sich an den Küchentisch und versuchte zu arbeiten. Aber er
brachte nichts zustande. Er nahm eine Flasche Whisky aus
dem Schrank, schenkte sich ein Glas ein und trank ihn
unverdünnt in kleinen Schlucken.
Vielleicht hatte Fukaeri die ihr zugewiesene Aufgabe als
lebender K.der erfüllt, und die Vorreiter hatten sie
entführt. Das schien Tengo nicht ausgeschlossen. Sie hatten
das Haus in Shinanomachi beobachtet und Fukaeri, kaum
war sie aufgetaucht, zu mehreren gepackt, in einen Wagen
gezerrt und fortgebracht. Wenn man einen günstigen
Moment abpasste und alles schnell ging, war das gar nicht
so schwierig. Als Fukaeri gesagt hatte, es sei besser, nicht in
das Haus in Shinanomachi zu gehen, hatte sie vielleicht
schon so etwas geahnt.
Sowohl die Little People als auch die Puppe aus Luft
existierten wirklich, hatte sie zu Tengo gesagt. Als die
blinde Ziege gestorben war und Fukaeri für ihre
Unachtsamkeit bestraft wurde, hatte sie die Little People
kennengelernt. Jede Nacht hatte sie mit ihnen an der Puppe
aus Luft gesponnen. Und das alles hatte für sie selbst gro.e
Bedeutung. Sie hatte diese Ereignisse in die Form einer
Geschichte gebracht. Und Tengo hatte ihrer Geschichte die
Form eines kurzen Romans gegeben. Mit anderen Worten
die Form der Ware ver.ndert. Und jetzt ging diese Ware
weg wie warme Semmeln (um mit Komatsus Worten zu
sprechen). Für die Vorreiter war das wahrscheinlich eine
ziemlich ungünstige Entwicklung. Die Geschichte von den
Little People und der Puppe aus Luft war vermutlich das
bedeutende Geheimnis, das nicht nach au.en dringen
durfte. Deshalb hatten sie Fukaeri entführt, um zu
verhindern, dass es weiter verbreitet wurde. Sie mussten sie
mundtot machen. Auch wenn ihr Verschwinden den
Argwohn der .ffentlichkeit hervorrufen würde und sie
damit ein Risiko eingingen, konnten sie praktisch nur
Gewalt anwenden.
Aber das waren selbstverst.ndlich nicht mehr als
Vermutungen, die einer soliden Grundlage entbehrten. Es
war unm.glich, auch nur das Geringste davon zu beweisen.
Würde irgendjemand Tengo Beachtung schenken, wenn er
lauthals verkündete, dass die Little People und die Puppe
aus Luft wirklich existierten? Au.erdem wusste er ja selbst
nicht, was .wirklich existieren. in diesem Zusammenhang
konkret bedeutete.
Oder Fukaeri hatte sich einfach irgendwohin
zurückgezogen, weil sie den Rummel um Die Puppe aus
Luft satthatte. Auch das war natürlich denkbar. Fukaeris
Verhalten war nicht vorhersehbar. Doch in diesem Fall
h.tte sie bestimmt eine Botschaft hinterlassen, damit der
Professor und seine Tochter Azami sich keine Sorgen
machten. Es gab nicht den geringsten Grund, warum sie
das nicht getan haben sollte.
Aber wenn Fukaeri tats.chlich von der Sekte entführt
worden war, war es auch für Tengo nicht schwer, sich
vorzustellen, in welcher Gefahr sie schwebte. Vielleicht
würde der Kontakt zu ihr einfach abbrechen, so wie es
seinerzeit mit ihren Eltern geschehen war. Auch wenn die
Verbindung zwischen Fukaeri und den Vorreitern bekannt
würde (was nur noch eine Frage der Zeit war) und die
Massenmedien eine Sensation daraus machten – wenn die
Beh.rden nichts unternahmen, würde alles mit viel L.rm
um nichts enden, weil für eine Entführung die konkreten
Beweise fehlten. Und sie würde vielleicht für immer hinter
den hohen Z.unen der Sekte eingesperrt bleiben. Oder es
würde noch etwas viel Schlimmeres passieren. Ob Professor
Ebisuno auch das in seinem Plan einkalkuliert hatte?
Tengo h.tte ihn am liebsten angerufen und ihn gefragt.
