konnten
bleiben, bis ihre Situation sich gekl.rt hatte, und wurden
mit allem ausgestattet, was sie an Lebensmitteln und
Kleidung ben.tigten. Die Frauen führten eine Art
Gemeinschaftsleben, bei dem sie sich gegenseitig
unterstützten. Die Kosten bestritt die alte Dame aus ihrem
Verm.gen.
Der Anwalt und die Berater statteten dem Frauenhaus
regelm..ig Besuche ab, kümmerten sich um die Frauen
und besprachen künftige Ma.nahmen mit ihnen. Auch die
alte Dame kam vorbei, wenn sie Zeit hatte, unterhielt sich
mit Einzelnen und gab ihnen Ratschl.ge. Es kam auch vor,
dass sie Arbeitspl.tze und Wohnungen für sie suchte.
.rger, der eine physische Intervention notwendig machte –
zum Beispiel, falls ein Mann seine Frau mit Gewalt
zurückholen wollte –, überlie. man Tamaru, der auf seine
Weise damit umging. Es gab wohl niemanden, der mit
solchen Dingen wirkungsvoller und schneller fertig werden
konnte als Tamaru.
.Allerdings gibt es F.lle, mit denen Tamaru und ich allein
nicht fertig werden. Da hilft uns auch kein Gesetz., sagte
die alte Dame.
Aomame sah, dass das Gesicht der alten Dame beim
Reden einen besonderen goldbronzenen Glanz
angenommen hatte. Der übliche warme und vornehme
Ausdruck war immer mehr daraus gewichen und
schlie.lich ganz verschwunden. An seine Stelle war etwas
getreten, das über blo.e Furcht oder Abneigung
hinausging. Vielleicht war es das Innerste ihrer Seele, eine
Art leichter, kleiner und undefinierbarer Kern. Ihr kühler
Tonfall blieb jedoch die ganze Zeit über gleich.
.Natürlich darf man nicht aus praktischen Erw.gungen
über ein Menschenleben entscheiden. Weil man zum
Beispiel beim Tod des Ehemanns die Zeit für eine
Scheidung sparen oder eine Lebensversicherung gleich
ausgezahlt bekommen würde. Eine solche Tat kann nur als
unvermeidlich gelten, wenn man nach einer streng
neutralen Untersuchung aller Fakten zu dem Schluss
gekommen ist, dass der Betreffende kein Erbarmen
verdient. Das gilt für M.nner, die – wie Parasiten – nur
leben k.nnen, indem sie anderen das Blut aussaugen.
M.nner, die unheilbar pervers sind, ohne den geringsten
Willen zur Besserung, und bei denen nicht im Mindesten
einzusehen ist, welchen Wert ihr Weiterleben h.tte..
Die alte Dame verstummte und musterte Aomame mit
einem Blick, der eine steinerne Mauer zum Einsturz
gebracht h.tte. Dann sprach sie mit gelassener Stimme
weiter.
.Ich will solche Menschen nur in irgendeiner
Form verschwinden lassen. Am besten auf eine Art, die
keine Aufmerksamkeit erregt..
.Ist das denn m.glich?.
.Es gibt viele Arten, Menschen verschwinden zu lassen.,
sagte die alte Dame nachdrücklich. Sie lie. eine Sekunde
verstreichen. .Ich verfüge über die Macht zu bestimmen,
auf welche Art jemand verschwindet..
Aomame überlegte eine Weile, was sie damit meinte. Die
alte Dame drückte sich ziemlich verschwommen aus.
.Wir haben beide einen uns wichtigen Menschen auf
furchtbare Weise verloren und seelische Verletzungen
erlitten, die vielleicht niemals heilen werden. Aber man
kann nicht ewig dasitzen und seine Wunden lecken. Man
muss sich aufraffen und etwas tun. Nicht aus pers.nlicher
Rache, sondern vielmehr, um Gerechtigkeit zu üben. Was
halten Sie davon? Würden Sie mir bei meiner Arbeit
helfen? Ich brauche tüchtige Mitarbeiter, auf die ich mich
verlassen kann. Menschen, die eine Bestimmung teilen und