brachte keinen Ton heraus.
Die alte Dame nahm aus einer Papiertüte, die sie
mitgebracht hatte, eine Schachtel mit dem Bild einer
Schweizer Berglandschaft. Ein Dutzend hübscher Pralinen,
jede anders geformt, befand sich darin. Sie bot Tsubasa eine
an, dann Aomame, und schlie.lich steckte sie sich selbst
eine in den Mund. Aomame tat es ihr nach. Nachdem
Tsubasa die beiden beobachtet hatte, schob sie sich ihre
ebenfalls in den Mund. Schweigend a.en die drei ihre
Pralinen.
.Kannst du dich noch an dein zehntes Lebensjahr
erinnern?., fragte die alte Dame Aomame.
.Ja, ganz genau., sagte Aomame. In diesem Alter hatte sie
die Hand eines Jungen gehalten und sich geschworen, ihn
ihr ganzes Leben lang zu lieben. Wenige Monate danach
hatte sie zum ersten Mal ihre Tage bekommen. Sie hatte
sich damals innerlich sehr ver.ndert. Sie hatte ihren
Glauben aufgegeben und beschlossen, mit ihren Eltern zu
brechen.
.Ich kann mich auch noch genau erinnern., sagte die alte
Dame. .Als ich zehn war, nahm mein Vater mich mit nach
Paris, und wir blieben ungef.hr ein Jahr lang dort. Er war
damals im diplomatischen Dienst. Wir lebten in einem
alten Appartement in der N.he des Jardin du Luxembourg.
Der Erste Weltkrieg ging zu Ende, und die Bahnh.fe
quollen über von verwundeten Soldaten. Manche waren
noch Kinder, aber auch alte M.nner waren darunter. Paris
ist zu jeder Jahreszeit eine atemraubend sch.ne Stadt, aber
ich habe nur blutige Erinnerungen daran. Bei den
Grabenk.mpfen an der Front hatten viele M.nner ihre
Arme und Beine verloren, und es war, als würden
Gespenster durch die Stra.en irren. Ich sah nur ihre
wei.en Verb.nde und den schwarzen Trauerflor, den die
Frauen trugen. St.ndig wurden mit Pferdekarren S.rge auf
die Friedh.fe geschafft. Und sooft ein Sarg vorbeizog,
blickten die Menschen auf der Stra.e mit
zusammengepressten Lippen beiseite..
Die alte Dame legte ihre ge.ffneten Handfl.chen auf den
Tisch. Nach kurzem Z.gern nahm das M.dchen seine
H.nde aus dem Scho. und legte sie in die der alten Dame.
Diese umschloss sie fest. Vielleicht hatten die Eltern der
alten Dame ihr auf die gleiche Weise die H.nde gedrückt,
als in Paris die mit S.rgen beladenen Pferdekarren an ihnen
vorüberfuhren, sie getr.stet und gesagt: .Sei ganz ruhig, du
bist in Sicherheit, du brauchst dich nicht zu fürchten..
.Ein Mann produziert jeden Tag Millionen von
Spermien., sagte die alte Dame zu Aomame. .Wussten Sie
das?.
.Nicht die genaue Zahl., sagte Aomame.
.Die wei. ich natürlich auch nicht. Jedenfalls sind es
unz.hlige, die auf einmal ausgesendet werden. Doch die
Anzahl reifer Eizellen, die eine Frau abgibt, ist begrenzt.
Wissen Sie, wie viele es sind?.
.Nicht exakt..
.Im ganzen Leben nicht mehr als vierhundert., sagte die
alte Dame. .Die Eizellen werden nicht jeden Monat neu
gebildet, sie sind bereits von Geburt an im K.rper der Frau
gespeichert. Nach der ersten Menstruation werden sie
Monat für Monat abgegeben. Sie besitzt jedoch keine
intakten Eizellen mehr. Ihre Periode hat noch nicht
eingesetzt, also dürften eigentlich noch keine verbraucht
sein. Sie sollten wie in einer Schublade für sp.ter
bereitliegen. Ich brauche wohl nicht zu erw.hnen, dass es
die Funktion dieser Eizellen ist, Spermien aufzunehmen
und fruchtbar zu sein..
Aomame nickte.
.Zwischen der Mentalit.t von M.nnern und Frauen
bestehen zahlreiche Unterschiede, die sich anscheinend aus
der Andersartigkeit ihres Fortpflanzungsapparats ergeben.
