Kn.pfen sorgf.ltig ausgebürstet bei ihm zu Hause im
Schrank hing. Wahrscheinlich hatte er sie
durchnummeriert, um sie auseinanderhalten zu k.nnen.
Komatsus festes, an Draht erinnerndes Haar, das ihm bis
über die Ohren reichte, war an der Stirn bereits leicht
ergraut und stets etwas zerzaust. Seltsamerweise hatte es
immer die gleiche L.nge, selbst wenn sein letzter
Friseurbesuch erst eine Woche zurücklag. Tengo konnte
sich nicht erkl.ren, wie das m.glich war. Bisweilen blitzten
Komatsus Augen scharf auf, wie Sterne an einem
winterlichen Nachthimmel. Falls er aus irgendeinem Grund
einmal in Schweigen verfiel, schwieg er mit der Finalit.t
eines Felsens auf der Rückseite des Mondes. Sein Gesicht
wurde nahezu ausdruckslos, und selbst seine
K.rpertemperatur schien abzusinken.
Tengo hatte Komatsu fünf Jahre zuvor kennengelernt.
Damals hatte er sich bei der Literaturzeitschrift, die
Komatsu mitherausgab, um einen Preis für das beste
Erstlingswerk beworben und war in die Endauswahl
gelangt. Komatsu hatte ihn angerufen und um ein Treffen
gebeten. Sie verabredeten sich in einem Café in Shinjuku
(dem gleichen, in dem sie auch jetzt sa.en). Für das jetzige
Buch werde Tengo den Preis nicht bekommen, hatte
Komatsu ihm er.ffnet. (Er bekam ihn tats.chlich nicht.)
Aber er pers.nlich habe Gefallen an Tengos Arbeit
gefunden. .Ich erwarte keinen Dank, aber es kommt sehr
selten vor, dass ich das zu jemandem sage., erkl.rte
Komatsu. (Damals wusste Tengo das noch nicht, aber es
entsprach der Wahrheit.) .Wenn du also dein n.chstes
Buch schreibst, m.chte ich, dass du es mich lesen l.sst. Als
Ersten, vor allen anderen.. Tengo war einverstanden.
Komatsu wollte au.erdem wissen, was für ein Mensch
Tengo war. Woher er kam und was er im Augenblick tat.
Tengo berichtete so aufrichtig wie m.glich. Er war in
Ichikawa in der Pr.fektur Chiba geboren und
aufgewachsen. Seine Mutter war kurz nach seiner Geburt
erkrankt und gestorben. So hatte es ihm zumindest sein
Vater erz.hlt. Geschwister hatte er keine. Sein Vater hatte
nicht wieder geheiratet und Tengo mit Hilfe einer
m.nnlichen Hilfskraft aufgezogen. Früher hatte er für den
staatlichen Sender NHK Rundfunkgebühren kassiert.
Inzwischen war er an Alzheimer erkrankt und lebte in
einem Sanatorium an der Südspitze der Boso-Halbinsel.
Tengo hatte an der Universit.t Tsukuba einen Studiengang
mit der sonderbaren Bezeichnung .Fachbereich 1 für
Naturwissenschaft und Mathematik im Hauptfach.
absolviert und schrieb jetzt Romane. Seinen
Lebensunterhalt verdiente er mit Mathematikunterricht an
einer Yobiko, einer der vielen privaten Institutionen, die in
Japan die Studienanw.rter auf die Aufnahmeprüfungen der
Universit.ten vorbereiten. Diese Schule lag im Tokioter
Stadtteil Yoyogi. Nach dem Examen hatte er sich zun.chst
als Lehrer am Pr.fekturgymnasium seines Heimatorts
versucht, sich dann jedoch wegen der flexibleren
Arbeitszeiten und der gr..eren Unabh.ngigkeit für die
Yobiko entschlossen. Er lebte allein in einer kleinen
Wohnung in Koenji.
Er wisse selbst nicht, ob er wirklich Schriftsteller von
Beruf werden wolle. Auch nicht, ob er wirklich Talent zum
Schreiben habe. Nur dass er jeden Tag schreiben müsse, das
sei ihm klar. Schreiben sei für ihn wie Atmen. Komatsu
h.rte ihm ruhig zu, ohne sich dazu zu .u.ern.
Tengo wusste nicht, warum, aber Komatsu schien eine
pers.nliche Zuneigung zu ihm entwickelt zu haben.
