liefert den fertigen Text zu Fukaeris Rohfassung. Die ideale
Kombination. Du bist der Einzige, der die F.higkeit dazu
besitzt. Deshalb habe ich mich doch die ganze Zeit um dich
gekümmert. Verstehst du? Alles Weitere kannst du mir
überlassen. Mit vereinten Kr.ften ist der Debütpreis ein
Klacks. Das reicht auch, um auf den Akutagawa-Preis zu
zielen. Und auch ich habe meine Zeit in dieser Branche
nicht mü.ig verbracht. Ich wei. genau, wie der Hase l.uft..
Tengo starrte Komatsu mit leicht ge.ffnetem Mund an.
Der legte den Kaffeel.ffel auf die Untertasse zurück. Er
hatte unnatürlich laut gesprochen.
.Und wenn wir den Akutagawa-Preis bekommen? Was
passiert dann?., fragte Tengo, als er sich gefangen hatte.
.Dann sind wir gemachte Leute. Die Mehrzahl der
Menschen auf dieser Welt hat keine Ahnung von der
Qualit.t eines Romans. Aber keiner m.chte zurückbleiben,
jeder m.chte auf der H.he der Zeit sein. Sobald also ein
Buch einen Preis bekommt und überall besprochen wird,
wird es gekauft und gelesen. Umso mehr, wenn die Autorin
eine siebzehnj.hrige Schülerin ist. Wir k.nnten eine Menge
verdienen. Und den Gewinn gerecht durch drei teilen.
Darum werde ich mich kümmern..
.Wie man das Geld aufteilt und so weiter, das ist doch
jetzt egal.. Tengo kr.chzte etwas, weil seine Kehle so
trocken war. .Aber widerspricht so etwas nicht Ihrer
Berufsethik als Redakteur? Wenn das auffliegt, bekommen
Sie Riesenprobleme. Wahrscheinlich werden Sie gefeuert..
.So leicht fliegt das nicht auf. Dagegen kann ich uns
absichern. Und wenn sie mich wirklich feuern, verlasse ich
den Verlag mit Freuden. Ich bin sowieso unbeliebt bei
denen da oben und werde mit ein paar Almosen abgespeist.
Eine neue Stelle kann ich sofort wieder finden. Wei.t du, es
geht mir ja auch gar nicht ums Geld. Was ich will, ist,
diesem ganzen eingebildeten Literaturbetrieb eins
auszuwischen. Ich will diese Bande von Schw.tzern, die in
ihren L.chern sitzen und st.ndig so hochtrabend von der
Botschaft der Literatur schwafeln, die sich selbst
bemitleiden und einander in den Hintern kriechen,
w.hrend sie gleichzeitig am Stuhl des anderen s.gen, mal
so richtig vorführen. Die Kehrseite des Systems blo.legen
und laut darüber lachen. Das wird ein Spa., meinst du
nicht?.
Tengo fand das nicht besonders spa.ig. Eigentlich hatte
er selbst den sogenannten Literaturbetrieb noch nie erlebt.
Dass ein so f.higer Mann wie Komatsu aus derart
kindischen Motiven heraus ein solches Risiko eingehen
wollte, verschlug ihm für einen Augenblick fast die
Sprache.
.Was Sie da vorschlagen, klingt für mich nach einer Art
Betrug..
.Teamwork ist nichts Ungew.hnliches.. Komatsu verzog
das Gesicht. .Bei den meisten Mangas funktioniert das
nicht anders. Ein Team entwickelt eine Idee und erfindet
eine Geschichte, jemand zeichnet sie in Umrissen vor, und
die Assistenten fügen die Details hinzu und malen alles
farbig aus. So, wie in der Fabrik da drüben die Wecker
hergestellt werden. Dafür gibt es auch in der Literatur viele
Beispiele. Zum Beispiel diese Liebesschnulzen. Den
Gro.teil erfinden angestellte Schriftsteller arbeitsteilig
nach von Verlagsseite erstellten Richtlinien. Sonst würden
sie keine Massenproduktion hinbekommen. Weil wir im
gestrengen Reich der hohen Literatur dieses System nicht
offiziell anwenden dürfen, stellen wir aus strategischen
Gründen ein M.dchen namens Fukaeri nach vorn. Wenn
das rauskommt, gibt es vielleicht einen kleinen Skandal.