Aus rein biologischer Sicht gesprochen, besteht der
Lebenszweck einer Frau haupts.chlich darin, Tr.gerin
dieser begrenzten Zahl von Eizellen zu sein. Das trifft auf
Sie, mich und auch auf die Kleine hier zu.. Ein leichtes
L.cheln umspielte die Lippen der alten Dame. .über mich
müsste ich natürlich in der Vergangenheit sprechen..
Aomame überschlug rasch im Kopf, dass sie demnach
bisher etwa zweihundert Eizellen abgesto.en hatte.
Ungef.hr die H.lfte war noch in ihrem K.rper verblieben.
Vielleicht klebte ein Schild .reserviert. daran.
.Aber Tsubasa hat keine Eizellen mehr, die etwas
empfangen k.nnten., sagte die alte Dame. .Ich habe sie
vorige Woche von einem befreundeten Arzt untersuchen
lassen. Ihre Geb.rmutter ist zerst.rt..
Aomame sah die alte Dame entsetzt an. Dann drehte sie
ganz leicht den Kopf und richtete ihren Blick auf das
M.dchen. Es fiel ihr schwer zu sprechen. .Zerst.rt?.
.Ja. Zerst.rt., sagte die alte Dame. .Sie kann auch durch
eine Operation nicht wiederhergestellt werden..
.Aber wer macht so etwas?., fragte Aomame.
.Wir wissen es noch nicht genau., sagte die alte Dame.
.Die Little People., sagte das M.dchen.
KAPITEL 18
Tengo
Keine Bühne für Big Brother
Nach der Pressekonferenz rief Komatsu an, um Tengo zu
erz.hlen, alles sei glatt und ohne Zwischenf.lle verlaufen.
.Ein gro.artiger Erfolg., schw.rmte er in ungew.hnlich
begeistertem Ton. .Ich h.tte nie gedacht, dass das so
reibungslos über die Bühne geht. Die Antworten der
Kleinen waren so was von clever. Sie hat auf alle
Anwesenden einen guten Eindruck gemacht..
Tengo war keineswegs überrascht. Die Pressekonferenz
hatte ihn nicht sonderlich beunruhigt. Er hatte damit
gerechnet, dass Fukaeri alles ziemlich gut allein
hinbekommen würde. Allerdings klang die Formulierung
.guter Eindruck. im Zusammenhang mit ihr irgendwie
unpassend.
.Es ist nichts rausgekommen, oder?., fragte Tengo
sicherheitshalber.
.Ach, die Zeit war viel zu kurz, und unangenehmen
Fragen ist sie geschickt ausgewichen. Au.erdem gab es
kaum heikle Fragen. Nicht mal Journalisten wollen so ein
sü.es siebzehnj.hriges Ding unter Beschuss nehmen.
Zumindest momentan zieht die Nummer. Wie es sich
weiterentwickeln wird, wei. ich nicht. Der Wind dreht sich
schnell auf dieser Welt..
Tengo sah vor sich, wie Komatsu mit ernster Miene auf
einer hohen Klippe stand und an seinem Finger leckte, um
die Windrichtung festzustellen.
.Jedenfalls hat es nur so gut geklappt, weil du alles vorher
mit ihr einstudiert und geprobt hast. Ich danke dir. Die
Preisverkündung und die Berichte über die Pressekonferenz
sollen morgen in den Abendzeitungen erscheinen..
.Was hat Fukaeri angehabt?.
.Was? Irgendwas ganz Normales. Einen engen, dünnen
Pullover und Jeans..
.Kam ihr Busen zur Geltung?.
.Ah ja, stimmt, jetzt wo du es sagst. Ihr Busen sah weich
und warm aus, wie gerade frisch aus der Backstube., sagte
Komatsu. .Wei.t du, Tengo, die Kleine hat das Zeug zum
literarischen Wunderkind. Sie sieht gut aus, und sie redet
vielleicht ein bisschen seltsam, ist aber ziemlich
scharfsinnig. Vor allem hat sie eine au.ergew.hnliche
Ausstrahlung. Ich habe schon viele Debüts miterlebt. Aber
dieses M.dchen ist etwas Besonderes. Und wenn ich das
sage, stimmt das auch. Ich gebe dir Brief und Siegel darauf,
dass unsere Zeitschrift mit dem Abdruck von .Die Puppe
aus Luft. n.chste Woche in allen Schaufenstern liegen wird.
