in die H.nde der Feinde fallen. Ich verlasse mit unserer
Hoheit diese Welt. Ihr, deren Herzen ihm treu ergeben
sind, eilt, mir zu folgen., rief sie und lief an den Rand des
Schiffes.
Der Kaiser war acht Jahre alt,
schien reifer doch als seine Jahre.
Strahlend sch.n sein Antlitz,
sein langes schwarzes Haar str.mte ihm den Rücken
hinab.
Verwirrt fragte der junge Kaiser:
.Wohin bringt Ihr mich, Gro.mutter?.
Mit Mühe die Tr.nen zurückhaltend, wandte sie sich ihm
zu und sprach:
.Ihr müsst es verstehen.
Kaiser wurdet Ihr, denn Ihr habt in Eurem früheren Leben
die Zehn Gebote der Güte befolgt,
doch nun rei.t ein übles Karma Euch mit sich,
und Euer Glück ist bereits aufgebraucht.
Wendet Euch gen Osten
und nehmt Abschied vom Gro.en Schrein in Ise,
sodann wendet Euch gen Westen und verneigt Euch
und sprecht den Namen von Amida-Buddha,
sodass er Euch in sein Reines Land im Westen geleite.
Diese Erde ist voll von Leid,
ich bringe Euch in ein glückliches Land, das man das
Paradies nennt.,
so sprach sie weinend.
Der junge Kaiser trug das taubenblaue Gewand und die
Frisur eines Knaben.
Die Augen voll Tr.nen legte er die sch.nen kleinen
H.nde zusammen,
kniete sich zuerst nach Osten
und nahm Abschied vom Gro.en Schrein in Ise.
Sodann wandte er sich nach Westen
und rief den Namen Amidas an.
Die Nonne zweiten Ranges hob ihn auf.
.Auch unter den Wellen liegt eine Hauptstadt.,
tr.stete sie ihn und sprang mit ihm in die Tiefe.
Als Tengo Fukaeri mit geschlossenen Augen zuh.rte,
hatte er das Gefühl, dem Vortrag eines blinden
Balladens.ngers zu lauschen. Es wurde ihm wieder
bewusst, dass es sich bei der Geschichte von den Heike um
ein ursprünglich mündlich überliefertes Epos handelte.
Fukaeri hatte eigentlich eine sehr monotone Art zu
sprechen, ohne wahrnehmbaren Akzent oder Intonation,
aber als sie zu rezitieren begann, entwickelte ihre Stimme
eine erstaunliche Kraft und Klangfülle. Es war beinahe, als
habe etwas von ihr Besitz ergriffen und beseele sie. Sie
erweckte die Ereignisse der gro.en Seeschlacht, die 1185 in
der Stra.e von Kanmon stattgefunden hatte, zu neuem
Leben. Die Niederlage der Taira – oder Heishi, wie sie auch
genannt wurden – stand bereits fest, und Tokiko, die
Gemahlin des Clanoberhaupts Kiyomori, sprang mit dem
kleinen Kaiser Antoku ins Meer. Die Hofdamen, die
ebenfalls nicht den Kriegern aus dem Osten des Landes in
die H.nde fallen wollten, folgten ihr. Tomomori, die Nonne
im zweiten Rang, bezwang ihren Schmerz und ermutigte
die adligen Damen mit neckenden Worten zum Freitod.
Falls sie den Tod scheuten, würden sie noch im Leben
einen Vorgeschmack auf die H.lle bekommen. Besser sei
es, hier auf der Stelle ihr Leben zu beenden.
.Soll ich weitermachen., fragte Fukaeri.
.Nein, das genügt. Danke sch.n., sagte Tengo, noch
immer fast sprachlos vor Staunen.
Kein Wunder, dass den Journalisten die Worte gefehlt
hatten. .Aber wie konntest du dir so etwas in voller L.nge
merken?.
.Ich habe die Kassetten immer wieder geh.rt..
.Ein normaler Mensch k.nnte das nicht alles auswendig,
auch wenn er es mehrmals geh.rt h.tte., sagte Tengo.
Pl.tzlich kam ihm ein Gedanke. Hatte diese junge Frau
zum Ausgleich für ihre Legasthenie vielleicht eine
überdurchschnittliche F.higkeit entwickelt, sich zu
merken, was sie h.rte? Wie Kinder mit Savant-Syndrom
gewaltige Mengen visueller Informationen in kürzester Zeit
in ihrem Ged.chtnis zu speichern vermochten?
