waren es fünf. Als sie aus Tsubasas Mund schlüpften,
hatten sie etwa die Gr..e ihres kleinen Fingers, aber sobald
sie im Freien standen, entfalteten sie sich wie Klappm.bel,
bis sie eine Gr..e von etwa drei.ig Zentimetern erreicht
hatten. Alle trugen die gleiche, merkmalslose Kleidung.
Auch ihre Gesichter wiesen keine Besonderheiten auf,
sodass man sie nicht voneinander unterscheiden konnte.
Sie kletterten vom Bett auf den Boden und zogen einen
Gegenstand von der Gr..e eines Nikuman, eines mit
Fleisch gefüllten Hefeklo.es, hervor. Dann nahmen sie ihn
in ihre Mitte und begannen eifrig daran herumzuhantieren.
Das Ding war wei., dick und elastisch. Die Little People
reckten die Arme in die H.he und spannen mit geübten
Fingern einen wei.en halbtransparenten Faden aus der
Luft, mit dem sie das Ding allm.hlich vergr..erten. Dieser
Faden schien über eine geeignete Klebrigkeit zu verfügen.
Inzwischen hatten die Little People eine K.rpergr..e von
fast sechzig Zentimetern erreicht. Offenbar konnten sie
diese nach Bedarf variieren.
Stumm und emsig arbeiteten die Little People mehrere
Stunden lang. Ihre Zusammenarbeit ging v.llig reibungslos
vonstatten. Tsubasa und die alte Dame schliefen die ganze
Zeit über tief und ohne sich zu bewegen. Auch die anderen
Frauen im Haus lagen in ungew.hnlich tiefem Schlummer.
Die Sch.ferhündin schien zu tr.umen, ein Winseln entrang
sich den Tiefen ihres Unterbewusstseins, und sie w.lzte
sich auf dem Rasen.
Und über allem standen, als h.tten sie sich verabredet,
die beiden Monde und tauchten die Welt in ihr seltsames
Licht.
KAPITEL 20
Tengo
Die armen Giljaken
Tengo konnte nicht einschlafen. Fukaeri lag in seinem
Pyjama im Bett und schlief fest. Er hatte sich auf der Couch
ein einfaches Lager zurechtgemacht (sie war nicht
unbequem, er hielt dort auch h.ufig ein
Mittagsschl.fchen), aber alles Liegen half nicht, er fühlte
sich einfach nicht müde. Also setzte er sich an den
Küchentisch und schrieb weiter an seinem Roman. Das
Textverarbeitungsger.t stand im Schlafzimmer, daher
schrieb er mit Kugelschreiber auf Aufsatzpapier. Er
empfand das nicht als besonders umst.ndlich. Wegen der
gr..eren Geschwindigkeit und seiner Speicherkapazit.t
war das Textverarbeitungsger.t natürlich praktisch, aber
Tengo genoss es, die Zeichen auf diese altmodische Weise
mit der Hand zu Papier zu bringen.
Jedenfalls kam es .u.erst selten vor, dass Tengo mitten in
der Nacht schrieb. Am liebsten arbeitete er, wenn es
drau.en hell war und die Menschen ihrem Tagewerk
nachgingen. Schrieb er jedoch, wenn alles um ihn im
Dunkeln lag und tiefe Stille herrschte, fielen seine Texte
mitunter zu dicht und zu schwer aus. Teile, die er nachts
verfasst hatte, musste er stets am Tag noch einmal
umschreiben. So arbeitete er besser gleich bei Tageslicht.
Doch jetzt, als er seit l.ngerer Zeit wieder einmal nachts
mit seinem Kugelschreiber hantierte, arbeitete sein
Verstand mühelos. Er sprühte vor Ideen, und seine
Geschichte floss frei dahin. Ein Gedanke verband sich auf
ganz natürliche Weise mit dem n.chsten. Kaum einmal
geriet der Fluss ins Stocken, und unabl.ssig glitt die Spitze
des Kugelschreibers mit einem leichten Schaben über das
wei.e Papier. Irgendwann ermüdete Tengos rechte Hand,
und er bewegte die Finger in der Luft wie ein Pianist, der
imagin.re Tonleitern übt. Es ging auf halb eins zu. Drau.en
herrschte eine fast unheimliche Stille. Die Wolken, die den
Himmel über der Stadt wie eine dicke Schicht aus Watte
bedeckten, schienen jedes überflüssige Ger.usch zu
ersticken.