Da kannst du deine linke Hand und dein rechtes Bein drauf
verwetten. Und innerhalb von drei Tagen wird sie
ausverkauft sein..
Tengo bedankte sich für den Anruf und legte auf. Ein
wenig erleichtert war er doch. Die erste Hürde hatten sie
zumindest geschafft. Auch wenn er keine Ahnung hatte,
wie viele Hürden noch auf sie warteten.
Am folgenden Abend, als die Berichte über die
Pressekonferenz erscheinen sollten, kaufte Tengo auf dem
Heimweg von der Yobiko an einem Bahnhofskiosk vier
Zeitungen. Zu Hause las er sie und verglich sie miteinander.
Der Inhalt war in allen ungef.hr gleich. Die Artikel waren
nicht besonders lang, aber dafür, dass es sich um den
Debütpreis einer Literaturzeitschrift handelte, war das
schon eine Sonderbehandlung (normalerweise wurde so
etwas in fünf Zeilen abgehandelt). Wie Komatsu es
vorausgeahnt hatte, stürzten sich die Medien darauf, dass
es eine Siebzehnj.hrige war, die den Preis erhalten hatte.
Die vierk.pfige Jury habe sich einstimmig für .Die Puppe
aus Luft. entschieden. Ihre Sitzung sei nach fünfzehn
Minuten ohne jede Diskussion beendet gewesen. Dies
geschehe nur .u.erst selten, denn es sei schier unm.glich,
dass vier der besten Autoren Japans zusammentrafen und
eine einheitliche Meinung vertraten. Das Werk habe bereits
einen gewissen Ruf in der Branche. In dem Hotel, in dem
die Verleihung stattfand, sei eine kleine Pressekonferenz
abgehalten worden, auf der die junge Preistr.gerin die
Fragen der Journalisten .freundlich und klar. beantwortet
habe.
Auf die Frage, ob sie auch weiterhin Romane schreiben
wolle, habe sie geantwortet: .Romane sind nur
eine m.gliche Form, seine Gedanken auszudrücken; dieses
Mal habe ich zuf.llig diese Form gew.hlt, aber für welche
Form ich mich beim n.chsten Mal entscheiden werde, kann
ich noch nicht sagen.. Schwer vorstellbar, dass Fukaeri
wirklich, ohne zu stocken, einen so langen Satz gebildet
haben sollte. Wahrscheinlich hatte der Journalist die
abgehackten Fragmente elegant miteinander verknüpft,
Fehlendes erg.nzt und zusammengefügt. Aber vielleicht
hatte sie auch tats.chlich so lange gesprochen. Bei Fukaeri
konnte man nie sicher sein.
Auf die Frage, was denn ihr Lieblingswerk sei, habe sie die
Geschichte von den Heike genannt. Welcher Teil davon ihr
am besten gefalle, habe ein Reporter sie gefragt, woraufhin
sie die Passage auswendig rezitiert habe. Es sei ein langer
Abschnitt gewesen, und sie habe dafür ungef.hr fünf
Minuten gebraucht. Alle Anwesenden seien zutiefst
beeindruckt gewesen, und danach habe einen Moment lang
Schweigen geherrscht.
Zum Glück hatte keiner der Reporter sie nach ihrer
Lieblingsmusik gefragt!
Auf die Frage, wer sich am meisten darüber freue, dass sie
den Preis bekomme, habe sie nach l.ngerer Pause (Tengo
stellte sich auch diese Szene vor) geantwortet: .Das ist ein
Geheimnis..
Soweit er den Zeitungen entnehmen konnte, hatte
Fukaeri bei diesem Frage- und Antwortspiel kein einziges
Mal gelogen. Sie hatte die Wahrheit gesagt und nichts als
die Wahrheit. In einer der Zeitungen war ein Bild von ihr.
