Regung.
.Soll ich weiterlesen? Oder wollen wir ein anderes Buch
nehmen?., fragte er.
.Ich m.chte mehr über die Giljaken wissen..
.Dann lese ich weiter..
.Kann ich ins Bett., fragte Fukaeri.
.Ja, klar., sagte Tengo.
Also zogen die beiden ins Schlafzimmer um. Fukaeri legte
sich ins Bett, Tengo zog sich einen Stuhl heran und fuhr
fort zu lesen.
.Die Giljaken waschen sich niemals, sodass es sogar den
Ethnographen schwerf.llt, die richtige Farbe ihrer
Gesichter zu bestimmen. Die W.sche wird nicht
gewaschen, und ihre Pelzkleidung und das Schuhwerk
sehen aus, als seien sie einem toten Hund abgezogen
worden. Die Giljaken selbst verbreiten einen schweren,
herben Geruch, und die N.he ihrer Behausungen erkennt
man an einem ekelhaften Gestank nach getrocknetem Fisch
und Fischabf.llen, der manchmal nicht zu ertragen ist.
Neben jeder Jurte steht gew.hnlich eine Trockenkammer,
die bis oben mit halbierten Fischen gefüllt ist, die von
weitem, besonders wenn sie von der Sonne bestrahlt
werden, Korallenketten .hnlich sehen. Neben diesen
Kammern sah Krusenstern eine Menge kleiner Würmer, die
drei Zentimeter hoch die Erde bedeckten..
.Krusenstern..
.Ein früher Forscher, glaube ich. Tschechow war sehr
wissbegierig und hatte alle Bücher gelesen, die bis dahin
über Sachalin geschrieben worden waren..
.Lesen Sie weiter..
.Im Winter ist die Jurte von bei.endem Qualm erfüllt,
der vom Herd kommt, dazu rauchen die Giljaken, ihre
Frauen und sogar die Kinder noch Tabak. über die
Krankheiten und die Sterblichkeit der Giljaken ist nichts
bekannt, aber man muss annehmen, dass diese hygienisch
ungesunde Umgebung nicht ohne sch.dlichen Einfluss auf
ihre Gesundheit bleibt. Vielleicht ist sie schuld am kleinen
Wuchs der Giljaken, der Aufgedunsenheit ihrer Gesichter,
einer gewissen Schlaffheit und Faulheit..
.Die armen Giljaken., sagte Fukaeri.
.über den Charakter der Giljaken .u.ern sich die
Autoren verschieden, aber alle sind sich darin einig, dass
dieses Volk nicht kampflustig ist, keine Streitigkeiten und
Schl.gereien liebt und sich gut mit seinen Nachbarn
vertr.gt. Gegenüber neu angekommenen Menschen waren
sie immer misstrauisch, sie fürchteten für ihre Zukunft,
aber sie begegneten ihnen jedes Mal liebenswürdig, ohne
den kleinsten Protest. Sie logen h.chstens, wenn sie
Sachalin in den düstersten Farben schilderten, um damit
die Ausl.nder von der Insel fernzuhalten. Die Begleiter
Krusensterns umarmten sie, und als L. I. .renk erkrankte,
verbreitete sich diese Nachricht sehr schnell unter den
Giljaken und rief aufrichtige Trauer hervor. Sie lügen nur,
wenn sie Handel treiben oder sich mit einem verd.chtigen
und nach ihrer Meinung gef.hrlichen Menschen
unterhalten, aber bevor sie eine Lüge aussprechen, werfen
sie einander Blicke zu – wie die Kinder. Jede Lüge und
Prahlerei in einer gew.hnlichen, nicht gesch.ftlichen
Angelegenheit ist ihnen widerlich..
.Die guten Giljaken., sagte Fukaeri.
.Wenn die Giljaken Auftr.ge übernehmen, führen sie
diese gewissenhaft aus. Es ist noch nicht vorgekommen,
dass ein Giljake unterwegs die Post weggeworfen oder
fremde Sachen unterschlagen h.tte. Sie sind lebhaft,
gescheit, lustig, ungezwungen und haben in der
Gesellschaft von M.chtigen und Reichen keinerlei
Hemmungen. Sie erkennen keine Macht über sich an, und
es scheint, dass sie nicht einmal die Begriffe .lter und
jünger kennen. Bei den Giljaken wird, wie man sagt und
schreibt, auch innerhalb der Familie das Alter nicht geehrt.
