halte sich stets an einem dunklen Ort auf und meditiere..
.Wir k.nnen ihn nicht einfach gew.hren lassen..
Die alte Dame schaute auf Tsubasa und nickte langsam.
.Nein, wir müssen verhindern, dass es weitere Opfer gibt.
Finden Sie nicht auch?.
.Also müssen wir Ma.nahmen ergreifen..
Die alte Dame streckte wieder ihre H.nde aus und legte
sie auf Tsubasas. Sie schwieg eine Weile. .So ist es., sagte
sie dann.
.Es ist davon auszugehen, dass sich diese Verbrechen
wiederholen, nicht wahr?., fragte Aomame die alte Dame.
Diese nickte. .Es gibt sichere Beweise dafür, dass
innerhalb der Gemeinschaft mehrere M.dchen vergewaltigt
wurden..
.Wenn das wirklich stimmt, kann man es auf keinen Fall
hinnehmen., sagte Aomame in ruhigem Ton. .Sie sagen es:
Weitere Opfer dürfen wir nicht zulassen..
Im Inneren der alten Dame schienen sich mehrere
widerstreitende Gedanken zu verwirren.
.Wir brauchen genauere und profundere Erkenntnisse
über diesen .Leader.., sagte sie. .Nichts darf im Unklaren
bleiben. Immerhin geht es um ein Menschenleben..
.Dieser Mann zeigt sich fast nie in der .ffentlichkeit,
nicht wahr?.
.Nein. Und er wird offenbar sehr streng bewacht..
Aomame kniff die Augen zusammen. Sie dachte an ihren
Eispick, der tief in einer Schublade in ihrem Kleiderschrank
verborgen lag. An seine t.dliche Spitze. .Sieht nach einem
schwierigen Fall aus., sagte sie.
.Es ist ein ganz besonders schwieriger Fall., sagte die alte
Dame. Sie nahm ihre H.nde von Tsubasas und strich sich
mit den Mittelfingern leicht über die Augenbrauen. Das
war ein Zeichen, dass sie keinen Rat wusste – was nicht
h.ufig vorkam.
.Praktisch stelle ich es mir ziemlich schwierig vor, allein
nach Yamanashi in die Berge zu fahren, mich in die streng
gesicherte Gemeinschaft einzuschleichen, den Leader zu
erledigen und mich dann in aller Ruhe davonzumachen. In
einem Ninja-Film w.re das kein Problem..
.Ich denke nicht daran, so etwas von Ihnen zu verlangen.
Natürlich nicht., sagte die alte Dame in ernstem Ton. Dann
verzog sie die Mundwinkel zu einem leichten L.cheln, als
falle ihr erst jetzt auf, dass es sich um einen Scherz
handelte. .So etwas kommt nicht in Frage..
.über noch etwas mache ich mir Gedanken., sagte
Aomame und sah der alten Dame in die Augen. .Die Little
People. Wer oder was sind sie? Und was haben sie mit
Tsubasa gemacht? Wir brauchen wohl auch noch ein paar
Informationen über diese Little People..
Die Finger der alten Dame ruhten noch immer auf ihren
Augenbrauen. .Darüber habe ich mir auch schon
Gedanken gemacht. Tsubasa spricht kaum, doch die Little
People hat sie wie gesagt mehrmals erw.hnt. Sie müssen
irgendeine herausragende Bedeutung haben. Aber sie sagt
mir nicht, wer oder was diese Little People sind. Sobald ich
Tsubasa auf sie anspreche, schweigt sie hartn.ckig. Geben
Sie mir noch etwas Zeit. Ich versuche mehr
herauszufinden..
.K.nnen Sie auch noch ausführlichere Informationen
über die Vorreiter beschaffen?.
Die alte Dame l.chelte ruhig. .Es gibt nichts auf dieser
Welt, das man mit Geld nicht kaufen kann. Und ich bin –
besonders in dieser Angelegenheit – bereit, eine Menge
Geld hinzulegen. Es kann eine Weile dauern, aber ich
werde die n.tigen Auskünfte ganz sicher bekommen..
O doch, dachte Aomame, es gibt Dinge, die man mit
allem Geld der Welt nicht kaufen kann. Zum Beispiel den
Mond.
Sie wechselte das Thema. .Wollen sie Tsubasa wirklich zu
sich nehmen und gro.ziehen?.
