Oder sie hatten sich aus dem Getümmel und dem
Konkurrenzkampf der real existierenden Gesellschaft
zurückgezogen und trachteten irgendwo nach individueller
Selbstverwirklichung. Jedenfalls hatte sich der Zeitgeist
v.llig ge.ndert, und die Hochsaison des politischen
Engagements lag in ferner Vergangenheit. Der Fall
Akebono, so blutig und tragisch er auch endete, war
langfristig nicht mehr als eine unerwartete und
unzeitgem..e Episode, in der ein Gespenst aus der
Vergangenheit sich noch einmal erhob. Bedeutung kam ihr
nur als letztem Akt einer Epoche zu. Akebono hatte keine
Zukunft. So der allgemeine Tenor der Presse. Die Vorreiter
hingegen pries man als vielversprechende Alternative für
eine neue Zeit.
Aomame legte den Kugelschreiber ab und atmete tief
durch. Vor sich sah sie Tsubasas ausdruckslose Augen,
denen jede Tiefe fehlte. Sie hatten sie nur blicklos
angeschaut. In ihnen hatte etwas Entscheidendes gefehlt.
Das ist alles nicht so einfach, dachte Aomame. In
Wahrheit waren die Vorreiter keine solchen Sauberm.nner,
wie es in den Zeitungen stand. Sie hatten eine verborgene
dunkle Seite. Der alten Dame zufolge vergewaltigte der
Mann, der sich .Leader. nannte, kleine M.dchen, die zehn
oder noch nicht mal zehn Jahre alt waren, und deklarierte
das als religi.sen Akt. Davon wussten die Presseleute
nichts. Sie hatten sich nur einen halben Tag auf dem
Gel.nde aufgehalten. Man hatte sie durch gepflegte
Anlagen geführt, zu einem Mittagessen aus frischen
Zutaten eingeladen, mit einem sch.nen Vortrag über
geistige Bewusstwerdung bedacht, und anschlie.end waren
sie hochbefriedigt nach Hause gefahren. Was sich
innerhalb der Sekte tats.chlich abspielte, war von ihrem
Blick nicht einmal gestreift worden.
Aomame verlie. die Bibliothek, ging in ein Café und
bestellte eine Tasse Kaffee. Von dem Telefon dort rief sie
Ayumis Dienststelle an. Es war eine Nummer, unter der sie
Ayumi, wie diese gesagt hatte, immer anrufen k.nne. Einer
ihrer Kollegen hob ab und sagte, dass sie auf Streife sei,
aber in ungef.hr zwei Stunden aufs Revier zurückkommen
werde. Ohne ihren Namen zu nennen, sagte Aomame, sie
werde sich noch einmal melden.
Sie ging in ihre Wohnung, und zwei Stunden sp.ter
w.hlte sie die Nummer noch einmal. Ayumi war gleich am
Apparat.
.Hallo, Aomame. Wie geht’s dir?.
.Gut, gut. Und dir?.
.Auch gut. Abgesehen vom M.nnermangel. Und du?.
.Gleiche Situation., sagte Aomame.
.Also wirklich., sagte Ayumi. .Mit dieser Welt stimmt
doch was nicht. Zwei hinrei.ende junge Frauen wie wir
wissen nicht, wohin mit ihrem gewaltigen gesunden
sexuellen Appetit. Dagegen müssen wir was tun..
.Du hast ja recht – aber trotzdem brauchst du das nicht
so herumzuschreien. Du bist doch im Dienst. Sind da keine
Leute in der N.he?.
.Geht schon in Ordnung. Ich kann reden., erwiderte
Ayumi.
.Ich h.tte da eine Bitte an dich. Aber nur wenn es dir
nichts ausmacht. Mir f.llt sonst niemand ein, den ich
fragen k.nnte..
.Klar. Ich wei. nicht, ob ich dir helfen kann, aber worum
geht’s denn?.
.Kennst du diese Sekte, die Vorreiter nennen sie sich? Sie
haben ihr Hauptquartier in Yamanashi..
.Die Vorreiter, hm.. Ayumi dachte nach. Etwa zehn
Sekunden sp.ter fiel es ihr ein. .Ah, ich glaube, ich
erinnere mich. Das ist doch diese religi.se Kommune, zu
der früher die militanten Akebono geh.rt haben. Die mit
der Schie.erei in Yamanashi. Drei Polizisten von der
Pr.fekturpolizei wurden dabei get.tet. Schlimm. Aber die
Vorreiter hatten mit der Sache nichts zu tun. Nach dem
Vorfall haben sie bei denen alles durchsucht, aber sie waren
sauber. Und?.
