.Die Einzelheiten stehen noch nicht fest, aber zumindest
leben zwei der vier M.dchen weiterhin in der Gruppe.,
sagte die alte Dame. .Sie sollen eine Art
Tempeldienerinnen an der Seite des Leaders sein. Die
gew.hnlichen Mitglieder bekommen sie nie zu Gesicht. Ob
diese M.dchen aus freien Stücken geblieben sind, nicht
fliehen konnten oder aus anderen Gründen keine Wahl
hatten, wissen wir nicht. Auch nicht, ob zwischen ihnen
und dem Leader noch immer sexuelle Beziehungen
bestehen. Jedenfalls leben sie mit ihm zusammen. Wie in
einer Familie. Der Wohnbereich des Leaders ist v.llig
abgeschottet, und gew.hnliche Mitglieder haben dort
keinen Zutritt. So vieles liegt noch im Dunkeln..
Das geschliffene Glas auf dem Tisch war inzwischen
beschlagen.
.Eines ist jedoch sicher., fuhr die alte Dame nach einer
kurzen Atempause fort. .Das erste Opfer von den vieren
war die leibliche Tochter des Leaders..
Aomames Gesichtsmuskeln verzerrten sich. Sie wollte
etwas sagen, aber die Worte nahmen keine lautliche Gestalt
an.
.Ja, so ist es. Dieser Mann hat zuerst seiner eigenen
Tochter Gewalt angetan. Vor sieben Jahren, als sie zehn
war., sagte die alte Dame.
über das Haustelefon bat die alte Dame Tamaru, ihnen
eine Flasche Sherry und zwei Gl.ser zu bringen. In der
Zwischenzeit schwiegen die beiden Frauen und ordneten
ihre Gedanken. Tamaru brachte ein Tablett mit einer noch
unge.ffneten Flasche Sherry und zwei eleganten zierlichen
Kristallgl.sern herein. Er stellte alles auf den Tisch und
.ffnete die Flasche mit einer knappen pr.zisen Bewegung,
fast als würde er einem Vogel den Hals umdrehen. Beim
Einschenken gluckerte es ein wenig. Auf das Nicken der
alten Dame verbeugte sich Tamaru und verlie. den Raum.
Wieder hatte er kein einziges Wort gesprochen. Nicht
einmal seine Schritte waren zu h.ren gewesen.
Es liegt nicht nur an dem Hund, dachte Aomame.
Dass das M.dchen (das die alte Dame über alles liebte)
praktisch vor seiner Nase verschwunden war, hatte Tamaru
tief getroffen. Obwohl es, genau genommen, nicht einmal
zu seinem Verantwortungsbereich geh.rte. Er lebte nicht
im Haus, und wenn nichts Au.ergew.hnliches vorlag, ging
er abends in seine zu Fu. etwa zehn Minuten entfernte
Wohnung, wo er auch übernachtete. Der Tod des Hundes
und das Verschwinden des M.dchens hatten sich nachts
und in seiner Abwesenheit ereignet. Keinen der beiden
Vorf.lle h.tte er verhindern k.nnen. Seine Aufgabe bestand
lediglich darin, die alte Dame und die Weidenvilla zu
schützen. Die Sicherheit des Frauenhauses, das sich
au.erhalb der Villa befand, konnte er nicht gew.hrleisten.
Dazu reichten seine Kapazit.ten nicht aus. Dennoch
empfand Tamaru diese Geschehnisse als eine pers.nliche
Niederlage und gegen ihn selbst gerichtete Beleidigung, die
er nicht hinnehmen konnte.
.W.ren Sie bereit, diesen Menschen aus dem Weg zu
r.umen?., fragte die alte Dame.
.Ja., erwiderte Aomame fest.
.Das ist keine leichte Aufgabe., sagte die alte Dame.
.Leicht war natürlich keiner der Auftr.ge, die Sie für mich
erledigt haben. Doch dieses Mal wird es besonders
schwierig. Alles, was ich von meiner Seite aus tun kann,
werde ich tun. Im Augenblick wei. ich nicht einmal,
inwieweit ich Ihre Sicherheit garantieren kann. Diese
Mission ist wesentlich riskanter als die vorangegangenen..
.Das nehme ich in Kauf..
.Es behagt mir gar nicht, Sie einer solchen Gefahr
auszusetzen. Aber wenn ich ehrlich bin, sind unsere
Alternativen in diesem Fall .u.erst begrenzt..