.Natürlich. Ich habe vor, sie offiziell zu adoptieren..
.Es ist Ihnen bestimmt bewusst, aber die gesetzlichen
Formalit.ten sind sicher sehr kompliziert. Vor allem unter
diesen Umst.nden..
.Darauf bin ich selbstverst.ndlich vorbereitet., sagte die
alte Dame. .Ich werde mit allen mir zu Gebote stehenden
Mitteln arbeiten und alles tun, was m.glich ist. Ich werde
Tsubasa niemand anderem überlassen..
In die Stimme der alten Dame mischte sich ein scharfer
Ton. Noch nie hatte sie Aomame gegenüber so viel von
ihren Gefühlen preisgegeben. Das beunruhigte Aomame ein
wenig. Anscheinend erkannte die alte Dame Aomames
Unbehagen an ihrem Gesichtsausdruck.
Sie senkte ihre Stimme und sprach in vertraulichem Ton.
.Ich habe es noch niemals jemandem erz.hlt. Es immer für
mich behalten, weil es mir so schwerfiel, darüber zu
sprechen. Aber zu Ihnen will ich aufrichtig sein. Meine
Tochter war schwanger, als sie sich das Leben genommen
hat. Im sechsten Monat. Wahrscheinlich wollte sie den
kleinen Jungen nicht zur Welt bringen. Also hat sie das
Kind mit sich in den Tod genommen. W.re er geboren
worden, h.tte er jetzt Tsubasas Alter. Ich habe damals
nicht nur einen, sondern zwei Menschen verloren..
.Das tut mir sehr leid., sagte Aomame.
.Haben Sie keine Angst. Meine pers.nlichen Erfahrungen
beeintr.chtigen mein Urteilsverm.gen keineswegs. Ich
werde Sie niemals unn.tig in Gefahr bringen. Auch Sie sind
wie eine geliebte Tochter für mich. Wir sind ja bereits eine
Familie..
Aomame nickte schweigend.
.Es gibt st.rkere Bindungen als Blutsbande., sagte die
alte Dame ruhig.
Aomame nickte noch einmal.
.Dieser Mann muss unter allen Umst.nden
verschwinden., sagte die alte Dame wie zu sich selbst.
Dann sah sie Aomame ins Gesicht. .Wir brauchen
m.glichst rasch eine Gelegenheit, um ihn aus dem Weg zu
r.umen. Bevor er noch jemandem etwas antun kann..
Aomame beobachtete Tsubasa, die ihr gegenübersa.. Ihre
Augen blickten ins Leere. Sie starrte auf einen Punkt im
Raum. Das kleine M.dchen wirkte auf Aomame wie eine
leere, abgeworfene Hülle.
.Aber wir wollen auch nichts überstürzen., sagte die alte
Dame. .Wir müssen .u.erste Geduld üben und sehr
wachsam sein..
Die alte Dame wollte die Kleine zu Bett bringen, und
Aomame lie. sie bei Tsubasa zurück und verlie. allein das
Haus. In dem gro.en Raum im Erdgeschoss sa.en vier
Frauen ins Gespr.ch vertieft um den Tisch. Die Szene
wirkte fast irreal auf Aomame, als w.ren die Frauen Teil
eines fiktiven Gem.ldes, das den Titel .Frauen, die
Geheimnisse teilen. h.tte tragen k.nnen. Auch als
Aomame an ihnen vorbeiging, .nderte sich nichts an
diesem Arrangement.
Vor der Eingangstür bückte sich Aomame und streichelte
die Sch.ferhündin, die glücklich mit dem Schwanz wedelte.
Sie fragte sich, warum der Hund, sooft sie ihm begegnete,
eine so bedingungslose Freude zeigte. Aomame hatte noch
nie in ihrem Leben ein Tier besessen, keinen Hund, keine
Katze, keinen Vogel. Nicht einmal eine Topfpflanze hatte
sie je ihr Eigen genannt. Pl.tzlich fiel es ihr wieder ein, und
sie schaute zum Himmel, der jedoch von einer
gleichm..igen grauen Wolkenschicht bedeckt war, die die
Ankunft der Regenzeit ankündigte. Von den Monden war
nichts zu sehen. Es war eine ruhige, windstille Nacht.
Obwohl das Mondlicht sanft durch die Wolken
schimmerte, konnte sie nicht erkennen, wie viele Monde es
waren.
