Potential einer neuen Literatur. Nur einer schrieb: .Ihre
Phantasie ist zu ausufernd, und es mangelt an
Bezugspunkten zur Realit.t.. Das war die einzige negative
Ansicht, die Tengo entdecken konnte. Aber auch dieser
Rezensent schloss mit der wohlwollenden Bemerkung:
.Wir erwarten mit Spannung, was diese junge Frau in
n.chster Zeit schreiben wird.. Der Wind schien jedenfalls
im Moment günstig zu stehen.
Vier Tage vor dem geplanten Erscheinungstermin der
Buchausgabe rief Fukaeri ihn an. Es war gegen neun Uhr
morgens.
.Schon wach., fragte sie, wie immer ohne jede Betonung.
.Natürlich., sagte Tengo.
.Haben Sie heute Nachmittag Zeit..
.Ja, aber erst nach vier..
.K.nnen wir uns treffen..
.Ja., sagte Tengo.
.Da, wo wir schon mal waren..
.Einverstanden., antwortete Tengo. .Also um vier in dem
Café in Shinjuku. übrigens ist das Zeitungsfoto von dir sehr
gut geworden. Das von der Pressekonferenz..
.Ich hatte diesen Pullover an., sagte sie.
.Der steht dir wirklich gut., erwiderte Tengo.
.Wegen dem Busen..
.Kann sein. Aber in diesem Fall ist es viel wichtiger, dass
du einen guten Eindruck auf die Leute gemacht hast..
Fukaeri schwieg in den H.rer. Ein Schweigen, als würde
sie etwas auf ein Regal in ihrer Reichweite stellen und es
dann in Ruhe betrachten. Vielleicht dachte sie über den
Zusammenhang zwischen ihrem Busen und dem guten
Eindruck nach. Bei n.herem Nachdenken verstand auch
Tengo immer weniger, welche Beziehung eigentlich
zwischen beidem bestand.
.Um vier., sagte Fukaeri. Und legte auf.
Als er kurz vor vier Uhr das Café betrat, war Fukaeri
schon da. Neben ihr sa. Professor Ebisuno. Er trug ein
hellgraues Hemd mit langen .rmeln und eine dunkelgraue
Hose. Wieder hielt er seinen Rücken kerzengerade wie eine
Statue. Tengo war etwas überrascht, ihn zu sehen. Komatsu
zufolge kam er nur .u.erst selten .von seinem Berg
herunter..
Tengo setzte sich den beiden gegenüber und bestellte
einen Kaffee. Es herrschte, obwohl noch vor der Regenzeit,
hochsommerliche Hitze. Dennoch nippte Fukaeri wie
schon beim letzten Mal an einer hei.en Schokolade. Herr
Ebisuno hatte einen Eiskaffee bestellt, aber bisher nicht
angerührt. Das Eis war geschmolzen und hatte eine
transparente Wasserschicht darauf gebildet.
.Sch.n, dass Sie gekommen sind., sagte Professor
Ebisuno.
Tengos Kaffee wurde gebracht, und er trank einen
Schluck.
.Offenbar hat sich bis jetzt alles sehr günstig entwickelt.,
sagte der Professor bed.chtig, als würde er den Klang seiner
Stimme testen. .Sie haben viel geleistet, junger Mann. Sehr
viel. Dafür muss ich mich zuerst einmal bei Ihnen
bedanken..
.Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich bin ja, wie Sie
wissen, in diesem Zusammenhang offiziell nicht existent..
Ebisuno rieb seine H.nde über dem Tisch, wie um sie zu
w.rmen.
.Nein, so bescheiden dürfen Sie aber nicht sein.
Tats.chlich existieren Sie sehr wohl. Ohne Sie w.re alles
bestimmt nicht so glatt gelaufen. Ihnen ist es zu verdanken,
dass aus .Die Puppe aus Luft. ein so ausgezeichnetes Werk
geworden ist. Ein Werk, das mit seiner Tiefe und Dichte
alle meine Erwartungen übertrifft. Komatsu hat wirklich
einen Blick für Menschen..
Fukaeri sa. neben ihm und schlürfte ihren Kakao, wie
eine kleine Katze Milch schlabbert. Sie hatte eine schlichte
wei.e Bluse und einen kurzen dunkelblauen Rock an und
trug wie immer kein einziges Schmuckstück. Wenn sie sich
vorbeugte, fiel ihr das lange offene Haar ins Gesicht.
