Unterdessen arbeitete er weiter an seinem Roman.
Daneben verfasste er mehrere kurze Auftragsarbeiten für
Zeitschriften. Es waren leichte Texte ohne
Namensnennung, die jeder h.tte schreiben k.nnen, aber
sie lenkten ihn ab und waren im Verh.ltnis zum Aufwand
nicht schlecht bezahlt. Au.erdem fuhr er wie immer
dreimal in der Woche zu seiner Yobiko, um
Mathematikunterricht zu erteilen. Um alles Belastende –
haupts.chlich Die Puppe aus Luft und Fukaeri – zu
vergessen, tauchte er wie auch schon früher tief in die Welt
der Zahlen ein. Hatte er sie einmal betreten, .nderte sich
(mit einem leisen Knacken) der Schaltkreis seines Gehirns.
Sein Mund begann eine andere Sprache zu sprechen, und
sein K.rper bediente sich anderer Muskeln. Ebenso wie der
Klang seiner Stimme .nderte sich auch sein Mienenspiel.
Tengo mochte dieses Gefühl des vollst.ndigen Wandels. Es
war ein bisschen wie von einer Wohnung in eine andere zu
ziehen oder von einem Paar Schuhe in ein anderes zu
wechseln.
In der Welt der Zahlen fühlte er sich um einige Grad
entspannter als im Alltagsleben oder beim Schreiben. Hier
wurde er beredter. Zugleich hatte er allerdings das Gefühl,
dort eine etwas provisorische Existenz zu sein. Er konnte
nicht beurteilen, welches sein wahres Selbst war. Aber er
konnte diesen Wechsel vollkommen natürlich und ohne
ihn sich besonders bewusst zu machen vollziehen. Er
wusste auch, dass dieser Wechsel mehr oder weniger
notwendig für ihn war.
Als Mathematiklehrer h.mmerte er von seinem Pult aus
in die K.pfe der Schüler ein, wie begierig die Mathematik
nach Logik trachtete. In ihrem Reich hatten Dinge, die man
nicht beweisen konnte, keinerlei Bedeutung, und wenn
man sie einmal beweisen konnte, lagen die R.tsel der Welt
weich wie ge.ffnete Austern in den H.nden des Menschen.
Sein Vortrag war von ungew.hnlichem Eifer getragen, und
die Schüler konnten gar nicht anders, als seinen beredten
Erkl.rungen zu lauschen. Er vermittelte ihnen praktisch
und einpr.gsam die L.sungsm.glichkeiten der
mathematischen Aufgaben, w.hrend er ihnen zugleich auf
brillante Weise den Zauber er.ffnete, der sich in diesen
Aufgaben verbarg. Wenn Tengo seinen Blick über die
Klasse schweifen lie., merkte er, dass einige siebzehn- und
achtzehnj.hrige M.dchen ihn voller Bewunderung
anstarrten. Seine Beredsamkeit war wie eine Art
intellektuelles Vorspiel. Mit den mathematischen
Funktionen streichelte er ihnen sanft den Rücken, mit den
Lehrs.tzen hauchte er ihnen warmen Atem ins Ohr. Doch
seit er Fukaeri kannte, hatte Tengo kein sexuelles Interesse
mehr an solchen jungen M.dchen. Er dachte nicht darüber
nach, wie es w.re, den Duft ihrer Schlafanzüge einzuatmen.
Fukaeri ist ein ganz besonderes Wesen, dachte Tengo
wieder einmal. Man kann sie nicht mit anderen M.dchen
vergleichen. Sie hat ganz zweifellos eine besondere
Bedeutung für mich. Sie ist – wie soll ich sagen – wie eine
an mich gerichtete Botschaft. Aber ich kann diese Botschaft
partout nicht entschlüsseln.
Dennoch rang er sich zu dem eindeutigen Beschluss
durch, dass es besser war, alles hinter sich gelassen zu
haben, was mit Fukaeri zu tun hatte. Für ihn war es das
Beste, sich m.glichst von Die Puppe aus Luft, deren
Ausgaben sich inzwischen in den Schaufenstern der
Buchl.den stapelten, von Professor Ebisuno, von dem er
nicht wusste, was er dachte, und dieser religi.sen
Gemeinschaft mit dem gef.hrlichen Geheimnis
fernzuhalten. Auch zu Komatsu wollte er lieber eine
gewisse Distanz halten, zumindest für den Moment. Sonst
würde er noch mehr in diese ganzen Machenschaften
hineingezogen werden. Er würde in eine gef.hrliche Ecke
gedr.ngt, in der nicht die geringste Logik herrschte, und
wom.glich in eine ausweglose Situation geraten.
