Geheimnisse wahren k.nnen..
Es dauerte eine Weile, bis Aomame verstanden und
verdaut hatte, worum es ging. Ein unglaubliches
Gest.ndnis und ein unglaublicher Vorschlag. Sie würde
mehr Zeit brauchen, um sich darüber klar zu werden, was
sie gegenüber diesem Angebot empfand. W.hrenddessen
sa. die alte Dame, ohne ihre Haltung zu ver.ndern, auf
ihrem Stuhl und blickte Aomame schweigend an. Sie hatte
es nicht eilig. Anscheinend war sie bereit, beliebig lange zu
warten.
Offenbar befindet sie sich in einer Art Wahn, dachte
Aomame. Aber verrückt ist sie nicht. Auch nicht
geisteskrank. Nein, ihr Gemütszustand ist von kaltblütiger,
unerschütterlicher Gelassenheit. Es ist nicht Wahnsinn,
sondern eher etwas, das an Wahnsinn grenzt.
.Gerechtigkeitswahn. kam der Sache vielleicht n.her. Jetzt
will sie, dass ich diesen Wahn mit ihr teile. Mit der gleichen
Kaltblütigkeit. Sie glaubt, dass ich das Zeug dazu habe.
Wie lange sa. Aomame dort, tief in ihre Gedanken
versunken? Jedes Zeitgefühl kam ihr abhanden. Nur ihr
Herz schlug weiter in seinem festen Takt. Sie wanderte
durch zahllose Gem.cher in ihrem Inneren, schwamm im
Strom der Zeit zurück, wie Lachse den Fluss ihrer Herkunft
hinaufschwimmen. Sie begegnete vertrauten Szenen und
lange vergessenen Gerüchen. Wehmütigen Erinnerungen
und heftigem Schmerz. Pl.tzlich durchbohrte sie von
irgendwoher ein feiner Lichtstrahl, und sie hatte das
bizarre Gefühl, durchsichtig geworden zu sein. Als sie ihre
Hand in das Licht hielt, konnte sie hindurchsehen. Ihr
K.rper schien auf einmal sehr leicht.
Was habe ich denn zu verlieren, dachte sie, wenn ich
mich hier und jetzt dem Wahnsinn und der Gerechtigkeit
verschreibe? Selbst wenn es mein Untergang w.re, selbst
wenn die ganze Welt unterginge?
.Ich bin einverstanden., sagte Aomame und presste kurz
die Lippen aufeinander. .Wenn ich kann, werde ich Ihnen
helfen., fügte sie hinzu.
Die alte Dame streckte beide H.nde aus und drückte
Aomames.
Seither teilte Aomame das Geheimnis der alten Dame,
ihre Mission und die Sache, die beinahe an Wahnsinn
grenzte. Nein, wahrscheinlich handelte es sich ganz und
gar um reinen hellen Wahnsinn. Doch wo genau die Grenze
verlief, vermochte Aomame nicht zu erkennen.
Au.erdem waren die M.nner, die sie sp.ter gemeinsam
mit der alten Dame ins Jenseits bef.rdern sollte, es wei.
Gott nicht wert gewesen, dass man sie verschonte.
.Es ist noch nicht viel Zeit vergangen, seit Sie neulich
diesen Mann in dem Hotel in Shibuya aus dem Weg
ger.umt haben., sagte die alte Dame ruhig. Ihrem Tonfall
nach h.tte sie auch sagen k.nnen, .wegger.umt.,
jedenfalls klang es, als sei von einem M.belstück die Rede.
.In vier Tagen werden es zwei Monate., antwortete
Aomame.
.Zwei Monate sind nicht genug., sagte die alte Dame.
.Deshalb würde ich Sie nur h.chst ungern schon mit der
n.chsten Aktion betrauen. Ich m.chte, dass mindestens ein
Zeitraum von einem halben Jahr vergeht. Sind die Abst.nde
zu knapp, wird die seelische Belastung für Sie zu gro..
Schlie.lich ist das ja nichts Allt.gliches. Au.erdem k.nnte
sich vielleicht jemand fragen, ob die Quote der M.nner, die
etwas mit unserem Frauenhaus zu tun haben und an
Herzversagen sterben, nicht ein bisschen zu hoch ist..
Aomame l.chelte leicht. .Denn es gibt viele argw.hnische
Menschen auf der Welt..