Wieder ergriff er den Stift und reihte die W.rter auf dem
Papier aneinander. Pl.tzlich fiel ihm etwas ein. Morgen war
der Tag, an dem für gew.hnlich seine Freundin kam. Wie
immer freitags gegen elf Uhr vormittags. Davor musste er
Fukaeri noch irgendwie loswerden. Glücklicherweise
benutzte sie kein Parfum, denn seine Freundin h.tte den
Geruch einer anderen Person in seinem Bett sofort
bemerkt. Sie war von Natur aus sehr argw.hnisch und
eifersüchtig. Dass sie selbst hin und wieder mit ihrem
Mann schlief, spielte für sie keine Rolle. Doch Tengo
brauchte nur mit einer anderen Frau auszugehen, und sie
wurde ernsthaft b.se.
.Dass ich mit meinem Mann schlafe, ist etwas v.llig
anderes., hatte sie ihm erkl.rt. .Das geht auf separate
Rechnungen..
.Separat?.
.Das sind zwei ganz verschiedene Posten..
.Du meinst in deinem Gefühlshaushalt?.
.Genau. Die verwendeten K.rperteile sind zwar
dieselben, aber es kommen unterschiedliche Gefühle zum
Einsatz. Als erwachsene Frau besitze ich die F.higkeit zu
trennen. Aber dass du mit einer anderen Frau schl.fst,
kann ich nicht erlauben..
.Das mache ich doch gar nicht., sagte er.
.Auch wenn du mit keiner anderen Sex hast., sagte seine
Freundin, .beleidigt es mich, wenn du allein die
M.glichkeit in Betracht ziehst..
.Allein die M.glichkeit?., fragte Tengo erstaunt.
.Du scheinst weibliche Gefühle nicht zu verstehen. Und
das, obwohl du Romane schreibst..
.Das kommt mir aber ziemlich unfair vor..
.Kann sein. Ich werde es wiedergutmachen., sagte sie.
Und das war nicht gelogen.
Tengo war nicht unglücklich in der Beziehung zu seiner
.lteren Freundin. Sie war keine Sch.nheit im landl.ufigen
Sinne, aber ihr Gesicht hatte etwas entschieden Einmaliges.
Es gab vielleicht sogar Menschen, die es h.sslich fanden.
Aber Tengo hatte es von Anfang an gefallen. Au.erdem gab
es im Bett nicht das Geringste an ihr auszusetzen. Ihrerseits
stellte sie keine gro.en Anforderungen an Tengo. Nur, dass
sie einmal pro Woche drei oder vier Stunden zusammen
verbrachten und miteinander schliefen. Wenn m.glich
zweimal. Und dass er sich keiner anderen Frau n.herte. Im
Grunde war das alles, was sie von ihm verlangte. Sie hing
sehr an ihrer Familie und hatte nicht die Absicht, sie für
Tengo aufzugeben. Es war nur so, dass die sexuelle
Beziehung zu ihrem Mann sie nicht ausreichend
befriedigte. Für beide – sie und Tengo – hielten sich die
Vor- und Nachteile einigerma.en die Waage.
Tengo verspürte kein besonderes Verlangen nach anderen
Frauen. Was er vor allem brauchte, war, ungest.rt Zeit für
sich verbringen zu k.nnen. Regelm..iger
Geschlechtsverkehr war garantiert, also gab es für ihn keine
Veranlassung, nach anderen Frauen Ausschau zu halten. Er
hatte ohnehin kein Interesse, gleichaltrige Frauen
kennenzulernen. Sich zu verlieben, eine feste Beziehung
einzugehen und die Verantwortung anzunehmen, die dies
unweigerlich mit sich brachte, schien ihm nicht
erstrebenswert. Die Entwicklungsphasen einer Beziehung,
die Andeutungen hinsichtlich ihrer M.glichkeiten, die
Erwartungshaltung, die kaum zu vermeidenden Konflikte –
mit all diesen komplizierten Dingen wollte er sich
m.glichst nicht belasten.