.Ich m.chte ein Buch lesen., sagte Fukaeri.
.Was würde dir denn gefallen?.
.Haben Sie das Buch, von dem der Sensei neulich
gesprochen hat., fragte Fukaeri. .Das, in dem der Gro.e
Bruder vorkommt..
.1984? Nein, das habe ich nicht hier..
.Wie geht die Geschichte?.
Tengo versuchte sich an die Handlung zu erinnern. .Ich
habe es vor langer Zeit mal in der Schulbibliothek gelesen,
aber ich bekomme es nicht mehr genau zusammen.
Jedenfalls ist es schon im Jahre 1949 erschienen, als 1984
noch in ferner Zukunft lag..
.Unser Jahr..
.Ja, genau, auch die Zukunft wird irgendwann
Wirklichkeit. Und dann ist sie auch schon gleich wieder
Vergangenheit. George Orwell hat in seinem Roman die
zukünftige Gesellschaft als totalit.r und düster geschildert.
Sie wird von einem Dikator, dem Gro.en Bruder,
beherrscht. Jegliche Informationen werden kontrolliert,
sogar die Geschichte wird unentwegt umgeschrieben. Der
Held arbeitet in einem Ministerium, und seine Aufgabe in
dieser Beh.rde besteht darin, Texte umzuschreiben. Sobald
eine neue Geschichte geschaffen ist, wird die alte v.llig
gel.scht. Au.erdem wird die Sprache ver.ndert, und auch
die Bedeutung bestehender Worte wird ge.ndert. Und weil
die Geschichte st.ndig umgeschrieben wird, wei.
schlie.lich niemand mehr, was wirklich geschehen ist.
Auch Freund und Feind sind nicht mehr zu unterscheiden.
Das ist ungef.hr die Handlung..
.Geschichte umschreiben..
.Menschen ihrer wahren Geschichte zu berauben ist das
Gleiche, wie ihnen einen Teil ihrer Individualit.t zu rauben.
Das ist ein Verbrechen..
Fukaeri dachte eine Weile nach.
.Unser Ged.chtnis besteht aus pers.nlichen und
kollektiven Erinnerungen. Beide sind eng miteinander
verflochten. Und Geschichte ist so etwas wie ein Teil
unseres kollektiven Ged.chtnisses. Wird sie uns gestohlen
oder umgeschrieben, k.nnen wir die Pers.nlichkeit, auf die
wir Anspruch haben, nicht mehr bewahren..
.Aber Sie schreiben doch auch um..
Tengo lachte und nahm einen Schluck Wein. .Ich habe
nur deine Geschichte ein bisschen bearbeitet. Historie
umzuschreiben ist eine ganz andere Sache..
.Aber das Buch über den Gro.en Bruder haben Sie nicht
hier., fragte Fukaeri.
.Leider nein. So kann ich dir nicht daraus vorlesen..
.Etwas anderes geht auch..
Tengo ging zum Regal und las die Buchrücken. Die
meisten der Bücher hatte er gelesen, aber er besa. auch
nicht besonders viele. Er stellte seine Wohnung nicht gern
voll. Deshalb brachte er ausgelesene Bücher, von einigen
besonderen Exemplaren abgesehen, stets ins Antiquariat.
Er bemühte sich, nur welche zu kaufen, die er gleich lesen
konnte. Wichtige Bücher las er sorgf.ltig, sodass sie sich
ihm einpr.gten. Was er sonst noch brauchte, lieh er sich
aus der Stadtteilbibliothek.
Tengo brauchte eine Weile, bis er sich entschieden hatte.
Er war es nicht gew.hnt, laut vorzulesen, und konnte
deshalb schlecht sagen, welche Art von Buch sich dafür
eignete. Nach langem Z.gern nahm er Die Insel
Sachalin von Anton Tschechow aus dem Regal. Er hatte es
in der vergangenen Woche zu Ende gelesen und die
interessantesten Stellen mit Lesezeichen versehen. Das
würde ihm helfen, rasch etwas Passendes aufzuschlagen.
