durfte. Das musste sein. Sie kennenzulernen musste auch
sein. Vielen Dank, dass Sie mir vorgelesen haben. Ich denke
noch oft an die Giljaken. Warum gehen sie nicht auf den
breiten Wegen und stattdessen durch den Morast.
(Tengo fügte danach sachte ein Fragezeichen ein.)
Auch wenn die Wege praktischer sind, f.llt es den
Giljaken leichter, abseits davon durch den Morast zu gehen.
Auf Wegen müssen sie ganz anders gehen, ihren Gang
anpassen. Wenn sie ihren Gang anpassen, müssen sie auch
andere Dinge anpassen. Ich k.nnte nicht leben wie die
Giljaken. Es ist ekelhaft, immer von M.nnern geschlagen zu
werden. Der Schmutz, in dem sie leben, ist auch ekelhaft.
Aber ich mag es auch nicht, auf breiten Wegen zu gehen.
Ich trinke noch mal Wasser.
Fukaeri trank wieder. Nach einer Pause wurde das Glas
mit einem Klacken auf den Tisch zurückgestellt. Dann
wischte sie sich mit den Fingern den Mund ab. Ob sie nicht
wusste, dass es eine Taste gab, mit der man die Aufnahme
anhalten konnte?
Vielleicht gibt es jetzt Probleme, weil ich nicht da bin.
Aber ich wollte nie Schriftstellerin werden und habe auch
nicht die Absicht, noch etwas zu schreiben. Ich habe Azami
gebeten, etwas über die Giljaken herauszufinden. Azami ist
in die Bibliothek gegangen und hat nachgeschaut. Die
Giljaken leben auf Sachalin und haben wie die Ainu und die
amerikanischen Indianer keine Schrift. Sie hinterlassen
keine Aufzeichnungen. Wie ich. Was aufgeschrieben wird,
sind nicht mehr meine Worte. Sie haben sie sch.n in
Schrift verwandelt. Niemand h.tte das so gut gekonnt wie
Sie. Es ist blo. nicht mehr meine Geschichte. Aber machen
Sie sich keine Sorgen. Sie k.nnen nichts dafür. Denn ich
bin nur abseits der breiten Wege gegangen.
Hier machte Fukaeri wieder eine Pause. Tengo stellte sich
bildlich vor, wie das junge M.dchen allein und stumm
abseits der breiten Wege wanderte.
Der Sensei besitzt gro.e Kraft und tiefe Weisheit. Aber
auch die Little People haben gro.e Kraft und tiefe
Weisheit. Im Wald muss man aufpassen. Im Wald sind
n.mlich die Little People. Damit die Little People einem
nicht schaden, muss man etwas finden, das sie nicht haben.
Dann kann man sicher durch den Wald gelangen.
Fukaeri hatte all das fast in einem Atemzug gesagt und
holte tief Luft. Da sie es tat, ohne ihr Gesicht vom Mikrofon
zurückzuziehen, h.rte es sich an wie das Brausen des
Windes, der zwischen zwei Hochh.usern hindurchf.hrt.
Als es verklang, h.rte Tengo das Hupen eines Lastwagens.
Es war der tiefe nebelhornartige Klang eines sehr gro.en
Lasters. Zweimal kurz. Ihr Aufenthaltsort schien sich nicht
weit von einer Hauptstra.e zu befinden.
(R.uspern) Ich bin heiser. Danke, dass Sie sich Sorgen um
mich machen. Danke, dass Ihnen die Form meines Busens
gef.llt und dass ich in Ihrer Wohnung schlafen durfte und
Sie mir Ihren Schlafanzug geliehen haben. Wahrscheinlich
k.nnen wir uns eine Weile nicht sehen. Vielleicht hat es die
Little People ge.rgert, dass über sie geschrieben wurde.
Aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Ich kenne
mich aus im Wald. Bis dann.
An dieser Stelle knackte es, und die Aufnahme war
beendet.
Tengo drückte die Stopptaste und spulte dann wieder an
den Anfang zurück. Den von den Dachtraufen fallenden
Regentropfen lauschend, atmete er mehrmals tief ein und
aus und drehte dabei seinen Kugelschreiber zwischen den
Fingern. Dann legte er ihn auf den Tisch. Am Ende hatte er
keine einzige Notiz gemacht. Nur reglos Fukaeris
eigentümlicher Stimme zugeh.rt. Auch wenn er nichts
notiert hatte, war der Inhalt ihrer Botschaft eindeutig:
1. Sie war nicht entführt worden, sondern hielt sich für
eine Weile irgendwo versteckt. Es gab keinen Grund zur
Sorge.
