Vernunft hinaus eifersüchtig. Er sah den Mond über dem
Dickensschen London. Die Wahnsinnigen, die dort –
insane oder lunatic – umherirrten. Sie trugen alle .hnliche
Mützen und hatten .hnliche B.rte. Woran konnte man sie
unterscheiden? Als Tengo die Augen schloss, konnte er
nicht mehr mit Sicherheit sagen, in welcher Welt er sich
befand.
Buch 2
Juli bis September
KAPITEL 1
Aomame
Der langweiligste Ort der Welt
Noch war das Ende der Regenzeit nicht offiziell
verkündet, aber die hochsommerliche Sonne strahlte
bereits ungehindert vom wolkenlos blauen Himmel zur
Erde, und die nun üppig grünen Weiden warfen wieder ihre
dichten schwankenden Schatten auf die Stra.e.
Tamaru empfing Aomame am Eingang. Er trug einen
dunklen, aber sommerlich leichten Anzug, ein wei.es
Hemd und eine Krawatte in gedeckten Farben. Ihm schien
kein bisschen hei. zu sein. Dass ein Mann von seiner
Gr..e auch an hei.esten Tagen niemals ins Schwitzen
geriet, versetzte Aomame immer wieder in Erstaunen.
Als Tamaru sie sah, nickte er kurz, murmelte eine kaum
h.rbare Begrü.ung und sprach danach kein Wort mehr. Es
kam nicht einmal zu ihrem üblichen Geplauder.
Schnurstracks ging er ihr durch den langen Korridor voran
und führte sie in den Raum, in dem die alte Dame sie
erwartete. Aomame vermutete, dass er nach dem Tod der
Hündin einfach keine Lust auf eine Unterhaltung hatte.
.Wir brauchen einen neuen Wachhund., hatte er beil.ufig
am Telefon gesagt. Als sei die Rede vom Wetter. Doch
Aomame wusste, dass der Tod der Sch.ferhündin ihn in
Wahrheit alles andere als kalt lie.. Er hatte all die Jahre
ebenso an Bun gehangen wie sie an ihm. Tamaru empfand
ihren pl.tzlichen und sinnlosen Tod als eine Art
pers.nliche Beleidigung oder Herausforderung. Von seinem
schultafelbreiten Rücken ging stummer Zorn aus.
Tamaru .ffnete die Tür zum Salon für Aomame. Er selbst
blieb dort stehen, um die Anweisungen der alten Dame
entgegenzunehmen.
.Ich brauche Sie im Augenblick nicht, danke., sagte
diese. Auf einem Tischchen neben ihrem Sessel stand ein
rundes Goldfischglas mit zwei roten Goldfischen. Es waren
ganz ordin.re Goldfische, wie es sie überall zu kaufen gab,
und ein ebenso ordin.res Goldfischglas mit ein paar
grünlichen Wasserpflanzen darin. Aomame war schon
mehrere Male in dem gro.en, luxuri.sen Raum gewesen,
aber die Goldfische sah sie zum ersten Mal. Offenbar war
die Klimaanlage eingeschaltet, denn hin und wieder spürte
sie eine kühle Brise auf der Haut. Auf einem Tisch hinter
ihr stand eine Vase mit drei wei.en Lilien, deren gro.e
Blüten an kleine, in Gedanken versunkene exotische Tiere
erinnerten.
Die alte Dame bedeutete Aomame, auf dem Sofa Platz zu
nehmen. Die wei.en Spitzengardinen vor dem Fenster zum
Garten waren zugezogen, kamen jedoch gegen die starken
Strahlen der sommerlichen Nachmittagssonne nicht an. In
diesem Licht und in dem gro.en Sessel wirkte die alte
Dame so ersch.pft, wie Aomame sie noch nie gesehen
hatte. Sie hatte ihre dünnen Arme aufgestützt, und ihr Kinn
ruhte kraftlos in ihren H.nden. Ihre Augen waren
eingesunken und die Lippen bleich. Ihr Hals schien faltiger
als sonst, und die .u.eren Enden ihrer langen Brauen
hingen ein wenig nach unten, als h.tten sie es aufgegeben,
sich der Schwerkraft zu widersetzen. Vielleicht litt sie unter
einer Kreislaufschw.che, denn ihre Haut war an manchen
Stellen so wei., als habe man sie mit Mehl best.ubt. Sie
schien um mindestens fünf oder sechs Jahre gealtert, seit
Aomame sie das letzte Mal gesehen hatte. Der alten Dame
schien es heute gleichgültig zu sein, dass ihre Ersch.pfung
so sichtbar wurde. Das war au.ergew.hnlich. Zumindest in
Aomames Gegenwart war sie sonst immer bemüht, einen
makellos adretten .u.eren Anschein zu wahren. Sie hielt
sich unter Aufbietung gro.er Willenskraft kerzengerade
und benahm sich .u.erst kontrolliert, um nicht das
kleinste Zeichen ihres Alters erkennen zu lassen. Stets mit
bewundernswertem Erfolg.