Schon die Vorstellung von Verpflichtungen machte Tengo
Angst und lie. ihn zurückschrecken. So hatte er in seinem
bisherigen Leben stets alle verpflichtenden Bindungen
geschickt vermieden. Er lebte allein, frei und ruhig, indem
er sich nicht in komplizierte zwischenmenschliche
Beziehungen verwickeln lie., Einschr.nkungen durch die
Regeln anderer so gut wie m.glich vermied und weder gab
noch nahm. Er war konsequent und bereit, auch damit
verbundene Nachteile in Kauf zu nehmen.
So hatte es Tengo schon früh im Leben zu einer Methode
gemacht, sich unauff.llig zu verhalten. Er bemühte sich
stets, seine F.higkeiten herunterzuspielen, seine
pers.nliche Meinung für sich zu behalten, sich nicht
hervorzutun und sich überhaupt m.glichst im Hintergrund
zu halten. Tengo war von Kindheit an immer auf sich
gestellt gewesen. Aber ein Kind ist nie wirklich unabh.ngig.
Wenn sich ein starker Wind erhob, musste er sich eine
Zuflucht suchen und sich an etwas festklammern, um nicht
davongeweht zu werden. Nie durfte er die Gefahr aus den
Augen verlieren. Wie die Waisenkinder in den Romanen
von Dickens.
Bisher war Tengos Leben einigerma.en günstig verlaufen.
Es war ihm gr..tenteils gelungen, Verpflichtungen aus
dem Weg zu gehen. Ohne an der Universit.t zu bleiben,
eine feste Stelle anzunehmen oder zu heiraten, hatte er
einen Beruf gefunden, der ihm vergleichsweise viel Freiheit
lie.; er hatte eine Sexualpartnerin, die ihn befriedigte (und
kaum Ansprüche stellte), und konnte seine reichlich
vorhandene Zeit auf das Schreiben verwenden. Zu guter
Letzt war er noch zuf.llig seinem literarischen Mentor
Komatsu über den Weg gelaufen, dem er regelm..ige
Auftr.ge verdankte. Von seinen Romanen war zwar noch
keiner erschienen, aber ansonsten gab es in seinem Leben
keine Einschr.nkungen. Er hatte keine Freunde und keine
Freundin, die erwarteten, dass er sich mit ihnen
verabredete. Bisher hatte er mit etwa zehn Frauen
geschlafen. Keine der Beziehungen hatte l.nger gehalten,
doch zumindest war er frei.
Aber seit er das Manuskript von Fukaeris .Die Puppe aus
Luft. in die H.nde bekommen hatte, schien sein friedliches
Leben an einigen Stellen aus den Fugen zu geraten. Zum
einen hatte Komatsu ihn beinahe mit Gewalt in seinen
riskanten Plan hineingezogen. Dann hatte die sch.ne junge
Frau ihn auf eine pers.nliche und wundersame Weise in
seinem Innersten berührt. Seine Arbeit an .Die Puppe aus
Luft. schien einen Wandel in ihm hervorgerufen zu haben,
durch den er nun getrieben wurde, mit nie zuvor
gekanntem Ehrgeiz einen eigenen Roman zu schreiben.
Dies war natürlich ein Wandel zum Besseren. Praktisch
jedoch war damit sein bisheriger selbstgenügsamer
Lebensstil einschneidenden Ver.nderungen unterworfen.
Jedenfalls war morgen Freitag. Seine Freundin würde
kommen. Bis dahin musste er Fukaeri aus dem Haus haben.
Gegen zwei Uhr morgens stand Fukaeri pl.tzlich auf. Sie
.ffnete die Schlafzimmertür und kam im Pyjama in die
Küche. Sie trank ein gro.es Glas Leitungswasser und setzte
sich, w.hrend sie sich die Augen rieb, Tengo gegenüber an
den Küchentisch.
.St.re ich., fragte sie wie üblich ohne fragende
Intonation.
.Nein, du st.rst nicht..
.Was schreiben Sie da..
Tengo klappte seinen Block zu und legte den
Kugelschreiber auf den Tisch.
.Nichts Besonderes., sagte Tengo. .Ich wollte sowieso
allm.hlich Schluss machen..
.Kann ich ein bisschen bei Ihnen sitzen., fragte Fukaeri.
.Aber sicher. Ich trinke einen Schluck Wein. M.chtest du
auch?.
Sie schüttelte den Kopf. Nein, danke, hie. das. .Ich
m.chte eine Weile aufbleiben..
