.Du meinst, Geld unter der Matratze verstecken, damit
man es herausziehen und aus dem Fenster abhauen kann,
wenn es mal eng wird..
.Genau, genau., rief Ayumi und schnippte mit den
Fingern. .Wie in Getaway. Diesem Film mit Steve
McQueen. Dollarbündel und Shotguns. Das gef.llt mir..
.Besser, als auf Seiten des Gesetzes zu stehen?.
.Also ich pers.nlich., sagte Ayumi und lachte,
.sympathisiere mit den Gesetzlosen. So zu leben ist auf
jeden Fall faszinierender, als in einem Mini-Streifenwagen
Parksünder zu jagen. Absolut. Das ist vielleicht auch der
Grund dafür, dass ich mich zu dir hingezogen fühle..
.Wirke ich wie eine Gesetzlose?.
Ayumi nickte. .Irgendwie hast du so eine Ausstrahlung.
Fast wie Faye Dunaway mit Maschinenpistole..
.Ich brauche keine Maschinenpistole., sagte Aomame.
.übrigens diese Sekte – die Vorreiter –, von der wir
neulich gesprochen haben., sagte Ayumi.
Die beiden waren in das kleine italienische Iikura-
Restaurant gegangen, dessen Küche noch sp.t ge.ffnet
hatte. Aomame a. einen Salat mit Thunfisch und Ayumi
Gnocchi mit Pesto. Dazu tranken sie Chianti.
.Ja?., sagte Aomame.
.Ich habe aus Neugier noch privat ein paar
Nachforschungen angestellt. Je mehr man forscht, desto
verd.chtiger wird der Laden. Sie nennen sich religi.se
Gemeinschaft, sind auch als solche anerkannt, aber
theologische Substanz gibt es kaum. Eigentlich besteht ihre
sogenannte Lehre nur aus einem Mischmasch religi.ser
und anderer Vorstellungen. Ein bisschen New Age und
Spiritualit.t; Akademiker sind wir, antikapitalistisch
sowieso, und zurück zur Natur wollen wir auch, das alles
gewürzt mit einer Prise Okkultismus. So sieht die Sache
aus. Aber einen richtigen Inhalt gibt es nicht. Die
Substanzlosigkeit ist sozusagen die Substanz dieser Sekte.
Um es mit McLuhan zu sagen: Das Medium ist die
Botschaft. Wenn man sagt, etwas ist cool, dann ist es auch
cool, oder?.
.McLuhan?.
.Sogar ich lese manchmal ein Buch., sagte Ayumi etwas
eingeschnappt. .McLuhan war seiner Zeit voraus. Jetzt wird
er nicht mehr gesch.tzt, weil er einmal so popul.r war.
Aber was er sagt, ist im Gro.en und Ganzen richtig..
.Das hei.t, eine Verpackung schlie.t an sich schon den
Inhalt ein. Ist das gemeint?.
.Ja. Der Inhalt entsteht durch die besonderen
Eigenschaften der Verpackung. Nicht umgekehrt..
Aomame dachte darüber nach. Dann sagte sie: .Inhaltlich
sind die Vorreiter als Sekte undurchsichtig, aber dessen
ungeachtet fühlen sich Menschen von ihnen angezogen.
So?.
Ayumi nickte. .Zu behaupten, es seien erstaunlich viele,
w.re vielleicht übertrieben, aber es ist keine geringe Zahl.
Allein dadurch sammelt sich Geld an. Das ist ganz
natürlich. Dass so viele von dieser Sekte angezogen werden,
hat in erster Linie keine religi.sen Gründe, würde ich
sagen. Alles wirkt sehr sauber, intelligent und systematisch.
Kurz gesagt, nicht armselig. So etwas lockt junge
Akademiker an. Es reizt ihre intellektuelle Neugier. Dort
herrscht eine Vorstellung von Leistung, die ihnen die reale
Welt nicht vermittelt. Greifbare, spürbare Leistung. Diese
intellektuelle Anh.ngerschaft gleicht einer Gruppe
befehlshabender Offiziere in einer Elitetruppe und bildet
das Gehirn der Sekte.
Au.erdem scheint ihr Anführer, sie nennen ihn .Leader.,
über jede Menge Charisma zu verfügen. Sie verehren diesen
Mann zutiefst. Seine Existenz fungiert offenbar als Kern
ihrer Lehre, er ist so etwas wie der Born ihrer Religion. Es
ist mehr oder weniger wie am Anfang des Christentums.
