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作者: 当前章节:15411 字 更新时间:2026-6-19 08:06

in die H.nde der Feinde fallen. Ich verlasse mit unserer

Hoheit diese Welt. Ihr, deren Herzen ihm treu ergeben

sind, eilt, mir zu folgen., rief sie und lief an den Rand des

Schiffes.

Der Kaiser war acht Jahre alt,

schien reifer doch als seine Jahre.

Strahlend sch.n sein Antlitz,

sein langes schwarzes Haar str.mte ihm den Rücken

hinab.

Verwirrt fragte der junge Kaiser:

.Wohin bringt Ihr mich, Gro.mutter?.

Mit Mühe die Tr.nen zurückhaltend, wandte sie sich ihm

zu und sprach:

.Ihr müsst es verstehen.

Kaiser wurdet Ihr, denn Ihr habt in Eurem früheren Leben

die Zehn Gebote der Güte befolgt,

doch nun rei.t ein übles Karma Euch mit sich,

und Euer Glück ist bereits aufgebraucht.

Wendet Euch gen Osten

und nehmt Abschied vom Gro.en Schrein in Ise,

sodann wendet Euch gen Westen und verneigt Euch

und sprecht den Namen von Amida-Buddha,

sodass er Euch in sein Reines Land im Westen geleite.

Diese Erde ist voll von Leid,

ich bringe Euch in ein glückliches Land, das man das

Paradies nennt.,

so sprach sie weinend.

Der junge Kaiser trug das taubenblaue Gewand und die

Frisur eines Knaben.

Die Augen voll Tr.nen legte er die sch.nen kleinen

H.nde zusammen,

kniete sich zuerst nach Osten

und nahm Abschied vom Gro.en Schrein in Ise.

Sodann wandte er sich nach Westen

und rief den Namen Amidas an.

Die Nonne zweiten Ranges hob ihn auf.

.Auch unter den Wellen liegt eine Hauptstadt.,

tr.stete sie ihn und sprang mit ihm in die Tiefe.

Als Tengo Fukaeri mit geschlossenen Augen zuh.rte,

hatte er das Gefühl, dem Vortrag eines blinden

Balladens.ngers zu lauschen. Es wurde ihm wieder

bewusst, dass es sich bei der Geschichte von den Heike um

ein ursprünglich mündlich überliefertes Epos handelte.

Fukaeri hatte eigentlich eine sehr monotone Art zu

sprechen, ohne wahrnehmbaren Akzent oder Intonation,

aber als sie zu rezitieren begann, entwickelte ihre Stimme

eine erstaunliche Kraft und Klangfülle. Es war beinahe, als

habe etwas von ihr Besitz ergriffen und beseele sie. Sie

erweckte die Ereignisse der gro.en Seeschlacht, die 1185 in

der Stra.e von Kanmon stattgefunden hatte, zu neuem

Leben. Die Niederlage der Taira – oder Heishi, wie sie auch

genannt wurden – stand bereits fest, und Tokiko, die

Gemahlin des Clanoberhaupts Kiyomori, sprang mit dem

kleinen Kaiser Antoku ins Meer. Die Hofdamen, die

ebenfalls nicht den Kriegern aus dem Osten des Landes in

die H.nde fallen wollten, folgten ihr. Tomomori, die Nonne

im zweiten Rang, bezwang ihren Schmerz und ermutigte

die adligen Damen mit neckenden Worten zum Freitod.

Falls sie den Tod scheuten, würden sie noch im Leben

einen Vorgeschmack auf die H.lle bekommen. Besser sei

es, hier auf der Stelle ihr Leben zu beenden.

.Soll ich weitermachen., fragte Fukaeri.

.Nein, das genügt. Danke sch.n., sagte Tengo, noch

immer fast sprachlos vor Staunen.

Kein Wunder, dass den Journalisten die Worte gefehlt

hatten. .Aber wie konntest du dir so etwas in voller L.nge

merken?.

.Ich habe die Kassetten immer wieder geh.rt..

.Ein normaler Mensch k.nnte das nicht alles auswendig,

auch wenn er es mehrmals geh.rt h.tte., sagte Tengo.