.u.erlich vermittelte Tengo den Eindruck eines kr.ftigen
Bauernburschen (er war von der Mittel- bis zur Oberstufe
im Judo-Team gewesen), der stets in aller Frühe aufstand.
Er trug die Haare kurz, war stets gebr.unt, hatte
Blumenkohlohren und sah weder wie ein junger Literat
noch wie ein Mathematiklehrer aus. All das schien ganz
nach Komatsus Geschmack zu sein. Sobald Tengo etwas
Neues geschrieben hatte, gab er es Komatsu, der es
durchlas und ihm seine Meinung mitteilte. Daraufhin
schrieb Tengo den Text, seinen Ratschl.gen folgend, um.
Und Komatsu gab ihm neue Hinweise, wie ein Trainer, der
die Messlatte immer h.her ansetzt. .In deinem Fall dauert
es vielleicht ein bisschen., sagte Komatsu. .Aber wir haben
ja keine Eile. Sei tapfer und schreib weiter, unentwegt,
jeden Tag. Heb alles Geschriebene sicherheitshalber auf. Es
k.nnte dir vielleicht sp.ter noch von Nutzen sein.. Das
würde er tun, sagte Tengo.
Komatsu vermittelte ihm auch kleinere journalistische
Auftr.ge. Beispielsweise schrieb Tengo anonym für eine
Frauenzeitschrift, die Komatsus Verlag ebenfalls herausgab.
Beitr.ge umschreiben, einfache Besprechungen von Filmen
oder Neuerscheinungen bis hin zu Horoskopen, alles ging
ihm leicht von der Hand. Er erwarb sich sogar den Ruf, mit
seinen Horoskopen h.ufig richtigzuliegen. Als er einmal
vor .Erdbeben am Morgen. warnte, kam es just an diesem
Morgen tats.chlich zu einem st.rkeren Beben. Das
zus.tzliche Einkommen, das ihm diese Auftragsarbeiten
einbrachten, kam ihm zupass, und zugleich waren sie eine
gute übung. Es beglückte ihn, etwas, das er geschrieben
hatte, in welcher Form auch immer gedruckt und in
Buchl.den aufgereiht zu sehen.
Bald beteiligte man Tengo auch an der Vorauswahl der
für den Debütpreis eingesandten Manuskripte. Es war zwar
etwas seltsam, dass er die Manuskripte anderer Kandidaten
begutachtete, w.hrend er sich selbst auch um den Preis
bewarb. Aber Tengo nahm sich dieser Texte unparteiisch
an, ohne sich um diese Widersprüchlichkeit zu kümmern.
Dadurch, dass er bergeweise schlechte und langweilige
Romane las, lernte er gründlich, was schlechte und
langweilige Romane waren. Aus den etwa hundert Werken,
die er jedes Mal zu lesen bekam, w.hlte er ungef.hr zehn
aus, die ihm nicht ganz unbedeutend erschienen, und
reichte sie an Komatsu weiter. Jedem davon legte er ein
Memo mit seinen überlegungen bei. Fünf kamen in die
Endauswahl, und eine vierk.pfige Jury kürte schlie.lich
den Preistr.ger.
Neben Tengo gab es noch andere Honorarkr.fte, die
lasen, und neben Komatsu noch eine Anzahl weiterer
Redakteure, die die Vorauswahl trafen. Es wurde
Objektivit.t erwartet, aber allzu viel Mühe musste man sich
nicht machen. Denn von den zahlreichen Einsendungen
gaben h.chstens zwei oder drei Anlass zu gewissen
Hoffnungen, und diese waren kaum zu übersehen, ganz
gleich, wer sie las. Dreimal schaffte es Tengo in die
Auswahl. Natürlich hatte er sich nicht selbst gew.hlt,
sondern zwei der anderen Aushilfsleser sowie Komatsus
Redaktion hatten für ihn gestimmt. Keine von Tengos
Arbeiten erhielt den Preis, aber er war nicht entt.uscht.
Zum einen hatte sich ihm Komatsus Bemerkung, er k.nne
sich ruhig Zeit lassen, eingepr.gt, au.erdem lag ihm auch
nicht sonderlich viel daran, sofort und auf der Stelle
Schriftsteller zu werden.
Wenn sein Stundenplan geregelt verlief, konnte er vier
Tage in der Woche zu Hause tun und lassen, was ihm
gefiel. Seit sieben Jahren lehrte er nun an der gleichen
Yobiko und hatte einen sehr guten Ruf bei den Schülern.
