Eingang standen. Aomame lie. sich auf dem Stuhl daneben
nieder. Das Vordach hielt die Sonne ab, und die beiden
sa.en im Schatten. Es war angenehm kühl und duftete
nach jungem Gras.
.Wie im Hochsommer., sagte Tamaru.
.Die Zikaden zirpen schon., sagte Aomame.
.In diesem Jahr scheinen sie früher loszulegen als sonst.
Bald wird es hier so laut sein, dass einem die Ohren
wehtun. Ich habe einmal in einer Ortschaft in der N.he der
Niagaraf.lle übernachtet, da war es genauso laut.
Unentwegter L.rm, von morgens bis abends. Ein Dr.hnen
wie von einer Million gro.er und kleiner Zikaden..
.Du warst mal an den Niagaraf.llen?.
Tamaru nickte. .Ich kann dir sagen – der langweiligste
Ort der Welt. Ich war drei Tage lang allein dort. Es gab
nichts zu tun, au.er dem Rauschen der Wasserf.lle
zuzuh.ren. Und das war so laut, dass man nicht mal ein
Buch lesen konnte..
.Was hast du denn allein drei Tage lang an den
Niagaraf.llen gemacht?.
Darauf gab Tamaru keine Antwort. Er schüttelte nur kurz
den Kopf.
Schweigend lauschten Tamaru und Aomame eine Weile
dem Zirpen der Zikaden.
.Ich habe eine Bitte., sagte Aomame.
Tamaru horchte auf. Aomame war nicht der Typ, der um
etwas bat.
.Es ist keine gew.hnliche Bitte., sagte sie. .Ich hoffe, du
nimmst sie mir nicht übel..
.Ich wei. nicht, ob ich sie erfüllen kann oder nicht. Lass
mal h.ren. Egal was es ist, schon aus H.flichkeit würde ich
einer Dame ihre Bitte niemals übelnehmen..
.Ich brauche eine Pistole., sagte Aomame in
gesch.ftsm..igem Ton. .Sie muss in eine Handtasche
passen. Sie sollte einen geringen Rücksto. haben, aber eine
verh.ltnism..ig gro.e Durchschlagskraft; eine, auf deren
Effizienz ich mich verlassen kann. Kein Nachbau und keine
philippinische Kopie. Wenn ich sie benutzte, wird es nur
einmal sein. Das hei.t, ein Magazin mit Munition wird
ausreichen..
W.hrend der nun folgenden Stille lie. Tamaru Aomame
nicht aus den Augen. Sein Blick wich um keinen Millimeter
von ihr ab.
Er sprach langsam und mit Nachdruck. .Den Bürgern
unseres Landes ist der Besitz von Schusswaffen gesetzlich
verboten. Das ist dir bekannt, ja?.
.Natürlich..
.Ich sage es nur zur Sicherheit. Bisher bin ich noch nie
mit dem Gesetz in Konflikt geraten., sagte Tamaru. .Mit
anderen Worten, ich bin nicht vorbestraft. M.glicherweise
haben die Ordnungskr.fte ein paar Dinge übersehen. Das
will ich gar nicht leugnen. Aber laut Aktenlage bin ich ein
unbescholtener Bürger. Blütenwei.e Weste, ehrlich und
sauber, kein Makel. Ich bin zwar schwul, aber das ist nicht
gegen das Gesetz. Ich zahle ordnungsgem.. meine Steuern
und gehe sogar w.hlen. Auch wenn die Kandidaten, für die
ich stimme, die Wahl nie gewinnen. S.mtliche Strafzettel
für falsches Parken habe ich pünktlich bezahlt. In zehn
Jahren habe ich nicht ein einziges Mal gegen
Geschwindigkeitsbeschr.nkungen versto.en. Ich bin
Mitglied der Allgemeinen Ortskrankenkasse. Meine
Rundfunkgebühren überweise ich ordnungsgem.. und
besitze au.erdem Kreditkarten von American Express und
Master-Card. Augenblicklich habe ich nicht die Absicht,
aber wenn ich wollte, k.nnte ich einen Eigenheimkredit
mit drei.igj.hriger Laufzeit bekommen. Ich sch.tze mich
glücklich, mich in einer so günstigen Lage zu befinden.
Und diesen Biedermann, diese Stütze der Gesellschaft,
bittest du, dir eine Waffe zu besorgen. Ist dir das klar?.