Heute ist wirklich einiges anders als sonst, dachte
Aomame. Auch das Licht verlieh dem Raum eine andere
Note als sonst. Und dann dieses banale, billige
Goldfischglas, das eigentlich gar nicht in diesen Salon mit
seiner hohen Decke und den eleganten antiken M.beln
passte.
Eine Weile schwieg die alte Dame. Die Wange in die
Hand geschmiegt, blickte sie an Aomame vorbei auf
irgendeinen Punkt im Raum. Aomame wusste, dass es dort
nichts Besonderes zu sehen gab und dieser Punkt dem Blick
der alten Dame nur als tempor.re Zuflucht diente.
.M.chten Sie etwas trinken?., fragte diese mit ruhiger
Stimme.
.Nein, danke., erwiderte Aomame.
.Dort drüben steht Eistee. Falls Sie durstig sind, schenken
Sie sich bitte ein Glas ein..
Die alte Dame deutete auf einen Teewagen in der N.he
der Tür, auf dem ein Krug Tee mit Eis und Zitrone und drei
verschiedenfarbige geschliffene Gl.ser standen.
.Danke., sagte Aomame noch einmal, blieb aber sitzen
und wartete.
In dem Schweigen der alten Dame lag eine gewisse
Andeutung. Es gab da etwas, das sie sagen musste, das
jedoch, indem sie es aussprach, an unerwünschter Realit.t
gewinnen würde. Und diesen Augenblick wollte sie so lange
wie m.glich hinausschieben, und seien es nur ein paar
Minuten. Ihr Blick glitt über das Goldfischglas hinweg.
Schlie.lich schaute sie Aomame resigniert ins Gesicht. Sie
hatte die Lippen fest aufeinandergepresst und die
Mundwinkel bewusst ein wenig nach oben gezogen.
Endlich sprach sie.
.Sie haben sicher von Tamaru erfahren, dass der
Wachhund vom Frauenhaus tot ist? Und dass wir uns nicht
erkl.ren k.nnen, wie das passiert ist..
.Ja, er hat es mir erz.hlt..
.Danach ist Tsubasa verschwunden..
Aomame verzog das Gesicht. .Verschwunden?.
.Ja, wahrscheinlich in der Nacht. Wie vom Erdboden
verschluckt. Heute Morgen war sie nicht mehr da..
Aomame schürzte die Lippen und suchte nach passenden
Worten, ohne sie gleich zu finden. .Aber … Sie sagten doch,
dass immer jemand bei ihr ist. Im selben Raum schl.ft. Und
auf sie aufpasst..
.Ja, aber diese Frau hat ungew.hnlich tief geschlafen und
offenbar überhaupt nicht bemerkt, wie Tsubasa
verschwunden ist. Am Morgen war sie nicht mehr in ihrem
Bett..
.Die Sch.ferhündin wird get.tet, und am Tag darauf
verschwindet Tsubasa., fasste Aomame zusammen.
Die alte Dame nickte. .Im Augenblick sind wir noch nicht
sicher, ob zwischen den beiden Ereignissen ein
Zusammenhang besteht. Aber eigentlich bin ich überzeugt
davon..
Beil.ufig betrachtete Aomame das Goldfischglas auf dem
Tisch. Ihrem Blick folgend, sah auch die alte Dame auf die
beiden Goldfische, die ungerührt in ihrem gl.sernen Teich
herumschwammen, indem sie ihre soundso vielen Flossen
bewegten. Das sommerliche Licht brach sich auf
eigentümliche Weise in der Kugel und erweckte beim
Betrachter die Illusion, in einen geheimnisvollen Teil der
Tiefsee zu sp.hen.