.Macht nichts., sagte Aomame. .Die Welt hat keine
Verwendung für solche M.nner..
Die alte Dame nahm ihr Glas, um an dem Sherry zu
nippen. Wieder ruhte ihr Blick auf den Goldfischen.
.An Sommernachmittagen wie diesem habe ich schon
immer gern einen gut temperierten Sherry getrunken.
Wenn es so warm ist, mag ich nichts ganz Kaltes.
Anschlie.end lege ich mich ein bisschen hin, und
unversehens schlafe ich ein. Wenn ich dann aufwache, ist
es nicht mehr so hei.. Es w.re sch.n, wenn ich einmal auf
diese Weise sterben k.nnte. An einem Sommernachmittag
ein Glas Sherry trinken, mich aufs Sofa legen, einschlafen
und nicht mehr aufwachen..
Auch Aomame nahm ihr Glas und nippte an dem Sherry.
Eigentlich mochte sie dieses Getr.nk nicht besonders. Aber
ein Schluck Alkohol war ihr jetzt sehr willkommen. Anders
als bei dem Eistee nahm sie den Geschmack des Sherrys
intensiv wahr. Er brannte ihr sogar etwas auf der Zunge.
.Ich m.chte eine ehrliche Antwort., sagte die alte Dame.
.Haben Sie Angst vor dem Sterben?.
Aomame musste nicht lange nachdenken. Sie schüttelte
den Kopf. .Eigentlich nicht. Wenn ich an mein Leben
denke ….
Ein flüchtiges L.cheln umspielte die Mundwinkel der
alten Dame. Sie wirkte wieder jünger. Auch in ihre Lippen
war etwas Farbe zurückgekehrt. Vielleicht hatte das
Gespr.ch mit Aomame sie belebt. Oder es war das
Verdienst der kleinen Menge Sherry.
.Aber es gibt doch einen Mann, den Sie lieben?.
.Ja, allerdings geht die Wahrscheinlichkeit gegen null,
dass ich tats.chlich mit ihm zusammenkomme..
Die Augen der alten Dame wurden schmal. .Gibt es einen
konkreten Grund für diese Annahme?.
.Eigentlich nicht., sagte Aomame. .Au.er, dass ich ich
bin..
.Sie haben also nicht die Absicht, von sich aus etwas zu
unternehmen?.
Aomame schüttelte den Kopf. .Das Wichtigste für mich
ist, dass ich ihn liebe..
Die alte Dame musterte Aomame beeindruckt. .Sie sind
ein Mensch von gro.er Entschlossenheit, nicht wahr?.
.Aus Notwendigkeit., sagte Aomame und führte pro
forma ihr Sherryglas an die Lippen. .Nicht, weil es mir
gef.llt..
Eine Weile erfüllte Schweigen den Raum. Der Duft der
Lilien stieg ihr immer mehr zu Kopf, w.hrend die
Goldfische weiter im gebrochenen sommerlichen Licht
herumschwammen.
.Wir k.nnen eine Situation herbeiführen, in der Sie mit
dem Leader allein sind., sagte die alte Dame. .Das wird
nicht ganz leicht, und ich brauche auch Zeit dazu. Aber
letztendlich werde ich es schaffen. Und dann k.nnen Sie
tun, was Sie immer tun. Danach müssen Sie verschwinden.
Wir werden Ihr Gesicht operieren lassen. Ihren Arbeitsplatz
werden Sie natürlich aufgeben und weit fort ziehen. Auch
Ihren Namen werden wir .ndern. Ich muss von Ihnen
verlangen, dass Sie Ihre jetzige Identit.t aufgeben. Ein
anderer Mensch werden. Natürlich werde ich Sie mit einer
entsprechenden Summe entsch.digen. Für alles andere
trage ich die Verantwortung. Würde Ihnen das etwas
ausmachen?.
.Wie gesagt, ich habe nichts zu verlieren. Meine Arbeit,
mein Name, mein gegenw.rtiges Leben hier in Tokio, all
das bedeutet mir nichts. Nein, ich habe keine Einw.nde..
.Auch nicht dagegen, Ihr Gesicht zu ver.ndern?.
.Vielleicht sehe ich dann besser aus als jetzt?.
.Diese M.glichkeit besteht natürlich, wenn Sie es
wünschen., antwortete die alte Dame aufrichtig. .In
gewissen Grenzen k.nnte man Ihr Gesicht Ihren Wünschen
entsprechend gestalten..
