privaten Unternehmen einen lukrativen Posten zu
ergattern. Also lassen sie von vornherein lieber die Finger
von heiklen F.llen. Man k.nnte sie sich ja verbrennen.
Wahrscheinlich essen die sogar ihre Pizza erst, wenn sie
eiskalt ist. Wenn es ein Opfer g.be, bei dem Spuren
nachzuweisen sind und das eine klare Zeugenaussage vor
Gericht machen k.nnte, s.he die Sache noch einmal anders
aus. Aber das ist schwierig, oder?.
.Ja, wahrscheinlich., sagte Aomame. .Jedenfalls danke
ich dir. Deine Informationen sind sehr hilfreich für mich.
Ich würde mich gern irgendwie revanchieren..
.Mir genügt es, wenn wir beide mal wieder zusammen
nach Roppongi gehen. Und einmal alle l.stigen Dinge
vergessen..
.Machen wir..
.Unbedingt., sagte Ayumi. .Hast du übrigens Interesse
an Fesselspielen?.
.Ich glaube nicht., erwiderte Aomame. Fesselspiele?
.Ach, schade. Na ja., sagte Ayumi ein wenig entt.uscht.
KAPITEL 22
Tengo
Die Zeit vergeht asymmetrisch
Tengo dachte über sein Gehirn nach. Darüber gab es eine
Menge nachzudenken.
Die Gr..e des menschlichen Gehirns hatte sich in den
letzten zweieinhalb Millionen Jahren ungef.hr vervierfacht.
Es machte zwar nur zwei Prozent des menschlichen
K.rpergewichts aus, doch dessen ungeachtet verbrauchte
es ungef.hr vierzig Prozent der gesamten K.rperenergie (so
hatte es in einem Buch gestanden, das er vor kurzem
gelesen hatte). Was der Mensch durch das rasche
Wachstum seines Gehirns erlangte, war die M.glichkeit, in
Zeit und Raum zu denken.
DAS KONZEPT VON ZEIT UND RAUM.
Tengo wusste, dass die Zeit in asymmetrischer Form
voranschritt. Die Zeit an sich war gleichf.rmig, aber sie
verwandelte sich in etwas Asymmetrisches, wenn sie
verbraucht wurde. Manchmal verging sie schrecklich
schwer und langsam, ein anderes Mal wieder leicht und
schnell. In manchen F.llen vertauschten sich Vorher und
Nachher, schlimmstenfalls konnte die Zeit ganz
verschwinden. Oder es wurde etwas hinzugefügt, das gar
nicht da sein sollte. Wahrscheinlich ordnete der Mensch
den Sinn seines Daseins, indem er eigenm.chtig die Zeit
regulierte. Anders ausgedrückt: Indem er die Zeit erfand,
bewahrte er seine geistige Gesundheit. Zweifellos kann der
Mensch es psychisch nicht ertragen, verronnene Zeit
folgerichtig und gleichbleibend akzeptieren zu müssen. Ein
solches Leben würde einer Folter gleichkommen, dachte
Tengo.
Durch die Vergr..erung seines Gehirns gelangte der
Mensch also zu einer Vorstellung von Zeit; zugleich jedoch
eignete er sich eine Methode an, diese zu modifizieren und
zu regulieren. Parallel zur objektiv unabl.ssig
verstreichenden Zeit erzeugte das menschliche Bewusstsein
unabl.ssig subjektiv geregelte Zeit. Das war keine geringe
Leistung. Kein Wunder, dass das Gehirn vierzig Prozent der
gesamten K.rperenergie verbrauchte.
Tengo fragte sich oft, ob die Erinnerung, die er an die Zeit
hatte, als er anderthalb oder h.chstens zwei Jahre alt
gewesen war, der Wahrheit entsprach. Hatte er die Szene,
in der seine Mutter im Unterkleid den Mann, der nicht sein
Vater war, an ihrer Brustwarze saugen lie., wirklich mit
eigenen Augen gesehen? Konnte ein Kleinkind in diesem
Alter so genau unterscheiden? Konnte eine Szene sich ihm
so deutlich und bis ins Detail einpr.gen? Oder handelte es
sich nicht eher um eine gef.lschte Erinnerung, die er sich
sp.ter zurechtgebastelt hatte, um sich zu schützen?