Auch die alte Dame l.chelte. .Sie wissen, ich bin ein sehr
vorsichtiger Mensch. Ich verlasse mich weder auf den Zufall
noch auf irgendwelche Prognosen oder das Glück.
Stattdessen ziehe ich auch noch die letzte der letzten
Eventualit.ten in Betracht und entscheide mich erst, wenn
alle Zweifel ausger.umt sind. Wenn ich es durchführe, habe
ich bereits alle nur m.glichen Risiken ausgeschlossen.
S.mtliche Faktoren minuti.s berechnet, alle
Vorbereitungen getroffen. Erst wenn ich vollkommen von
der Durchführbarkeit des Unternehmens überzeugt bin,
wende ich mich an Sie. Daher ist bislang auch nicht der
Hauch eines Problems aufgetreten. Nicht wahr?.
.So ist es., pflichtete Aomame ihr bei, und es stimmte.
Sie begab sich mit ihrem Eispick in der Tasche an einen
vereinbarten Ort. Alles war detailliert im Voraus geplant.
Sie rammte die spitze Nadel in den gewissen Punkt im
Nacken des Opfers. Nachdem sie sich vergewissert hatte,
dass sie es .aus dem Weg ger.umt. hatte, verschwand sie.
Alle bisherigen F.lle waren genau nach Plan verlaufen.
.Die Person, um die es diesmal geht, bereitet mir gro.es
Kopfzerbrechen, vor allem auch wegen Ihnen. Leider werde
ich wohl nicht darum herumkommen, Ihnen etwas sehr
Schweres abzuverlangen. Das Programm ist nicht genügend
ausgereift, es gibt viele unsichere Faktoren, und es besteht
die M.glichkeit, dass wir nicht nach dem bisherigen Muster
vorgehen k.nnen. Die Situation ist eine etwas andere als
sonst..
.In welcher Hinsicht?.
.Es handelt sich um keinen gew.hnlichen Mann., sagte
die alte Dame nachdrücklich. .Zum einen wird er stark
bewacht..
.Ist er ein Politiker oder so was?.
Die alte Dame schüttelte den Kopf. .Nein, kein Politiker.
Wir werden sp.ter noch darüber sprechen. Ich habe
gründlich nachgedacht, wie ich es vermeiden k.nnte, Sie zu
schicken. Aber wie ich es auch drehe und wende, nichts
scheint richtig funktionieren zu wollen. Es tut mir leid, aber
mir f.llt nichts anderes ein, als Sie zu bitten..
.Ist denn besondere Eile geboten?., fragte Aomame.
.Nein. Es gibt keinen bestimmten Termin, bis zu dem wir
handeln müssen. Allerdings haben wir auch nicht
unendlich viel Zeit. Wenn wir zu sp.t handeln, k.nnte es
noch mehr Opfer geben. Au.erdem ist die Gelegenheit, an
den Mann heranzukommen, begrenzt. Und wir k.nnen
nicht vorausberechnen, wann die n.chste sich ergeben
wird..
Vor dem Fenster war es nun ganz dunkel, und es
herrschte Stille um den Wintergarten. Ob die Monde schon
aufgegangen waren? Aomame konnte von ihrem Platz aus
nicht nach drau.en sehen.
.Ich will Ihnen die Situation so eingehend wie m.glich
erkl.ren., fuhr die alte Dame fort. .Doch davor m.chte ich,
dass Sie jemanden kennenlernen. Wir beide werden uns
jetzt gleich mit ihr treffen..
.Lebt sie im Frauenhaus?., fragte Aomame.
Die alte Dame holte langsam Luft, und ein kleiner Laut
entrang sich ihrer Kehle. In ihre Augen trat ein besonderes
Leuchten, das dort sonst nicht zu sehen war.
.Die Beratungsstelle hat sie vor sechs Wochen zu uns
geschickt. Vier Wochen lang war sie total geistesabwesend
und hat kein Wort gesprochen. Sie hatte v.llig die Sprache
verloren. Alles, was wir wussten, war ihr Name und ihr
Alter. Sie hat am Bahnhof übernachtet und ist in einem
ziemlich schlimmen Zustand aufgegriffen worden.