Aber gegen das Gesetz ist so etwas nicht. Es liegt vielmehr
im Trend der Zeit. Au.erdem reden wir hier nicht von
Balzac oder Murasaki Shikibu. Wir nehmen uns nur den
l.chrigen Text einer Oberschülerin vor und versuchen ein
ordentliches Werk daraus zu machen. Was soll daran
verboten sein? Ist doch prima, wenn das fertige Buch gut ist
und zahlreiche Leser sich daran erfreuen, oder nicht?.
Tengo dachte über Komatsus Erkl.rung nach. .Es gibt
zwei Probleme., sagte er nachdrücklich. .Natürlich sind es
noch viel mehr, aber nehmen wir vorl.ufig mal diese
beiden. Erstens: Wird Fukaeri, die ja die Autorin ist,
.nderungen von anderer Hand akzeptieren? Wenn sie
Nein sagt, kommen wir sowieso keinen Schritt weiter.
Gesetzt den Fall, sie ist einverstanden, stellt sich die zweite
Frage: Wird es mir wirklich gelingen, ihre Geschichte
angemessen zu bearbeiten? So eine Zusammenarbeit kann
h.chst kompliziert sein und funktioniert nicht so leicht,
wie Sie sich das vielleicht vorstellen, Herr Komatsu..
.Du kannst das., sagte Komatsu wie aus der Pistole
geschossen, als habe er diesen Einwand vorausgesehen.
.Daran habe ich keinen Zweifel. Dieser Gedanke ist mir
sofort gekommen, als ich .Die Puppe aus Luft. angefangen
habe. Das muss Tengo bearbeiten, sagte ich mir. Das ist
genau die richtige Geschichte für Tengo. Sie schreit
geradezu danach, von dir redigiert zu werden. Findest du
nicht?.
Tengo schüttelte nur den Kopf. Ihm fehlten die Worte.
.Wir haben keine Eile., sagte Komatsu ruhig. .Die Sache
ist wichtig. Du kannst sie dir zwei oder drei Tage lang
überlegen. Lies .Die Puppe aus Luft. noch einmal. Ich
m.chte, dass du gut über meinen Vorschlag nachdenkst.
Ach ja, und das gebe ich dir auch..
Komatsu zog einen braunen Umschlag aus seinem Jackett
und überreichte ihn Tengo. Es waren zwei gew.hnliche
Farbfotos darin. Beide von einem M.dchen. Das eine zeigte
sie bis zur Brust, das andere ganz. Sie schienen kurz
hintereinander aufgenommen worden zu sein. Sie stand vor
irgendeiner Treppe. Einer breiten Steintreppe. Sie hatte
klassisch sch.ne Züge und langes glattes Haar. Eine wei.e
Bluse. Sie war klein und zierlich. Ihre Lippen l.chelten
bemüht, aber ihre Augen widersetzten sich. Zu ernste
Augen. Augen, die etwas suchten. Tengo schaute eine
Weile zwischen den beiden Bildern hin und her. Er wusste
nicht warum, aber die Fotos erinnerten ihn an sich selbst,
als er in diesem Alter gewesen war. Und er verspürte ein
leichtes Ziehen in der Brust. Es war ein ganz eigener
Schmerz, den er schon l.nger nicht mehr gespürt hatte.
Der Anblick des M.dchens schien ihn aufzuwecken.
.Das ist Fukaeri., sagte Komatsu. .Ziemlich hübsch.
Au.erdem ist sie der adrette Typ. Siebzehn Jahre alt. Nichts
an ihr auszusetzen. Ihr richtiger Name lautet Eriko Fukada.
Aber den geben wir nicht heraus. Wir bleiben bis zum
Schluss bei Fukaeri. Falls sie den Akutagawa-Preis
bekommt, gibt das Gespr.chsstoff, meinst du nicht? Die
Presseleute werden sie umflattern wie Motten das Licht.
Das Buch wird sich von Anfang an verkaufen..
Tengo fragte sich verwundert, wo Komatsu die Fotos wohl
herhatte. Den eingereichten Manuskripten wurden
eigentlich keine Fotografien beigelegt. Aber er entschied
sich, ihn nicht danach zu fragen. Manchmal wollte man
eine Antwort gar nicht wissen.
