Tochter. Nur noch jemand, .der vom Glauben abgefallen
war.. Dann war sie ausgezogen.
.Aber es kam nicht zur Penetration?., fragte Aomame.
.Nein., sagte Ayumi. .Solche Schmerzen konnten sie mir
nicht zufügen. So weit sind sie dann doch nicht gegangen..
.Siehst du deinen Bruder und deinen Onkel jetzt noch
manchmal?.
.Als ich die Stelle hatte, bin ich ausgezogen. Inzwischen
sehe ich sie kaum noch. Wir sind verwandt und arbeiten im
gleichen Beruf, da l.sst sich eine Begegnung natürlich nicht
immer vermeiden. Dann wird halt gel.chelt. Ich will auch
nicht, dass es zu einer Szene kommt. Bestimmt haben sie
l.ngst vergessen, was damals passiert ist..
.Vergessen?.
.Die, wei.t du, die k.nnen vergessen., sagte Ayumi.
.Aber ich kann es nicht..
.Natürlich nicht., sagte Aomame.
.Das ist wie bei einem Genozid..
.Genozid?.
.Die, die ihn verübt haben, k.nnen ihre Tat
rationalisieren, indem sie die passenden Theorien
aufstellen, und dann vergessen. Sie k.nnen die Augen von
dem abwenden, was sie nicht sehen wollen. Aber die, denen
es angetan wurde, die k.nnen nicht vergessen. Und nicht
die Augen abwenden. Die Erinnerung wird von den Eltern
an die Kinder weitervererbt. Wei.t du, Aomame, was die
Welt ausmacht, ist der endlose Krieg zwischen einer
Erinnerung und der, die ihr entgegensteht..
.Das stimmt., sagte Aomame. Sie runzelte leicht die
Stirn. .Ein endloser Krieg zwischen einer Erinnerung und
der Erinnerung, die ihr entgegensteht?.
.Ehrlich gesagt, Aomame, dachte ich, dass du .hnliche
Erfahrungen gemacht hast..
.Wie kamst du darauf?.
.Ich kann es nicht genau erkl.ren, aber irgendwie.
Vielleicht kann ein M.dchen, dem so etwas passiert ist, es
in seinem Leben nur noch hin und wieder eine Nacht mit
einem fremden Mann treiben. Und bei dir sah es so aus, als
stünde Wut dahinter. Es scheint, als k.nntest du dir nicht
wie eine ganz normale Frau einen Freund zulegen, dich mit
ihm verabreden, essen gehen und ganz normal mit ihm
schlafen. In meinem Fall ist das so..
.Du meinst, weil du in der Kindheit missbraucht wurdest,
kannst du diese normalen Erfahrungen nicht mehr
machen?.
.Dieses Gefühl habe ich wirklich., sagte Ayumi und
zuckte leicht die Schultern. .Ich habe Angst vor M.nnern.
Das hei.t, ich habe Angst, mich tiefer auf jemanden
einzulassen. Ihn ganz und gar anzunehmen. Ich brauche
nur daran zu denken, und alles verkrampft sich in mir.
Aber allein zu sein ist manchmal auch schwer. Manchmal
sehne ich mich nach den Armen eines Mannes, ich m.chte,
dass er in mich eindringt. So sehr, dass ich es kaum
aushalten kann. Dann versuche ich mein Glück bei v.llig
Unbekannten. Immer..
.Aus Angst?.
.Ja, sie ist gro., glaube ich..
.Diese Art von Angst vor M.nnern habe ich, glaube ich,
nicht., sagte Aomame.
.Hast du überhaupt vor etwas Angst, Aomame?.
.Natürlich., sagte Aomame. .Am meisten vor mir selbst.
Dass ich nicht wei., was ich tue. Dass ich nicht genau wei.,
was ich im Moment gerade tue..
.Und was tust du gerade?.
Aomame betrachtete einen Augenblick das Weinglas in
ihrer Hand. .Wenn ich das wüsste., sagte sie und schaute
auf. .Aber ich wei. es nicht. Ich bin nicht einmal sicher, wo
ich bin und in welchem Jahr..
.Wir haben das Jahr 1984 und sind in Tokio, in Japan..
.Wenn ich das nur mit solcher überzeugung behaupten
k.nnte wie du..
.Du bist ja komisch.. Ayumi lachte. .So offenkundige
Sachverhalte haben doch nichts mit überzeugungen und
Behauptungen zu tun..