Auf dem Weg zur U-Bahn-Station kreisten Aomames
Gedanken um die Absonderlichkeit des Daseins. Wenn wir,
wie die alte Dame meint, nicht mehr sind als Transporteure
von Genen, so fragte sie sich, warum müssen dann wohl so
viele Menschen ein so abseitiges Leben führen? W.re das
Ziel der Weitergabe von DNA nicht ausreichend erfüllt,
wenn man um nichts anderes als Lebensunterhalt und
Fortpflanzung bemüht dahinleben würde? Ohne sich
überflüssigen Gedanken hinzugeben? War es für die Gene
ein Vorteil, dass manche Menschen ein so verqueres Leben
führten?
Ein Mann, der Vergnügen daran fand, noch nicht
geschlechtsreifen M.dchen Gewalt anzutun, ein
muskelbepackter schwuler Leibw.chter; tiefgl.ubige
Menschen, die lieber freiwillig starben, als sich einer
Bluttransfusion zu unterziehen; eine im sechsten Monat
schwangere Frau, die sich mit Schlaftabletten vergiftete;
eine Frau, die unliebsame M.nner t.tete, indem sie ihnen
eine spitze Nadel in den Nacken stie.. M.nner, die Frauen
hassten, und Frauen, die M.nner hassten. Welchen Vorteil
brachte es für die Gene, dass solche Menschen existierten?
Dienten sie blo. der Zerstreuung dieser Gene oder doch
einem bestimmten anderen Zweck?
Aomame wusste es nicht. Was sie jedoch wusste, war,
dass sie mittlerweile keine andere Wahl mehr hatte als
dieses Leben. Es gibt keine M.glichkeit, dachte sie, es
gegen ein anderes, neues einzutauschen. Es mag seltsam
sein, es mag schr.g sein, aber es ist mein Leben. Es ist ich.
Wie sch.n w.re es, wenn die alte Dame und Tsubasa
glücklich werden k.nnten, dachte Aomame, w.hrend sie
lief. Wenn sie wirklich glücklich werden k.nnten, würde es
ihr nicht einmal etwas ausmachen, sich für sie zu opfern.
Sie selbst hatte ohnehin keine nennenswerte Zukunft. Aber
wenn sie ehrlich war, konnte sie sich nicht vorstellen, dass
die beiden eines Tages ein friedliches, zufriedenes – oder
zumindest ganz normales – Leben führen k.nnten. Wir
sind mehr oder weniger alle von der gleichen Art, dachte
Aomame. Jede von uns hat im Laufe ihres Lebens zu viel
durchgemacht. Die alte Dame hat recht. Wir sind so etwas
wie eine Familie. Eine gro.e Familie, die einen endlosen
Krieg führt, in der alle besch.digt sind. Unsere
Gemeinsamkeit besteht in unseren seelischen
Verletzungen.
W.hrend Aomame noch über diese Dinge nachdachte,
überkam sie das heftige physische Verlangen nach einem
Mann. Kopfschüttelnd fragte sie sich, wieso in aller Welt
ihr ausgerechnet jetzt nach einem Mann zumute war. Ob
diese Woge des Verlangens von seelischer Anspannung
herrührte, ob es sich um ein natürliches Signal handelte,
das die in ihr gespeicherten Eizellen aussandten, oder ob es
ein Trick ihrer Gene war? Jedenfalls ging das Gefühl
ziemlich tief. .Ich muss es mal wieder richtig krachen
lassen., h.tte Ayumi wohl gesagt. Was sollte Aomame tun?
Sie konnte in die übliche Bar gehen und einen passenden
Mann aufrei.en. Bis Roppongi war es nur eine Station.
Aber sie war zu müde. Au.erdem war sie nicht in einem
Aufzug, in dem man sich einen Mann anlachte.
ungeschminkt, in Turnschuhen und mit einer Sporttasche
aus Plastik in der Hand. Sie würde nach Hause fahren, eine
Flasche Rotwein .ffnen, masturbieren und schlafen. Das
war das Beste. Und sie würde aufh.ren, über den Mond
nachzudenken.