Aber inzwischen war es mitten in der Nacht. Er musste bis
zum n.chsten Tag warten.
Am n.chsten Morgen w.hlte Tengo die Nummer, die er
von Professor Ebisuno erhalten hatte. Aber sie war nicht
vergeben. Es ert.nte immer wieder nur die Bandnachricht
.Kein Anschluss unter dieser Nummer. Bitte überprüfen Sie
die gew.hlte Nummer und versuchen Sie es noch einmal..
Er w.hlte mehrmals neu, aber immer mit dem gleichen
Ergebnis. Vielleicht hatten sie ihre Nummer wegen der Flut
der Anrufe nach Fukaeris Debüt .ndern lassen.
Danach passierte eine Woche lang nichts. Die Puppe aus
Luft verkaufte sich weiterhin ausgezeichnet und stand
unver.ndert auf den oberen Pl.tzen der Bestsellerlisten im
ganzen Land. Niemand meldete sich mehr bei Tengo. Er
hatte immer wieder in Komatsus Redaktion angerufen, aber
Komatsu war nie da gewesen (was nicht au.ergew.hnlich
war). Er hinterlie. die Bitte um Rückruf, aber Komatsu rief
ihn kein einziges Mal an (was ebenfalls nicht
au.ergew.hnlich war). Tengo durchforstete jeden Tag die
Zeitungen, entdeckte aber keinen Hinweis darauf, dass eine
Fahndung nach Fukaeri eingeleitet worden w.re. Ob der
Professor schlie.lich doch keine Vermisstenmeldung
aufgegeben hatte? Oder ob die Polizei die offizielle
Mitteilung an die Presse zurückhielt, um verdeckt nach
Fukaeri zu fahnden? Oder den Fall als den eines von zu
Hause ausgerissenen Teenagers nicht ernst nahm?
Tengo unterrichtete wie immer drei Tage in der Woche
an der Yobiko, an den übrigen Tagen sa. er am
Schreibtisch und schrieb weiter an seinem Roman. Am
Freitagnachmittag schlief er mit seiner Freundin. Doch zu
keiner Zeit war er mit seinen Gefühlen ganz bei der Sache.
Er verbrachte seine Tage angespannt und im Bewusstsein
von etwas Ungew.hnlichem, wie ein Mensch, der
versehentlich ein Stück von einer dicken Wolke verschluckt
hat. Er verlor immer mehr den Appetit. Nachts wachte er
pl.tzlich auf und konnte dann nicht mehr einschlafen. Die
ganze Zeit musste er an Fukaeri denken. Wo war sie, und
was tat sie gerade? Mit wem war sie zusammen? Was hatte
sie zu erdulden? Er malte sich alles M.gliche aus. Jede
dieser Vorstellungen hatte eine mehr oder weniger
pessimistische F.rbung. Und stets trug sie den
enganliegenden dünnen Sommerpullover, der ihren Busen
so vorteilhaft zur Geltung brachte. Ihr Bild nahm ihm
schier den Atem und versetzte sein Herz noch heftiger in
Aufruhr.
KAPITEL 23
Aomame
Nicht mehr als irgendein Anfang
Man k.nnte sagen, Aomame und Ayumi waren ein ideales
Paar, um ein kleines, aber feines und sehr erotisches
n.chtliches Fest auf die Beine zu stellen. Ayumi war zierlich
und l.chelte viel, war weder schüchtern noch auf den
Mund gefallen, und wenn sie einmal entschlossen war,
konnte sie den meisten Dingen etwas Positives
abgewinnen. Au.erdem hatte sie einen gesunden Sinn für
Humor. Verglichen mit ihr wirkte die drahtige, schlanke
Aomame eher ausdruckslos und unzug.nglich. Auch
konnte sie bei der ersten Begegnung mit einem Mann
nichts Liebenswürdiges über die Lippen bringen. Alles, was
sie sagte, hatte einen leichten, aber doch wahrnehmbaren
zynischen und aggressiven Beiklang. In ihren Augen glomm
stets so etwas wie Missbilligung. Dennoch konnte die kühle
Aura, mit der Aomame sich umgab, wenn sie es wollte, sehr
anziehend auf M.nner wirken. Es war etwas .hnliches wie
die sexuell stimulierenden Duftstoffe, die Tiere und
Insekten nach Bedarf aussenden. Nichts, das sie mit
Absicht oder Mühe erworben hatte. Wahrscheinlich war es
angeboren. Oder sie hatte sich diesen Duft doch
nachtr.glich in einer bestimmten Phase ihres Lebens
angeeignet. So oder so wirkte ihre Aura nicht nur auf
M.nner stimulierend, ihre Wirkung übertrug sich in
subtiler Weise auch auf ihre Freundin Ayumi und machte
sie sprühender und lebhafter.
