Bildfl.che verschwunden..
.Ja, genau. Alles sehr verd.chtig und mysteri.s., sagte
der Professor. Er warf einen kurzen Blick auf Fukaeri, dann
sah er wieder Tengo an. .Die Vorreiter haben irgendetwas
zu verbergen, ein unerh.rtes Geheimnis. Irgendwann muss
es innerhalb der Gruppe zu starken Umw.lzungen
gekommen sein. Worum es dabei ging, wissen wir nicht.
Jedenfalls haben die Vorreiter in deren Verlauf diese
gewaltige Wende von der Landkommune zur religi.sen
Gruppe vollzogen und sich von einer gem..igten,
gegenüber der .ffentlichkeit aufgeschlossenen
Gemeinschaft in eine autorit.re Sekte verwandelt, die sich
v.llig abschottet.
Ich frage mich, ob es nicht irgendwann zu einer Art
Putsch gekommen sein k.nnte. Und ob Fukada darin
verwickelt war. Wie gesagt war Fukada stets ein Mensch
ohne jede religi.se Neigung. Durch und durch ein
Materialist. Er ist einfach nicht der Mann, der dasteht und
tatenlos zuschaut, wie die von ihm aufgebaute
Gemeinschaft sich in eine esoterische Sekte verwandelt. Er
h.tte sich mit aller Kraft dagegen gewandt. Vielleicht war
er damals in einem Hegemonialstreit innerhalb der
Vorreiter unterlegen..
Tengo überlegte. .Ich verstehe, was Sie meinen. Aber
selbst wenn das der Fall gewesen w.re, h.tte es dann nicht
genügt, Herrn Fukada auszusto.en? Wie es im Grunde bei
der Abspaltung von Akebono funktioniert hat. Wieso sollte
man ihn einsperren?.
.Sie haben v.llig recht. Unter normalen Umst.nden w.re
das unn.tig. Aber vielleicht kennt Fukada ein bestimmtes
Geheimnis der Vorreiter. Eins, das auf keinen Fall .ffentlich
bekannt werden darf. Und sie konnten ihn deshalb nicht
einfach rauswerfen.
Als Gründer der ursprünglichen Gemeinschaft hat Fukada
lange eine bedeutende Rolle gespielt. Er war der Anführer
und muss von Anfang an restlos alles gewusst haben, was in
der Gruppe vorgegangen ist. Vielleicht wurde er einfach zu
einem Mann, der zu viel wusste. Au.erdem war sein Name
in der .ffentlichkeit ziemlich bekannt. Tamotsu Fukada
war eine wichtige Figur der Zeit und ist vielen heute noch
der Inbegriff von Charisma. Bei einem Austritt Fukadas
h.tte alles, was er sagte und tat, wenn vielleicht auch von
ihm ungewollt, Aufmerksamkeit erregt. Selbst wenn sich
das Ehepaar Fukada von der Gruppe lossagen wollte,
konnten die Vorreiter die beiden vielleicht nicht einfach
gehen lassen..
.Sie, Herr Professor, wollen also durch das sensationelle
Debüt von Tamotsu Fukadas Tochter Eri und den Aufstieg
von Die Puppe aus Luft zum Bestseller .ffentliches
Interesse erregen und damit Bewegung in die verfahrene
Situation bringen..
.Sieben Jahre sind eine sehr lange Zeit. Alles, was ich
w.hrenddessen unternommen habe, ist fehlgeschlagen.
Wenn ich nicht hier und jetzt die Gelegenheit ergreife, wird
das R.tsel vielleicht nie gel.st..
.Eri soll der K.der sein, mit dem Sie den Tiger aus dem
Dickicht locken..
.Was dabei herauskommt, wei. niemand. Ein Tiger ist
unberechenbar..
.Aber nach allem, was passiert ist, scheint es, als h.tten
Sie etwas Gewaltsames im Hinterkopf, Herr Professor..
.Diese M.glichkeit besteht., sagte der Sensei
nachdenklich. .Das ist Ihnen wahrscheinlich auch klar. In
einer luftdicht abgeschlossenen Gruppe von
Gleichgesinnten kann alles M.gliche geschehen..
Es herrschte bedrücktes Schweigen. Fukaeri sprach in
dieses Schweigen hinein.
.Weil die Little People gekommen sind., sagte sie leise.