.Das wollte ich Ihnen unbedingt pers.nlich sagen.
Deshalb habe ich Sie hierherbemüht., erkl.rte Professor
Ebisuno.
.Machen Sie sich keine Gedanken. .Die Puppe aus Luft.
zu überarbeiten war für mich selbst ebenfalls von gro.er
Bedeutung..
.Ich muss Ihnen nochmals meinen Dank aussprechen..
.Das ist wirklich nicht n.tig., sagte Tengo. .Aber dürfte
ich Sie Eri betreffend etwas Pers.nliches fragen?.
.Natürlich. Wenn ich Ihre Frage beantworten kann..
.Sind Sie eigentlich Eris offizieller Vormund?.
Der Professor schüttelte den Kopf. .Nein. Ich w.re es
gern, wenn es die M.glichkeit g.be. Aber wie ich Ihnen
bereits erz.hlt hatte, habe ich keinen Kontakt mehr zu
ihren Eltern. Rechtlich gesehen besitze ich keinerlei
Verfügungsgewalt über sie. Ich habe Eri, als sie vor sieben
Jahren zu uns kam, lediglich aufgenommen und für sie
gesorgt..
.W.re es in diesem Fall nicht besser, Eris Existenz nicht
so bekannt werden zu lassen? K.nnte es nicht
Schwierigkeiten geben, wenn sie so stark ins Rampenlicht
rückt? Sie ist ja noch nicht vollj.hrig..
.Sie meinen, es k.nnte unangenehm werden, wenn zum
Beispiel ihre Eltern jetzt Klage erheben und sie
zurückverlangen würden? Dass sie sie vielleicht mit Gewalt
zurückholen k.nnten, obwohl sie sich zu mir geflüchtet
hat? So etwas in der Art?.
.Ja, Sensei. Ihr Verhalten ist mir unverst.ndlich..
.Ihre Zweifel sind durchaus begründet. Aber die andere
Seite befindet sich in einer Lage, in der sie nicht offen
agieren kann. Je st.rker Eri ins Rampenlicht ger.t, desto
gr..er w.re die .ffentliche Aufmerksamkeit, wenn ihr
etwas geschehen würde. Und Aufmerksamkeit ist das, was
die am allerwenigsten wollen..
.Mit die., sagte Tengo, .meinen Sie die Vorreiter, nicht
wahr?.
.Genau., sagte der Professor. .Die anerkannte
Religionsgemeinschaft der Vorreiter. Ich habe in den
vergangenen sieben Jahren für Eri gesorgt, und Eri selbst
will weiter bei uns bleiben. Was auch immer mit ihren
Eltern sein mag, sie haben sie zu mir geschickt und sich
sieben Jahre lang nicht um sie gekümmert. Da kann ich
doch nicht einfach sagen, .So, das war’s...
Tengo versuchte seine Gedanken zu ordnen. .Also: Das
Buch wird wie erwartet ein Bestseller., sagte er dann. .Eri
ger.t in den Blickpunkt des .ffentlichen Interesses. Folglich
k.nnen die Vorreiter nicht mehr so leicht etwas
unternehmen. Bis dahin habe ich es verstanden. Und wie
soll es jetzt nach Ihrer Planung weitergehen, Sensei?.
.Das wei. ich auch nicht., sagte Professor Ebisuno
unbekümmert. .Die Zukunft ist für uns alle ein
unbekanntes Terrain, von dem es keine Landkarte gibt.
Was uns hinter der n.chsten Ecke erwartet, wissen wir erst,
wenn wir abgebogen sind. Will sagen: Ich habe nicht die
leiseste Ahnung..
.Sie haben keine Ahnung?., fragte Tengo.
.Es mag verantwortungslos klingen, aber es trifft den
Kern der Sache. Wir werfen einen Stein in einen tiefen
Teich. Platsch. Das Ger.usch ist überall zu h.ren. Wir
warten mit angehaltenem Atem, was anschlie.end aus dem
Teich kommt..
In die Betrachtung der Ringe versunken, die sich auf der
Wasseroberfl.che ausbreiteten, schwiegen alle drei. Tengo
wartete, bis er meinte, die fiktiven Wellenringe k.nnten
sich gelegt haben.
.Ich habe schon einmal davon gesprochen., sagte er
nachdrücklich. .Aber das, was wir hier tun, ist eine Art
Betrug. Man k.nnte es vielleicht auch asozial nennen.