M.glich w.re das. Vielleicht hatte Tengos Gehirn
irgendwann unbewusst die Erinnerung an einen anderen
Mann (der sein wirklicher Vater sein konnte) produziert,
um zu beweisen, dass er nicht das leibliche Kind jenes
Menschen war, der vorgab, sein Vater zu sein – ein
Versuch, den .Menschen, der vorgab, sein Vater zu sein.
aus dem engen Kreis der Blutsverwandtschaft
auszuschlie.en. Vielleicht wollte er sich einen Fluchtweg
aus seinem beschr.nkten, erstickenden Leben schaffen,
indem er eine Mutter, die noch irgendwo am Leben war,
und einen mutma.lichen richtigen Vater erfand.
Dennoch haftete seiner Erinnerung etwas sehr
Lebendiges, Realistisches an. Sie hatte eine Textur, sie hatte
ein Gewicht, sie hatte einen Geruch, sogar Tiefensch.rfe.
Sie klammerte sich mit unglaublicher Z.higkeit an die
W.nde seines Bewusstseins, wie eine Auster an ein
Schiffswrack. Sosehr er sich auch bemühte, sie
abzuschütteln, sie fortzuspülen, er konnte sie sich einfach
nicht aus dem Herzen rei.en. Daher konnte er sich
eigentlich nicht vorstellen, dass sie nur eine F.lschung war,
die sein eigenes Bewusstsein geschaffen hatte. Für ein
fiktives Gebilde war sie einfach zu real, zu massiv.
Also nahm er an, dass es sich um eine echte, tats.chliche
Erinnerung handelte. Er war fast noch ein Baby gewesen
und hatte sich beim Anblick dieser Szene sicher sehr
gefürchtet. Ein fremder Mann saugte an der Brustwarze, die
eigentlich ihm vorbehalten war. Jemand, der viel gr..er
und st.rker war als er. Au.erdem schien seine Mutter ihn,
wenn auch nur für diesen Augenblick, v.llig vergessen zu
haben. Tengo musste sich bis ins Innerste bedroht gefühlt
haben. Vielleicht hatte sich das Bild ihm durch diese
existentielle Angst so unausl.schlich eingebrannt.
Und in unvorhersehbaren Momenten erhob sich die
Erinnerung an diese Furcht wieder in Tengo, brach wie ein
Sturzbach über ihn herein und versetzte ihn in einen
panikartigen Zustand. Die Panik sprach zu ihm und sorgte
dafür, dass er sie nie verga.: Wohin du auch gehst, was du
auch tust, diesem Schwall wirst du nie entrinnen. Diese
Erinnerung wird dein Leben bestimmen, es formen und
dich deiner Bestimmung zuführen. Sosehr du auch dagegen
ank.mpfst, dieser Macht kannst du nicht entfliehen.
Tengo holte den Schlafanzug, den Fukaeri getragen hatte,
aus der Waschmaschine, und als er sein Gesicht darin
verbarg und gierig den Duft einsog, hatte er pl.tzlich das
Gefühl, den Geruch seiner Mutter wahrzunehmen. Aber
warum beschwor der Duft eines siebzehnj.hrigen
M.dchens das Bild seiner verschwundenen Mutter in ihm
herauf? Warum begegnete er ihm nicht woanders? Zum
Beispiel an seiner Freundin?
Tengos Freundin war immerhin zehn Jahre .lter als er,
und sie hatte einen wohlgeformten vollen Busen. Er glich
fast dem seiner Mutter, wie er ihn in seiner Erinnerung sah.
Das wei.e Unterkleid hatte auch ihr gut gestanden. Aber
aus irgendeinem Grund suchte er in ihr nicht das Bild
seiner Mutter. Auch der Duft ihres K.rpers erregte kein
diesbezügliches Interesse in ihm. Einmal w.chentlich stillte
sie ihre Begierde an Tengo und konnte auch ihn (fast
immer) sexuell befriedigen. Das war natürlich nicht
unwichtig, aber darüber hinaus hatte die Beziehung der
beiden kaum eine Bedeutung.