Tengo blickte Fukaeri, die neben dem Professor sa., ins
Gesicht. Es war wie immer ausdruckslos.
.Willst du damit sagen, die Little People seien gekommen
und h.tten etwas bei den Vorreitern ver.ndert?., fragte
Tengo.
Statt zu antworten, spielte Fukaeri nur mit den Kn.pfen
ihrer Bluse.
Ebisuno sprach in Eris Schweigen hinein. .Welche
Bedeutung diese .Little People. haben, die Eri beschreibt,
wei. ich nicht. Offenbar kann sie nicht mit Worten
erkl.ren, was sie eigentlich sind. Oder sie will es auch gar
nicht. Sicher scheint mir jedoch, dass die Little People bei
der abrupten Wende der Vorreiter von der Landkommune
zur religi.sen Sekte eine Rolle gespielt haben..
.Oder etwas, das den Little People .hnelt., sagte Tengo.
.Genau., sagte der Professor. .Was es nun genau war, ob
Little People oder etwas, das ihnen gleicht, wei. ich nicht.
Zumindest scheint Eri uns mit dem Auftritt dieser Little
People in ihrer Geschichte etwas Wichtiges sagen zu
wollen..
Professor Ebisuno sah einen Moment auf seine H.nde,
blickte jedoch sofort wieder auf und fuhr fort.
.George Orwell l.sst in 1984 – Sie kennen den Roman
natürlich – den Gro.en Bruder auftreten. Bei ihm ist das
eine Allegorie für den Stalinismus, und der Begriff .Big
Brother. ist seither das Sinnbild für eine totalit.re
Gesellschaft schlechthin. Heute, im realen Jahr 1984, ist der
Gro.e Bruder so berühmt, dass er zugleich transparent
geworden ist. Würde er auftauchen, man würde mit
Fingern auf ihn zeigen: .Achtung, aufgepasst! Big Brother!.
Mit anderen Worten, in unserer Welt gibt es keine Bühne
mehr für einen Big Brother. Stattdessen treten nun Wesen
wie die Little People auf den Plan. Ein hochinteressanter
Kontrast in der Begrifflichkeit, finden Sie nicht?.
Ein L.cheln erschien auf dem Gesicht des Professors,
w.hrend er Tengo ansah.
.Die Little People sind unsichtbar. Wir wissen nicht
einmal, ob sie gut sind oder b.se, ob es sie wirklich gibt
oder nicht. Doch anscheinend untergraben sie unmerklich
den Boden unter unseren Fü.en.. Professor Ebisuno
machte eine kurze Pause. .Um zu erfahren, was dem
Ehepaar Fukada und Eri selbst zugesto.en ist, müssen wir
wohl erst einmal wissen, wer oder was die Little People
sind..
.Sie wollen also versuchen, die Little People
hervorzulocken?., fragte Tengo.
.Kann man etwas hervorlocken, von dem man nicht wei.,
ob es wirklich existiert oder nicht?., sagte der Professor.
Noch immer umspielte ein L.cheln seinen Mund. .Es w.re
schon besser, wenn der .Tiger., von dem Sie gesprochen
haben, nicht real w.re, oder?.
.Aber Eri darf auf keinen Fall der K.der sein..
.Das Wort K.der passt eigentlich nicht richtig. Eher
k.nnte man sagen, wir l.sen einen Wirbel aus. Und warten
darauf, dass sich alles mit diesem Wirbel zu drehen
beginnt..
Der Professor lie. einen Finger langsam durch die Luft
kreisen. .Eri befindet sich im Zentrum dieses Wirbels.,
fuhr er fort. .Und wer im Zentrum ist, braucht sich nicht
zu bewegen. Die anderen kreisen um ihn..
Tengo h.rte schweigend zu.
.Und – wenn Sie mir gestatten, Ihren Vergleich zu
verwenden – nicht nur Eri, sondern wir alle k.nnten zum
K.der werden.. Der Professor sah Tengo mit
zusammengekniffenen Augen an. .Sie eingeschlossen..
.Ich wurde doch nur beauftragt, .Die Puppe aus Luft. zu
überarbeiten. Ich bin sozusagen ein subalterner Techniker.
Das hat Herr Komatsu mir von Anfang an gesagt..
.Ich verstehe..