Allerdings wusste Tengo sehr gut, dass es in diesem
Stadium nicht mehr so einfach war, sich aus dieser
komplizierten Verschw.rung zurückzuziehen. Er war ja
nicht, wie die Helden von Hitchcock, unwissentlich in eine
Intrige verwickelt worden. Er hatte genau gewusst, welches
Risiko er einging, und freiwillig mitgemacht. Jetzt hatte der
Mechanismus sich in Gang gesetzt, und keine Macht der
Welt konnte ihn mehr stoppen. Tengo war jetzt ein
Zahnrad in seinem Getriebe. Noch dazu ein Hauptzahnrad.
Er konnte das tiefe St.hnen des Mechanismus h.ren und
die Wucht seines Impulses spüren.
Einige Tage nachdem Die Puppe aus Luft zwei Wochen
hintereinander auf Platz eins der Bestsellerliste gestanden
hatte, erhielt Tengo einen Anruf von Komatsu. Es war
gegen elf Uhr abends. Tengo hatte schon seinen
Schlafanzug an und lag im Bett. Er hatte eine Weile auf
dem Bauch liegend gelesen und war im Begriff, die
Nachttischlampe zu l.schen, um zu schlafen. Aus der Art,
wie das Telefon klingelte, erriet er, dass es Komatsu war. Es
war ihm selbst unerkl.rlich, aber er erkannte Komatsus
Anrufe immer am Klingeln. Wie ein literarischer Text einen
Stil hat, so hatten sie ein charakteristisches Klingeln.
Tengo stand auf, tapste in die Küche und hob den H.rer
ab. Am liebsten w.re er überhaupt nicht ans Telefon
gegangen. Er wollte unbehelligt und in Ruhe schlafen. Und
von Iriomote-Katzen, vom Panamakanal, von der
Ozonschicht, von Matsuo Basho oder egal von was
tr.umen, Hauptsache, es war m.glichst weit entfernt. Aber
wenn er jetzt nicht abnahm, würde das Telefon in fünfzehn
Minuten oder einer halben Stunde wieder klingeln.
Komatsu hatte keinen Sinn für zeitliche Umst.nde. Er
nahm nicht die geringste Rücksicht auf Menschen, die ein
normales Leben führten. Deshalb war es ratsamer, ans
Telefon zu gehen.
.Na, Tengo, hast du etwa schon geschlafen?., überfiel ihn
Komatsu wie üblich v.llig ungerührt.
.Ich war gerade dabei, schlafen zu gehen., sagte Tengo.
.Entschuldige., sagte Komatsu ohne das leiseste
Bedauern. .Ich wollte dir nur sagen, dass der Verkauf von
unserem Püppchen ausgezeichnet l.uft..
.Prima..
.Es geht weg wie warme Semmeln. Sie kommen gar nicht
nach mit der Herstellung, die armen Buchbinder schuften
die ganze Nacht. Natürlich war es vorauszusehen, dass wir
eine ganze Menge Exemplare verkaufen würden. Der
Roman einer siebzehnj.hrigen jungen Sch.nen. Sie ist
Tagesgespr.ch. Das tr.gt auch zum Verkauf bei..
.Ganz im Unterschied zum Roman eines drei.ig Jahre
alten b.rigen Yobiko-Lehrers..
.Du sagst es. Andererseits kann man nicht gerade
behaupten, dass die Puppe besonders rei.erisch ist, oder?
Kein Sex, kein Schmalz, der auf die Tr.nendrüse drückt. Ich
kann selbst kaum glauben, dass sie sich so verkauft..
Komatsu machte eine Pause, anscheinend wartete er auf
eine Reaktion. Da Tengo nichts sagte, fuhr er im gleichen
Stil fort.
.Au.erdem geht es nicht nur um die Verkaufszahlen. Ihr
Renommee ist toll. Das ist etwas anderes als diese billigen
Sensationsromane, die sonst die jungen Leute schreiben.
Jedenfalls ist er inhaltlich ausgezeichnet. Natürlich hat erst
deine zuverl.ssig wunderbare Schreibtechnik das m.glich
gemacht. Donnerwetter. Das war eine Mordsleistung..