Aber der Kerl zeigt sich nie in der .ffentlichkeit. Man wei.
nicht, wie er aussieht. Auch sein Name und sein Alter sind
unbekannt. Die Gruppe wird im Prinzip parlamentarisch
verwaltet, und die Position des Vorsitzenden wird von einer
anderen Person eingenommen, die sich bei offiziellen
Ereignissen als Repr.sentant der Gruppe zeigt, aber er ist
nur eine Marionette. Im Zentrum des Systems scheint
dieser unidentifizierbare .Leader. zu stehen..
.Diesem Mann scheint viel daran gelegen zu sein, seine
Identit.t geheim zu halten, nicht wahr?.
.Entweder hat er etwas zu verbergen, oder es ist seine
Absicht, ein Mysterium zu kreieren, indem er sich nicht
zeigt..
.Vielleicht ist er auch extrem h.sslich?.
.K.nnte sein. Vielleicht ist er ein groteskes
au.erirdisches Ungeheuer., sagte Ayumi und knurrte wie
ein Monster. .Aber abgesehen von ihrem Oberhaupt gibt es
in dieser Sekte zu viel, was nicht nach au.en gelangt. Da
sind einmal diese ausgedehnten Immobilienk.ufe, über die
wir letztes Mal am Telefon gesprochen haben. Alles, was an
die .ffentlichkeit kommt, ist Show. Eine gepflegte Anlage,
gutaussehende PR-Leute, eine intelligente Theorie, Elite-
Mitglieder, stoische Askese, Yoga und Entspannung,
Ablehnung von schn.dem Materialismus, .kologische
Landwirtschaft, reine Luft und gesunde vegetarische
Kost … Wenn das kein ausgefeiltes Image ist. Genau wie die
Prospekte von Luxusresorts, die immer der
Sonntagszeitung beiliegen. Die Verpackung ist
wundersch.n und verlockend, aber man hat immer den
Eindruck, dass es eine Kehrseite gibt, mit der etwas nicht
stimmt. Die in diesem Fall sogar illegal ist. Das ist
zumindest mein erster Eindruck, nachdem ich mir alles
m.gliche Material angeschaut habe..
.Aber die Polizei unternimmt im Augenblick nichts..
.Vielleicht sind ja verdeckte Ermittlungen im Gang, aber
so weit bin ich nicht vorgedrungen. Jedenfalls sieht es so
aus, als würde die Pr.fekturpolizei von Yamanashi die
Aktivit.ten der Vorreiter beobachten. Irgendwie habe ich
das auch aus dem Ton des Beamten herausgeh.rt, mit dem
ich telefoniert habe. Immerhin sind die Vorreiter, da kann
man sagen, was man will, der Ursprung der Akebono-
Gruppe, die die bewusste Schie.erei ausgel.st hat. Bisher
vermutet man nur, dass die chinesischen Kalaschnikows
über Nordkorea ins Land gekommen sind, aber restlos
aufgekl.rt wurde das nie. Auch die Vorreiter sind
wahrscheinlich im Visier. Aber da sie eine anerkannte
Religionsgemeinschaft sind, kommt man nicht so leicht an
sie heran. Vor allem weil sich ja bei den Ermittlungen
herausgestellt hat, dass sie zumindest nicht direkt etwas
mit der Schie.erei zu tun hatten. Ob der Verfassungsschutz
an ihnen dran ist, wei. ich nicht. Diese Leute halten alles
geheim, und die Beziehungen zwischen Polizei und
Geheimdienst sind traditionell nicht gerade
freundschaftlich..
.über die Kinder, die nicht mehr in die Schule
gekommen sind, hast du wohl nichts weiter
herausgefunden?.
.Nein, keine Ahnung. Wenn sie einmal nicht mehr in die
Schule kommen, bleiben sie offenbar innerhalb der
Umz.unung. über diese Kinder habe ich nichts erfahren.
G.be es konkrete F.lle von Kindesmisshandlung, w.re es
etwas anderes, aber da ist bisher nichts bekannt
geworden..
.Die Leute, die aus der Vorreiter-Vereinigung ausgetreten
sind, lassen die sich keine Informationen entlocken? Es
muss doch welche geben, die von der Gruppe entt.uscht
oder von der Askese abgeschreckt wurden..