.Aber die Sachlage scheint sich allm.hlich zu .ndern.,
sagte Tengo. .Sie haben Herrn Komatsus Plan Ihrem Kurs
entsprechend angepasst, nicht wahr?.
.Nein, mein Ziel ist es nicht, Komatsus Kurs zu .ndern.
Er verfolgt sein Ziel, ich meins. Im Augenblick führen
unsere Wege nur zuf.llig in die gleiche Richtung..
.Zwei Menschen mit verschiedenen Zielen reiten auf
einem Pferd. Bis zu einem gewissen Punkt haben sie den
gleichen Weg, aber was dann kommt, wissen sie nicht..
.Als Schriftsteller drücken Sie das hervorragend aus..
Tengo seufzte. .Ich finde das keine besonders
verlockende Perspektive. Aber jetzt gibt es wohl kein
Zurück mehr..
.Selbst wenn wir zurückk.nnten, w.re es schwierig, den
Ausgangspunkt wiederzufinden., sagte Professor Ebisuno.
Tengo fiel nichts mehr ein, was er noch h.tte sagen
k.nnen.
Professor Ebisuno erhob sich als Erster. Er habe noch
einen Termin in der Gegend. Fukaeri blieb zurück. Eine
Weile sa.en Tengo und sie einander schweigend
gegenüber.
.Hast du Hunger?., fragte er schlie.lich.
.Eigentlich nicht., sagte Fukaeri.
Da es voll wurde, verlie.en die beiden in schweigender
übereinkunft das Café. Ziellos schlenderten sie durch die
Stra.en von Shinjuku. Es war fast sechs Uhr, und Str.me
von Menschen eilten auf den Bahnhof zu. Der Himmel war
noch hell. Die Strahlen der frühsommerlichen Sonne lagen
über der Stadt. Wenn man aus dem unterirdischen Café
kam, wirkte diese Helligkeit seltsam künstlich.
.Wohin gehst du jetzt?., fragte Tengo.
.Nirgendwohin., sagte Fukaeri.
.Soll ich dich nach Hause bringen?., fragte Tengo. .Also
nach Shinanomachi. Du übernachtest heute sicher dort?.
.Nein, ich fahre nicht dorthin., sagte Fukaeri.
.Warum nicht?.
Sie antwortete nicht.
.Hast du das Gefühl, du solltest lieber nicht dorthin
fahren?., hakte Tengo nach.
Fukaeri nickte stumm.
Er h.tte gern gefragt, warum sie das für besser hielt, aber
er ahnte, dass er ohnehin keine befriedigende Antwort
erhalten würde.
.Also f.hrst du zu Professor Ebisunos Haus zurück?.
.Futamatao ist zu weit..
.Kannst du denn noch woandershin?.
.Ich m.chte bei Ihnen übernachten., sagte Fukaeri.
.Das w.re wahrscheinlich nicht gut., erwiderte Tengo
nachdrücklich. .Meine Wohnung ist klein, und ich lebe
allein. Professor Ebisuno würde das bestimmt nicht
erlauben..
.Dem Sensei macht das nichts aus., sagte Fukaeri. Sie
machte eine Bewegung, als würde sie mit den Schultern
zucken. .Und mir auch nicht..
.Aber mir vielleicht., sagte Tengo.
.Warum..
.Also …., setzte Tengo an, aber er brachte nichts weiter
heraus. Er konnte sich nicht an die Worte erinnern, zu
denen er angesetzt hatte. Mitunter kam es vor, wenn er mit
Fukaeri sprach, dass er für einen Moment aus den Augen
verlor, in welchem Zusammenhang er was hatte sagen
wollen. Als würde sich mitten in einem Konzert pl.tzlich
ein starker Wind erheben und die Notenbl.tter
davontragen.
Fukaeri streckte die rechte Hand aus und griff sanft nach
Tengos linker, um ihn zu beruhigen.
.Sie verstehen nicht richtig., sagte sie.
.Was denn zum Beispiel?.
.Dass wir eins sind..
.Eins?., wiederholte Tengo verblüfft.
.Wir haben das Buch zusammen geschrieben..
Tengo spürte in seiner Hand die Kraft von Fukaeris
Fingern. Keine starke, aber eine harmonische und sichere
Kraft.
.Stimmt. Wir haben die Geschichte von der .Puppe aus
Luft. zusammen geschrieben, und wenn der Tiger kommt,
werden wir zusammen gefressen..