.Ich m.chte wissen, ob es nach dieser Schie.erei noch
irgendwelche Vorf.lle bei den Vorreitern gegeben hat.
Straf- oder zivilrechtliche Anzeigen. Aber ich wei. nicht,
wie man so was als gew.hnliche Bürgerin herausbekommt.
Die Zeitungen habe ich schon restlos durchgeschaut. Aber
vielleicht kann man, wenn man bei der Polizei ist,
irgendwie noch etwas über die n.heren Umst.nde
herausbekommen?.
.Ich wünschte, ich k.nnte sagen: Nichts leichter als das.
Ich brauche nur mal im Computer nachzuschauen … Aber
leider ist das Computerwesen bei der japanischen Polizei
nicht besonders weit fortgeschritten. Bis zur praktischen
Einführung werden wohl noch Jahre vergehen. Also muss
ich bei der Pr.fekturpolizei von Yamanashi nachfragen und
sie bitten, mir per Post Kopien der entsprechenden Akten
zu schicken. Dazu müsste ich zun.chst mit Genehmigung
eines Vorgesetzten einen schriftlichen Antrag auf
Materialeinsicht stellen. Natürlich mit einer stichhaltigen
Begründung. Denn schlie.lich sind wir vor allem eine
Beh.rde und bekommen unser Gehalt dafür, dass wir alles
ein wenig komplizierter machen als n.tig..
.Verstehe., sagte Aomame und seufzte. .Damit hat sich
das erledigt..
.Aber warum m.chtest du das wissen? Ist jemand, den du
kennst, in etwas mit den Vorreitern verwickelt?.
Aomame z.gerte, entschied sich jedoch, die Wahrheit zu
sagen. .So was .hnliches. Nach jetzigem Stand kann ich
noch nichts Genaues sagen, aber es geht um die
Vergewaltigung von minderj.hrigen M.dchen. Ich habe
Informationen, dass dort unter dem Deckmantel der
Religion solche Dinge passieren..
Sie spürte f.rmlich durch den H.rer, wie Ayumi die
Brauen zusammenzog. .Aha. Vergewaltigung von kleinen
M.dchen. Das kann man nicht zulassen..
.Natürlich nicht., sagte Aomame.
.Wie alt sind die M.dchen ungef.hr?.
.Zehn oder jünger. Auf alle F.lle noch vor der ersten
Periode..
Ayumi schwieg einen Moment lang ins Telefon. .Ich
verstehe., sagte sie dann tonlos. .In diesem Fall werde ich
mir etwas überlegen. Gibst du mir zwei oder drei Tage
Zeit?.
.In Ordnung. Setzt du dich mit mir in Verbindung, wenn
du was hast?.
Nachdem sie noch eine Weile über weniger altruistische
Dinge gesprochen hatten, sagte Ayumi, sie müsse wieder an
die Arbeit.
Als sie aufgelegt hatte, setzte sich Aomame in den
Lesesessel am Fenster und betrachtete ihre rechte Hand.
Lange schlanke Finger und kurzgeschnittene N.gel. Sie
waren gepflegt, aber nicht lackiert. In die Betrachtung ihrer
Hand versunken, überkam Aomame für einen Moment die
starke Vorstellung, selbst nur ein sehr flüchtiges,
machtloses Wesen zu sein. Nicht einmal die Form eines
einzigen ihrer N.gel hatte sie selbst bestimmt.
Irgendjemand hatte eigenm.chtig darüber entschieden,
und sie hatte es widerspruchslos akzeptiert. Das war es. Ob
es ihr gefiel oder nicht. Wer hatte wohl bestimmt, dass ihre
N.gel genau diese Form hatten?
Neulich hatte sie von der alten Dame erfahren, dass ihre
Eltern noch immer überzeugte Zeugen Jehovas seien. Also
gingen sie wohl weiterhin ihrer Missionsarbeit nach.
Aomame hatte einen vier Jahre .lteren Bruder. Einen
gehorsamen .lteren Bruder. Im Gegensatz zu ihr, die ihrem
Elternhaus entschlossen den Rücken gekehrt hatte, war er
geblieben und lebte nach den Geboten seines Glaubens.