.Kann man auch meinen Busen vergr..ern?.
Die alte Dame nickte. .Das ist vielleicht eine gute Idee.
Auch so etwas kann sehr stark ver.ndern..
.Das war ein Scherz., sagte Aomame. Ihr Ausdruck
wurde milder. .Meine Brüste tragen vielleicht nicht gerade
zu meinem Selbstbewusstsein bei, aber von mir aus k.nnen
sie so bleiben. Leicht und bequem zu tragen. Au.erdem
müsste ich mir ja v.llig neue Unterw.sche kaufen..
.Ich würde sie Ihnen kaufen..
.Auch das war ein Scherz., sagte Aomame.
Die alte Dame l.chelte. .Entschuldigen Sie, aber ich bin
nicht daran gew.hnt, dass Sie Scherze machen..
.Ich h.tte nichts gegen eine Sch.nheitsoperation., sagte
Aomame. .Bisher habe ich nie an so etwas gedacht, aber es
gibt auch keinen Grund, abzulehnen. Mein Gesicht hat mir
nie besonders gefallen, und es gibt auch niemand anderen,
der besonders daran h.ngt..
.Sie werden Ihre Freunde verlieren..
.Ich habe niemanden, den ich als Freund bezeichnen
würde., sagte Aomame. Sie musste an Ayumi denken.
Sicher würde es sie traurig machen, wenn Aomame
pl.tzlich verschwinden würde, ohne ihr etwas zu sagen.
Wahrscheinlich h.tte sie das Gefühl, hintergangen worden
zu sein. Andererseits war eine Freundschaft mit Ayumi von
vornherein aussichtslos. Eine Polizistin zur Freundin zu
haben konnte ziemlich gef.hrlich werden.
.Ich hatte zwei Kinder., sagte die alte Dame. .Einen
Jungen und eine drei Jahre jüngere Tochter. Sie ist tot. Ich
hatte Ihnen bereits erz.hlt, dass sie Selbstmord begangen
hat. Meine Beziehung zu meinem Sohn ist aus
verschiedenen Gründen schon seit l.ngerem nicht
besonders gut. Wir sprechen kaum noch miteinander. Ich
habe drei Enkel, die ich schon ewig nicht gesehen habe.
Wenn ich einmal sterbe, werden mein Sohn und seine
Kinder den gr..ten Teil meines Verm.gens erben. So gut
wie automatisch. Testamente besitzen heutzutage nicht
mehr die Gültigkeit, die sie früher hatten. Im Moment kann
ich jedoch noch frei über mein Geld verfügen. Wenn Sie die
auf Sie zukommende Aufgabe gemeistert haben, m.chte
ich Ihnen das meiste davon überschreiben. Bitte
missverstehen Sie mich nicht. Ich habe keineswegs die
Absicht, Sie zu kaufen. Ich will damit nur sagen, dass Sie
für mich wie eine Tochter sind. Es w.re sch.n, wenn Sie es
wirklich w.ren..
Aomame sah die alte Dame ruhig an. Diese stellte ihr
Sherryglas zurück auf den Tisch, als sei es ihr gerade erst
wieder eingefallen. Sie wandte sich um und betrachtete die
prachtvollen Blüten der Lilien. Sie sog ihren schweren Duft
ein und schaute dann wieder Aomame ins Gesicht.
.Wie gesagt hatte ich vor, Tsubasa zu adoptieren. Doch
nun habe ich sie verloren. Ich konnte ihr nicht helfen und
muss mich damit abfinden, dass sie mitten in der Nacht
ganz allein in die Dunkelheit hinausgelaufen ist. Und Sie
werde ich an einen Ort schicken, der so gef.hrlich ist wie
keiner zuvor, obwohl ich es eigentlich nicht will. Leider
sehe ich im Augenblick kein anderes Mittel, unser Ziel zu
erreichen. Und dafür m.chte ich Sie, so gut und konkret
ich es vermag, entsch.digen..
Aomame h.rte wortlos zu. Als die alte Dame schwieg, lie.
sich durch die Glastür das laute Tr.llern eines Vogels
vernehmen. Nachdem er eine Weile gezwitschert hatte, flog
er davon.