Wom.glich geht es inzwischen auch um eine nicht geringe
finanzielle Summe. Die Lügen werden lawinenartig
zunehmen. Eine Lüge ruft die n.chste auf den Plan, bis das
Lügengespinst am Ende undurchdringlich und nicht mehr
zu kontrollieren ist. Und wenn dann die Wahrheit ans Licht
kommt, nehmen alle Beteiligten Schaden, Eri
eingeschlossen. Im schlimmsten Fall sind wir ruiniert und
werden gesellschaftlich ge.chtet. Da stimmen Sie mir doch
zu, nicht wahr?.
Der Professor legte die Hand an den Rand seiner Brille.
.Tja, widersprechen kann ich Ihnen jedenfalls nicht..
.Dennoch will Herr Komatsu, wie er mir gesagt hat, Sie
zum Repr.sentanten einer fiktiven Firma machen, die Die
Puppe aus Luft vermarkten soll. Das hei.t, Sie wollen sich
an vorderster Front an Herrn Komatsus Plan beteiligen. Mit
anderen Worten, Sie sind von sich aus bereit, Ihren guten
Namen zu beschmutzen..
.Auf lange Sicht k.nnte es dazu kommen..
.Soweit ich es beurteilen kann, sind Sie eine Person von
herausragender Intelligenz und gesundem
Menschenverstand, die sich eine unabh.ngige Weltsicht
erworben hat. Aber Sie haben keine Ahnung, wie diese
Sache ausgehen wird. Sie sagen, man kann nie vorhersehen,
was einen um die n.chste Ecke erwartet. Dennoch kann ich
einfach nicht begreifen, warum ein Mensch wie Sie, Herr
Professor, sich für so etwas hergibt..
.Ihre unverdiente Wertsch.tzung ehrt und besch.mt
mich, und an sich …. – der Sensei machte eine
Atempause – .verstehe ich sehr gut, was Sie sagen wollen..
Sie schwiegen.
.Niemand wei., was wird., warf Fukaeri pl.tzlich ein.
Und hüllte sich sogleich wieder in ihr ursprüngliches
Schweigen. Die Tasse mit der Schokolade war inzwischen
leer.
.So ist es., sagte der Professor. .Niemand wei., was wird.
Eri hat ganz recht..
.Aber irgendeine Absicht müssen Sie doch verfolgen.,
sagte Tengo.
.Tue ich auch., sagte Professor Ebisuno.
.Darf ich eine Vermutung .u.ern?.
.Gewiss..
.Sie hoffen, im Zuge der Ver.ffentlichung von Die Puppe
aus Luft kommt vielleicht ans Licht, was mit Fukaeris
Eltern passiert ist. Ist es das, was Sie mit dem Stein, den
man in einen Teich wirft, gemeint haben?.
.Ihre Vermutung trifft ungef.hr zu., sagte Professor
Ebisuno. .Sollte Die Puppe aus Luft ein Bestseller werden,
wird es bei uns von Journalisten wimmeln wie von Karpfen
in einem Teich. Eigentlich herrscht jetzt schon ein ganz
sch.ner Rummel. Seit der Pressekonferenz k.nnen wir uns
vor Anfragen von Zeitschriften und Fernsehsendern kaum
retten. Natürlich lehnen wir alles ab, doch sobald das Buch
erschienen ist, wird sich die Lage noch zuspitzen. Wenn
wir jedoch den Medien von uns aus kein Material liefern,
werden sie alle Hebel in Bewegung setzen, um etwas über
Eri herauszufinden. Und früher oder sp.ter wird ihre
Identit.t ans Licht kommen. Wer ihre Eltern sind, wo und
wie sie aufgewachsen ist. Und ob jetzt jemand für sie sorgt.
Das ist Stoff für hochinteressante Nachrichten. Nicht dass
ich so etwas gern t.te. Momentan führe ich ein sehr
behagliches Leben in den Bergen und m.chte auf keinen
Fall die Aufmerksamkeit der .ffentlichkeit auf mich
ziehen. Das würde nicht den geringsten Vorteil bringen.
Aber ich will einen K.der auslegen und damit das Interesse
der Medien auf Eris Eltern lenken. Wo sie sind und was sie
machen. Die Medien k.nnten sich dort einschalten, wo die
Polizei nichts tun kann oder nichts tun will. Ich hoffe, im
günstigsten Fall k.nnen wir auf dieser Welle reiten und die
beiden vielleicht retten. Die Fukadas stehen mir sehr nah,
au.erdem sind sie natürlich Eris Eltern. Wir k.nnen nicht
einfach hinnehmen, dass sie verschwunden sind..