2. Sie hatte nicht die Absicht, noch ein Buch zu
ver.ffentlichen. Was sie zu erz.hlen hatte, eignete sich
nicht dazu, diktiert und verschriftlicht zu werden.
3. Die Little People besa.en ebenso viel Weisheit und
Kraft wie Professor Ebisuno. Man musste sich vorsehen.
Das waren die drei Punkte, die sie ihm mitteilen wollte.
Das andere betraf die Giljaken. Eine Gruppe von Menschen,
die abseits der breiten Wege wanderten.
Tengo ging in die Küche und machte sich Kaffee.
W.hrend er ihn trank, starrte er ratlos die Kassette an.
Dann spielte er sie noch einmal ab. Diesmal drückte er
sicherheitshalber hin und wieder die Pausentaste und
notierte die wichtigsten Punkte. Schlie.lich überflog er das
Mitgeschriebene. Es bot keine neuen Aufschlüsse.
Hatte Fukaeri sich zuerst ein paar kurze Notizen gemacht,
anhand derer sie dann gesprochen hatte? Tengo glaubte es
nicht. Dazu war sie nicht der Typ. Zweifellos hatte sie in
Echtzeit in das Mikrofon gesprochen, wie es ihr gerade
einfiel (sie hatte ja nicht einmal die Pausentaste gedrückt).
Wo sie wohl war? Die Hintergrundger.usche auf dem
Band lieferten nicht viele Anhaltspunkte. In der Ferne
wurde eine Tür geschlossen. Kinderstimmen, die durch ein
offenes Fenster zu kommen schienen. Ein Kindergarten?
Das Hupen eines gro.en Lastwagens. Zumindest lag der
Ort, an dem Fukaeri sich befand, anscheinend nicht im
tiefsten Wald. Er konnte sich vorstellen, dass es irgendwo
in der Stadt war. Aufgenommen vielleicht am sp.ten
Vormittag oder frühen Nachmittag. Das Schlie.en der Tür
deutete darauf hin, dass sie nicht allein war.
Eines stand fest: Fukaeri hielt sich aus freien Stücken
verborgen. Das war kein Band, das unter Zwang
aufgenommen worden war. Man h.rte es an ihrer Stimme
und ihrer Art zu reden. Obwohl sie am Anfang ein wenig
aufgeregt wirkte, schien sie doch frei ins Mikrofon zu
sprechen, was ihr in den Sinn kam.
DER SENSEI BESITZT GROSSE KRAFT UND TIEFE
WEISHEIT. ABER AUCH DIE LITTLE PEOPLE HABEN
GROSSE KRAFT UND TIEFE WEISHEIT. IM WALD MUSS
MAN AUFPASSEN. IM WALD SIND N.MLICH DIE
LITTLE PEOPLE. DAMIT DIE LITTLE PEOPLE EINEM
NICHT SCHADEN, MUSS MAN ETWAS FINDEN, DAS SIE
NICHT HABEN. DANN KANN MAN SICHER DURCH DEN
WALD GELANGEN.
Tengo hatte diesen Teil noch einmal abgespielt. Fukaeri
hatte den Abschnitt ziemlich schnell gesprochen. Die
Pausen zwischen den S.tzen waren kurz. Die Little People
waren offenbar Wesen, die die M.glichkeit besa.en, Tengo
oder auch dem Sensei zu schaden. Aber Fukaeris Tonfall
war nicht zu entnehmen, dass die Little People b.se waren.
Eher hatte er das Gefühl, dass sie neutral waren und sich so
oder so verhalten konnten. Noch eine Stelle beunruhigte
Tengo.
VIELLEICHT HAT ES DIE LITTLE PEOPLE GE.RGERT,
DASS üBER SIE GESCHRIEBEN WURDE.
Wenn die Little People wirklich ver.rgert waren, dann
ganz bestimmt auch über ihn. Denn schlie.lich war er
derjenige, der die Kunde von ihrer Existenz in gedruckter
Form in aller Welt verbreitet hatte. Sicherlich würden sie es
nicht gelten lassen, wenn er erkl.rte, dass es kein b.ser
Wille gewesen sei.