Hatten sie zwei passende M.nner entdeckt, ging Ayumi
zuerst allein, um die Lage zu erkunden und mit ihrer
liebenswürdigen, zutraulichen Art ein freundschaftliches
Klima zu schaffen. Aomame gesellte sich zu einem
selbstgew.hlten Zeitpunkt hinzu und brachte einen
gewissen harmonischen Ausgleich. Eine besondere
Atmosph.re entstand, als würde man eine Oper und einen
Film Noir kombinieren. Waren sie einmal so weit
gekommen, war alles Weitere ein Kinderspiel. Sie zogen
sich an einen geeigneten Ort zurück und (um Ayumis
drastischen Ausdruck zu gebrauchen) rammelten wie die
Karnickel. Das Schwierigste war jedoch, geeignete Partner
zu finden. Es gefiel ihnen, wenn die M.nner zu zweit
waren, sie mussten sauber sein und einen gewissen Charme
haben. Sie sollten intelligent sein, aber nicht zu
intellektuell – langweilige Gespr.che konnten den ganzen
Abend verderben. Finanzieller Spielraum wurde auch
gesch.tzt. Denn natürlich zahlten die M.nner die
Rechnungen für Bars, Clubs und Hotels.
Aber als die beiden gegen Ende Juni versuchten, eine
kleine Sexparty auf die Beine zu stellen (es sollte ihre letzte
gemeinsame Aktion werden), konnten sie auf Teufel komm
raus keine passenden M.nner finden. Sie nahmen sich Zeit,
sie wechselten mehrmals das Lokal, aber das Ergebnis blieb
das gleiche. Obwohl es der letzte Freitagabend im Monat
war, ging es in allen Clubs von Roppongi bis Asakusa
erstaunlich ruhig zu. Es gab wenig G.ste und keine
Auswahl an M.nnern. Auch war der Himmel von bleiernen
Wolken bedeckt, und es herrschte eine bedrückende
Atmosph.re, als sei Trauer über ganz Tokio verh.ngt
worden.
.Sieht aus, als würde es heute nichts werden. Geben wir’s
auf., sagte Aomame. Die Uhr zeigte bereits halb elf.
Ayumi stimmte z.gernd zu. .Verdammt, einen so
lahmen Freitagabend habe ich ja noch nie erlebt. Und wo
ich extra meine sch.rfste lila Unterw.sche angezogen
habe..
.Geh nach Hause, stell dich vor den Spiegel und verführ
dich selbst..
.Nicht mal ich traue mich, so was im Gemeinschaftsbad
unseres Polizeiwohnheims zu machen..
.Egal, für heute lassen wir es gut sein, trinken brav zu
zweit unseren Sake aus und gehen nach Hause ins Bett..
.Das ist wahrscheinlich das Beste., sagte Ayumi. Dann,
als sei es ihr pl.tzlich eingefallen: .Ach, genau, Aomame,
wollen wir vorher nicht noch zusammen eine Kleinigkeit
essen? Ich hab ungef.hr drei.igtausend Yen übrig..
Aomame runzelte die Stirn. .Wie, übrig? Wieso denn
das? Du jammerst doch immer, dass dein Gehalt zu niedrig
ist und du kein Geld hast..
Ayumi rieb sich mit dem Zeigefinger den Nasenflügel.
.Ehrlich gesagt, ich habe neulich von einem Typ
drei.igtausend Yen bekommen. Er hat es mir beim
Abschied als Taxigeld zugesteckt. Damals, als wir es mit
den beiden von der Immobilienfirma gemacht haben..
.Und du hast das einfach so genommen?., fragte
Aomame überrascht.