.Ich habe die Fische für Tsubasa gekauft., wandte die alte
Dame sich erkl.rend an Aomame. .Wir sind ein bisschen
über das Schreinfest geschlendert, das wir hier in Azabu
hatten. Ich fand es nicht gesund für Tsubasa, dass sie
immer so im Haus eingesperrt war. Natürlich hat Tamaru
uns begleitet. Abends haben wir dann zusammen die
Goldfische gekauft. Die Kleine schien so fasziniert davon.
Wir haben das Glas in ihr Zimmer gestellt, und sie hat es
den ganzen Tag lang unentwegt betrachtet. Aber jetzt, wo
sie fort ist, habe ich die Fische mit hierher genommen.
Auch ich schaue sie mir dauernd an, sitze unt.tig davor
und starre. Seltsam, aber anscheinend wird man dessen nie
müde. Noch nie habe ich ein paar Goldfische mit derartiger
Intensit.t beobachtet..
.Haben Sie eine Ahnung, wo Tsubasa sich aufhalten
k.nnte?., fragte Aomame.
.Nicht die geringste., antwortete die alte Dame. .Es gibt
auch keine Verwandten, bei denen sie sein k.nnte. Soweit
ich wei., hat das Kind auf der ganzen Welt niemanden, an
den es sich wenden k.nnte..
Die alte Dame zuckte nerv.s mit dem Kopf, als wolle sie
eine unsichtbare, winzige Fliege verscheuchen. .Nein, sie
ist einfach fortgegangen. Dass jemand hier eingedrungen
ist und sie mit Gewalt weggeschleppt hat, ist
ausgeschlossen. Die Frauen haben alle einen leichten
Schlaf. Irgendeine w.re auf jeden Fall aufgewacht. Nein, ich
glaube, Tsubasa ist aus eigenem Entschluss gegangen. Sie
hat sich die Treppe hinuntergeschlichen, leise den
Schlüssel genommen, hat die Tür ge.ffnet und ist
hinausgelaufen. Ich kann mir die Szene gut vorstellen. Der
Hund war in der Nacht zuvor umgekommen, also konnte er
auch nicht bellen. Sie hat sich nicht einmal angezogen,
sondern ist so, wie sie war, im Schlafanzug, verschwunden,
obwohl ihre Kleider neben ihr im Zimmer lagen.
Wahrscheinlich hat sie nicht einen Yen bei sich..
Aomames Gesicht verzog sich st.rker. .Ganz allein und
im Schlafanzug?.
Die alte Dame nickte. .Ja. Wohin kann ein zehnj.hriges
M.dchen im Schlafanzug und ohne Geld mitten in der
Nacht gehen? Das widerspricht jeder Vernunft. Dennoch
kommt es mir nicht einmal besonders seltsam vor. Eher
habe ich das Gefühl, es ist geschehen, was geschehen
musste. Deshalb suche ich auch nicht nach ihr. Sondern
starre mü.ig diese Fische an..
Nachdem die alte Dame einen Blick auf das Goldfischglas
geworfen hatte, schaute sie Aomame wieder direkt ins
Gesicht.
.Weil ich wei., dass alles Suchen vergeblich w.re.
Tsubasa ist schon an einem Ort, an dem ich sie nicht mehr
erreichen kann.. Sie nahm ihre Hand von der Wange und
lie. ihren Atem langsam entweichen. Ihre H.nde ruhten
nun nebeneinander in ihrem Scho..
.Aber warum ist sie weggelaufen?., fragte Aomame.
.Hier war sie in Sicherheit, und sie kann doch nirgendwo
anders hin..
.Ich kenne den Grund nicht. Aber ich habe das Gefühl,
dass der Tod des Hundes der Ausl.ser für ihr
Verschwinden war. Tsubasa hat von Anfang an sehr an Bun
gehangen, und auch der Hund hatte eine ungew.hnlich
starke Zuneigung zu ihr. Sie waren die besten Freunde. Sein
Tod, zumal so blutig und unerkl.rlich, hat ihr einen
schlimmen Schock versetzt. Das ist v.llig natürlich. Alle
hier haben einen Schock. Aber bei reiflichem Nachdenken
kommt es mir so vor, als k.nnte der grausame Mord an
dem Hund auch eine an Tsubasa gerichtete Botschaft
gewesen sein..
.Was für eine Botschaft denn?.