.Ich kann dir das jetzt nicht gut erkl.ren, aber für mich
sind das eben keine offenkundigen Sachverhalte..
.Aha., sagte Ayumi interessiert. .Was ich jetzt davon
halten soll, wei. ich nicht, aber egal welches Jahr wir haben
und wo wir sind, du hast zumindest einen Menschen, den
du aus ganzem Herzen liebst. Aus meiner Sicht ist das sehr
beneidenswert. Ich habe so jemanden nicht..
Aomame stellte ihr Glas auf den Tisch und tupfte sich den
Mund mit der Serviette ab. .Vielleicht ist es ja, wie du
sagst. Egal welches Jahr wir haben und wo ich bin, ich
m.chte ihn so gern sehen. So sehr, dass ich sterben k.nnte.
Das ist das Einzige, was ich sicher wei.. Das Einzige, auf
das ich vertraue..
.Wenn du willst, kann ich ja mal in der Polizeikartei
nachschauen? Wenn du mir ein paar Informationen gibst,
k.nnte ich vielleicht rauskriegen, wo er ist und was er
macht..
Aomame schüttelte den Kopf. .Nein, nicht suchen. Bitte
nicht. Wie gesagt, ich m.chte ihm einfach irgendwann
irgendwo begegnen. Ganz durch Zufall, wei.t du. Darauf
werde ich geduldig warten..
.Die unendliche Liebesgeschichte., sagte Ayumi
bewundernd. .Ah, wie ich das liebe – ah, was für ein
Feuer!.
.Aber in der Wirklichkeit tut es richtig weh..
.Das wei. ich doch., sagte Ayumi. Und drückte die
Fingerkuppen leicht gegen die Schl.fen. .Und obwohl du
jemanden liebst, willst du ab und zu mit einem fremden
Mann schlafen..
Aomame klopfte mit dem Nagel an den Rand des dünnen
Weinglases. .Ich brauche das. Um ein Mensch aus Fleisch
und Blut zu bleiben..
.Aber kann deine Liebe dadurch keinen Schaden
nehmen?.
.Es ist wie mit den Begierden im Zentrum des tibetischen
Lebensrads. Wenn das Rad sich dreht, steigen und fallen
die Verdienste und Gefühle, die es von au.en umgeben. Sie
kommen ans Licht oder tauchen ins Dunkel. Aber die
wahre Liebe bewegt sich nicht, sie geh.rt nicht dazu..
.Wunderbar., sagte Ayumi. .Das tibetische Lebensrad..
Und sie trank den restlichen Wein in ihrem Glas aus.
Zwei Tage darauf erhielt Aomame gegen acht Uhr abends
einen Anruf von Tamaru. Wie immer überging er die
Begrü.ung und kam direkt und sehr dienstbeflissen zur
Sache.
.H.ttest du morgen Nachmittag einen Termin frei?.
.Ja, ich habe nichts vor, wann würde es am besten
passen?.
.Wie w.re es mit halb fünf?.
.Ist mir recht., sagte Aomame.
.Gut., sagte Tamaru. Es war zu h.ren, wie er die Zeit in
den Terminkalender eintrug. Er drückte beim Schreiben
stark auf.
.Wie geht es übrigens der kleinen Tsubasa?., fragte
Aomame.
.Allm.hlich besser, glaube ich. Madame besucht sie jeden
Tag und besch.ftigt sich mit ihr. Das Kind hat Vertrauen zu
ihr gefasst..
.Da bin ich froh..
.Ja, das ist gut. Aber es ist auch etwas ziemlich
Unangenehmes passiert..
.Was denn?., fragte Aomame. Sie wusste, wenn Tamaru
.ziemlich. sagte, musste es etwas sehr Unangenehmes
sein.
.Der Hund ist gestorben., sagte Tamaru.
.Du meinst doch nicht Bun?.
.Doch, unsere verrückte Sch.ferhündin, die so gern
Spinat gefressen hat. Es ist gestern Nacht passiert..
Aomame war erstaunt. Der Hund war erst fünf oder sechs
Jahre alt gewesen. .Als ich sie das letzte Mal gesehen habe,
sah sie ganz gesund aus..
.Sie ist auch nicht an einer Krankheit gestorben., sagte
Tamaru tonlos. .Sie wurde in den Morgenstunden
zerfetzt..
.Zerfetzt?.