Der Mann, der Aomame von Hiroo bis Jiyugaoka in der
Bahn gegenübersa., war .u.erlich ganz nach ihrem
Geschmack. Etwa Mitte vierzig, ovales Gesicht,
zurückweichender Haaransatz. Auch die Form seines
Kopfes war nicht übel. Er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe
und trug eine modische Brille mit schmalem schwarzem
Rahmen. Vernünftig gekleidet war er auch. Er trug ein
leichtes Sommerjackett aus Baumwolle, ein wei.es
Polohemd und braune Slipper. Auf seinem Scho. lag eine
lederne Aktenmappe. Seinem Erscheinungsbild nach war er
ein Angestellter, hatte aber bestimmt keinen bequemen
Job. Er h.tte Verlagslektor oder Architekt in einem kleinen
Architekturbüro sein k.nnen. Vielleicht hatte er auch etwas
mit Mode zu tun. Er war in ein Taschenbuch vertieft.
Aomame wünschte sich, mit ihm irgendwohin zu gehen
und wilden Sex zu haben. Sie stellte sich vor, wie sie den
erigierten Penis des Mannes mit einer Hand fest umschloss.
So fest, dass sie ihm das Blut abdrückte. Und mit der
anderen Hand z.rtlich seine Hoden massierte. Es juckte ihr
in den Fingern, die auf ihren Knien lagen. Ohne es zu
merken, .ffnete und schloss sie ihre H.nde. Ihr Atem ging
schneller, ihre Schultern hoben und senkten sich. Langsam
fuhr sie sich mit der Zungenspitze über die Lippen.
Aber in Jiyugaoka musste sie aussteigen. Ohne zu wissen,
dass er das Objekt erotischer Phantasien geworden war,
blieb der Mann bis wohin auch immer sitzen und las weiter
in seinem Taschenbuch. Er schien die Frau auf dem Platz
gegenüber nicht einmal bemerkt zu haben. Beim
Aussteigen musste Aomame den Impuls unterdrücken, ihm
sein bl.des Taschenbuch aus der Hand zu rei.en.
Um ein Uhr morgens lag Aomame in ihrem Bett. Sie
schlief tief und hatte einen erotischen Traum. In diesem
Traum hatte sie sch.ne Brüste von der Form und Gr..e
von Pampelmusen. Ihre Brustwarzen waren hart und gro..
Sie presste sie gegen den Unterleib eines Mannes. Sie
schlief nackt mit gespreizten Beinen, ihre Kleider lagen auf
dem Boden. Was die schlafende Aomame nicht wusste,
war, dass noch immer die beiden Monde am Himmel
standen. Der gute alte gro.e Mond und der neue kleine.
Tsubasa und die alte Dame waren im selben Raum
eingeschlafen. Tsubasa hatte sich in ihrem neuen karierten
Pyjama ganz klein auf dem Bett zusammengerollt. Die alte
Dame schlief in dem Lehnstuhl daneben. Um ihre Knie war
eine Decke geschlagen. Sie hatte sich eigentlich
zurückziehen wollen, sobald Tsubasa schlief, doch nun war
sie selbst eingeschlafen. In dem Haus, das zurückgesetzt
auf einer Anh.he stand, war tiefe Stille eingekehrt. Nur das
durchdringende Auspuffknattern eines durch entfernte
Stra.en rasenden Motorrads und das Heulen von
Krankenwagensirenen waren gelegentlich zu h.ren. Auch
die Sch.ferhündin schlief zusammengerollt vor der
Eingangstür. Alle Vorh.nge waren zugezogen, aber das
wei.e Licht der Quecksilberlaternen sickerte hindurch. Hin
und wieder riss die Wolkendecke auf, und die beiden
Monde erschienen. Die Weltmeere richteten nun ihre
Gezeitenstr.me nach ihnen.
Tsubasa schlief mit leicht ge.ffnetem Mund, eine Wange
in das Kissen geschmiegt. Sie atmete kaum merklich, und
ihr K.rper war fast bewegungslos. Nur ihre Schultern
zuckten mitunter ein bisschen. Ihr Stirnhaar hing ihr in die
Augen.
Bald .ffnete sich langsam ihr Mund, und nacheinander
krochen die Little People daraus hervor. Sich vorsichtig
umschauend, kamen sie einer nach dem anderen heraus.
Wenn die alte Dame aufgewacht w.re, h.tte sie sie sehen
k.nnen, aber sie schlief tief und fest. So bald würde sie
nicht aufwachen. Die Little People wussten das. Insgesamt