.Angenommen, das Ehepaar Fukada h.lt sich noch auf
dem Gel.nde der Sekte auf – welchen Grund k.nnte es
geben, die beiden seit sieben Jahren gefangen zu halten?
Das ist eine ziemlich lange Zeit..
.Das wei. ich auch nicht., sagte der Professor. .Aber ich
habe eine Theorie. Also: Zuerst hat sich eines Tage die
militante Gruppe Akebono von der anfangs revolution.ren
Landkommune der Vorreiter abgespalten. Danach haben
die Vorreiter eine v.llig andere Richtung eingeschlagen,
indem sie zu einer religi.sen Gemeinschaft wurden. Als
Folge der Akebono-Schie.erei wurde auch ihr Gel.nde
durchsucht, wobei sich herausstellte, dass sie nichts damit
zu tun hatten. Seither hat die Gruppe allm.hlich an Boden
gewonnen. Ach was, allm.hlich – rapide, sollte ich sagen.
Dennoch wei. die .ffentlichkeit so gut wie nichts über
ihre wirklichen Aktivit.ten. Sie, Herr Kawana, ja auch
nicht..
.Ich habe sowieso von nichts eine Ahnung., sagte Tengo.
.Aber ich bin kein Ma.stab, weil ich nicht fernsehe und
kaum Zeitung lese..
.Sie sind wirklich nicht der Einzige, der nichts wei..
Diese Leute handeln so verdeckt, dass die .ffentlichkeit
nichts mitbekommt. Andere Neue Religionen versuchen
auf sich aufmerksam zu machen, um wenigstens ein paar
Anh.nger zu gewinnen, aber die Vorreiter tun nichts
dergleichen. Denn es ist nicht ihr Ziel, ihre Anh.ngerschaft
einfach zu vergr..ern. Die anderen Sekten trachten im
Allgemeinen danach, die Anzahl ihrer Mitglieder zu
vermehren, um ihre Einkünfte zu stabilisieren, aber das
scheinen die Vorreiter nicht n.tig zu haben. Stattdessen
scheint bei ihnen die Qualit.t ihres Menschenmaterials im
Vordergrund zu stehen. Alle ihre Mitglieder sind gesunde
junge Leute, die über verschiedenste Fachkenntnisse
verfügen und enorm motiviert sind. Die Vorreiter
versuchen nicht mit aller Gewalt Mitglieder zu werben. Sie
nehmen auch nicht jeden. Die Aspiranten müssen sich
regelrechten Bewerbungsgespr.chen unterziehen.
Bevorzugt werden Personen mit bestimmten F.higkeiten
rekrutiert. Das Ergebnis ist ein Regiment mit hoher
Truppenmoral und Kompetenz. W.hrend sie nach au.en
hin Landwirtschaft betreiben, widmen sie sich intern
strengen asketischen übungen..
.Auf welche Lehre stützt sich die Gruppe überhaupt?.
.Vermutlich haben sie gar keine bestimmte Schrift. Und
wenn, dürfte sie eklektizistisch sein. Bei esoterischen
Gruppen stehen in der Regel eher Arbeit und Askese als ein
differenziertes Dogma im Mittelpunkt. Bei den Vorreitern
geht es ziemlich rigide zu. Es gibt keine Halbheiten. Junge
Leute, die ein spirituelles Leben anstreben, h.ren davon
und kommen aus dem ganzen Land herbei. Der
Zusammenhalt ist fest, alles wird geheim gehalten..
.Gibt es ein religi.ses Oberhaupt oder einen Gründer?.
.Offiziell nicht. Sie lehnen Personenkult ab, und die Sekte
wird von einem Kollektiv verwaltet. Aber was wirklich
vorgeht, ist unklar. Ich habe so viele Informationen wie
m.glich gesammelt, aber es dringt eben kaum etwas nach
drau.en. Die L.ndereien der Vorreiter werden immer
ausgedehnter und ihre Anlagen immer perfekter. Die
Z.une, die ihr Territorium umgeben, sind inzwischen so
gut wie unüberwindlich..
.Und Fukada, ihr erster Anführer, ist mittlerweile von der