Pl.tzlich kam ihm ein Gedanke. Hatte diese junge Frau

zum Ausgleich für ihre Legasthenie vielleicht eine

überdurchschnittliche F.higkeit entwickelt, sich zu

merken, was sie h.rte? Wie Kinder mit Savant-Syndrom

gewaltige Mengen visueller Informationen in kürzester Zeit

in ihrem Ged.chtnis zu speichern vermochten?

.Ich m.chte ein Buch lesen., sagte Fukaeri.

.Was würde dir denn gefallen?.

.Haben Sie das Buch, von dem der Sensei neulich

gesprochen hat., fragte Fukaeri. .Das, in dem der Gro.e

Bruder vorkommt..

.1984? Nein, das habe ich nicht hier..

.Wie geht die Geschichte?.

Tengo versuchte sich an die Handlung zu erinnern. .Ich

habe es vor langer Zeit mal in der Schulbibliothek gelesen,

aber ich bekomme es nicht mehr genau zusammen.

Jedenfalls ist es schon im Jahre 1949 erschienen, als 1984

noch in ferner Zukunft lag..

.Unser Jahr..

.Ja, genau, auch die Zukunft wird irgendwann

Wirklichkeit. Und dann ist sie auch schon gleich wieder

Vergangenheit. George Orwell hat in seinem Roman die

zukünftige Gesellschaft als totalit.r und düster geschildert.

Sie wird von einem Dikator, dem Gro.en Bruder,

beherrscht. Jegliche Informationen werden kontrolliert,

sogar die Geschichte wird unentwegt umgeschrieben. Der

Held arbeitet in einem Ministerium, und seine Aufgabe in

dieser Beh.rde besteht darin, Texte umzuschreiben. Sobald

eine neue Geschichte geschaffen ist, wird die alte v.llig

gel.scht. Au.erdem wird die Sprache ver.ndert, und auch

die Bedeutung bestehender Worte wird ge.ndert. Und weil

die Geschichte st.ndig umgeschrieben wird, wei.

schlie.lich niemand mehr, was wirklich geschehen ist.

Auch Freund und Feind sind nicht mehr zu unterscheiden.

Das ist ungef.hr die Handlung..

.Geschichte umschreiben..

.Menschen ihrer wahren Geschichte zu berauben ist das

Gleiche, wie ihnen einen Teil ihrer Individualit.t zu rauben.

Das ist ein Verbrechen..

Fukaeri dachte eine Weile nach.

.Unser Ged.chtnis besteht aus pers.nlichen und

kollektiven Erinnerungen. Beide sind eng miteinander

verflochten. Und Geschichte ist so etwas wie ein Teil

unseres kollektiven Ged.chtnisses. Wird sie uns gestohlen

oder umgeschrieben, k.nnen wir die Pers.nlichkeit, auf die

wir Anspruch haben, nicht mehr bewahren..

.Aber Sie schreiben doch auch um..

Tengo lachte und nahm einen Schluck Wein. .Ich habe

nur deine Geschichte ein bisschen bearbeitet. Historie

umzuschreiben ist eine ganz andere Sache..

.Aber das Buch über den Gro.en Bruder haben Sie nicht

hier., fragte Fukaeri.

.Leider nein. So kann ich dir nicht daraus vorlesen..

.Etwas anderes geht auch..

Tengo ging zum Regal und las die Buchrücken. Die

meisten der Bücher hatte er gelesen, aber er besa. auch

nicht besonders viele. Er stellte seine Wohnung nicht gern

voll. Deshalb brachte er ausgelesene Bücher, von einigen

besonderen Exemplaren abgesehen, stets ins Antiquariat.

Er bemühte sich, nur welche zu kaufen, die er gleich lesen

konnte. Wichtige Bücher las er sorgf.ltig, sodass sie sich

ihm einpr.gten. Was er sonst noch brauchte, lieh er sich

aus der Stadtteilbibliothek.

Tengo brauchte eine Weile, bis er sich entschieden hatte.

Er war es nicht gew.hnt, laut vorzulesen, und konnte

deshalb schlecht sagen, welche Art von Buch sich dafür

eignete. Nach langem Z.gern nahm er Die Insel

Sachalin von Anton Tschechow aus dem Regal. Er hatte es

in der vergangenen Woche zu Ende gelesen und die

interessantesten Stellen mit Lesezeichen versehen. Das

würde ihm helfen, rasch etwas Passendes aufzuschlagen.