Sie bestimmte den gr..ten Teil ihrer sexuellen
Aktivit.ten. Tengo tat, ohne sich viel dabei zu denken, das,
was sie ihm zeigte. Er brauchte nicht zu entscheiden und
auch nicht zu urteilen. Er musste nur zwei Anforderungen
erfüllen. Sein Penis musste einsatzf.hig sein, und das
Timing seiner Ejakulation musste stimmen. Wenn sie sagte
.Noch nicht. Halt noch ein bisschen durch., hielt er sich
gewissenhaft zurück. Wenn sie ihm dann ins Ohr flüsterte:
.Jetzt, o ja, komm schnell., ejakulierte er punktgenau und
heftig. Dann lobte sie ihn. Streichelte seine Wangen und
sagte: .Ach, Tengo, du bist wunderbar.. Das Streben nach
Pr.zision lag ihm von Natur aus. Dazu geh.rte auch,
korrekte Punkte zu setzen und Formeln für die kürzeste
Distanz zu entdecken.
Mit einer Frau zu schlafen, die jünger war als er, war
wesentlich problematischer. Er musste von Anfang bis Ende
alles bedenken und so vieles entscheiden. Tengo fühlte sich
unwohl, wenn die ganze Verantwortung auf seinen
Schultern lastete. Er kam sich dann vor wie der Kapit.n
eines kleinen Schiffes in stürmischer See. Er musste
steuern, den Zustand der Segel überprüfen und Luftdruck
und Windrichtung im Kopf haben. Er musste Urteile f.llen
und den Seeleuten Mut machen. Ein winziges Vers.umnis
oder ein falscher Handgriff konnten zu einer Katastrophe
führen. So wurde der Geschlechtsverkehr für ihn fast zu
einer Pflichtübung. Vor Aufregung ejakulierte er im
falschen Moment oder wurde nicht richtig hart, wenn er
sollte. Und Selbstzweifel begannen an ihm zu nagen.
Aber bei seiner .lteren Freundin kam es erst gar nicht zu
solchen Diskrepanzen. Sie sch.tzte Tengos F.higkeiten als
Liebhaber hoch ein. Sie lobte und ermutigte ihn immerzu.
Nachdem Tengo dieses einzige Mal zu früh ejakuliert hatte,
vermied sie es geflissentlich, wei.e Unterkleider zu tragen.
Und nicht nur Unterkleider, er sah sie überhaupt nie
wieder in wei.er Unterw.sche.
Auch an diesem Tag trug sie schwarze Unterw.sche. Sie
verw.hnte ihn mit Fellatio, liebkoste seinen harten Penis
und seine weichen Hoden nach allen Regeln der Kunst.
Tengo konnte sehen, wie ihre von dem schwarzen Spitzen-
BH umhüllten Brüste im Takt der Bewegungen ihres
Mundes auf und ab wippten. Um eine verfrühte Ejakulation
zu vermeiden, schloss er die Augen und dachte an die
Giljaken.
.Sie haben kein Gericht und wissen nicht, was
Rechtsprechung bedeutet. Wie schwer es ihnen f.llt, uns zu
verstehen, sieht man beispielsweise daran, dass sie bis jetzt
nicht ganz die Bestimmung von Wegen verstehen. Sogar
dort, wo schon Wege angelegt sind, wandern sie immer
quer durch die Taiga. Man kann oft sehen, wie sie, ihre
Familien und die Hunde sich im G.nsemarsch mühsam
durch das Moor bewegen, und zwar neben dem Weg..
Er stellte sich vor, wie kleine Gruppen von Giljaken in
.rmlicher abgerissener Kleidung im G.nsemarsch mit
Hunden und Frauen neben den vorhandenen Pfaden durch
die Taiga wanderten. In ihrem Konzept von Zeit und Raum
existierten keine Wege. Statt auf den Wegen zu gehen,
stapften sie ungerührt durch die Taiga, auch wenn es
mühsam war. Vielleicht war es auf diese Weise leichter für
sie, den Sinn ihrer Existenz zu bestimmen.
Die armen Giljaken, hatte Fukaeri gesagt. Tengo dachte
an ihr schlafendes Gesicht. Fukaeri in seinem Pyjama, der
viel zu gro. für sie war. Die .rmel und Hosenbeine
hochgekrempelt. Er nahm ihn aus der Waschmaschine und
atmete seinen Duft ein.
Nicht daran denken!, wollte Tengo sich selbst noch
erschrocken zurückhalten. Doch da war es bereits zu sp.t.