.Deshalb habe ich ja auch gesagt, du sollst es mir nicht
übelnehmen..
.Ja, hab ich geh.rt..
.Tut mir wirklich leid, aber au.er dir f.llt mir niemand
ein, den ich fragen k.nnte..
Tamaru gab ein leises Ger.usch von sich. Es klang, als
würde er einen Seufzer unterdrücken. .Wenn ich zuf.llig in
der Lage sein sollte, deinem Wunsch zu entsprechen,
würde ich aber vorher einmal vernünftig nachdenken und
dich als Erstes fragen, wen in aller Welt du zu erschie.en
beabsichtigst..
Aomame deutete mit ihrem Zeigefinger an ihre Schl.fe.
.Mich vielleicht..
Tamaru starrte eine Weile ausdruckslos auf ihren Finger.
.Als N.chstes würde ich nach dem Grund fragen..
.Weil ich nicht geschnappt werden will. Vor dem Tod
habe ich keine Angst. Ins Gef.ngnis zu gehen w.re ziemlich
.rgerlich, aber auch das k.nnte ich ertragen. Nur von
irgendwelchen bl.den Typen eingefangen und gefoltert zu
werden w.re richtig unangenehm. Ich will ja auch keine
Namen preisgeben. Du verstehst, was ich meine?.
.Ich glaube schon..
.Ich habe nicht vor, jemanden zu erschie.en oder eine
Bank auszurauben. Deshalb brauche ich auch keine
schwere Halbautomatik mit zwanzig Schuss. Eine
handliche Pistole mit geringem Rücksto. genügt..
.Gift w.re eine Alternative. Das ist praktischer, als eine
Waffe in der Hand halten zu müssen..
.Es dauert aber, bis man das Gift herausgeholt und
geschluckt hat. W.hrend man sich die Kapsel in den Mund
steckt und zerbei.t, ist man handlungsunf.hig. Aber mit
einer Waffe in der Hand kann man einen Gegner in Schach
halten, w.hrend man die Sache erledigt..
Tamaru überlegte kurz. Er zog die rechte Augenbraue
hoch.
.Ich würde dich h.chst ungern missen. Ich mag dich
relativ gern. Also pers.nlich..
Aomame musste l.cheln. .Das hei.t, für einen weiblichen
Menschen?.
Tamaru .nderte seinen Ausdruck nicht. .Mann, Frau oder
Hund; viele sind es nicht, die ich mag..
.Verstehe., sagte Aomame.
.Allerdings ist es meine allerh.chste Priorit.t, die
Sicherheit und die k.rperliche Unversehrtheit von Madame
zu gew.hrleisten. Und ich bin, wie soll ich sagen, so etwas
wie ein Profi..
.Selbstverst.ndlich..
.Aber ich will sehen, was ich in diesem Rahmen für dich
tun kann. Keine Garantie. Aber m.glicherweise habe ich
einen Bekannten, der dein Anliegen erfüllen kann.
Allerdings bleibt das eine extrem heikle Angelegenheit. Das
ist etwas anderes, als in einem Versandhaus eine Heizdecke
zu bestellen. Es wird etwa eine Woche dauern, bis ich dir
Bescheid geben kann..
.Kein Problem., sagte Aomame.
Tamaru kniff die Augen zusammen und blickte hinauf in
die B.ume, wo die Zikaden zirpten. .Ich wünsche dir, dass
alles gutgeht. Und ich werde mein M.glichstes tun..
.Danke. Diese Mission wird wahrscheinlich meine letzte
sein. Vielleicht werden wir uns danach nie wiedersehen..
Tamaru breitete die Arme aus, seine Handfl.chen zeigten
nach oben. Wie ein Mensch, der mitten in der Wüste steht
und darauf wartet, dass es anf.ngt zu regnen. Aber er sagte
nichts. Seine Handfl.chen waren gro. und dick gepolstert.
An einigen Stellen waren sie vernarbt. Sie erinnerten
weniger an K.rperteile als an die Schaufeln einer schweren
Maschine.
.Ich nehme nicht gern Abschied., sagte Tamaru. .Ich
hatte nicht mal Gelegenheit, mich von meinen Eltern zu
verabschieden..
.Sind sie tot?.