M.glich gemacht. Komatsus Lob ignorierend, presste
Tengo sich die Fingerkuppen gegen die Schl.fe. Wenn
Komatsu sich in derartigen Lobpreisungen erging, war mit
gro.er Sicherheit eine unangenehme Mitteilung zu
erwarten.
.Also, Herr Komatsu, was ist die schlechte Nachricht?.,
fragte Tengo.
.Woher wei.t du, dass es eine schlechte Nachricht gibt?.
.Wenn Sie mich um diese Zeit anrufen, kann es sich doch
nur um eine schlechte Nachricht handeln..
.Allerdings., sagte Komatsu beeindruckt. .Genau so ist
es. Du hast wirklich Intuition, Tengo..
Das ist keine Intuition, dachte Tengo, das ist schlicht und
einfach Erfahrung. Er sagte jedoch nichts und wartete auf
das, was Komatsu ihm er.ffnen würde.
.Leider gibt es eine weniger angenehme Neuigkeit., sagte
Komatsu. Er machte eine bedeutungsvolle Pause. Auch
durchs Telefon konnte Tengo sich vorstellen, dass seine
Augen in der Dunkelheit glitzerten wie die einer Manguste.
.Wahrscheinlich geht es um die Autorin von Die Puppe
aus Luft, oder?., sagte Tengo.
.Genau. Es betrifft Fukaeri. Da ist was Schlimmes
passiert. Also, um die Wahrheit zu sagen: Sie ist seit einer
Weile verschwunden..
Tengo drückte die Fingerkuppen weiter gegen seine
Schl.fe. .Was hei.t .seit einer Weile.? Wie lange schon?.
.Vor drei Tagen, also am Mittwochmorgen, hat sie das
Haus in Okutama verlassen und ist nach Tokio gefahren.
Ebisuno hat sie zum Bahnhof gebracht. Sie hat nicht gesagt,
wohin sie wollte. Sp.ter hat sie angerufen und gesagt, sie
würde an dem Tag nicht in die Villa auf dem Berg
zurückkehren, sondern in Shinanomachi übernachten. An
dem Tag hat auch Ebisunos Tochter dort übernachtet. Aber
Fukaeri ist dort nie angekommen. Seither gibt es keine
Nachricht von ihr..
Tengo versuchte sich an die letzten drei Tage zu erinnern.
Aber es fiel ihm nichts ein.
.Es gibt keinerlei Anhaltspunkte, wo sie sein k.nnte.
Wei.t du, ich dachte, sie h.tte sich vielleicht bei dir
gemeldet..
.Nein, hat sie nicht., sagte Tengo. Seit Fukaeri bei ihm
übernachtet hatte, waren bestimmt vier Wochen
vergangen. Tengo z.gerte, ob er Komatsu erz.hlen sollte,
dass sie damals gesagt hatte, sie solle sich vielleicht lieber
nicht in Shinanomachi zeigen. Vielleicht hatte sie schon
damals ein ungutes Gefühl gehabt. Am Ende beschloss er
zu schweigen. Er wollte Komatsu nicht sagen, dass Fukaeri
bei ihm geschlafen hatte.
.Sie ist ein seltsames M.dchen., sagte Tengo. .Vielleicht
ist sie pl.tzlich irgendwohin gefahren, ohne Bescheid zu
sagen..
.Nein, bestimmt nicht. Fukaeri ist entgegen allem
Anschein die Gewissenhaftigkeit in Person. Sie sagt immer,
wohin sie geht. Ruft konstant an und sagt, wo sie sich im
Augenblick aufh.lt und wann sie wohin geht. Das hat mir
Professor Ebisuno gesagt. Deshalb ist es h.chst
ungew.hnlich, dass sie sich drei volle Tage nicht gemeldet
hat. Wom.glich ist ihr etwas Schlimmes zugesto.en..
Tengo st.hnte. .Etwas Schlimmes!.
.Der Sensei und seine Tochter machen sich gro.e
Sorgen., sagte Komatsu.
.Fukaeris Verschwinden bringt doch auch Sie sicher in
eine unangenehme Lage..