.Natürlich kommen und gehen immer wieder Leute.
Einige sind entt.uscht und treten wieder aus. Im Grunde
sind sie frei, die Gruppe zu verlassen. Von der ziemlich
deftigen Summe, die sie bei der Aufnahme als
.Dauerbenutzungsgebühr für die Einrichtungen. gespendet
haben, bekommen sie laut Vertrag nichts zurück, aber wer
sich einmal entschlossen hat, geht auch ohne Abfindung.
Es gibt einen von ehemaligen Mitgliedern gegründeten
Verein, der behauptet, die Vorreiter seien eine gef.hrliche
asoziale Sekte mit betrügerischen Absichten. Einige haben
geklagt. Der Verein gibt eine kleine Broschüre heraus, aber
seine Stimme ist sehr leise und der Einfluss auf die
.ffentlichkeit gering. Die Vorreiter haben hervorragende
Anw.lte und ein wasserdichtes System der Verteidigung.
Selbst wenn sie verklagt werden, kann ihnen das nicht das
Geringste anhaben..
..u.ern sich die Ausgetretenen irgendwie über den
Leader oder die Kinder in der Sekte?.
.Ich habe die Broschüre noch nicht genau gelesen, also
keine Ahnung., sagte Ayumi. .Aber auf den ersten Blick
handelt es sich bei den aus Unzufriedenheit ausgetretenen
Mitgliedern nur um Leute aus den unteren R.ngen. Kleine
Leute. Dafür, dass die Vorreiter irdische Werte ablehnen
und so erhaben tun, sind sie sehr offenkundig eine
Klassengesellschaft, die alles Irdische übertrifft. Die
Führung und die unteren R.nge sind deutlich voneinander
getrennt. Wer keinen akademischen Hintergrund hat, kann
gar nicht erst in die Führungsebene aufsteigen. Der Leader
empf.ngt ausschlie.lich Mitglieder der Führungselite. Alle
anderen, also die gro.e Masse, verbringen ihre keimfreien
Tage damit, vorschriftsm..ig Geld zu spenden, an frischer
Luft Askese zu üben, die Felder zu bewirtschaften und zu
meditieren. Nicht anders als eine Herde Schafe. Es ist ein
friedlicher Alltag, in dem sie von ihren Hütehunden
morgens auf die Weide gebracht und abends in den Stall
zurückgetrieben werden. Sie sehnen den Tag herbei, an
dem ihre Stellung in der Gruppe erh.ht wird und sie ihrem
angebeteten Gro.en Bruder gegenübertreten k.nnen. Doch
dieser Tag kommt nie. Deshalb haben die gew.hnlichen
Anh.nger kaum eine Ahnung davon, was wirklich im
Inneren vorgeht. Deshalb haben die Ausgetretenen der
.ffentlichkeit auch keine bedeutenden Einblicke zu bieten.
Sie haben nicht einmal das Gesicht des Leaders gesehen..
.Und von den Elitemitgliedern tritt niemand aus?.
.Soweit ich herausgefunden habe, ist das noch nie
vorgekommen..
.Vielleicht erlauben sie keinem, auszutreten, der das
Geheimnis des Systems kennt?.
.Das w.re eine ziemlich tragische Entwicklung., sagte
Ayumi. Sie seufzte kurz auf. .Und die Vergewaltigungen
von kleinen M.dchen, von denen du gesprochen hast, wie
sicher ist das?.
.Ziemlich sicher. Aber im gegenw.rtigen Stadium l.sst
sich noch nichts beweisen..
.Und das geschieht organisiert im Inneren der Sekte?.
.Auch das wei. ich noch nicht. Aber es gibt tats.chlich
ein Opfer. Ich habe das M.dchen kennengelernt. Ein
ziemlich schrecklicher Anblick..
.Ist sie penetriert worden?.
.Kein Zweifel..
Ayumi presste die Lippen zu einem Strich aufeinander
und überlegte. .Ich verstehe. Ich werde alles tun, um mehr
herauszufinden..
.Aber tu bitte nichts Unvernünftiges..
.Mache ich nicht., sagte Ayumi. .Denn ich bin eine
Person, die bei so was sehr gut aufpasst..