.Ich wei. es nicht. Ich wurde ein Jahr vor Kriegsende auf
Sachalin geboren. Der südliche Teil von Sachalin war
japanisches Territorium und hie. damals Karafuto. Im
Sommer 1945 wurde es von den Sowjets besetzt, und meine
Eltern gerieten in Gefangenschaft. Mein Vater hat offenbar
im Hafen gearbeitet. Der gr..te Teil der gefangen
genommenen japanischen Zivilbev.lkerung wurde bald
repatriiert, aber meine Eltern waren koreanische
Zwangsarbeiter und durften nicht nach Japan. Die
japanische Regierung lehnte ihre Rückführung mit der
Begründung ab, dass Menschen, die von der koreanischen
Halbinsel stammten, seit Kriegsende keine Untertanen des
Japanischen Kaiserreichs mehr seien. Keine sehr
menschenfreundliche Angelegenheit. Wer wollte, konnte
nach Nordkorea gehen, aber in den Süden durfte keiner.
Denn die Sowjets erkannten damals die Existenz Koreas
nicht an. Meine Eltern stammten aus einem Fischerdorf in
der N.he von Pusan und wollten nicht in den Norden.
Weder hatten sie dort Verwandte, noch kannten sie
überhaupt eine Menschenseele. Mich – ich war damals
noch ein Baby – vertrauten sie japanischen Rückkehrern an.
So kam ich nach Hokkaido. Die Versorgungslage auf
Sachalin war damals katastrophal, und die Sowjetarmee
behandelte die Gefangenen wie den letzten Dreck. Meine
Eltern hatten au.er mir noch mehrere kleine Kinder, und
es w.re ihnen sicher ziemlich schwer gefallen, mich auch
noch mit durchzufüttern. Also schickten sie mich allein
nach Hokkaido vor, in der Hoffnung, sp.ter nachkommen
zu k.nnen. Oder vielleicht wollten sie mich auch nur auf
halbwegs anst.ndige Weise loswerden. Die genauen
Umst.nde kenne ich nicht. Jedenfalls habe ich sie nie
wiedergesehen. Vielleicht leben sie noch immer auf
Sachalin. Wenn sie nicht tot sind..
.Du hast überhaupt keine Erinnerung an deine Eltern?.
.Nein. Ich war ja noch nicht mal ein Jahr alt, als ich von
ihnen getrennt wurde. Nachdem dieses Ehepaar sich eine
Weile um mich gekümmert hatte, gingen ihm offenbar die
Mittel aus, und ich kam in ein Waisenhaus in den Bergen
bei Hakodate. Die Einrichtung wurde von einer
katholischen Mission geleitet, aber es ging dort ganz sch.n
hart zu. Unmittelbar nach dem Krieg gab es sehr viele
Waisen und nie genügend Lebensmittel und Heizmaterial.
Wer überleben wollte, musste alles M.gliche anstellen..
Tamaru warf einen kurzen Blick auf seinen Handrücken.
.Dort wurde eine formelle Adoption durchgeführt, ich
erhielt die japanische Staatsbürgerschaft und einen
japanischen Namen. Ken’ichi Tamaru. Von meinem
ursprünglichen Namen wei. ich nur, dass er Pak lautete.
Und dass Koreaner mit diesem Namen so zahlreich wie
Sterne am Himmel sind..
Aomame und Tamaru sa.en nebeneinander und
lauschten den Zikaden.
.Du solltest einen neuen Hund kaufen., sagte Aomame.
.Das hat Madame auch schon gesagt. Das Haus braucht
einen neuen Wachhund. Aber mir ist nicht danach..
.Kann ich verstehen. Allerdings w.re es wirklich besser.
Ich bin wei. Gott nicht in der Position, anderen Ratschl.ge
zu erteilen, aber ich finde das auch..
.Natürlich., sagte Tamaru. .Wir brauchen einen gut
abgerichteten Wachhund. Ich werde mich m.glichst
schnell an einen Hundezüchter wenden..
Aomame sah auf die Uhr und erhob sich. Bis zum
Sonnenuntergang war noch etwas Zeit. Dennoch waren am
Himmel schon die Anzeichen des sich neigenden Tages zu
erkennen. In das helle Blau mischte sich ein dunklerer Ton.
Die leichte Trunkenheit, die der Sherry in ihr hervorgerufen
hatte, war noch nicht ganz gewichen. Ob die alte Dame
noch schlief?