Der Vater denkt nicht daran, dass er .lter als sein Sohn ist,
der Sohn achtet den Vater und lebt, wie er will. Die alte
Mutter hat in der Jurte nicht mehr zu sagen als das
halbwüchsige M.dchen. Bo.niak schreibt, er habe .fter
gesehen, wie der Sohn die eigene Mutter schlug und aus
dem Hause jagte und keiner es wagte, ihm ein Wort zu
sagen. Die m.nnlichen Familienmitglieder sind
untereinander gleich. Wenn man Giljaken mit Wodka
bewirtet, so muss man auch dem allerkleinsten anbieten.
Die Familienangeh.rigen weiblichen Geschlechts sind
gleich rechtlos, sei es die Gro.mutter, die Mutter oder ein
ganz kleines M.dchen. Sie werden wie Haustiere
behandelt, wie ein Gegenstand, den man hinauswerfen,
verkaufen und wie einen Hund mit dem Fu. sto.en kann.
Trotzdem liebkosen die Giljaken zwar ihre Hunde, aber
niemals ihre Frauen. Die Ehe ist eine nichtige
Angelegenheit, sie ist unwichtiger als beispielsweise ein
Trinkgelage und wird ohne religi.se oder abergl.ubische
Br.uche arrangiert. Der Giljak tauscht einen Speer, ein Boot
oder einen Hund gegen ein junges M.dchen ein, nimmt sie
mit in seine Jurte und legt sich mit ihr aufs B.renfell – das
ist alles. Polygamie ist gestattet, sie hat sich aber nicht sehr
durchgesetzt, obwohl es anscheinend mehr Frauen gibt als
M.nner. Die Verachtung der Frau als Gegenstand nimmt
beim Giljaken solche Ausma.e an, dass er in der
Frauenfrage sogar die Sklaverei im wahrsten und
schlimmsten Sinne dieses Wortes nicht anst..ig findet.
Offenbar ist die Frau bei ihnen das gleiche Handelsobjekt
wie Tabak oder Baumwolle. Der schwedische Schriftsteller
Strindberg, ein bekannter Weiberfeind, für den die Frau
nur Sklavin zu sein und den Launen des Mannes zu dienen
hat, ist eigentlich ein Gesinnungsfreund der Giljaken.
Wenn er einmal nach Nordsachalin gekommen w.re,
h.tten sie ihn lange umarmt..
Hier machte Tengo eine Pause, aber Fukaeri schwieg nur,
ohne eine Reaktion zu zeigen. Tengo fuhr fort.
.Sie haben kein Gericht und wissen nicht, was
Rechtsprechung bedeutet. Wie schwer es ihnen f.llt, uns zu
verstehen, sieht man beispielsweise daran, dass sie bis jetzt
nicht ganz die Bestimmung von Wegen verstehen. Sogar
dort, wo schon Wege angelegt sind, wandern sie immer
quer durch die Taiga. Man kann oft sehen, wie sie, ihre
Familien und die Hunde sich im G.nsemarsch mühsam
durch das Moor bewegen, und zwar neben dem Weg..
Fukaeri hatte die Augen geschlossen und atmete ruhig.
Tengo beobachtete eine Weile ihr Gesicht, konnte aber
nicht erkennen, ob sie schlief oder nicht. Er beschloss,
weiterzulesen, und schlug eine andere Seite auf. Vielleicht
würde sie dann noch tiefer schlafen. Au.erdem hatte er
gro.e Lust, Tschechows Text laut vorzulesen.
.An der Mündung der Najba stand früher Fort Nabu.i. Es
wurde 1866 gegründet. Micul fand hier achtzehn Geb.ude,
sowohl bewohnte als auch unbewohnte, eine Kapelle und
ein Proviantmagazin vor. Ein Korrespondent, der 1871 in
Nabu.i weilte, schreibt, hier h.tten sich zwanzig Soldaten
unter dem Kommando eines Junkers aufgehalten. In einer
der Hütten habe ihn eine hübsche, hochgewachsene
Soldatenfrau mit frischen Eiern und schwarzem Brot
bewirtet und habe sich sehr lobend über die hiesige
Lebensweise ausgesprochen und nur beklagt, dass der
Zucker zu teuer sei. Jetzt ist von diesen Hütten keine Spur
mehr da und die hübsche, hochgewachsene Soldatenfrau
kommt einem, blickt man auf die Wüste ringsumher, wie
ein Mythos vor. Ein neues Haus wird hier gebaut, ein
Aufseherhaus oder eine Station, aber das ist alles. Das
Meer, das kalt und glanzlos aussieht, tost, und hohe graue
Wellen stürzen sich auf den Strand, als wollten sie voller
Verzweiflung sagen: .Herrgott, wozu hast du uns
geschaffen?. Da ist nun schon der Gro.e oder Stille Ozean.