Welchen Schaden die Little People einem Menschen wohl
zufügen konnten? Doch woher sollte Tengo das wissen? Er
spulte die Kassette zurück, steckte sie in den Umschlag und
legte ihn in eine Schublade. Dann zog er seinen
Regenmantel wieder an, setzte die Mütze auf und ging in
den unaufh.rlichen Regen hinaus, um seine Eink.ufe zu
machen.
Gegen neun Uhr an diesem Abend rief Komatsu an. Auch
diesmal wusste Tengo schon bevor er den H.rer abhob,
dass es Komatsu war. Er hatte im Bett gelegen und gelesen.
Nachdem es dreimal geklingelt hatte, stand er langsam auf,
hob ab und setzte sich an den Küchentisch.
.Hallo, Tengo., sagte Komatsu. .Kippst du dir gerade
einen hinter die Binde?.
.Nein, ich bin nüchtern..
.Wenn du das h.rst, wirst du vielleicht einen Schluck
brauchen., sagte Komatsu.
.Bestimmt eine lustige Geschichte, was?.
.Wie man’s nimmt. So lustig nun auch wieder nicht.
Vielleicht ist sie ein bisschen paradox und ein bisschen
komisch..
.Wie die Erz.hlungen von Tschechow..
.Genau., sagte Komatsu. .Wie bei Tschechow. Du sagst
es. Du triffst mit deinen Formulierungen immer den Nagel
auf den Kopf..
Tengo schwieg. Komatsu fuhr fort.
.Die Sache wird immer ungemütlicher. Der Professor hat
jetzt die Vermisstenanzeige aufgegeben, und die Polizei
fahndet nach Eri. Aber da es keine L.segeldforderung gibt,
nehmen sie die Sache nicht ganz so ernst. Wenn Eri etwas
zust..t, w.ren sie allerdings blamiert, das ist klar. Die
Medien sind nicht so leicht in Schach zu halten. Vor
meinem Haus schnüffeln st.ndig Reporter herum. Ich
bleibe natürlich dabei, dass ich nichts wei.. Aber ich
brauche sowieso nichts zu sagen. Sie sind schon dabei, die
Beziehung zwischen Fukaeri und Professor Ebisuno und die
Geschichte von ihren Eltern, die Revolution.re waren,
auszugraben. So was muss ja irgendwann rauskommen. Die
Schlimmsten sind die Illustrierten. Die freien
Schreiberlinge und Journalisten str.men in Scharen herbei,
wie Haie, die Blut geleckt haben. Und wenn die einmal
zugebissen haben, lassen sie nicht mehr locker. Sie leben ja
davon. Privatsph.re, Zurückhaltung oder so was kümmert
die einen Dreck. Sie schreiben zwar, aber aus ganz anderen
Gründen als ruhige, literarisch interessierte junge Leute wie
du, Tengo..
.Vielleicht sollte ich mich auch lieber in Acht nehmen?.
.Genau. Halte dich lieber bereit, in Deckung zu gehen.
Man kann nie wissen, was die ausgraben..
Tengo stellte sich vor, wie ein Schwarm Haie um ihr
kleines Boot herumwimmelte. Es sah aus wie ein Bild aus
einem schlechten Manga. .Man muss etwas finden, das sie
nicht haben., hatte Fukaeri gesagt. Doch was konnte das
nur sein?
.Aber, Herr Komatsu, war all das nicht von Anfang an
Professor Ebisunos Plan?.
.Kann sein., sagte Komatsu. .Vielleicht haben wir uns
ganz ordentlich benutzen lassen. Aber ich wusste ja von
Anfang an, was der Professor ungef.hr vorhatte. Er hat
seine Absichten nie verheimlicht. In dieser Hinsicht war es
ein faires Gesch.ft. Ich h.tte damals ja auch ablehnen
k.nnen und sagen: .Sensei, das riecht nach
Schwierigkeiten. Ich steige aus.. Ein anst.ndiger Redakteur
h.tte das getan. Aber wie du wei.t, mein lieber Tengo, bin
ich kein anst.ndiger Redakteur. Jedenfalls war damals alles
schon ins Rollen gekommen, und ich wollte so gern dabei
sein. Vielleicht habe ich auch nicht alles mit einkalkuliert..
Dann t.nte Tengo aus dem H.rer Schweigen entgegen.
Ein kurzes, aber dichtes Schweigen, das Tengo brach. .Das
hei.t, Ihr Plan wurde von Professor Ebisuno usurpiert..