.Du kannst sie behalten. Vielleicht nutzen sie dir was.,
sagte Komatsu. Tengo steckte die Fotos in den Umschlag
zurück und legte ihn auf das Manuskript von .Die Puppe
aus Luft..
.Ich habe so gut wie keine Ahnung von gesch.ftlichen
Dingen, Herr Komatsu. Aber mit gesundem
Menschenverstand betrachtet, ist das ein ziemlich riskanter
Plan. Hat man eine solche Lüge einmal in die Welt gesetzt,
muss man sie für alle Ewigkeit aufrechterhalten. Man darf
sich nie widersprechen. Aus psychologischer Sicht und
auch in der Praxis dürfte das nicht so leicht sein. Sobald
jemand irgendwo einen Fehler macht, kann das allen
Beteiligten den Hals brechen. Meinen Sie nicht?.
Komatsu zog eine neue Zigarette hervor und steckte sie
an. .Natürlich. Was du sagst, hat Hand und Fu.. Der Plan
ist wirklich riskant. Im Augenblick gibt es noch zu viele
Unsicherheitsfaktoren. Niemand wei., was alles passieren
kann. Wir machen einen Fehler, und damit ist alles
zunichte. Das ist mir klar. Aber jenseits aller Bedenken sagt
mir mein Instinkt: Mach weiter! Eine solche Chance
bekommst du nicht alle Tage. Bisher hatte ich sie jedenfalls
noch nie. Und wahrscheinlich werde ich sie auch nie wieder
haben. Vielleicht ist das kein passender Vergleich, aber wir
haben ein Blatt mit lauter Trümpfen in der Hand und dazu
massenweise Jetons. Alle Voraussetzungen stimmen. Wenn
wir jetzt die Gelegenheit verpassen, werden wir es sp.ter
bereuen..
Schweigend musterte Tengo Komatsu, auf dessen Gesicht
sich ein unheilverkündendes Grinsen ausbreitete.
.Das Wichtigste ist, dass wir alles tun, um .Die Puppe aus
Luft. in eine richtig gut geschriebene Geschichte zu
verwandeln. Dass sie wird, wie sie sein sollte. Hierin liegt
eine gro.e Aufgabe. Jemand muss sich der Sache in
kompetenter Weise annehmen. Das findest du doch im
Grunde deines Herzen auch. Habe ich recht? Wir müssen
dieses Projekt mit vereinten Kr.ften und mit unseren
jeweiligen F.higkeiten in Angriff nehmen. Es ist doch
nichts Anrüchiges dabei, einen Beweggrund zu haben..
.Aber, Herr Komatsu, Sie k.nnen Gründe und
Rechtfertigungen anbringen, soviel Sie wollen, es ist und
bleibt Betrug. Es mag sein, dass ein Beweggrund keine
Schande ist, aber dabei kommt doch nichts heraus. Man
muss hintenrum agieren. Wenn Ihnen das Wort Betrug
nicht passt, dann ist es eben eine unlautere Tat. Selbst
wenn wir damit nicht gegen das Gesetz versto.en, bleibt
noch immer die Frage der Moral. Wenn ein Redakteur ein
Werk dahingehend manipuliert, dass es einen Preis
bekommt, den seine eigene Zeitschrift vergibt, würde man
das im B.rsenjargon ein Insidergesch.ft nennen, oder?.
.Die Literatur kann man nicht mit dem Aktienmarkt
vergleichen. Das ist etwas v.llig anderes..
.In welcher Hinsicht zum Beispiel?.
.Also, beispielsweise l.sst du einen bedeutenden
Umstand au.er Acht., sagte Komatsu. Vergnügt verzog er
den Mund zu nie dagewesener Gr..e und Breite. .Besser
gesagt, du willst ihn nicht sehen. Du hast ja selbst schon
gesagt, dass du es gern machen würdest. Gefühlsm..ig bist
du der Bearbeitung von .Die Puppe aus Luft. gar nicht
abgeneigt. Das wei. ich genau. Risiko und Moral hin oder
her, du sehnst dich geradezu danach, .Die Puppe aus Luft.
jetzt und mit deinen eigenen H.nden zu bearbeiten. Du
kannst es kaum aushalten, so gern m.chtest du selbst
etwas daraus machen. Und genau das ist der Unterschied
zwischen Literatur und Aktienmarkt. In der Literatur gibt
es im Guten wie im Schlechten Beweggründe, die nichts
mit Geld zu tun haben. Am besten gehst du jetzt mal nach
Hause und machst dir deine wahren Gefühle klar. Stell dich
vor den Spiegel und sieh dir selbst genau ins Gesicht. Es
steht deutlich darin geschrieben..