An diesem Ufer von Nabu.i h.rt man, wie die Str.flinge auf
der Baustelle mit ihren .xten hantieren, und am jenseitigen
Ufer, dem weit entfernten, kaum vorstellbaren, liegt
Amerika. Zur Linken und zur Rechten sieht man im Nebel
die Sachaliner Vorgebirge … und keine lebendige Seele
ringsum, kein Vogel, keine Fliege, und es dünkt einen
unbegreiflich, für wen die Wellen tosen, wer ihnen hier in
der Nacht zuh.rt, wenn ich fort bin. Hier am Ufer
überkommen einen nicht Gedanken, sondern nur schwere
Grübeleien. Es wird einem unheimlich zumute, und doch
m.chte man ewig so dastehen, auf das eint.nige Wogen
der Wellen schauen und ihrem furchterregenden Tosen
lauschen..
Fukaeri schien nun ganz fest zu schlafen. Wenn er genau
hinh.rte, konnte er ihre ruhigen Atemzüge h.ren. Tengo
schloss das Buch und legte es auf den kleinen Tisch neben
dem Bett. Er stand auf und l.schte das Licht im
Schlafzimmer. Zum Schluss warf er noch einmal einen Blick
auf Fukaeri. Sie lag friedlich auf dem Rücken, die Lippen
aufeinandergepresst. Tengo schloss die Schlafzimmertür
und ging in die Küche.
Aber er war nicht mehr imstande, an seinem eigenen Text
zu arbeiten. Die von Tschechow geschilderte wilde
Küstenlandschaft hatte sich in seinem Kopf festgesetzt.
Tengo konnte das Tosen der Wellen h.ren. Wenn er die
Augen schloss, stand er allein am menschenleeren Strand
des Ochotskischen Meers, ein Gefangener grüblerischer
Gedanken, die er nicht loswurde. Er konnte Tschechows
düstere Stimmung teilen. Es musste eine Art
niederschmetternder Ohnmacht gewesen sein, was er dort
am .u.ersten Rand seiner Welt empfunden hatte. Es war
wohl ein unentrinnbares bitteres Schicksal, ein russischer
Autor des 19. Jahrhunderts zu sein. Je mehr er versuchte,
Russland zu entkommen, desto mehr verleibte dieses Land
sich ihn ein.
Nachdem Tengo sein Weinglas ausgewaschen und sich im
Bad die Z.hne geputzt hatte, schaltete er in der Küche das
Licht aus, legte sich aufs Sofa, deckte sich zu und versuchte
zu schlafen. Er hatte noch immer das Donnern der Wellen
im Ohr. Doch bald schwand sein Bewusstsein, und er sank
in einen tiefen Schlaf.
Als er erwachte, war es halb neun morgens. Fukaeri lag
nicht mehr im Bett. Der Pyjama, den er ihr geliehen hatte,
war zusammengekn.ult und in die Waschmaschine im Bad
geworfen worden. .rmel und Beine waren noch
aufgekrempelt. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel, auf
dem mit Kugelschreiber geschrieben stand: .Was ist heute
aus den Giljaken geworden? Ich fahre nach Hause.. Die
kleinen eckigen Schriftzeichen wirkten leicht unnatürlich.
Von oben betrachtet sahen sie aus wie Muscheln, die
jemand an einem Sandstrand gesammelt und
aneinandergelegt hatte. Er faltete das Blatt und legte es in
eine Schublade seines Schreibtisches. Wenn seine
Freundin, die um elf Uhr kommen würde, es f.nde, bek.me
er sicher .rger.