Nachdem man sie von einer Stelle zur anderen geschickt
hatte, wurde sie schlie.lich zu uns gebracht. Ich habe mir
viel Zeit genommen und immer wieder behutsam versucht,
mit ihr zu reden. Es hat lange gedauert, ihr begreiflich zu
machen, dass sie bei uns in Sicherheit ist und keine Angst
mehr zu haben braucht. Inzwischen spricht sie ein paar
Worte. Auf eine wirre, unzusammenh.ngende Art zwar,
aber wenn man eins und eins zusammenfügt, kann man
sich einen Reim auf das machen, was passiert ist. Etwas
Unbeschreibliches. Herzzerrei.end und tragisch..
.Hat ihr Mann sie missbraucht?.
.Nein., sagte die alte Dame mit trockener Stimme. .Sie
ist erst zehn Jahre alt..
Die alte Dame und Aomame gingen durch den Garten,
passierten ein kleines Holztor und gelangten auf diesem
Weg zu dem benachbarten Grundstück, auf dem das
Frauenhaus sich befand. Es war ein hübsches kleines
Holzgeb.ude. Früher, als noch mehr Menschen in der Villa
gearbeitet hatten, hatte es haupts.chlich als Quartier für
die Dienstboten gedient. Das einst.ckige Geb.ude war
nicht reizlos, aber ein wenig zu heruntergekommen, um es
zu vermieten. Als zeitweilige Zufluchtsst.tte für Frauen, die
sonst nirgendwohin konnten, eignete es sich jedoch
bestens. Alte immergrüne Eichen breiteten schützend ihre
m.chtigen .ste darüber aus. Die Eingangstür war aus
hübsch gemustertem Buntglas. Das Haus hatte insgesamt
zehn Zimmer. Zu manchen Zeiten waren alle belegt, zu
anderen stand das Haus leer, aber in der Regel lebten dort
fünf oder sechs Frauen. Im Augenblick war etwa die H.lfte
der Fenster erleuchtet. Abgesehen von den Kinderstimmen,
die hin und wieder zu h.ren waren, herrschte eine fast
unheimliche, permanente Stille. Es schien, als würde sogar
das Geb.ude selbst seinen Atem d.mpfen.
Alltagsger.usche, wie sie das normale Leben begleiteten,
waren nicht zu vernehmen. Das Tor wurde von der
Sch.ferhündin bewacht, die knurrte und bellte, sobald
jemand sich dem Haus n.herte. Sie war abgerichtet – von
wem und wie, war unbekannt –, laut anzuschlagen, wenn
ein Mann in ihre N.he kam. Und dennoch war es Tamaru,
an dem das Tier am meisten hing.
Sobald die alte Dame auf sie zukam, h.rte die Hündin auf
zu bellen und wedelte begeistert und selig fiepend mit dem
Schwanz. Die alte Dame bückte sich, um ihr mehrmals
leicht den Kopf zu t.tscheln. Auch Aomame kraulte die
Hündin hinter den Ohren. Bun erkannte Aomame, denn sie
war ein sehr kluges Tier, aber aus einem unerfindlichen
Grund v.llig versessen auf rohen Spinat. Die alte Dame
schloss die Eingangstür auf.
.Eine der Frauen hier kümmert sich um das kleine
M.dchen., sagte sie zu Aomame. .Sie lebt in einem
Zimmer mit ihr und soll sie nach M.glichkeit im Auge
behalten. Ich finde es noch immer beunruhigend, sie allein
zu lassen..
Die Frauen im Haus wurden ermutigt, sich regelm..ig
umeinander zu kümmern, sich zu erz.hlen, was sie
durchgemacht hatten, und die erlittenen Schmerzen zu
teilen. Viele erfuhren dadurch eine allm.hliche und
natürliche Heilung. Diejenigen, die sich schon l.nger dort
aufhielten, zeigten den neu Hinzukommenden, was zu tun
war, und halfen ihnen mit dem Notwendigsten aus. Beim
Kochen und Saubermachen wechselten sie sich ab.
Natürlich gab es auch einige, die allein sein und nicht über
ihre Erfahrungen sprechen wollten. Auch das wurde
respektiert. Doch die meisten wollten gern mit anderen, die
.hnliches erlebt hatten, zusammenkommen und sich offen
aussprechen. Untersagt waren Alkohol, Zigaretten und
unerlaubte Besucher, doch weitere Einschr.nkungen gab es
nicht.