Die beiden beendeten ihre Mahlzeit, und der Kellner
r.umte ab. Sie verzichteten auf ein Dessert und leerten ihre
Weingl.ser.
.Wei.t du noch, Aomame, wie du mir damals gesagt
hast, dass du als Kind nie von einem Mann bel.stigt
worden bist?.
Aomame musterte Ayumi kurz und nickte. .Meine
Familie ist sehr gl.ubig, und über Sex wurde bei uns nie
gesprochen. In unserem ganzen Umfeld nicht. Sex war ein
Thema, das nie angeschnitten werden durfte..
.Aber Glaube und sexuelle Begierde, das ist ja auch
wieder so ein Problem. Dass Kleriker h.ufig sexuelle
Manien haben, ist doch allgemein bekannt. Die meisten
T.ter, die von der Polizei im Zusammenhang mit
Prostitution und sexueller Bel.stigung dingfest gemacht
werden, kommen aus dem religi.sen oder dem
p.dagogischen Bereich..
.Kann schon sein. Aber zumindest in meiner Umgebung
war das nicht der Fall. Es gab niemanden, der abartige
Sachen machte..
.Das ist natürlich gut., sagte Ayumi. .Freut mich zu
h.ren..
.War es bei dir nicht so?.
Ayumi z.gerte kurz und zuckte dann mit den Schultern.
.Ehrlich gesagt: Ich bin immer wieder missbraucht worden.
Als Kind..
.Von wem?.
.Von meinem .lteren Bruder und meinem Onkel..
Aomame verzog entsetzt das Gesicht. .Von
Verwandten?.
.Genau. Beide sind bei der Polizei. Mein Onkel wurde
sogar kürzlich .ffentlich ausgezeichnet. Für das, was er in
seinen drei.ig Dienstjahren für die Sicherheit der Bürger
getan hat. Er hat eine d.mliche Hündin mit ihren Jungen
gerettet, die sich an einem Eisenbahnübergang verirrt
hatte. Es stand sogar in der Zeitung..
.Was haben sie mit dir gemacht?.
.Sie haben mich da unten angefasst und mich ihren
Schwanz streicheln lassen..
Die Falten in Aomames Gesicht vertieften sich noch
mehr. .Dein Bruder und dein Onkel?.
.Natürlich jeder für sich. Ich war zehn und mein Bruder
ungef.hr fünfzehn. Mein Onkel hat es viel früher gemacht.
Zwei oder drei Mal, als er bei uns übernachtet hat..
.Hast du es jemandem gesagt?.
Ayumi schüttelte mehrmals langsam den Kopf. .Nein, sie
haben mir gedroht, mir würde etwas Schreckliches
passieren, wenn ich es verrate. Au.erdem hatte ich sowieso
das Gefühl, selbst wie die Schuldige zu wirken, wenn ich
etwas sage. Davor hatte ich gro.e Angst und habe den
Mund gehalten..
.Deiner Mutter hast du es auch nicht gesagt?.
.Besonders nicht meiner Mutter., sagte Ayumi. .Meine
Mutter hat von jeher meinen Bruder vorgezogen und war
immer entt.uscht von mir. Weil ich schlechte Manieren
hatte, nicht hübsch, zu dick und nicht gut in der Schule
war. Meine Mutter wünschte sich eine ganz andere
Tochter. Ein hübsches schlankes M.dchen, eine Puppe, die
zum Ballett geht. Aber diesen Ansprüchen konnte ich nie
gerecht werden..
.Und deshalb wolltest du deine Mutter nicht noch mehr
entt.uschen..
.Ja, vielleicht. Wenn ich ihr gesagt h.tte, was mein
Bruder mit mir macht, h.tte sie mich noch mehr abgelehnt
und zurückgesto.en. Bestimmt h.tte sie gesagt, dass ich
selbst die Ursache des übels sei. Statt meinem Bruder die
Schuld zu geben..
Aomame strich sich mit beiden H.nden die Falten aus
dem Gesicht. Nachdem sie mit zehn Jahren verkündet
hatte, dem Glauben zu entsagen, hatte ihre Mutter kein
Wort mehr mit ihr gesprochen. Im .u.ersten Notfall
schrieb sie etwas auf einen Zettel und gab ihn ihr. Aber sie
sprach nie mehr mit ihr. Aomame war nicht mehr ihre