Die Erinnerung an diese Schmerzen wird nicht so leicht
vergehen. Du kannst mir folgen, nicht wahr?.
Aomame nickte. Sie hatte ihre Finger fest in ihrem Scho.
verkrampft.
.Das hei.t, es liegen keine gesunden Eizellen mehr in ihr
bereit. Sie …. – die alte Dame warf einen kurzen Blick auf
Tsubasa – .ist unfruchtbar geworden..
Inwieweit Tsubasa den Inhalt des Gespr.chs begriff,
wusste Aomame nicht zu sagen. Doch was auch immer sie
verstand, in Gedanken war sie ohnehin ganz woanders.
Anwesend war sie jedenfalls nicht. Ihr Herz schien weit fort
zu sein, verstaut in einem kleinen dunklen verschlossenen
Zimmer.
.Ich behaupte ja nicht, dass es für eine Frau der einzige
Lebenszweck ist, ein Kind zu bekommen., fuhr die alte
Dame fort. .Es sollte dem Einzelnen freistehen, für welches
Leben er sich entscheidet. Dass jemand eine Frau jedoch
von vornherein ihres natürlichen Rechts zu geb.ren
beraubt, darf man auf keinen Fall dulden..
Aomame nickte schweigend.
.Das darf man einfach nicht dulden., wiederholte die alte
Dame. Aomame merkte, dass ihre Stimme ein wenig
zitterte. Anscheinend fiel es ihr schwer, ihre Gefühle zu
beherrschen. .Sie hat es ganz allein geschafft, von dort zu
flüchten. Wie sie dazu in der Lage war, wei. ich nicht. Aber
sie hat nun kein Zuhause mehr, au.er bei uns. Denn au.er
bei uns ist sie nirgendwo sicher..
.Wo sind denn ihre Eltern?.
Die alte Dame machte ein ungehaltenes Gesicht und
trommelte leicht mit den Fingern.geln auf die Tischplatte.
.Ich wei. es nicht. Allerdings haben ihre Eltern diese
Grausamkeiten gebilligt. Und letztendlich ist sie auch vor
ihnen geflohen..
.Wollen Sie damit sagen, die Eltern h.tten die
Vergewaltigung ihrer eigenen Tochter zugelassen?.
.Nicht nur zugelassen. Sie haben sie begünstigt..
.Warum tut jemand so was …?. Aomame konnte nicht
weitersprechen.
Die alte Dame schüttelte den Kopf. .Eine entsetzliche
Geschichte. Wir dürfen dergleichen auf keinen Fall dulden.
Hier liegen Umst.nde vor, die sich nicht so einfach
handhaben lassen. Es geht um mehr als um herk.mmliche
h.usliche Gewalt. Der Arzt sagte mir, er müsse die Sache
der Polizei melden. Ich habe ihn gebeten, es nicht zu tun,
und konnte ihn auch überzeugen, da wir eng befreundet
sind..
.Warum?., fragte Aomame. .Warum wollen Sie die
Polizei denn nicht einschalten?.
.Was dieser Kleinen angetan wurde, verst..t eindeutig
gegen das Gesetz der Menschlichkeit. Es handelt sich um
eine Tat, vor der auch die .ffentlichkeit die Augen nicht
verschlie.en sollte, ein feiges Verbrechen, das schwer
bestraft werden muss.. Die alte Dame sprach mit gro.em
Nachdruck. .Doch was k.nnte die Polizei tun, wenn wir die
Sache jetzt melden? Sie sehen ja, das M.dchen kann kaum
sprechen. Sie w.re au.erstande, richtig zu erkl.ren, was
geschehen ist, was man mit ihr gemacht hat. Würden wir
die Polizei einschalten, k.nnte es passieren, dass Tsubasa
zu ihren Eltern zurückgeschickt wird. Ein anderes Zuhause
hat sie nicht, und die Eltern besitzen in jedem Fall das
Sorgerecht. K.me sie aber wieder zu ihren Eltern, k.nnte
sich das Gleiche wiederholen. Das kann ich nicht zulassen..
Aomame nickte.
.Tsubasa wird bei mir aufwachsen., sagte die alte Dame
entschieden. .Ich werde sie auf keinen Fall hergeben.
Weder ihren Eltern noch sonst jemandem werde ich sie
überlassen. Ich werde mich irgendwohin mit ihr
zurückziehen und sie gro.ziehen..