Er ejakulierte heftig. Seine Freundin behielt ihn bis zum
Schluss im Mund, dann stand sie auf und ging ins Bad. Er
h.rte, wie sie den Wasserhahn aufdrehte und sich den
Mund ausspülte. Dann kam sie ins Bett zurück, als sei
nichts geschehen.
.Tut mir leid., entschuldigte sich Tengo.
.Es ging eben nicht mehr., sagte die Freundin und
stupste mit der Fingerspitze gegen seine Nase. .Macht
doch nichts. Hat es sich denn so gut angefühlt?.
.Ja, sehr., sagte er. .Ich glaube, in einer Weile kann ich
noch mal..
.Ich freu mich schon., sagte sie und legte ihre Wange auf
Tengos nackte Brust. Sie lag still und mit geschlossenen
Augen da. Er spürte ihren ruhigen Atem auf seiner
Brustwarze. Sie atmete durch die Nase.
.Wei.t du, woran deine Brust mich immer erinnert?.,
fragte sie ihn.
.Nein..
.An ein Burgtor in einem Film von Akira Kurosawa..
.Ein Burgtor., sagte Tengo und streichelte ihren Rücken.
.In einem dieser alten Schwarz-Wei.-Filme, Das Schloss
im Spinnwebwald oder Die verborgene Festung, kommt
doch dieses gro.e massive Tor vor. Ein Tor mit gro.en
Bolzen. Daran muss ich immer denken. Solide und breit..
.Bolzen habe ich aber keine, oder?., sagte Tengo.
.Ist mir bisher nicht aufgefallen..
Nachdem Die Puppe aus Luft als Buch erschienen war,
landete es in der zweiten Woche auf der Belletristik-
Bestsellerliste, in der dritten stand es auf Platz eins. Tengo
verfolgte in den Zeitungen, die im Lehrerzimmer der
Yobiko auslagen, den Weg ihres Romans zum Bestseller. Es
gab auch zwei Anzeigen, in denen das Buch und daneben
ein kleines Foto von Fukaeri abgebildet waren. Der gewisse
enganliegende dünne Sommerpullover, der ihre
wohlgeformten Brüste zur Geltung brachte (wahrscheinlich
war das Foto auf der Pressekonferenz aufgenommen
worden). Das glatte lange Haar, das ihr bis über die
Schultern hing, ihre geheimnisvollen schwarzen Augen
dem Betrachter zugewandt. Ihr Blick schien durch das
Objektiv der Kamera etwas Verborgenes in seinem
Inneren – etwas, dessen er sich selbst für gew.hnlich nicht
bewusst war – vorbehaltlos zu durchschauen. Er war
neutral, aber freundlich. Der unbeirrbare Blick dieses
siebzehnj.hrigen M.dchens durchbrach die Defensive des
Betrachters und weckte zugleich ein leichtes Unbehagen.
Es war nur ein kleines Schwarz-Wei.-Foto, aber allein sein
Anblick würde nicht wenige Menschen veranlassen, das
Buch zu kaufen.
Einige Tage nach dem Erscheinen hatte Komatsu ihm
zwei Exemplare von Die Puppe aus Luft geschickt, aber
Tengo hatte noch nicht einmal hineingesehen. Zum ersten
Mal war ein von ihm geschriebener Text in Buchform
erschienen, aber er hatte keine Lust, darin zu lesen, nicht
einmal flüchtig. Keine Freude wallte angesichts des fertigen
Buches in ihm auf. Auch wenn es seine S.tze waren, so war
es doch Fukaeris Geschichte, die darin erz.hlt wurde. Eine
Geschichte, die sie geschaffen hatte. Seine bescheidene
Rolle als Ghostwriter war l.ngst beendet. Das künftige
Schicksal des Werkes hatte mit Tengo von nun an nichts
mehr zu tun. Zumindest sollte es nichts mehr mit ihm zu
tun haben. Er verstaute die beiden noch eingeschwei.ten
Bücher an einer unauff.lligen Stelle im Regal.
Nach der Nacht, die Fukaeri in seiner Wohnung verbracht
hatte, floss Tengos Leben friedlich dahin, als sei nichts
geschehen. Es regnete oft, was er jedoch kaum beachtete.
Klimafragen rangierten auf Tengos Priorit.tenliste ziemlich
weit unten. Von Fukaeri hatte er nichts mehr geh.rt. Dass
sie sich nicht meldete, hie. vermutlich, dass es keine
nennenswerten Probleme gab.