Ehe er vorzulesen begann, gab er Fukaeri einige kurze
Erkl.rungen. Tschechow war, als er 1890 nach Sachalin
aufbrach, erst drei.ig Jahre alt gewesen. Niemand kannte
den wahren Grund für den Entschluss des Stadtmenschen
Tschechow – er geh.rte zur Generation nach Tolstoi und
Dostojewski –, der als hochgesch.tzter aufstrebender
junger Autor in der Hauptstadt Moskau ein angenehmes
Leben führte, ganz allein zur für damalige Verh.ltnisse am
Ende der Welt gelegenen Insel Sachalin aufzubrechen und
sich so lange dort aufzuhalten. Sachalin war vor allem als
Strafkolonie erschlossen worden und galt jedem normalen
Menschen als Inbegriff von Elend und Unglück. Da zu jener
Zeit die transsibirische Eisenbahn noch nicht existierte,
musste Tschechow die gesamte Strecke von 4000
Kilometern durch eisiges Gebiet vornehmlich mit der
Pferdekutsche zurücklegen, eine Strapaze, die seine
ohnehin nicht gerade robuste Konstitution grausam in
Mitleidenschaft zog. Das Buch Die Insel Sachalin, das er
über seine achtmonatige Reise in den entlegenen Osten
schrieb, verwunderte die meisten seiner Leser. Man merkt
ihm keine literarischen Ambitionen an, es gleicht eher
einer Reportage oder einer topographischen Schilderung.
Es wurde getuschelt und spekuliert, warum Tschechow in
einer Zeit, die für ihn als Autor so wichtig war, .etwas so
Sinnloses. unternommen habe. Einige Kritiker warfen ihm
.Gro.mannssucht. vor. Oder vertraten die Ansicht, er
k.nne nicht mehr schreiben und habe nun .Material.
gesucht. Tengo zeigte Fukaeri die zu dem Buch geh.rende
Landkarte und erkl.rte ihr die Lage von Sachalin.
.Warum ist Tschechow nach Sachalin gefahren., fragte
Fukaeri.
.Du meinst, was ich darüber denke?.
.Ja. Haben Sie das Buch gelesen..
.Ja..
.Was dachten Sie..
.Dass Tschechow den wahren Grund für seine Reise
vielleicht selbst nicht kannte., antwortete Tengo. .Oder er
wollte einfach mal hin. Wurde von dem unwiderstehlichen
Drang ergriffen, dorthin zu fahren, als er sich die Form der
Insel Sachalin auf der Landkarte anschaute oder so. Ich
habe so etwas selbst schon erlebt. Bei manchen Orten
bekommt man das Gefühl, .Da muss ich unbedingt hin.,
wenn man sie auf der Karte sieht. Und aus irgendeinem
Grund sind sie meistens weit weg und schwer zu erreichen.
Jedenfalls kann man es dann nicht mehr aushalten, ohne zu
wissen, wie die Landschaft dort aussieht und was dort
passiert. So was ist quasi wie Masern, es kommt und geht.
Eine Art Neugierde im reinsten Sinne. Eine Eingebung, für
die es keine Erkl.rung gibt. Allerdings war damals eine
Reise von Moskau nach Sachalin eine kaum vorstellbare
Tortur, daher war Neugier für Tschechow sicher nicht der
einzige Grund..
.Welchen gab es noch?.
.Tschechow war nicht nur Schriftsteller, er war auch Arzt.
Vielleicht wollte er als Wissenschaftler die entlegenen
Landesteile des riesigen russischen Reiches mit eigenen
Augen erforschen. Au.erdem bereitete es ihm wohl
Unbehagen, ein beliebter Autor in Hauptstadtkreisen zu
sein. Die Moskauer Literaten langweilten ihn, und er
konnte sich nicht an die affektierten Literaturzirkel
gew.hnen. Das Gift und die Bosheit der Kritiker erregten
nichts als Widerwillen in ihm. So diente ihm die Reise nach
Sachalin unter Umst.nden als eine Art Pilgerschaft, um
sich von diesem literarischen Unrat reinzuwaschen. Die
Insel wirkte in vieler Hinsicht überw.ltigend auf ihn.
Vielleicht hat Tschechow seine Reise deshalb nicht
belletristisch verarbeitet. Sie war keine oberfl.chliche
Angelegenheit, die ihm einfach Stoff für einen Roman
lieferte. Vielleicht hatte Sachalin ihn sozusagen infiziert
und war so zu einem Teil seiner selbst geworden. Oder das,
was er dort fand, war genau das, was er gesucht hatte..