Tengo hatte pl.tzlich das Gefühl, dass die Luft um ihn
herum dünner wurde. Er schaute sich kurz um. War wieder
eine seiner Visionen im Anzug? Nein, das waren nicht die
Symptome. Tengo zog ein Taschentuch hervor und wischte
sich den Schwei. von der Stirn. Wie kam es nur, dass
Komatsu mit dem, was er sagte, immer richtig lag?
KAPITEL 3
Aomame
Einige Dinge, die sich ver.ndert haben
Aomame stieg auf Strümpfen die schmale Treppe
hinunter. Der Wind blies heulend um die offene Treppe.
Ihr Minirock war eng, aber bisweilen fuhr ein heftiger
Windsto. darunter und bl.hte ihn wie das Segel einer
Yacht, sodass sie fast abhob und ins Schwanken geriet. Sie
umklammerte das Gel.nder und stieg Stufe für Stufe
rückw.rts hinunter. Von Zeit zu Zeit blieb sie stehen, um
sich die Haare aus dem Gesicht zu streichen oder den
Riemen ihrer Umh.ngetasche zurechtzurücken.
Unter ihr verlief die Nationalstra.e 246. Das Tosen der
Stadt – Motorenl.rm und Gehupe, Polizeisirenen,
Marschmusik aus einem Propagandawagen
rechtsgerichteter Aktivisten, Schlagbohrer, die irgendwo
Beton zertrümmerten – umgab sie. Es drang in einem
Radius von 360 Grad von oben, von unten und aus allen
Richtungen auf sie ein, segelte tanzend mit dem Wind und
erzeugte in ihr (nicht dass sie es h.ren wollte, aber sie
konnte ihre Ohren ja nicht verschlie.en) allm.hlich eine
übelkeit, die sich fast wie Seekrankheit anfühlte.
Nach einer Weile gelangte sie auf der Treppe an einen
breiten Steg, der zur Autobahn zurückführte. Aomame
stieg weiter geradeaus nach unten.
Gegenüber, von der offenen Treppe durch eine Stra.e
getrennt, stand ein vierst.ckiges kleines Wohnhaus. Es war
ein solides, neues Geb.ude aus braunen Backsteinen. Die
Balkone zeigten in Aomames Richtung, doch alle Fenster
waren fest geschlossen und Vorh.nge oder Rolll.den
zugezogen. Wie konnte man Balkone so positionieren, dass
die Leute die Stadtautobahn direkt vor der Nase hatten? Als
ob dort jemand seine Bettw.sche trocknen oder bei einem
Gin Tonic den abendlichen Verkehrsstau betrachten würde.
Und dennoch waren auf einigen der Balkone W.scheleinen
aus Nylon gespannt. Auf einem standen Gartenstühle und
sogar ein Gummibaum. Er war fast hinüber und verblasst.
Die Bl.tter waren welk und hatten braune Stellen. Aomame
konnte nicht umhin, Mitgefühl für ihn zu empfinden. Sollte
sie einmal wiedergeboren werden, dann blo. nicht als eine
solche Topfpflanze.
Die Treppe schien normalerweise kaum benutzt zu
werden, und überall hatten Spinnen ihre Netze gespannt, in
denen die schwarzen Tierchen hingen und geduldig auf
ihre kleine Beute warteten. Auch für ein Dasein als Spinne
h.tte ihr definitiv die Geduld gefehlt. Ein Lebensstil, zu
dem man keine F.higkeiten brauchte au.er der, ein Netz
zu spannen und reglos darin zu sitzen, war keine
Alternative. Das Leben ging dahin, indem man an einer
Stelle hockte und auf Beute lauerte, schlie.lich
vertrocknete und starb. Es war in ihren Genen angelegt. Die
Spinnen kannten keine Zweifel, keine Verzweiflung und
keine Reue. Metaphysische Fragen und moralische
Bedenken waren ihnen wahrscheinlich fremd. Aber ich
muss es anders machen, dachte Aomame. Ich muss auf
mein Ziel zusteuern, deshalb klettere ich irgendwo in
Sangenjaya allein auf einer bl.den Eisentreppe von der