Wie es ihm wohl ging? Aber im Grunde interessierte es
Aomame nicht sehr, wie es ihrer Familie inzwischen
ergangen war. Sie geh.rte zu einem Teil ihres Lebens, der
für sie l.ngst abgeschlossen war.
Sie hatte sich lange bemüht, alles zu vergessen, was vor
ihrem zehnten Lebensjahr geschehen war. Für sie hatte das
Leben erst danach wirklich begonnen. Alles davor war nicht
mehr als ein schlechter Traum. Sie hatte immer versucht,
die Erinnerung daran zu verbannen, aber sosehr sie sich
auch darum bemühte, sie wurde bei jeder Kleinigkeit in
diesen b.sen Traum zurückgezogen. Alles, was sie tat,
schien seine Wurzeln in seinem dunklen Boden zu haben
und sich daraus zu n.hren. Ganz gleich, wie weit fort sie
ging, am Ende musste sie stets zurückkehren.
.Ich muss diesen .Leader. ins Jenseits bef.rdern.,
beschloss Aomame. .Auch für mich selbst..
Drei Tage sp.ter erhielt sie einen Anruf von Ayumi.
.Ich habe jetzt ein paar Fakten., sagte sie.
.über die Vorreiter, ja?.
.Ja. Ich habe hin und her überlegt, und dabei ist mir
eingefallen, dass einer, mit dem ich zusammen angefangen
habe, mir mal erz.hlt hat, sein Onkel sei bei der
Pr.fekturpolizei von Yamanashi. Er hat sogar einen
ziemlich hohen Posten. Ich habe gesagt, eine jüngere
Verwandte von uns sei in die Sekte eingetreten. Um
Unannehmlichkeiten zu vermeiden, würde ich Infos über
die Vorreiter sammeln. Dann habe ich noch ein bisschen
gebettelt, und es hat geklappt..
.Ich bin dir sehr dankbar., sagte Aomame.
.Also hat der Kollege seinen Onkel in Yamanashi
angerufen und ihm die Lage geschildert, und der Onkel hat
mich an den zust.ndigen Beamten weitergereicht, der die
Ermittlungen über die Vorreiter geleitet hat. So konnte ich
direkt mit ihm am Telefon sprechen..
.Unglaublich!.
.Wir haben ziemlich lange geredet, und ich habe eine
Menge über die Vorreiter erfahren. Was in den Zeitungen
gestanden hat, wei.t du ja schon. Ich erz.hle dir mal das,
was nicht allgemein bekannt ist. In Ordnung?.
.Ja, klar..
.Also, erstens haben die Vorreiter inzwischen immer
wieder juristische Probleme bekommen. Es liegen mehrere
zivilrechtliche Klagen gegen sie vor. Bei fast allen geht es
um Gesch.fte mit Land. Sie scheinen über gro.e Mengen
Kapital zu verfügen und kaufen jedes Stückchen Grund und
Boden in der Umgebung auf. Natürlich ist es auf dem Land
billig, aber trotzdem. In vielen F.llen sind sie auch ziemlich
massiv aufgetreten. Jedenfalls kaufen sie auch als
Schattenfirmen, hinter denen man die Sekte nicht erkennt,
überall Immobilien auf. Dies führt immer wieder zu
Schwierigkeiten mit Landbesitzern und Kommunen. Es ist
wie Bodenspekulation. Aber bisher hat es nur Zivilklagen
gegeben, die Polizei war nie beteiligt. Ein paar Mal war es
kurz davor, aber dann passierte doch nichts. Vielleicht
waren Politiker darin verwickelt. An denen vergreift sich
die Polizei nicht gern. H.tte die Sache sich ausgeweitet und
die Staatsanwaltschaft w.re eingeschaltet worden, w.re es
etwas anderes..
.Die Vorreiter sind also, was ihre wirtschaftlichen
Aktivit.ten angeht, nicht so sauber, wie sie tun..