.Es kommt kein Tiger., sagte Fukaeri in au.ergew.hnlich
ernsthaftem Ton.
.Da bin ich froh., sagte Tengo. Aber besonders glücklich
fühlte er sich nicht. Wahrscheinlich würde wirklich kein
Tiger kommen, aber man konnte nie wissen, was sie
stattdessen noch alles erwartete.
Die beiden standen vor einem Fahrkartenautomaten am
Bahnhof Shinjuku. Tengo an der Hand haltend, sah Fukaeri
ihn an. Der Strom der Menschen floss an den beiden
vorbei.
.Also gut, du darfst bei mir übernachten., sagte Tengo
ergeben. .Ich kann ja auf dem Sofa schlafen..
.Danke., sagte Fukaeri.
Es war das erste Mal, dass er so etwas wie Dank aus ihrem
Mund h.rte. Oder nein, vielleicht doch nicht. Aber er
konnte sich partout nicht erinnern, wann das erste Mal
gewesen war.
KAPITEL 19
Aomame
Frauen, die Geheimnisse teilen
.Die .Little People.?., fragte Aomame sanft und sah dem
M.dchen ins Gesicht. .Wen meinst du denn damit?.
Doch Tsubasas Mund blieb fest verschlossen, und ihre
Augen waren so ausdruckslos und ohne jede Tiefe wie
zuvor. Es war, als habe allein die .u.erung dieses Wortes
den gr..ten Teil ihrer Energie verbraucht.
.Sind das Leute, die du kennst?., fragte Aomame.
Natürlich keine Antwort.
.Sie hat diesen Ausdruck schon mehrmals erw.hnt.,
sagte die alte Dame. .Little People.. Was er bedeutet, wei.
ich nicht..
Den Worten .Little People. wohnte ein unheilvoller
Klang inne. Er war leise wie fernes Donnergrollen, aber
Aomame vermochte ihn wahrzunehmen.
.Waren es diese Little People, die sie so zugerichtet
haben?., fragte sie die alte Dame.
Diese zuckte die Achseln. .Ich wei. nicht, was es damit
auf sich hat. Zweifellos besitzen diese Little People für sie
eine gro.e Bedeutung, welche auch immer..
Das M.dchen hatte seine beiden kleinen H.nde
nebeneinander auf den Tisch gelegt und starrte, ohne die
Haltung zu ver.ndern, mit trüben Augen auf einen Punkt
im leeren Raum.
.Was in aller Welt ist passiert?., fragte Aomame die alte
Dame.
.Es wurden alle Anzeichen von Vergewaltigung
entdeckt., sagte diese in fast beil.ufigem Ton. .Es muss
immer wieder geschehen sein. Sie hat mehrere schlimme
Risswunden an den .u.eren Genitalien und in der Vagina,
und auch die Geb.rmutter wurde verletzt. In ihren kleinen,
noch unentwickelten Unterleib wurde das erigierte
Geschlechtsteil eines erwachsenen Mannes eingeführt.
Dadurch wurde der Teil, in dem die Eizellen sich einnisten,
stark besch.digt. Der Arzt meint, dass sie sp.ter auf keinen
Fall mehr Kinder bekommen kann..
Es schien, als habe die alte Dame halb absichtlich so offen
vor dem M.dchen gesprochen. Tsubasa h.rte wortlos zu.
Es war keine Ver.nderung in ihrem Ausdruck zu erkennen.
Ihre Lippen bewegten sich ab und zu ganz leicht, aber kein
Laut entschlüpfte ihnen. Das M.dchen wirkte, als würde es
mehr oder weniger aus H.flichkeit einem Gespr.ch über
eine unbekannte Person lauschen, die sich an irgendeinem
fernen Ort befand.
.Das ist nicht alles., fuhr die alte Dame ruhig fort. .Selbst
wenn die Funktionsf.higkeit ihrer Geb.rmutter durch eine
Behandlung wiederhergestellt werden k.nnte – und die
Wahrscheinlichkeit dafür betr.gt zehntausend zu eins –,
wird sie wahrscheinlich mit niemandem
Geschlechtsverkehr haben wollen. Ihre schweren
Verletzungen weisen darauf hin, dass die Penetration von
starken Schmerzen begleitet war. Und zwar immer wieder.