.In Ordnung. Ich bin auch noch nicht müde..
Tengos Pyjama war Fukaeri viel zu gro., und sie hatte
.rmel und Hosenbeine weit hochgekrempelt. Wenn sie
sich nach vorn beugte, konnte er den Ansatz ihrer Brüste
sehen. Beim Anblick von Fukaeri in seinem Schlafanzug fiel
Tengo das Atmen seltsam schwer. Er .ffnete den
Kühlschrank und goss sich den Rest Wein ins Glas, der
noch in der Flasche war.
.Hast du keinen Hunger?., fragte Tengo. Auf dem Weg
zu seiner Wohnung waren die beiden in ein kleines
Restaurant am Bahnhof Koenji eingekehrt und hatten
Spaghetti gegessen. Aber die Portionen waren nicht gro.
gewesen, au.erdem war seither einige Zeit vergangen. .Ich
k.nnte dir ein Sandwich oder eine andere Kleinigkeit
machen..
.Nein. Ich würde lieber lesen, was Sie geschrieben
haben..
.Jetzt gleich?.
.Ja..
Tengo nahm den Kugelschreiber und zwirbelte ihn
zwischen den Fingern. Er wirkte sehr klein in seiner gro.en
Hand. .Ich zeige mein Manuskript niemandem, bevor es
fertig ist. Das bringt Unglück..
.Unglück..
.Ein pers.nlicher Aberglaube..
Fukaeri sah ihn einen Moment lang an und raffte den
Schlafanzug am Kragen zusammen. .Dann lesen Sie mir
etwas anderes vor..
.Kannst du dann besser einschlafen?.
.Ja..
.Professor Ebisuno liest dir wohl oft vor?.
.Der Sensei bleibt immer bis morgens auf..
.Hat er dir auch die Geschichte von den
Heike vorgelesen?.
Fukaeri schüttelte den Kopf. .Die habe ich auf Band
geh.rt..
.Und alles behalten. Aber das müssen ja viele Kassetten
sein, oder?.
Fukaeri zeigte mit beiden H.nden die Menge, die die
Kassetten umfassten. .Sehr viele..
.Welchen Abschnitt hast du auf der Pressekonferenz
zitiert?.
.Die Flucht des Hogan aus der Hauptstadt..
.Die Taira sind geschlagen, aber bei den siegreichen
Minamoto bricht eine Fehde aus und Yoshitsune muss, von
Yoritomo vertrieben, die Hauptstadt verlassen..
.Ja..
.Welche Stellen kannst du noch auswendig?.
.Sagen Sie, was Sie h.ren m.chten..
Tengo versuchte sich an eine der zahlreichen Episoden
der langen Geschichte von den Heike zu erinnern. .Die
Seeschlacht von Dan-no-ura., sagte er aufs Geratewohl.
Schon hatten die Krieger der Genji die Schiffe der Heike
geentert.
Seeleute und Ruderer, von Pfeilen durchbohrt und
Schwertern erschlagen,
vermochten das Schiff nicht zu lenken, weil sie unten im
Schiffsbauch lagen.
Tomomori, Neuer Ratsherr der Mitte, stieg in ein Boot
und betrat des Kaisers Schiff.
.Auf dieser Welt scheint nun das Ende nah. Werft
sogleich ins Meer, was das Auge beleidigen mag., rief er. Er
eilte von hier nach da, fegte, wischte den Schmutz fort und
reinigte das Schiff mit eigener Hand.
Als die Damen fragten: .Herr Mittlerer Rat, sagt an, wie
steht es um die Schlacht?., rief er und lachte rau: .Die
Damen werden die seltene Gelegenheit haben, die
Bekanntschaft einiger M.nner aus dem Osten zu machen..
.Wie k.nnt Ihr in einem Augenblick wie diesem Euren
Spott mit uns treiben!., riefen die Damen.
Eine Nonne im zweiten Rang hatte l.ngst ihren
Entschluss gefasst. Sie legte sich ihre beiden tiefgrauen
Untergew.nder über den Kopf, raffte ihren Rock aus
Glanzseide zu beiden Seiten, klemmte sich die Gebetskette
unter den Arm, gürtete das kostbare heilige Schwert und
hob den kleinen Kaiser in ihre Arme.
.Bin ich auch nur ein Weib, so werde ich dennoch nicht