.Inwieweit die einfachen Anh.nger Kenntnis davon
haben, wei. ich nicht, aber wenn man die Grundbuchakten
anschaut, ist klar, dass die Führung nicht sauber ist. Auch
bei sehr wohlwollender Betrachtung ist es schwer zu
glauben, dass sie das Geld allein für die Suche nach reiner
Spiritualit.t verwenden. Au.erdem beschr.nken sich ihre
Umtriebe nicht auf Yamanashi, sie kaufen auch
Grundstücke und Immobilien im Zentrum von Tokio und
Osaka. Alles in erstklassiger Lage. Shibuya, Minami-
Aoyama, Shoto … Als h.tte diese Sekte irgendeinen
landesweiten Wachstumsplan im Blickfeld. Falls sie nicht
einfach nur versuchen, ins Immobiliengesch.ft
überzuwechseln..
.Warum muss eine religi.se Gemeinschaft, die das Ziel
hat, in der Natur zu leben und reine strenge Askese zu
üben, in Stadtzentren vordringen?.
.Und woher kommen eigentlich die hübschen runden
Summen dafür?., sagte Ayumi zweifelnd. .Nur mit dem
Verkauf von Rettichen und Karotten kann man solche
Mengen an Kapital nicht anh.ufen..
.Sie pressen ihren Mitgliedern Spenden ab..
.Schon, aber ich glaube nicht, dass da so viel
zusammenkommt. Ganz bestimmt gibt es irgendwo noch
eine andere Geldquelle. Ich habe auch noch eine andere
Information bekommen, die ich ziemlich
besorgniserregend finde. Sie wird dich wahrscheinlich
interessieren. Bei den Vorreitern gibt es eine ganze Menge
Familien mit Kindern, die eigentlich auf die .rtliche
Grundschule gehen sollten. Aber die meisten von ihnen
bleiben nach einer Weile einfach weg. Die Grundschule
besteht prinzipiell auf einer Teilnahme am Unterricht, es
gibt ja so etwas wie Schulpflicht. Aber die Vorreiter
reagieren einfach mit der Behauptung, einige der Kinder
wollten auf keinen Fall die Schule besuchen. Das sei jedoch
kein Grund zur Sorge, denn die Gruppe würde sich selbst
um die schulische Ausbildung kümmern..
Aomame dachte an ihre eigene Schulzeit. Sie konnte die
Abneigung der Sektenkinder gegen die .ffentliche Schule
gut verstehen. Dort waren sie sowieso nur Au.enseiter, die
schikaniert oder bestenfalls ignoriert wurden.
.Sie fühlen sich wahrscheinlich nicht wohl in der Schule.,
sagte Aomame. .Au.erdem ist es ja nicht besonders selten,
dass Kinder nicht gern zur Schule gehen..
.Aber den Lehrern dort ist aufgefallen, dass die Kinder
aus der Sekte – M.dchen und Jungen gleicherma.en –
psychische Probleme haben. Die Kleinen sind noch ganz
normal und fr.hlich, aber in den h.heren Klassen werden
sie zunehmend schweigsam, ihre Gesichter werden
ausdruckslos, sie verfallen in v.llige Teilnahmslosigkeit und
kommen dann bald nicht mehr in die Schule. Der gr..te
Teil der Vorreiter-Kinder zeigt in der gleichen Reihenfolge
die gleichen Symptome. Die Lehrer sind deshalb sehr
besorgt. Sie fragen sich, in welchem Zustand die Kinder
sind, die abgeschottet in der Sekte leben und nicht zur
Schule gehen. Ob sie wirklich ein normales gesundes Leben
führen? Aber sie dürfen nicht nach den Kindern sehen,
denn Au.enstehenden ist der Zutritt zum Gel.nde
verwehrt..
Die gleichen Symptome wie bei Tsubasa, dachte Aomame.
Sie spricht fast nicht, ist ausdruckslos und apathisch.
.Du hast den Verdacht, dass bei den Vorreitern eine Art
Kindesmissbrauch stattfindet. Organisiert. Und dass das
wahrscheinlich Vergewaltigungen einschlie.t., sagte
Ayumi.
.Aber die Polizei wird wahrscheinlich nichts
unternehmen, solange es sich nur um die unbewiesene
Vermutung einer einfachen Bürgerin handelt..
.Stimmt, vor allem, weil viele bei der Polizei so lahm und
verkn.chert sind. Die Typen ganz oben haben nichts als
ihre Karriere im Kopf. Ein paar sind vielleicht anders, aber
dem Gro.teil geht es nur um ihre sichere Laufbahn. Ihr
Lebensziel ist es, nach der Pensionierung in irgendeinem