Tengo machte sorgf.ltig das Bett und stellte Tschechows
beschwerliche Reise wieder ins Regal. Dann machte er sich
Kaffee und Toast. W.hrend des Frühstücks merkte er, dass
sich irgendetwas Gewichtiges in seinem Inneren festgesetzt
hatte. Es dauerte eine Zeit lang, bis ihm klar wurde, was es
war. Es war Fukaeris ruhiges, schlafendes Gesicht.
Ob er sich in die junge Frau verliebt hatte? Nein, kann
nicht sein, sagte Tengo zu sich selbst. Es ist nur etwas an
ihr, das hin und wieder eine besondere Schwingung in mir
hervorruft. Aber warum hat mich dann der Pyjama, den sie
getragen hat, so beeindruckt? Warum habe ich ihn (ohne
dass es mir richtig bewusst war) in die Hand genommen
und seinen Geruch eingesogen?
Zu viele Fragen. .Ein Schriftsteller ist kein Mensch, der
Fragen l.st. Er ist ein Mensch, der Fragen aufwirft..
Sicherlich war es Tschechow, der das gesagt hatte. Ein
weiser Spruch, aber Tschechow hatte diese Haltung nicht
nur gegenüber seinem Werk eingenommen, sondern sein
eigenes Leben stets genauso betrachtet. Darin gab es
Fragestellungen, aber L.sungen gab es nicht.
Wohlwissend, dass er unheilbar lungenkrank war (als
Arzt musste er es wissen), bemühte Tschechow sich, diesen
Umstand zu ignorieren, und glaubte nicht, dass es mit ihm
zu Ende ging, bis er wirklich auf dem Totenbett lag. Er
starb noch in jungen Jahren an starkem Lungenbluten.
Kopfschüttelnd stand Tengo vom Tisch auf. Heute würde
seine Freundin kommen. Er musste jetzt waschen und
saubermachen. Nachdenken konnte er sp.ter immer noch.
KAPITEL 21
Aomame
Egal wie weit
Aomame ging in die Stadtteilbibliothek und breitete nach
dem gleichen Prozedere wie beim letzten Mal an einem der
Tische die verkleinerten Ausgaben der Zeitungen aus. Sie
wollte noch ein paar Fakten zu dem Feuergefecht zwischen
Polizei und Extremisten recherchieren, das im Herbst vor
drei Jahren in der Pr.fektur Yamanashi stattgefunden hatte.
Das Hauptquartier dieser Vorreiter, von denen die alte
Dame ihr berichtet hatte, lag ebenfalls in den Bergen von
Yamanashi. Dort wo es die Schie.erei gegeben hatte.
Vielleicht nur ein Zufall. Aber daran glaubte Aomame
nicht. M.glicherweise bestand doch ein Zusammenhang.
Das Feuergefecht hatte sich am 9. Oktober 1981 ereignet
(nach Aomames Rechnung .drei Jahre vor 1Q84.). Als sie
das letzte Mal in der Bücherei die Zeitungsberichte gelesen
hatte, hatte sie bereits eine Menge Einzelheiten über das
Geschehen selbst erfahren. Heute wollte sie sich vor allem
die Artikel ansehen, die an den Tagen danach erschienen
waren und sich der Analyse widmeten.
Beim ersten Schusswechsel waren drei Polizisten von in
China hergestellten automatischen Kalaschnikows get.tet
und zwei mehr oder weniger schwer verletzt worden.
Danach flüchteten die bewaffneten Extremisten in die
Berge, wo es zu einer gro.angelegten Verfolgungsjagd kam.
Eine voll ausgerüstete Luftlandetruppe der
Selbstverteidigungsstreitkr.fte wurde von einem
Hubschrauber am Ort des Geschehens abgesetzt. In der
Folge weigerten sich drei der Extremisten, aufzugeben, und
wurden get.tet, zwei wurden schwer verletzt (der eine
erlag drei Tage sp.ter im Krankenhaus seinen
Verletzungen; was aus dem anderen wurde, war dem
Artikel nicht zu entnehmen), vier unverletzt oder nur leicht
verletzt verhaftet. Da Polizei und Soldaten .u.erst effektive
kugelsichere Westen trugen, gab es unter ihnen keine
weiteren Opfer zu beklagen. Nur ein Beamter stürzte
w.hrend der Verfolgungsjagd von einem Felsen und brach
sich ein Bein. Lediglich einer der Extremisten entkam. Er
blieb trotz ausgedehnter Suche verschwunden.