.Dass sie nicht hier sein darf. Wir wissen, dass du dich
hier versteckst. Du musst weg. Sonst k.nnte den Leuten
um dich herum etwas Schlimmes zusto.en. Diese Art von
Botschaft..
Die Finger auf den Knien der alten Dame zerhackten eine
imagin.re Zeit in feine Stücke. Aomame wartete, dass sie
fortfuhr.
.Vielleicht hat Tsubasa die Botschaft verstanden und uns
aus eigenem Antrieb verlassen. Obwohl sie nicht wollte. Es
blieb ihr nichts anderes übrig. Der Gedanke, dass ein
zehnj.hriges M.dchen einen Entschluss wie diesen fassen
musste, ist mir unertr.glich..
Aomame h.tte gern die H.nde der alten Dame
genommen. Aber sie hielt sich zurück. Sie wusste, dass die
Geschichte noch nicht zu Ende war.
.Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie entsetzlich das für
mich ist., fuhr die alte Dame fort. .Es fühlt sich an, als
h.tte man mir einen K.rperteil abgetrennt. Ich wollte
Tsubasa offiziell an Kindes statt annehmen. Natürlich
wusste ich, dass das nicht ganz einfach sein würde. Doch
trotz aller Schwierigkeiten und wider die Vernunft habe ich
es mir gewünscht. Also kann ich mich jetzt auch bei
niemandem beklagen. Aber um die Wahrheit zu sagen,
man zahlt in meinem Alter einen hohen k.rperlichen Preis,
wenn so etwas passiert..
.Aber es k.nnte doch sein, dass Tsubasa pl.tzlich wieder
auftaucht., sagte Aomame. .Sie hat ja kein Geld und kann
nirgendwo anders hin..
.Das würde ich gern glauben, aber es wird nicht
geschehen., sagte die alte Dame mit v.llig tonloser
Stimme. .Sie ist erst zehn, und dennoch hat sie
eigenst.ndig beschlossen, fortzugehen. Von sich aus wird
sie nicht zurückkommen..
Aomame erhob sich mit einer Entschuldigung, ging zu
dem Teewagen an der Tür und schenkte sich Eistee in das
grüne der elegant geschliffenen Gl.ser ein. Weniger weil sie
Durst hatte, als um einmal aufzustehen und eine
Unterbrechung herbeizuführen. Sie kehrte zum Sofa
zurück, nahm einen Schluck Eistee und stellte das Glas auf
der gl.sernen Tischplatte ab.
.Wir wollen das Thema Tsubasa vorl.ufig beiseite
lassen.. Die alte Dame wartete, bis Aomame es sich wieder
auf dem Sofa bequem gemacht hatte. Hoch aufgerichtet,
die H.nde fest vor sich gefaltet, schien sie einen
Schlusspunkt hinter ihre Gefühle gesetzt zu haben.
.Wenden wir uns jetzt einmal diesem .Leader. – dem
Oberhaupt der Vorreiter – zu. Ich erz.hle Ihnen, was ich
bisher über ihn in Erfahrung bringen konnte. Aus diesem
Grund habe ich Sie hergebeten. Obwohl das letzten Endes
natürlich auch etwas mit Tsubasa zu tun hatte..
Aomame nickte. Sie hatte es vorausgesehen.
.Also: Wir müssen diesen sogenannten .Leader. unter
allen Umst.nden beseitigen. Das hei.t, ins Jenseits
bef.rdern. Wie Sie wissen, hat dieser Mensch die
Angewohnheit, zehnj.hrige M.dchen zu vergewaltigen.
M.dchen, die noch nicht ihre erste Periode hatten. Um
seine Taten zu rechtfertigen, bedient er sich einer
religi.sen Gruppe und einer Lehre, die er sich eigens
zurechtgebastelt hat. Soweit es m.glich war, habe ich
m.glichst ausführliche Erkundigungen eingezogen, die ich
mir etwas habe kosten lassen. Das war gar nicht so einfach.
Es waren h.here Summen n.tig, als ich erwartet hatte.
Immerhin konnten wir vier M.dchen identifizieren, die
mutma.lich von diesem Mann vergewaltigt worden sind.
Tsubasa ist das vierte..
Aomame griff nach ihrem Glas und trank einen Schluck
Eistee. Er schmeckte nach nichts. Als sei ihr Mund voll
Watte, die jeden Geschmack aufsog.