.Dieser Mann muss unter allen Umst.nden
beseitigt werden., sagte Aomame. .Das ist im Augenblick
das Wichtigste. Ich danke Ihnen, dass Sie mich mit einer so
wichtigen Aufgabe betrauen. Sie wissen, dass ich mich aus
bestimmten Gründen von meinen Eltern losgesagt habe. Sie
haben mich als Kind im Stich gelassen. Ich musste einen
Weg gehen, auf dem verwandtschaftliche Gefühle keine
Rolle spielten. Musste mich anpassen, um allein zu
überleben. Das war nicht leicht. Manchmal hielt ich mich
für den letzten Abschaum. Fand mich nutzlos und
verdorben. Auch deshalb m.chte ich Ihnen für Ihre Worte
danken. Doch es ist zu sp.t für mich, mein Denken und
meine Lebensweise zu .ndern. Für die kleine Tsubasa ist es
allerdings noch nicht zu sp.t. Sie kann noch gerettet
werden. Bitte, geben Sie nicht so leicht auf. Verlieren Sie
nicht die Hoffnung und holen Sie sie zurück..
Die alte Dame nickte. .Wahrscheinlich habe ich mich
ungeschickt ausgedrückt. Natürlich gebe ich Tsubasa nicht
auf. Ich beabsichtige, sie zurückzuholen, komme, was
wolle. Aber wie Sie sehen, fehlt mir im Augenblick die Kraft
dazu. Durch meine Unf.higkeit, ihr zu helfen, hat mich ein
Gefühl tiefer Ohnmacht ergriffen. Ich brauche Zeit, um
wieder auf die Beine zu kommen. Vielleicht bin ich auch
einfach schon zu alt. Und kann ewig darauf warten, dass ich
meine Kraft zurückgewinne..
Aomame erhob sich vom Sofa und ging zu der alten Dame
hinüber. Sie setzte sich auf eine Lehne des Sessels und
ergriff ihre zierliche, schmale Hand.
.Sie sind eine unglaublich starke Frau., sagte Aomame.
.St.rker als irgendwer sonst. Im Augenblick sind Sie nur
entt.uscht und ersch.pft. Am besten, Sie legen sich hin
und ruhen sich ein bisschen aus. Wenn Sie aufwachen,
werden Sie sich wie neu fühlen..
.Danke.. Die alte Dame erwiderte den Druck von
Aomames Hand. .Wahrscheinlich ist es wirklich besser,
wenn ich ein wenig schlafe..
.Ich mache mich mal auf den Weg., sagte Aomame.
.Wenn ich alles geregelt habe, melde ich mich bei Ihnen.
Meine Habseligkeiten sind ziemlich begrenzt..
.Nehmen Sie nur das N.tigste mit. Falls etwas fehlt, kann
ich es Ihnen sofort beschaffen..
Aomame lie. die Hand der alten Dame los und stand auf.
.Ruhen Sie sich aus. Es wird alles gutgehen..
Die alte Dame nickte. Sie lie. sich im Sessel zurückgleiten
und schloss die Augen. Aomame blickte noch einmal auf
das Goldfischglas auf dem Tisch, atmete den Duft der Lilien
ein und verlie. den Raum mit der hohen Decke.
Im Flur wartete Tamaru auf sie. Inzwischen war es
siebzehn Uhr, aber die Sonne stand noch hoch am Himmel
und hatte kaum etwas von ihrer Kraft eingebü.t. Tamarus
schwarze Cordovan-Schuhe waren wie üblich blank poliert
und gl.nzten im hellen Tageslicht. Hier und da zogen
wei.e Sommerw.lkchen dahin, aber sie hielten sich abseits,
wie um die Sonne nicht zu st.ren. Obwohl die Regenzeit
noch nicht offiziell vorbei war, hielt das sonnige Wetter
nun schon mehrere Tage an und kündigte den
Hochsommer an. Die Zikaden in den B.umen im Garten
zirpten noch ein wenig zurückhaltend, aber auch sie waren
deutliche Vorboten des Sommers. Alles hatte seine übliche
Ordnung. Die Zikaden zirpten, am Himmel zogen die
Wolken dahin, und Tamarus Schuhe waren makellos. Aus
irgendeinem Grund wirkte es erfrischend auf Aomame,
dass die Welt so unver.ndert erhalten war.
.Du, Tamaru?., sagte sie. .Kann ich kurz mit dir reden?
Hast du Zeit?.
.Klar., sagte Tamaru. Sein Ausdruck ver.nderte sich
nicht. .Zeit totzuschlagen ist ein Teil meiner Arbeit.. Er
setzte sich auf einen der Gartenstühle, die direkt vor dem