Sein Unterrichtsstil war sachlich, und er besa. die
F.higkeit, jede Frage pr.zise zu beantworten, ohne
weitschweifig zu werden. Zu Tengos eigener überraschung
besa. er Talent zum Reden. Er konnte gut erkl.ren, hatte
eine tragende Stimme, und oft gelang es ihm, mit einem
Scherz die ganze Klasse zum Lachen zu bringen. Bevor er
Lehrer geworden war, hatte er sich immer für einen
schlechten Redner gehalten. Selbst jetzt noch war er
manchmal aufgeregt und stockte, wenn er vor Leuten
sprechen musste. Kam er in eine kleine Gruppe, nahm er
fast ausschlie.lich die Rolle eines Zuh.rers ein. Aber wenn
er unterrichtete und vor einer anonymen Zuh.rerschaft
stand, wurde sein Kopf pl.tzlich klar, und er konnte frei
und beliebig lange sprechen. Der Mensch ist ein
r.tselhaftes Wesen, dachte er immer wieder.
Mit seinem Honorar war er keineswegs unzufrieden. Man
konnte nicht sagen, dass es überm..ig viel war, aber die
Schule zahlte nach Leistung. Zu bestimmten Zeiten fanden
Bewertungen der Lehrer durch die Schüler statt, und wenn
die Einsch.tzung gut ausfiel, erh.hte sich die Bezahlung
entsprechend. Andernfalls, so befürchtete man, k.nnten
besonders gute Lehrkr.fte von anderen Schulen
abgeworben werden (und tats.chlich war es bereits zu
Headhunting gekommen). An gew.hnlichen Regelschulen
gab es dieses System nicht. Bezahlt wurde dort nach Alter,
die Vorgesetzten kontrollierten das Privatleben, und weder
Leistung noch Beliebtheit oder solche Dinge waren von
Bedeutung. An der Yobiko zu unterrichten machte Tengo
Spa.. Die Mehrzahl der Schüler hatte ein klar umrissenes
Ziel, n.mlich die Aufnahmeprüfung für eine Universit.t zu
bestehen, und entsprechend konzentriert folgten sie seinen
Ausführungen. Au.er dem Unterricht vor der Klasse hatte
der Lehrer keine Pflichten. Es kam Tengo sehr entgegen,
sich nicht mit l.stigen Problemen wie Fehlverhalten und
Verst..en gegen die Schulordnung seitens der Schüler
abgeben zu müssen. Er brauchte nur am Pult zu stehen und
ihnen beizubringen, wie man bestimmte mathematische
Aufgaben l.ste. Und was den rein ideellen Umgang mit
Zahlen betraf, war Tengo ein Naturtalent.
An seinen freien Tagen stand er früh auf und schrieb
meist bis abends. Er benutzte einen Montblanc-
Füllfederhalter mit blauer Tinte und 400-Zeichen-
Manuskriptpapier. Das allein schon verschaffte Tengo ein
Gefühl der Befriedigung. Einmal in der Woche besuchte ihn
seine verheiratete Freundin in seiner Wohnung, und er
verbrachte den Nachmittag mit ihr. Eine sexuelle
Beziehung mit einer zehn Jahre .lteren Frau zu haben war
sehr bequem und beinhaltete keine Verpflichtungen.
Nachmittags machte er lange Spazierg.nge, und nach
Sonnenuntergang las er und h.rte Musik dabei. Er sah nie
fern. Wenn der Kassierer von NHK kam, um die Gebühren
einzusammeln, wies er ihn h.flich ab. Es tut mir leid, aber
ich habe keinen Fernsehapparat. Wirklich nicht. Sie
k.nnen reinkommen und nachsehen.
Doch nie betrat einer seine Wohnung. Denn das ist den
Gebühreneinsammlern gar nicht gestattet.
.Das, was ich mir überlegt habe, ist ein gr..eres Kaliber.,
sagte Komatsu.
.Ein gr..eres Kaliber?.
.Womit ich nicht sagen will, dass der Debütpreis
Kleinkram ist, aber das, was ich vorhabe, hat ein anderes
Format..
Tengo schwieg. Er konnte sich nicht vorstellen, was es
war. Aber er spürte, dass es um etwas Riskantes ging.