.Vielleicht haben sie uns für Halbprofessionelle
gehalten., sagte Ayumi und kicherte. .Eine Polizistin und
eine Kampfsporttrainerin, das glaubt ja kein Mensch. Was
soll’s, im Immobiliengesch.ft f.llt jede Menge ab, die haben
das Geld doch übrig. Ich finde, wir sollten uns davon etwas
Leckeres g.nnen. Für die Miete kann man solches Geld ja
schlecht nehmen..
Aomame .u.erte keine Meinung. Mit fremden M.nnern
flüchtigen Sex zu haben und Geld dafür anzunehmen – das
konnte sie sich nicht recht vorstellen. W.re ihr das passiert,
h.tte sie das nicht so einfach schlucken k.nnen. Es war, als
würde man sich in einem Zerrspiegel betrachten, der die
eigene Gestalt deformiert wiedergab. Aber was war vom
Standpunkt der Moral anst.ndiger: M.nner zu t.ten und
Geld dafür zu bekommen oder mit M.nnern zu schlafen
und Geld dafür zu bekommen. Schwer zu beurteilen.
.Es st.rt dich, dass ich von einem Mann Geld
angenommen habe, oder?., fragte Ayumi mit Unbehagen
in der Stimme.
Aomame schüttelte den Kopf. .St.ren kann man nicht
sagen, es wundert mich nur ein bisschen. Eher ist es für
mich gefühlsm..ig ein Widerspruch, dass eine Polizistin
quasi Prostitution ausübt..
.Ach was., sagte Ayumi in fr.hlichem Ton. .Darüber
mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Wei.t du,
Aomame, eine Prostituierte hat Sex, nachdem man sich auf
einen Preis geeinigt hat. Und der wird immer im Voraus
bezahlt. Bevor der Freier die Hose auszieht, zahlt er. Das ist
die Regel. Sonst k.nnte er danach ja einfach sagen, er h.tte
kein Geld, und das Gesch.ft w.re dahin. Aber so war es ja
nicht, es gab keine Vorverhandlungen, und dass er mir
danach Geld fürs Taxi gegeben hat, ist doch nicht mehr als
ein Zeichen von Dankbarkeit. Berufsm..ige Prostitution ist
etwas anderes. Da gibt es eine deutliche Grenze..
Ayumis Erkl.rung war einleuchtend.
Die M.nner, die Aomame und Ayumi beim letzten Mal
ausgew.hlt hatten, waren zwischen Mitte drei.ig und
Anfang vierzig gewesen. Beide hatten volles Haar, und
Aomame hatte einen Kompromiss eingehen müssen. Sie
sagten, sie seien in der Immobilienbranche. Aber ihre
Armani-Anzüge und Missoni-Uomo-Krawatten lie.en
vermuten, dass sie bei keiner der gro.en Immobilienfirmen
wie Mitsubishi oder Mitsui angestellt waren. Es musste sich
um eine aggressivere und flexiblere Firma handeln.
Vielleicht eine mit einem englischen Lehnwortnamen, die
nicht durch l.stige Firmenregeln, stolzes
Traditionsbewusstsein und endlose Konferenzen
eingeschr.nkt war. Ohne pers.nliche F.higkeiten kam man
da nicht voran, aber wer Treffer landete, konnte viel
verdienen. Einer der M.nner hatte den Schlüssel für ein
brandneues Alfa-Romeo-Modell. In Tokio herrsche Mangel
an Büroraum, sagten sie. Die Wirtschaft erhole sich von der
.lkrise und zeige alle Anzeichen für eine neuerliche
Erw.rmung. Das Kapital gerate zunehmend in Bewegung.
Man k.nne neue Hochh.user bauen, soviel man wolle, es
w.re nie genug. [fei fan lun tan]
.Und davon profitiert die Immobilienbranche, nicht
wahr?., sagte Aomame.
.Genau, wenn du Geld übrig hast, solltest du jetzt
Immobilien kaufen., sagte Ayumi. .Bei einem begrenzten
Gebiet wie Tokio steigen die Bodenpreise, weil immer mehr
Geld in die Stadt flie.t. Jetzt zu kaufen kann nicht schaden.
Das ist wie ein sicherer Tipp beim Pferderennen. Leider hat
eine kleine Beamte wie ich nicht so viel überschüssiges
Kapital. Aber du verdienst doch ganz gut, Aomame?.
Aomame schüttelte den Kopf. .Ich vertraue nur auf
Bares..
Ayumi lachte laut. .Das ist echte Gaunermentalit.t!.