Ehe er vorzulesen begann, gab er Fukaeri einige kurze

Erkl.rungen. Tschechow war, als er 1890 nach Sachalin

aufbrach, erst drei.ig Jahre alt gewesen. Niemand kannte

den wahren Grund für den Entschluss des Stadtmenschen

Tschechow – er geh.rte zur Generation nach Tolstoi und

Dostojewski –, der als hochgesch.tzter aufstrebender

junger Autor in der Hauptstadt Moskau ein angenehmes

Leben führte, ganz allein zur für damalige Verh.ltnisse am

Ende der Welt gelegenen Insel Sachalin aufzubrechen und

sich so lange dort aufzuhalten. Sachalin war vor allem als

Strafkolonie erschlossen worden und galt jedem normalen

Menschen als Inbegriff von Elend und Unglück. Da zu jener

Zeit die transsibirische Eisenbahn noch nicht existierte,

musste Tschechow die gesamte Strecke von 4000

Kilometern durch eisiges Gebiet vornehmlich mit der

Pferdekutsche zurücklegen, eine Strapaze, die seine

ohnehin nicht gerade robuste Konstitution grausam in

Mitleidenschaft zog. Das Buch Die Insel Sachalin, das er

über seine achtmonatige Reise in den entlegenen Osten

schrieb, verwunderte die meisten seiner Leser. Man merkt

ihm keine literarischen Ambitionen an, es gleicht eher

einer Reportage oder einer topographischen Schilderung.

Es wurde getuschelt und spekuliert, warum Tschechow in

einer Zeit, die für ihn als Autor so wichtig war, .etwas so

Sinnloses. unternommen habe. Einige Kritiker warfen ihm

.Gro.mannssucht. vor. Oder vertraten die Ansicht, er

k.nne nicht mehr schreiben und habe nun .Material.

gesucht. Tengo zeigte Fukaeri die zu dem Buch geh.rende

Landkarte und erkl.rte ihr die Lage von Sachalin.

.Warum ist Tschechow nach Sachalin gefahren., fragte

Fukaeri.

.Du meinst, was ich darüber denke?.

.Ja. Haben Sie das Buch gelesen..

.Ja..

.Was dachten Sie..

.Dass Tschechow den wahren Grund für seine Reise

vielleicht selbst nicht kannte., antwortete Tengo. .Oder er

wollte einfach mal hin. Wurde von dem unwiderstehlichen

Drang ergriffen, dorthin zu fahren, als er sich die Form der

Insel Sachalin auf der Landkarte anschaute oder so. Ich

habe so etwas selbst schon erlebt. Bei manchen Orten

bekommt man das Gefühl, .Da muss ich unbedingt hin.,

wenn man sie auf der Karte sieht. Und aus irgendeinem

Grund sind sie meistens weit weg und schwer zu erreichen.

Jedenfalls kann man es dann nicht mehr aushalten, ohne zu

wissen, wie die Landschaft dort aussieht und was dort

passiert. So was ist quasi wie Masern, es kommt und geht.

Eine Art Neugierde im reinsten Sinne. Eine Eingebung, für

die es keine Erkl.rung gibt. Allerdings war damals eine

Reise von Moskau nach Sachalin eine kaum vorstellbare

Tortur, daher war Neugier für Tschechow sicher nicht der

einzige Grund..

.Welchen gab es noch?.

.Tschechow war nicht nur Schriftsteller, er war auch Arzt.

Vielleicht wollte er als Wissenschaftler die entlegenen

Landesteile des riesigen russischen Reiches mit eigenen

Augen erforschen. Au.erdem bereitete es ihm wohl

Unbehagen, ein beliebter Autor in Hauptstadtkreisen zu

sein. Die Moskauer Literaten langweilten ihn, und er

konnte sich nicht an die affektierten Literaturzirkel

gew.hnen. Das Gift und die Bosheit der Kritiker erregten

nichts als Widerwillen in ihm. So diente ihm die Reise nach

Sachalin unter Umst.nden als eine Art Pilgerschaft, um

sich von diesem literarischen Unrat reinzuwaschen. Die

Insel wirkte in vieler Hinsicht überw.ltigend auf ihn.

Vielleicht hat Tschechow seine Reise deshalb nicht

belletristisch verarbeitet. Sie war keine oberfl.chliche

Angelegenheit, die ihm einfach Stoff für einen Roman

lieferte. Vielleicht hatte Sachalin ihn sozusagen infiziert

und war so zu einem Teil seiner selbst geworden. Oder das,

was er dort fand, war genau das, was er gesucht hatte..