.Der Akutagawa-Preis., sagte Komatsu nach einer Pause.
.Der Akutagawa-Preis., wiederholte Tengo, als habe
Komatsu das Wort riesengro. mit einem Stock in nassen
Sand geschrieben.
.Ja, den kennt doch wohl auch mein etwas weltfremder
Tengo. Steht gro. in der Zeitung und wird in den
Fernsehnachrichten gebracht..
.Ich kann Ihnen nicht ganz folgen, Herr Komatsu.
Sprechen Sie von Fukaeri?.
.Du hast es erfasst. Wir nehmen .Die Puppe aus Luft..
Sonst haben wir ja nichts, was zur Sensation taugen
würde..
Tengo kaute auf seinen Lippen und versuchte Komatsus
Pl.ne zu durchschauen. .Aber Sie haben doch die ganze
Zeit gesagt, es h.tte keinen Zweck, ein Manuskript in
diesem Zustand vorzuschlagen..
.Ganz recht. Nicht in dem Zustand. Das ist ein klarer
Fall..
Tengo brauchte etwas Zeit zum Nachdenken. .Soll das
hei.en, wir bearbeiten das eingereichte Manuskript?.
.Eine andere M.glichkeit gibt es nicht. Es ist g.ngige
Praxis, dass Redakteure vielversprechende Manuskripte
noch mal überarbeiten lassen. Kommt gar nicht selten vor.
Allerdings wird in unserem Fall nicht die Autorin selbst das
Werk überarbeiten, sondern jemand anderes..
.Jemand anderes?., fragte Tengo, obwohl er die Antwort
schon kannte, noch ehe er die Frage gestellt hatte. Nur um
ganz sicherzugehen.
.Du wirst diese Aufgabe übernehmen., verkündete
Komatsu.
Tengo rang nach passenden Worten, aber er fand keine.
Er seufzte. .Aber Herr Komatsu., wandte er ein. .Bei
diesem Text genügt es nicht, ein paar Korrekturen
vorzunehmen. Wenn man ihn nicht radikal von vorn bis
hinten umschreibt, ergibt er keine Einheit..
.Natürlich schreibst du alles von vorn bis hinten um. Die
Geschichte verwendest du als Gerüst. Auch die stilistische
Atmosph.re sollte so weit wie m.glich erhalten bleiben.
Aber der Text muss vollst.ndig umgeschrieben werden.
Eine Adaption, sozusagen. Du bist für die praktische
Umarbeitung zust.ndig. Und ich gebe das Ganze dann
heraus..
.Ob das gutgeht?., sagte Tengo eher zu sich selbst.
.Wird schon., sagte Komatsu, nahm seinen Teel.ffel und
hielt ihn Tengo vor die Nase. Wie ein Dirigent, der mit dem
Taktstock auf einen Solisten deutet. .Dieses M.dchen
Fukaeri hat etwas Besonderes. Das ist mir bei der Lektüre
von .Die Puppe aus Luft. klar geworden. Sie besitzt eine
au.ergew.hnliche Vorstellungskraft. Aber leider kann ihre
Schreibkompetenz damit nicht Schritt halten. Ihr ganzer
Stil ist v.llig ungeschliffen. Da kannst du etwas tun. Der
Plot ist gut und ergibt sogar einen Sinn. Der Text wirkt nur
grob, ist aber intellektuell feinfühlig. Eine gewisse Dynamik
ist auf jeden Fall auch vorhanden. Allerdings wissen wir im
Gegensatz zu unserer kleinen Fukaeri noch nicht ganz, was
wir schreiben sollen. Denn hin und wieder verliert man den
Faden der Geschichte. Du musst dir über den Kern der
Geschichte klar werden, damit du wei.t, was du schreiben
sollst. Er ist wie ein furchtsames kleines Tier, das sich in
einer tiefen H.hle verkrochen hat und nicht herauskommt.
Du wei.t, dass es sich in der H.hle versteckt h.lt, aber
wenn du es nicht herauslockst, kriegst du es nicht zu
fassen. Damit meine ich, dass du dir etwas Zeit lassen
kannst..
Tengo rutschte ratlos auf seinem Plastikstuhl herum. Er
sagte nichts.
.Die Sache ist ganz einfach., fuhr Komatsu, mit seinem
Teel.ffel wedelnd, fort. .Wir bringen zwei Leute
zusammen und machen einen neuen Autor daraus. Tengo