In einem Gemeinschaftsraum neben dem Eingang
standen ein Telefon und ein Fernsehapparat, au.erdem
eine alte Couchgarnitur und ein Esstisch. Die meisten
Frauen verbrachten den gr..ten Teil des Tages hier. Der
Fernseher wurde allerdings fast nie eingeschaltet. Und
wenn, dann so leise, dass der Ton kaum h.rbar war. Die
Frauen zogen es vor zu lesen, in Zeitungen zu bl.ttern, zu
stricken oder leise vertrauliche Gespr.che zu führen. Eine
von ihnen zeichnete den ganzen Tag. In diesem
wundersamen Reich herrschte ein ged.mpftes
stagnierendes Licht, als befinde es sich zwischen realer und
jenseitiger Welt. Ob die Sonne schien oder Wolken den
Himmel verdüsterten, ob es Tag war oder Nacht, es
herrschte stets die gleiche Art von Licht. Jedes Mal wenn
Aomame diesen Raum betrat, fühlte sie sich fehl am Platz,
wie ein ungebetener Eindringling. Er glich einem Club, für
den man besondere Aufnahmebedingungen zu erfüllen
hatte. Die Einsamkeit, die diese Frauen empfanden, und
Aomames Einsamkeit waren auf sehr verschiedene Weise
zustande gekommen.
Als die alte Dame den Raum betrat, erhoben sich die drei
Frauen darin. Es war offensichtlich, dass sie gro.en Respekt
vor ihr empfanden.
.Bitte behalten Sie doch Platz., sagte sie. .Ich m.chte
nur kurz mit der kleinen Tsubasa sprechen..
.Tsubasa ist auf ihrem Zimmer., sagte eine Frau in
Aomames Alter. Sie hatte langes glattes Haar.
.Mit Saeko. Sie kann anscheinend noch immer nicht
herunterkommen., warf eine etwas .ltere Frau ein.
.Sie braucht wohl noch etwas Zeit., sagte die alte Dame
mit einem L.cheln.
Die drei Frauen schwiegen und nickten jede für sich. Sie
wussten genau, was es bedeutete, Zeit zu brauchen.
Als sie in das Zimmer im ersten Stock kamen, bat die alte
Dame die kleine, irgendwie schemenhafte Frau namens
Saeko, für kurze Zeit unten Platz zu nehmen. Saeko
l.chelte schwach, verlie. den Raum, schloss die Tür hinter
sich und stieg die Treppe hinunter. Die zehnj.hrige
Tsubasa blieb zurück. Im Zimmer stand eine Art kleiner
Esstisch. Das M.dchen, die alte Dame und Aomame
nahmen daran Platz. Die dichten Vorh.nge vor dem
Fenster waren zugezogen.
.Diese junge Dame hei.t Aomame., erkl.rte die alte
Dame dem M.dchen. .Sie arbeitet mit mir zusammen. Du
brauchst also keine Angst zu haben..
Das M.dchen warf einen scheuen Blick auf Aomame,
dann nickte es leicht. Die Bewegung war so minimal, dass
man sie leicht h.tte übersehen k.nnen.
.Das ist Tsubasa., sagte die alte Dame an Aomame
gewandt. Dann fragte sie: .Wie lange bist du jetzt hier,
Tsubasa?.
Das M.dchen zuckte leicht mit den Schultern, um ihr zu
bedeuten, sie wisse es nicht. Dabei bewegte sie die
Schultern wahrscheinlich nicht einmal einen Zentimeter.
.Sechs Wochen und drei Tage., sagte die alte Dame. .Du
hast sicher nicht mitgez.hlt, aber ich z.hle genau mit.
Wei.t du, warum?.
Die Kleine schüttelte fast unmerklich den Kopf.
.Weil die Zeit in bestimmten F.llen sehr wichtig sein
kann., sagte die alte Dame. .Allein sie zu messen kann von
gro.er Bedeutung sein..
In Aomames Augen sah Tsubasa aus wie jede beliebige
Zehnj.hrige. Vielleicht war sie gro. für ihr Alter, aber sie
war mager und hatte noch keine Brüste. Sie wirkte wie
chronisch unterern.hrt. Ihr Gesicht war nicht h.sslich, aber
es hinterlie. nur einen sehr schwachen Eindruck. Die
Augen .hnelten beschlagenen Fenstern. Es war unm.glich,
hineinzusehen, auch wenn man es versuchte. Tsubasas
schmale trockene Lippen bewegten sich hin und wieder
nerv.s, als bemühe sie sich, Worte zu formen, aber sie