.Ist das Buch interessant., fragte Fukaeri.

.Ich fand es interessant. Es ist sehr sachlich, Tschechow

listet eine Menge Zahlen und Statistiken darin auf, und es

hat, wie gesagt, so gut wie keinen literarischen Charakter.

Tschechows naturwissenschaftliches Interesse überwiegt.

Au.erdem kann man auch so etwas wie eine aufrechte

Entschlossenheit darin erkennen. Die in die nüchternen

Berichte eingefügten Beobachtungen der Menschen, denen

er hier und da begegnete, und seine

Landschaftsbeschreibungen sind sehr eindrucksvoll. Als

eine Dokumentation, die fast ausschlie.lich Fakten

aneinanderreiht, ist das Buch auf alle F.lle nicht schlecht.

Einige Stellen sind sogar gro.artig. Zum Beispiel der Teil

über die Giljaken..

.Giljaken., sagte Fukaeri.

.Die Giljaken sind die Ureinwohner von Sachalin, die

lange bevor die Russen die Insel kolonisierten dort lebten.

Ursprünglich bewohnten sie den Süden, scheinen aber von

Ainu, die aus Hokkaido kamen, verdr.ngt worden zu sein

und siedelten sich dann in der Mitte der Insel an. Die Ainu

ihrerseits waren von den Japanern aus Hokkaido verdr.ngt

worden. Tschechow besch.ftigte sich sehr eingehend mit

der Alltagskultur der Giljaken, die durch die Russisierung

von Sachalin rapide verlorenging, und bemühte sich,

zumindest einige ihrer Aspekte schriftlich festzuhalten..

Tengo schlug den Abschnitt über die Giljaken auf und las.

Damit seine Zuh.rerin ihm leichter folgen konnte, .nderte

und kürzte er einige S.tze entsprechend.

.Die Giljaken sind von kr.ftiger untersetzter Gestalt; sie

sind von mittlerem, sogar kleinem Wuchs. Ein h.herer

Wuchs h.tte sie in der Taiga nur behindert. Ihre Knochen

sind stark und zeichnen sich durch kr.ftige entwickelte

Forts.tze, K.mme und Knoten aus, an denen die Muskeln

befestigt sind. All das l.sst auf feste, starke Muskeln und

einen st.ndigen angestrengten Kampf mit der Natur

schlie.en. Ihr K.rper ist mager, sehnig ohne Fettpolster;

man sieht keine runden und dicken Giljaken. Offenbar wird

das ganze Fett für die Erzeugung von W.rme verbraucht,

um die Verluste zu ersetzen, die der K.rper der Sachaliner

durch die niedrigen Temperaturen und die überm..ige

Luftfeuchtigkeit erleidet. In Anbetracht dessen kann man

verstehen, warum die Giljaken so viel Fett in ihrer Nahrung

brauchen. Sie essen fettes Robbenfleisch, Lachs, St.r- und

Walfett und Fleisch mit Blut, das alles in gro.en Mengen,

in rohem, getrocknetem und oft in gefrorenem Zustand,

und weil sie grobe Kost essen, sind bei ihnen die Stellen, wo

die Kaumuskeln befestigt sind, au.erordentlich entwickelt

und alle Z.hne stark abgenutzt. Die Kost ist ausschlie.lich

tierisch, und selten, nur wenn zu Hause gegessen wird oder

bei einem kleinen Gelage, werden mandschurischer

Knoblauch und Beeren hinzugefügt. Nach dem Zeugnis von

Nevelskoj halten die Giljaken den Ackerbau für eine gro.e

Sünde; wer den Boden umzugraben beginnt und etwas

anpflanzt, der muss unbedingt sterben. Aber das Brot, mit

dem sie von den Russen bekannt gemacht wurden, essen

sie mit gro.em Vergnügen wie einen Leckerbissen. Und

inzwischen ist es nicht selten, dass man in Alexandrovsk

und Rykovskoe einen Giljaken antrifft, der ein gro.es

rundes Brot unter dem Arm tr.gt..

Tengo machte eine Lesepause und holte Luft. Fukaeri

h.rte wie erstarrt zu, und ihre Miene zeigte keinerlei

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