Auf dem Foto war sie noch sch.ner, als Tengo sie in
Erinnerung hatte. Als sie sich gegenübergesessen hatten,
hatte er seine Aufmerksamkeit nicht allein auf ihr Gesicht,
sondern auch auf die Bewegungen ihres K.rpers, ihr
Mienenspiel und ihre Worte gerichtet, aber jetzt, wo er ihr
unbewegtes Bild betrachtete, wurde ihm aufs Neue klar,
wie au.ergew.hnlich ebenm..ig die Gesichtszüge dieser
jungen Frau waren. Es war ein kleines, offenbar auf der
Pressekonferenz aufgenommenes Foto (sie trug tats.chlich
den gleichen Sommerpullover wie beim letzten Mal), und
dennoch ging ein Strahlen davon aus. Vielleicht war es das,
was Komatsu als .au.ergew.hnliche Ausstrahlung.
bezeichnet hatte.
Tengo legte die Zeitung zusammen, ging in die Küche
und bereitete sich, w.hrend er eine Dose Bier trank, ein
einfaches Abendessen. Die von ihm überarbeitete .Puppe
aus Luft. hatte ohne Gegenstimme den Preis für das beste
Erstlingswerk errungen, war Tagesgespr.ch und würde
vielleicht ein Bestseller werden. Ein seltsames Gefühl
überkam ihn. Eigentlich wollte er sich vorbehaltlos freuen,
doch zugleich war er unsicher und aufgeregt. Konnte denn
ein solcher Plan wie ihrer wirklich so leicht und reibungslos
funktionieren?
Auf einmal verging ihm der Appetit. Obwohl er bis eben
noch sehr hungrig gewesen war, hatte er nun gar keine Lust
mehr, etwas zu essen. Er wickelte die fertige Mahlzeit in
Folie und stellte sie in den Kühlschrank. Dann setzte er sich
auf einen Küchenstuhl, trank still sein Bier und starrte
dabei auf den Wandkalender, den er von seiner Bank
erhalten hatte und der den Fuji zu allen vier Jahreszeiten
zeigte. Tengo hatte den Fuji noch nie bestiegen. Auch auf
dem Tokio Tower war er noch nie gewesen. Noch nicht
einmal auf dem Dach irgendeines Hochhauses. Eigentlich
hatte er gar kein Interesse an hoch gelegenen Pl.tzen. Er
fragte sich, warum, und gab sich gleich selbst die Antwort.
Vielleicht weil er sein ganzes Leben lang immer nur zu
Boden geschaut hatte.
Komatsus Voraussage traf ein. Die Ausgabe der
Literaturzeitschrift, in der .Die Puppe aus Luft. erstmals
erschien, war bereits am Erscheinungstag in nahezu allen
Buchhandlungen ausverkauft. Das hatte es fast noch nie
gegeben. Der Verlag gab die Zeitschrift jeden Monat
heraus, obwohl sie rote Zahlen schrieb. Ziel dieser
Zeitschrift war es, mittels des Debütpreises neue junge
Autoren zu entdecken und die in ihr publizierten Werke
sp.ter in Buchform herauszubringen. Vom Verkauf der
Zeitschrift selbst wurde kaum Umsatz erwartet. Daher war
die Nachricht, die Zeitschrift sei ausverkauft, eine Sensation
wie Schnee auf den Okinawa-Inseln. Was jedoch insgesamt
nichts an den roten Zahlen .nderte.
Komatsu rief Tengo an, um ihm davon zu berichten.
.Sehr günstig., sagte er. .Dadurch, dass die Zeitschrift
ausverkauft ist, steigt das Interesse noch mehr, alle wollen
das Ding auf Teufel komm raus lesen, ganz egal was es ist.
Und die Druckerei druckt, was das Zeug h.lt, die
gebundene Ausgabe. H.chste Priorit.t. Es spielt keine Rolle
mehr, ob sie den Akutagawa-Preis bekommt oder nicht,
wichtiger ist es, das Buch zu verkaufen, solange es hei. ist.
Kein Zweifel, es wird ein Bestseller. Das garantiere ich dir.
überleg dir besser schon mal, was du mit dem Geldsegen
anf.ngst, der dich in Kürze erwartet..
In allen Feuilletons der Abendausgaben vom Samstag
erschienen Artikel über .Die Puppe aus Luft.. Dass die
Zeitschrift so schnell ausverkauft gewesen war, erregte
Aufsehen. Die meisten Literaturkritiker besprachen das
Werk wohlwollend. Für eine Siebzehnj.hrige sei Fukaeris
Stil unglaublich sicher, sie verfüge über eine genaue
Beobachtungsgabe und überbordende Vorstellungskraft.
Vielleicht sei ihr Werk ein Hinweis auf das stilistische