Aomames Blick wanderte zwischen der alten Dame und
dem M.dchen hin und her.
.Und der Mann, der ihr das angetan hat – wissen Sie, wer
er ist? Ist es nur einer?., fragte Aomame.
.Ja, es ist einer, und er ist mir bekannt..
.Aber man kann ihn nicht vor Gericht bringen, oder?.
.Dieser Mann besitzt gro.e Macht., sagte die alte Dame.
.Sehr gro.e pers.nliche Macht. Auch über Tsubasas Eltern.
Und sie sind noch immer in seiner Gewalt. Es sind
Menschen, die weiterhin tun werden, was der Mann ihnen
befiehlt. Menschen, die keine Pers.nlichkeit und kein
Urteilsverm.gen besitzen. Für sie ist das, was dieser Mann
sagt, unbedingtes Gebot. Wenn er ihnen befiehlt, ihm ihre
Tochter auszuliefern, haben sie dem nichts
entgegenzusetzen und h.ndigen sie ihm guten Mutes aus.
Obwohl sie wissen, was mit ihr passiert..
Aomame brauchte etwas Zeit, um zu begreifen, was die
alte Dame gesagt hatte. Sie versuchte, Ordnung in ihre
Gedanken zu bringen.
.Ist das irgendeine spezielle Gruppe?.
.Ja, eine sehr engstirnige, fast krankhafte..
.So etwas wie eine Sekte?., fragte Aomame.
Die alte Dame nickte. .Ja. Noch dazu eine .u.erst
b.sartige und gef.hrliche Sekte..
Natürlich. Es konnte sich nur um eine Sekte handeln.
Menschen, die taten, was ihnen befohlen wurde. Menschen,
die über keine Pers.nlichkeit und kein eigenes Urteil
verfügten. Genau das h.tte mir auch passieren
k.nnen, dachte Aomame und biss sich auf die Lippen.
Natürlich hatte man sie bei den Zeugen Jehovas in keinem
praktischen Sinne vergewaltigt. Sie selbst war jedenfalls
keiner sexuellen Bel.stigung ausgesetzt gewesen. Alle
.Brüder und Schwestern. in ihrem Umfeld waren heitere
und aufrichtige Menschen, die ihren Glauben ernst nahmen
und seine Gebote achteten und n.tigenfalls bereit waren,
ihr Leben dafür zu geben. Aber nicht immer zeitigen gute
Absichten auch gute Ergebnisse. Und Vergewaltigung ist
nicht immer etwas K.rperliches. Gewalt nimmt nicht
immer sichtbare Formen an, und nicht bei allen
Verletzungen flie.t Blut.
Tsubasa erinnerte Aomame an sich selbst, als sie im
gleichen Alter war. .Ich habe es aus eigenem Willen
geschafft zu entkommen., dachte sie. Aber im Falle dieses
M.dchens waren die erlittenen Misshandlungen so schwer,
dass der Schaden sich vielleicht nicht mehr rückg.ngig
machen lie.. Wahrscheinlich würde sie nie mehr ihr
natürliches Wesen zurückgewinnen. Bei diesem Gedanken
durchfuhr sie ein heftiger Schmerz. Aomame sah in
Tsubasa das kleine M.dchen, das sie vielleicht selbst einmal
gewesen war.
.Aomame., sagte die alte Dame, als wolle sie ihr etwas
er.ffnen. .Besser, ich sage es Ihnen jetzt. Es war vielleicht
nicht richtig, aber ich habe ohne Ihre Zustimmung
Nachforschungen über Ihren pers.nlichen Hintergrund
angestellt..
Aomame kam wieder zu sich und sah die alte Dame
überrascht an.
.Gleich nachdem wir uns das erste Mal hier getroffen und
miteinander gesprochen hatten., sagte die alte Dame. .Ich
hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel..
.Nein, ich nehme es Ihnen nicht übel., sagte Aomame.
.Nachforschungen über mich anstellen zu lassen war unter
den gegebenen Umst.nden ganz natürlich. Denn was wir
tun, ist ja nicht gerade allt.glich..
.Das stimmt. Wir wandeln auf einem schmalen, sehr
gef.hrlichen Pfad. Und gerade deshalb müssen wir
einander vertrauen. Aber Vertrauen kann es nicht geben,
wenn man über den anderen nicht wei., was man wissen
sollte. Deshalb habe ich alles über Sie in Erfahrung
gebracht. Von der Gegenwart bis weit zurück in Ihre
Vergangenheit. Das hei.t, fast alles. Niemand kann restlos
alles über einen Menschen wissen. H.chstens Gott..