.Ihre Innereien lagen überall verstreut, als h.tte man sie
in die Luft gesprengt. In alle vier Himmelsrichtungen. Ich
musste die Fleischfetzen einzeln mit Küchenpapier
einsammeln. Der Leichnam sah aus, als w.re das Innerste
nach au.en gekehrt worden. Als h.tte jemand eine starke
Miniaturbombe in den Bauch des Hundes gelegt..
.Das tut mir leid..
.Da kann man nichts machen., sagte Tamaru. .Was
einmal tot ist, wird nicht wieder lebendig. Wir k.nnen
einen anderen Wachhund besorgen. Was mich beunruhigt,
ist nur, wie es passiert ist. Normalerweise w.re das nicht
m.glich gewesen. Eine Bombe am Bauch von Bun zu
befestigen. Wenn ein Fremder ihr zu nahe kam, hat sie
immer gebellt wie ein H.llenhund. Das ging nicht so
einfach..
.Allerdings nicht., sagte Aomame mit rauer Stimme.
.Die Bewohnerinnen des Frauenhauses stehen unter
Schock und sind v.llig ver.ngstigt. Die Frau, die dafür
zust.ndig war, den Hund zu füttern, hat ihn am Morgen
gefunden. Sie musste sich erbrechen, dann hat sie mich
angerufen. Ich habe sie gefragt, ob ihr in der Nacht etwas
Verd.chtiges aufgefallen ist. Nichts. Nicht einmal eine
Explosion war zu h.ren. Bei einem lauten Knall würden
doch alle aufwachen. Gerade weil die Frauen, die dort
leben, so .ngstlich sind. Das hei.t, es war eine lautlose
Explosion. Es hat auch niemand den Hund winseln geh.rt.
Dabei war es eine au.ergew.hnlich ruhige Nacht. Als der
Morgen kam, war das Innere des Hundes nach au.en
gekehrt. Frische Innereien überall versprengt, zur Freude
der Kr.hen in der Nachbarschaft. Aber für mich ist das
natürlich absolut keine erfreuliche Angelegenheit..
.Irgendetwas Sonderbares ist im Gange..
.Zweifellos., sagte Tamaru. .Und wenn mein Gefühl
mich nicht trügt, war das erst der Anfang..
.Hast du die Polizei benachrichtigt?.
.Also wirklich!. Tamaru schnaubte ver.chtlich. .Was soll
die Polizei da schon machen? Das w.re wohl so ziemlich
das Dümmste, was wir tun k.nnten. Es würde alles nur
noch verschlimmern..
.Was sagt Madame?.
.Nichts. Sie hat sich meinen Bericht angeh.rt und nur
genickt., sagte Tamaru. .Ich bin zust.ndig für die Security,
und die Verantwortung liegt bei mir. Von Anfang bis Ende.
Das ist meine Aufgabe..
Einen Moment lang herrschte Schweigen. Es war ein
gewichtiges Schweigen, auf dem seine Verantwortung
lastete.
.Morgen um halb fünf., sagte Aomame.
.Morgen um halb fünf., wiederholte Tamaru. Und legte
behutsam auf.
KAPITEL 24
Tengo
Worin liegt der Sinn einer anderen Welt?
Der Samstag begann mit Regen. Es regnete nicht sehr
heftig, aber anhaltend. Seit es am Vortag um die
Mittagszeit begonnen hatte, hatte es nicht ein einziges Mal
aufgeh.rt. Kaum glaubte man einmal, der Regen würde
allm.hlich nachlassen, wurden die Schauer unversehens
wieder st.rker. Obwohl das Jahr schon so weit
fortgeschritten war, schien die Regenzeit einfach nicht
enden zu wollen. Der Himmel war dunkel und lag wie ein
Deckel auf der von schwerer Feuchtigkeit durchtr.nkten
Erde.
Als Tengo am Vormittag in Regenmantel und Mütze ein
paar Eink.ufe in der Nachbarschaft machen wollte,
entdeckte er, dass in seinem Briefkasten ein dicker
gefütterter brauner Umschlag steckte. Er hatte keinen
Poststempel und war auch nicht frankiert. Seine Adresse
stand auch nicht darauf, ebenso wenig wie ein Absender.