.Tschechow hat – sinngem.. – einmal gesagt, wenn in
einer Geschichte ein Gewehr vorkommt, dann muss es auch
abgefeuert werden., sagte Tamaru, w.hrend auch er
langsam aufstand.
.Was bedeutet das?.
Tamaru stand nun Aomame gegenüber. Er war nur
wenige Zentimeter gr..er als sie. .Dass es in einer
Geschichte keine unn.tigen Requisiten geben sollte. Wenn
ein Gewehr erscheint, muss es auch irgendwann zum
Einsatz kommen. Tschechow zog Geschichten ohne
überflüssige Verzierungen vor..
Aomame zupfte den .rmel ihres Kleids zurecht und
h.ngte sich ihre Tasche über die Schulter. .Und deshalb
machst du dir Sorgen. Du denkst, sobald eine Pistole im
Spiel ist, wird bestimmt auch irgendwann damit
geschossen..
.Aus Tschechows Sicht ja..
.Also würdest du mir am liebsten keine besorgen..
.Es ist gef.hrlich und illegal. Au.erdem ist Tschechow
ein Autor, auf den man sich verlassen kann..
.Aber hier geht es nicht um eine erfundene Geschichte.
Sondern um die Realit.t..
Tamaru kniff die Augen zusammen und fixierte Aomame.
Dann sagte er mit sanfter Stimme: .Wer wei.?.
KAPITEL 2
Tengo
Mein einziger Besitz ist meine Seele
Tengo legte die Sinfonietta von Janá.ek auf den
Plattenteller und drückte den Automatikknopf. Es war eine
Aufnahme des Chicago Symphony Orchestra unter der
Leitung von Seiji Ozawa. Die Platte drehte sich mit
dreiunddrei.ig Rotationen pro Minute, die Nadel tastete
die Rille ab, w.hrend der Tonarm ins Zentrum der
Schallplatte wanderte. Aus dem Lautsprecher ert.nte die
Fanfare mit den Bl.sern und den imposanten
Paukenschl.gen. Tengos Lieblingspassage.
W.hrenddessen schrieb er mit seinem
Textverarbeitungsger.t. Früh am Morgen die Sinfonietta
von Janá.ek zu h.ren z.hlte zu seinen allt.glichen
Gewohnheiten. Seit er einmal im Schulorchester bei diesem
Stück als Paukist eingesprungen war, hatte es eine ganz
besondere Bedeutung für ihn. Er empfand diese Musik als
eine pers.nliche Ermunterung und einen pers.nlichen
Schutz.
Er hatte die Sinfonietta auch mit seiner Freundin geh.rt.
Sie hatte sie für .gar nicht so übel. befunden. Allerdings
zog sie alte Jazzplatten der klassischen Musik vor. Je .lter
die Stücke waren, desto lieber schienen sie ihr zu sein. Ein
etwas sonderbares Hobby für eine Frau in ihrem Alter. Eine
besondere Vorliebe hegte sie für eine Platte, auf der der
junge Louis Armstrong Bluesnummern von W. C. Handy
interpretierte. Mit Barney Bigard an der Klarinette und
Trummy Young an der Posaune. Sie hatte sie Tengo
geschenkt. Vermutlich eher, um sie selbst zu h.ren, als um
ihm eine Freude zu machen.
Die beiden h.rten diese Platte h.ufig, wenn sie nach dem
Sex noch zusammen im Bett lagen. Seine Freundin bekam
niemals genug davon. .Louis Armstrong ist wundervoll, es
gibt nichts an ihm auszusetzen, aber meiner bescheidenen
Meinung nach gebührt die gr..te Aufmerksamkeit Barney
Bigard., erkl.rte sie. Obwohl Barney Bigard auf dieser
Platte nur ein paar kurze Klarinettensolos spielte, die
gerade mal über einen Chorus gingen. Mittelpunkt der
Platte war Louis Armstrong. Aber Tengos Freundin kannte
jedes der wenigen Soli von Bigard in- und auswendig und
summte sie stets leise mit.
Sicher, sagte sie, gebe es neben Barney Bigard noch
andere hervorragende Jazzklarinettisten. Aber eine so
warme und subtile Darbietung k.nne man lange suchen.
Sein Spiel erwecke – natürlich nur, wenn er besonders gut
war – eine fantastische Landschaft vor ihrem inneren Auge.