.Oder der Teufel., sagte Aomame.
.Oder der Teufel., wiederholte die alte Dame. Sie
l.chelte. .Mir ist bewusst, dass Sie in Ihrer Kindheit durch
eine Sekte seelische Verletzungen erlitten haben. Ihre
Eltern waren begeisterte Mitglieder der Zeugen Jehovas und
sind es noch. Sie haben Ihnen nie verziehen, dass Sie den
Glauben aufgegeben haben, und grollen Ihnen bis heute..
Aomame nickte stumm.
Die alte Dame fuhr fort. .Meiner ehrlichen überzeugung
nach sind die religi.sen Vorstellungen der Zeugen Jehovas
nicht vertretbar. Stellen Sie sich vor, Sie w.ren als Kind
einmal schwer verletzt worden oder h.tten eine Krankheit
bekommen, die eine Operation erforderlich gemacht h.tte.
Wahrscheinlich w.ren Sie gestorben. Wer so weit geht,
lebenserhaltende Operationen zu verweigern, weil sie
angeblich den biblischen Gesetzen widersprechen, ist
nichts weiter als eine Sekte. Das ist ein Missbrauch von
Religion, der jede Grenze überschreitet..
Aomame nickte. Die These, dass Bluttransfusionen
abzulehnen seien, wurde den Kindern der Zeugen Jehovas
von Anfang an eindringlich eingebl.ut. Man lehrte sie, es
liege eine weit gr..ere Seligkeit darin, mit reinem K.rper
und reiner Seele zu sterben und ins Paradies einzugehen,
als gegen Gottes Gebot eine Bluttransfusion zu erhalten
und in die H.lle zu stürzen. Für Kompromisse war kein
Platz. Es gab nur zwei Wege, denen man folgen konnte –
dem, der in die H.lle, oder dem, der ins Paradies führte.
Die Kinder verfügten noch über kein kritisches
Urteilsverm.gen. Sie wussten nicht, ob diese Thesen
gesellschaftlich anerkannt oder aus wissenschaftlicher Sicht
korrekt waren. Sie glaubten einfach nur, was ihre Eltern
ihnen beibrachten. H.tte ich als kleines Kind eine
Bluttransfusion ben.tigt, dachte Aomame, dann h.tte ich
sicher auf Gehei. meiner Eltern darauf verzichtet und den
Tod gew.hlt. Und w.re ins Paradies oder an irgendeinen
anderen bl.den Ort gekommen.
.Ist diese Sekte bekannt?., fragte Aomame.
.Die Leute nennen sich .Die Vorreiter.. Sicher haben Sie
den Namen schon einmal geh.rt. Eine Zeit lang war er
jeden Tag in den Zeitungen..
Aomame konnte sich nicht erinnern, den Namen schon
einmal geh.rt zu haben. Dennoch hielt sie es für klüger,
nur vage zu nicken und nichts zu sagen. Sie war sich
bewusst, dass sie gerade nicht im eigentlichen Jahr 1984
lebte, sondern offenbar in der leicht abge.nderten Welt
von 1Q84. Noch war es nicht mehr als eine Vermutung, die
allerdings von Tag zu Tag an Wahrscheinlichkeit gewann.
Und Informationen, über die sie nicht verfügte, schien es in
dieser neuen Welt noch viele zu geben. Sie musste bis auf
Weiteres sehr aufmerksam sein.
Die alte Dame fuhr mit ihrem Bericht fort. .Die Vorreiter
haben als kleine Landkommune angefangen. Eine
linksgerichtete Gruppe, die das Stadtleben hinter sich
gelassen hatte, bildete ihren Kern und führte sie an.