.Ja, wenn die Polizei eingeschaltet werden muss, dann
wird die Sache richtig kompliziert. Eine sch.ne junge
Schriftstellerin, deren Buch auf direktem Weg ein Bestseller
wurde, ist spurlos verschwunden. Die Massenmedien
werden sich überschlagen. Ich als zust.ndiger Redakteur
werde in die .ffentlichkeit gezerrt und muss Kommentare
abgeben. Das ist überhaupt nicht lustig. Denn letztendlich
bin ich ein Schattenmann und nicht vertraut mit dem
hellen Sonnenlicht. Au.erdem kann man nie wissen, ob bei
so etwas nicht auch Interna ausgegraben werden..
.Was sagt denn der Professor?.
.Er will sie morgen als vermisst melden., sagte Komatsu.
.Ich konnte ihn überreden, noch ein paar Tage zu warten,
aber lange will er es auch nicht mehr hinausschieben..
.Die Medien werden sich darauf stürzen, sobald sie davon
erfahren..
.Die Polizei wird nicht wissen, wie sie damit umgehen
soll. Fukaeri ist prominent. Sie ist nicht nur ein
gew.hnlicher Teenager, der von zu Hause abgehauen ist. Es
wird schwierig sein, ihr Verschwinden vor der
.ffentlichkeit zu verbergen..
Oder es ist genau das, was der Professor will, dachte
Tengo.
Eri ist der K.der, und wenn die .ffentlichkeit erst einmal
angebissen hat, kann er vielleicht die Beziehung zwischen
den Vorreitern und Eris Eltern kl.ren und deren
Aufenthaltsort herausfinden. Wenn das der Plan des
Professors war, zeigte er jetzt die erwartete Wirkung. Aber
überblickte er die Gr..e der Gefahr, die damit verbunden
war? Wahrscheinlich. Ebisuno war kein gedankenloser
Mensch. In die Tiefe zu denken war sogar sein Beruf.
Au.erdem gab es noch einige wichtige Fakten, die er Tengo
nicht über Fukaeri mitgeteilt hatte. Tengo erhielt
sozusagen nach und nach die fehlenden Stücke und fügte
sie in sein Puzzle ein. Ein intelligenter Mensch h.tte sich
von Anfang an nicht in so eine Geschichte hineinziehen
lassen.
.Und du hast gar keine Ahnung, wo sie geblieben sein
k.nnte, Tengo?.
.Im Augenblick nicht..
.Ach.. Komatsu seufzte. Seiner Stimme war eine gewisse
Ersch.pfung anzumerken. Dass Komatsu eine Schw.che
zeigte, kam so gut wie nie vor. .Tut mir leid, dass ich dich
mitten in der Nacht geweckt habe..
.Schon gut. Ist doch selbstverst.ndlich unter diesen
Umst.nden., sagte Tengo.
.Ich wollte dich nach M.glichkeit nicht in solche
konkreten Schwierigkeiten hineinziehen. Du solltest ja nur
den Text überarbeiten, und diese Aufgabe hast du
bravour.s gemeistert. Aber auf der Welt laufen die Dinge
nie so, wie sie sollen. Und wie gesagt, wir sitzen in einem
Boot und treiben im Wildwasser dahin..
.Schicksalsgef.hrten., steuerte Tengo mechanisch bei.
.Genau..
.Aber, Herr Komatsu, wenn die Nachrichten über
Fukaeris Verschwinden berichten, steigen die
Verkaufszahlen von Die Puppe aus Luft doch bestimmt
noch mehr?.
.Die sind hoch genug., sagte Komatsu resigniert. .Mehr
Werbung brauchen wir nicht. Ein Skandal bringt uns nur in
Schwierigkeiten. Wir sind eher an dem Punkt angelangt, an
dem wir nachdenken müssen, wie wir sicher an Land
kommen..
.Sicher an Land kommen., sagte Tengo.
Komatsu gab einen Laut von sich, als würde er einen
imagin.ren Klo. in seiner Kehle hinunterschlucken. Dann
r.usperte er sich leise. .über diese Dinge werden wir eines
Tages bei einem sch.nen Essen noch einmal in Ruhe reden.
Wenn wir diesen ganzen Kram hinter uns haben. Gute
Nacht, Tengo. Schlaf gut und fest..
Mit diesen Worten legte Komatsu auf. Als habe er damit
einen Fluch über Tengo verh.ngt, konnte dieser
anschlie.end überhaupt nicht schlafen. Er war todmüde,
aber an Schlaf war nicht zu denken.
Schlaf gut – dass ich nicht lache, dachte Tengo. Er setzte