Nur vorn in die Mitte hatte jemand mit kleinen, eckigen
Zeichen .Tengo. geschrieben. Es sah aus wie mit einem
Nagel in trockenen Ton geritzt. Zeichen, die ganz sicher
von Fukaeri stammten. Als er den Umschlag aufriss, fand er
darin eine gesch.ftsm..ig wirkende TDK-Kassette von
sechzig Minuten Laufzeit. Weder ein Brief noch eine Notiz
lagen bei. Es gab auch keine Hülle, und die Kassette hatte
keinen Aufkleber.
Tengo z.gerte, beschloss aber dann, seinen Einkauf zu
verschieben, in seine Wohnung zurückzukehren und sich
die Kassette anzuh.ren. Er hielt sie gegen das Licht und
drehte sie mehrmals um. Ungeachtet ihres geheimnisvollen
Aussehens war sie allem Anschein nach ein ganz
gew.hnliches Massenprodukt. Sie sah auch nicht aus, als
würde sie explodieren, wenn man sie abspielte.
Er zog seinen Regenmantel aus, stellte seinen
Kassettenrekorder auf den Küchentisch und legte die
Kassette ein. Um sich n.tigenfalls Notizen machen zu
k.nnen, legte er Kugelschreiber und Papier bereit.
Nachdem er sich umgeschaut und vergewissert hatte, dass
niemand sonst anwesend war, drückte er die
Wiedergabetaste.
Am Anfang war gar nichts zu h.ren. Die Stille dauerte
eine Weile an. Als er schon fast annahm, dass die Kassette
defekt sei, ert.nte pl.tzlich ein Rumpeln im Hintergrund.
Als würde ein Stuhl über den Boden gezogen werden. Ein
leises R.uspern (oder so etwas .hnliches) ert.nte. Dann
begann auf einmal Fukaeri zu sprechen.
.Lieber Tengo., sagte sie, wie um die Aufnahme zu
testen. Soweit er sich erinnerte, war es das erste Mal, dass
sie ihn bei seinem Namen ansprach.
Sie r.usperte sich noch einmal. Vielleicht war sie
aufgeregt.
Ein Brief w.re vielleicht besser, aber weil ich das nicht so
kann, spreche ich auf Kassette. So f.llt es mir leichter zu
sprechen als am Telefon. Ich wei. nicht, ob das Telefon
abgeh.rt wird. Moment, ich trinke einen Schluck Wasser.
Es war zu h.ren, wie Fukaeri nach einem Glas griff, einen
Schluck nahm und es (wahrscheinlich) wieder auf den
Tisch stellte. Ihre besondere Art, ohne Betonung,
Fragezeichen und Punkte zu sprechen, erweckte auf der
Kassette einen noch ungew.hnlicheren Eindruck als im
Gespr.ch. Man konnte ihn fast als unwirklich bezeichnen.
Allerdings sprach sie auf der Kassette im Gegensatz zum
direkten Gespr.ch mehrere S.tze hintereinander.
Ich habe geh.rt, Sie wissen nicht, wo ich bin. Vielleicht
machen Sie sich Sorgen. Aber es ist alles in Ordnung. Wo
ich jetzt bin, ist es nicht gef.hrlich. Das wollte ich Ihnen
mitteilen. Eigentlich dürfte ich das gar nicht, aber ich
dachte, es w.re besser, es Ihnen zu sagen.
(Zehn Sekunden Schweigen)
Sie haben mir gesagt, ich dürfte es keinem verraten. Dass
ich hier bin. Der Sensei hat mich bei der Polizei als vermisst
gemeldet. Aber die Polizei unternimmt nichts. Dass ein
Kind von zu Hause wegl.uft, ist nichts Ungew.hnliches.
Deshalb werde ich eine Weile hierbleiben.
(Fünfzehn Sekunden Schweigen)
Ich bin weit fort, und solange ich nicht drau.en
herumlaufe, wird mich niemand finden. Es ist sehr weit.
Azami bringt Ihnen diese Kassette vorbei. Es w.re nicht
gut, sie mit der Post zu schicken. Wir müssen sehr
vorsichtig sein. Einen Moment. Ich probiere, ob es
aufgenommen hat.
(Ein Knacken. Kurze Pause. Der Ton war wieder da.)
Alles in Ordnung, es nimmt auf.
(Aus der Ferne ert.nten Kinderstimmen. Und leise Musik.
Wahrscheinlich Ger.usche, die durch ein ge.ffnetes
Fenster drangen. Vielleicht gab es in der N.he einen
Kindergarten.)
Vielen Dank, dass ich neulich bei Ihnen übernachten