.Ist das Buch interessant., fragte Fukaeri.
.Ich fand es interessant. Es ist sehr sachlich, Tschechow
listet eine Menge Zahlen und Statistiken darin auf, und es
hat, wie gesagt, so gut wie keinen literarischen Charakter.
Tschechows naturwissenschaftliches Interesse überwiegt.
Au.erdem kann man auch so etwas wie eine aufrechte
Entschlossenheit darin erkennen. Die in die nüchternen
Berichte eingefügten Beobachtungen der Menschen, denen
er hier und da begegnete, und seine
Landschaftsbeschreibungen sind sehr eindrucksvoll. Als
eine Dokumentation, die fast ausschlie.lich Fakten
aneinanderreiht, ist das Buch auf alle F.lle nicht schlecht.
Einige Stellen sind sogar gro.artig. Zum Beispiel der Teil
über die Giljaken..
.Giljaken., sagte Fukaeri.
.Die Giljaken sind die Ureinwohner von Sachalin, die
lange bevor die Russen die Insel kolonisierten dort lebten.
Ursprünglich bewohnten sie den Süden, scheinen aber von
Ainu, die aus Hokkaido kamen, verdr.ngt worden zu sein
und siedelten sich dann in der Mitte der Insel an. Die Ainu
ihrerseits waren von den Japanern aus Hokkaido verdr.ngt
worden. Tschechow besch.ftigte sich sehr eingehend mit
der Alltagskultur der Giljaken, die durch die Russisierung
von Sachalin rapide verlorenging, und bemühte sich,
zumindest einige ihrer Aspekte schriftlich festzuhalten..
Tengo schlug den Abschnitt über die Giljaken auf und las.
Damit seine Zuh.rerin ihm leichter folgen konnte, .nderte
und kürzte er einige S.tze entsprechend.
.Die Giljaken sind von kr.ftiger untersetzter Gestalt; sie
sind von mittlerem, sogar kleinem Wuchs. Ein h.herer
Wuchs h.tte sie in der Taiga nur behindert. Ihre Knochen
sind stark und zeichnen sich durch kr.ftige entwickelte
Forts.tze, K.mme und Knoten aus, an denen die Muskeln
befestigt sind. All das l.sst auf feste, starke Muskeln und
einen st.ndigen angestrengten Kampf mit der Natur
schlie.en. Ihr K.rper ist mager, sehnig ohne Fettpolster;
man sieht keine runden und dicken Giljaken. Offenbar wird
das ganze Fett für die Erzeugung von W.rme verbraucht,
um die Verluste zu ersetzen, die der K.rper der Sachaliner
durch die niedrigen Temperaturen und die überm..ige
Luftfeuchtigkeit erleidet. In Anbetracht dessen kann man
verstehen, warum die Giljaken so viel Fett in ihrer Nahrung
brauchen. Sie essen fettes Robbenfleisch, Lachs, St.r- und
Walfett und Fleisch mit Blut, das alles in gro.en Mengen,
in rohem, getrocknetem und oft in gefrorenem Zustand,
und weil sie grobe Kost essen, sind bei ihnen die Stellen, wo
die Kaumuskeln befestigt sind, au.erordentlich entwickelt
und alle Z.hne stark abgenutzt. Die Kost ist ausschlie.lich
tierisch, und selten, nur wenn zu Hause gegessen wird oder
bei einem kleinen Gelage, werden mandschurischer
Knoblauch und Beeren hinzugefügt. Nach dem Zeugnis von
Nevelskoj halten die Giljaken den Ackerbau für eine gro.e
Sünde; wer den Boden umzugraben beginnt und etwas
anpflanzt, der muss unbedingt sterben. Aber das Brot, mit
dem sie von den Russen bekannt gemacht wurden, essen
sie mit gro.em Vergnügen wie einen Leckerbissen. Und
inzwischen ist es nicht selten, dass man in Alexandrovsk
und Rykovskoe einen Giljaken antrifft, der ein gro.es
rundes Brot unter dem Arm tr.gt..
Tengo machte eine Lesepause und holte Luft. Fukaeri
h.rte wie erstarrt zu, und ihre Miene zeigte keinerlei