Irgendwann gab es eine abrupte Wende, und sie
verwandelten sich in eine religi.se Gemeinschaft. Der
gr..te Teil der Mitglieder scheint allerdings geblieben zu
sein. Inzwischen sind die Vorreiter auch rechtlich als
religi.se Gemeinschaft anerkannt, aber von dem, was in der
Gruppe selbst vorgeht, ist in der .ffentlichkeit kaum etwas
bekannt. Grunds.tzlich geh.rt sie zu den buddhistischen
Geheimlehren, aber die religi.sen Inhalte sind sozusagen
Staffage. Und doch haben sie in sehr kurzer Zeit eine ganze
Menge Anh.nger um sich geschart und sind ziemlich
m.chtig geworden. Obwohl sie wahrscheinlich mit dieser
Schie.erei damals irgendetwas zu tun hatten, hat ihr Image
nicht gelitten. Weil sie so erstaunlich clever damit
umgegangen sind. Am Ende war die Sache sogar noch
Reklame für sie..
Die alte Dame seufzte und fuhr fort.
.Es ist nicht allgemein bekannt, aber die Sekte hat einen
Gründer, der als .Leader. bezeichnet wird. Er gilt als ein
Mann mit einzigartigen F.higkeiten. Es hei.t, er k.nne
unheilbare Krankheiten heilen, die Zukunft voraussagen
und alle m.glichen paranormalen Ph.nomene bewirken.
Natürlich alles Taschenspielertricks; dennoch scheint er
viele Menschen anzuziehen..
.Paranormale Ph.nomene?.
Die alte Dame zog ihre sch.n geformten Augenbrauen
zusammen. .Was das konkret bedeutet, wei. ich nicht. Ich
habe, um es deutlich zu sagen, keinerlei Interesse an
okkulten Dingen. Dergleichen Betrügereien wiederholen
sich seit Menschengedenken st.ndig und überall auf der
Welt. Die Masche ist immer die gleiche. Dennoch findet sie
offenbar stets aufs Neue ihre Opfer. Denn die meisten
Menschen auf der Welt glauben nicht die Wahrheit,
sondern lieber etwas, von dem sie wünschen, dass es die
Wahrheit w.re. Manche Menschen k.nnen ihre Augen
noch so weit aufrei.en und in Wirklichkeit doch nichts
sehen. Sie zu betrügen, ist anscheinend kinderleicht..
.Vorreiter., sagte Aomame. Klang wie der Name eines
Schnellzugs. Eine religi.se Gruppe h.tte sie dahinter nicht
vermutet.
Als Tsubasa das Wort h.rte, senkte sie einen Augenblick
die Lider, als reagiere sie auf einen besonderen darin
verborgenen Klang. Doch sofort .ffnete sie die Augen
wieder, und ihr Gesicht nahm die gleiche ausdruckslose
Miene an. Es war, als sei in ihr pl.tzlich eine kleine
Turbulenz entstanden, die sich ebenso pl.tzlich wieder
gelegt hatte.
.Es war der Gründer der Vorreiter, der Tsubasa
vergewaltigt hat., sagte die alte Dame. .Unter dem
Vorwand, sie spirituell zu erwecken, hat er den
Geschlechtsverkehr mit ihr erzwungen. Bevor sie ihre erste
Periode habe, müsse dieses Ritual vollzogen sein, wurde
den Eltern weisgemacht. Nur einem noch unbefleckten
M.dchen k.nne er ein reines spirituelles Erwachen
gew.hren. Die starken Schmerzen, die dabei entstünden,
seien unvermeidlich, denn sie seien das Tor, das auf dem
Weg zu einer h.heren Ebene zu durchschreiten sei. Die
Eltern haben ihm geglaubt. Es ist wirklich erstaunlich, wie
einf.ltig Menschen sein k.nnen. Der Fall der kleinen
Tsubasa ist nicht der einzige. Dieser Gründer ist zweifellos
ein perverser Mensch mit abartigen sexuellen Vorlieben.
Die Gemeinde und die Lehre sind für ihn nicht mehr als
eine nützliche Kulisse, hinter der er seine pers.nlichen
Begierden verbirgt..
.Hat dieser Mann auch einen Namen?.
.Den konnte ich bisher leider noch nicht in Erfahrung
bringen. Er wird immer nur als .Leader. bezeichnet. über
seinen Charakter, seine pers.nliche Geschichte und sein
Aussehen ist mir nichts bekannt. Meine Nachforschungen
haben bisher nichts ergeben. Er wird v.llig abgeschirmt.
Sein Hauptquartier in den Bergen von Yamanashi ist nicht
zug.nglich, und in der .ffentlichkeit tritt er so gut wie nie
auf. Auch innerhalb seiner Gemeinschaft ist ihm nur eine
geringe Zahl von Personen jemals begegnet. Es hei.t, er