.So k.nnte man es ausdrücken. Zumindest hat sich alles
schneller entwickelt, als wir es erwartet haben..
.Sie meinen, Professor Ebisuno hat diesen ganzen
Rummel inszeniert?., fragte Tengo.
.Natürlich. Er ist ein .u.erst gebildeter und
selbstbewusster Mann. Und so geht vielleicht alles gut.
Aber wenn der ganze Skandal über das hinausgeht, was
Professor Ebisuno vorausgesehen hat, k.nnte er die
Kontrolle verlieren. Wie hervorragend ein Mensch auch ist,
seine F.higkeiten haben doch Grenzen. Also, schnallen wir
uns lieber an..
.Wenn man in einem abstürzenden Flugzeug sitzt, nützt
Anschnallen auch nichts mehr, Herr Komatsu..
.Aber es beruhigt..
Tengo musste unwillkürlich l.cheln. Doch es war ein
kraftloses L.cheln. .Ist das der Kern Ihrer Geschichte? Sie
ist wirklich nicht sehr angenehm, aber ein bisschen
paradox und auch ein bisschen komisch..
.Tut mir leid, Kleiner, dass ich dich da reingezogen habe.
Ganz ehrlich., sagte Komatsu mit ausdrucksloser Stimme.
.Um mich geht es doch gar nicht. Mir kann nicht viel
passieren. Was habe ich denn zu verlieren? Ich habe keine
Familie, keine berufliche Stellung oder gro.artige Zukunft.
Viel mehr Sorgen mache ich mir um Fukaeri. Sie ist erst
siebzehn..
.Das bedrückt mich auch. Natürlich. Aber daran k.nnen
wir jetzt nichts .ndern, auch wenn wir uns noch so sehr
den Kopf zerbrechen. Vorl.ufig müssen wir uns irgendwo
festhalten, damit der Sturm uns nicht packt und
davonweht. Für den Moment sollten wir gründlich die
Zeitungen lesen..
.Ich nehme es mir fest vor..
.Gut., sagte Komatsu. .Ist dir übrigens eingefallen, wo
Fukaeri sein k.nnte? Irgendein Hinweis, egal was!.
.Nein, nichts., sagte Tengo. Lügen war nicht seine
St.rke. Und Komatsu verfügte über eine ungew.hnlich gute
Intuition. Aber er schien das leise Zittern in Tengos Stimme
nicht zu registrieren. Wahrscheinlich war er zu sehr mit
seinen eigenen Angelegenheiten besch.ftigt.
.Wenn irgendetwas ist, melde ich mich wieder., sagte
Komatsu und legte auf.
Nachdem Tengo den H.rer auf die Gabel gelegt hatte,
nahm er als Erstes ein Glas aus dem Schrank und schenkte
sich zwei Zentimeter Bourbon ein. Komatsu hatte recht
gehabt, nach diesem Telefonat brauchte er wirklich einen
Schluck.
Am Freitag kam wie immer seine Freundin vorbei. Der
Regen hatte aufgeh.rt, aber der Himmel war noch immer
von einer lückenlosen Schicht grauer Wolken bedeckt. Die
beiden a.en eine Kleinigkeit und gingen ins Bett. Beim Sex
gingen Tengo alle m.glichen abgerissenen Gedanken durch
den Kopf, aber der k.rperliche Genuss, den er beim
Geschlechtsverkehr empfand, litt nicht darunter. Wie
immer kitzelte sie geschickt die Lust hervor, die sich
w.hrend der Woche in Tengo angestaut hatte, und lenkte
sie in die richtigen Bahnen. Auch sie selbst erlangte volle
Befriedigung. Wie ein tüchtiger Steuerberater, der gr..te
Freude an komplizierten buchhalterischen Vorg.ngen
empfindet. Dennoch schien sie zu spüren, dass Tengo
etwas besch.ftigte.
.Dein Whiskyvorrat scheint in letzter Zeit ziemlich
abgenommen zu haben., sagte sie. Ihre Hand ruhte auf
Tengos m.chtiger Brust, als würde sie den Nachhall der
Liebe genie.en. An ihrem Ringfinger steckte ein kleiner,
aber stark funkelnder Diamantring, ihr Ehering. Sie sprach
von einer Flasche Wild Turkey, die seit ewigen Zeiten im
Regal stand. Sie bemerkte jede kleine Ver.nderung, wie die
meisten Frauen in mittlerem Alter, die eine sexuelle