Tengo kannte keine anderen Jazzklarinettisten, aber dass
die Klarinette auf dieser Platte eine unaufdringliche
Sch.nheit besa., wurde ihm beim .fteren H.ren immer
klarer. Um dies zu erfassen, musste man aufmerksam
zuh.ren. Und jemanden haben, der einen dazu anleitete.
Einem oberfl.chlichen Zuh.rer würde sie entgehen.
.Man k.nnte Barney Bigard mit einem genialen Second
Baseman beim Baseball vergleichen., sagte Tengos
Freundin. .Er ist auch als Solist gro.artig, aber seine
wahren Qualit.ten treten erst zutage, wenn er im
Hintergrund bleibt. Ihm gelingen die schwierigsten
Passagen, als w.re es gar nichts. Nur wer aufmerksam
zuh.rt, merkt, was für ein Künstler er ist..
Jedes Mal, wenn .Atlanta Blues. einsetzte – das sechste
Stück auf der B-Seite der LP –, drückte sie einen von
Tengos K.rperteilen und pries die Erlesenheit von Bigards
vortrefflichem Solo, das zwischen Louis Armstrongs Gesang
und Solo eingebettet war. .Da, jetzt pass auf. Gleich am
Anfang – ein langer verblüffender Schrei, wie von einem
kleinen Kind. Man wei. nicht, ob vor Erstaunen oder
übersch.umender Freude oder Glück. Er wird zu einem
wonnevollen Seufzer, schl.ngelt sich dahin wie ein
reizender Bach und wird schlie.lich mühelos von einer
hübschen unbekannten Stelle aufgenommen. Da! Keiner
spielt so aufregende Soli wie Bigard. Nicht einmal
Spitzenklarinettisten wie Jimmie Noone, Sydney Bechet,
Pee Wee und Benny Goodman kriegen das hin. Es ist wie
ein edles Kunstwerk. An ihn reicht keiner heran..
.Wieso kennst du dich eigentlich so gut mit altem Jazz
aus?., hatte Tengo sie einmal gefragt.
.Es gibt eine Menge Dinge in meiner Vergangenheit, von
denen du nichts wei.t. Aber was vorbei ist, ist vorbei, das
kann niemand mehr .ndern., sagte sie und streichelte
z.rtlich Tengos Hoden.
Nachdem Tengo sein morgendliches Pensum absolviert
hatte, spazierte er zum Bahnhof, um sich am Kiosk eine
Zeitung zu kaufen. Anschlie.end setzte er sich in ein Café
und bestellte ein Frühstück. W.hrend er auf seinen Toast
mit Butter und die gekochten Eier wartete, trank er Kaffee
und las die Zeitung. Komatsu hatte recht gehabt: Auf den
Gesellschaftsseiten oberhalb einer Mitsubishi-Autowerbung
stie. er auf einen – nicht sehr langen – Artikel über
Fukaeri. .Bekannte Oberschulschriftstellerin vermisst.
lautete die überschrift.
.Am Nachmittag des ** wurde bekannt, dass Eriko
Fukada (17), genannt .Fukaeri., die Autorin des jüngsten
Bestsellers Die Puppe aus Luft, verschwunden ist. Ihr
Vormund, der Kulturanthropologe Takayuki Ebisuno (63),
gab auf dem Polizeirevier Ome eine Vermisstenanzeige auf.
Er erkl.rt, seit dem Abend des 27. Juni nichts mehr von
Eriko geh.rt zu haben. Sie sei weder in sein Haus in Ome
noch in sein Apartment in der Tokioter Innenstadt
zurückgekehrt. Laut telefonischer Recherche gibt Professor
Ebisuno an, dass ihm bei seiner letzten Begegnung mit
Eriko nichts Au.ergew.hnliches aufgefallen sei. Er k.nne
sich keinen Grund für ihr Verschwinden vorstellen, denn
sie sei bisher nie von zu Hause fortgeblieben, ohne
Bescheid zu sagen. Der Professor befindet sich in gro.er
Sorge, dass ihr etwas zugesto.en sein k.nnte. Der für die
Herausgabe von Die Puppe aus Luft zust.ndige Redakteur
Herr Yuji Komatsu gab folgende Erkl.rung ab: .Frau
Fukadas Buch steht seit sechs Wochen auf den
Bestsellerlisten und ist eine Sensation. Allerdings scheut
unsere Autorin die Massenmedien. Dem Verlag ist nicht
bekannt, ob ihr Verschwinden mit dieser Aversion in
Zusammenhang steht. Frau Fukada ist noch jung und sehr
begabt, eine vielversprechende Autorin. Wir hoffen, dass
sie m.glichst rasch und gesund wieder auftaucht.. Die
Polizei geht verschiedenen Spuren nach und setzt ihre
Suche fort..
Mehr k.nnen sie im gegenw.rtigen Stadium nicht
schreiben, dachte Tengo. Wenn sie die Sache jetzt zu einer
gro.en Sache aufbauschen und Fukaeri auf einmal wieder
auftaucht, als sei nichts gewesen, ist der Verfasser des
Artikels blamiert. Auch die Zeitung selbst hat einen Ruf zu
verlieren. Für die Polizei gilt quasi das Gleiche. Mit einem
neutralen Statement wie diesem lassen sie erst mal einen
Versuchsballon steigen, um die Reaktion in der
.ffentlichkeit zu beobachten. Schl.gt die Nachricht ein,
greift die Regenbogenpresse sie auf, und die
Nachrichtenshows im Fernsehen machen eine Sensation
daraus. Ein paar Tage Aufschub haben wir noch.
Früher oder sp.ter würde die Bombe jedoch platzen,
daran bestand kein Zweifel. Eine siebzehnj.hrige Sch.ne,
die einen Bestseller geschrieben hatte, und niemand
wusste, wo sie steckte! Wenn das kein Stoff für einen
Skandal war. Wahrscheinlich wussten nur vier Menschen
auf der Welt, dass Fukaeri nicht entführt worden war.
Au.er ihr selbst, Tengo, Professor Ebisuno und seiner
Tochter Azami ahnte niemand, dass ihr überraschendes
Verschwinden ein Trick war, um die Augen und Ohren der
Welt in eine andere Richtung zu lenken. Tengo war
unsicher, ob er sich über sein Wissen freuen oder ob er
beunruhigt sein sollte. Wahrscheinlich h.tte er sich freuen
sollen. Wenigstens brauchte er sich nicht um Fukaeris
Wohlergehen zu sorgen. Sie war in Sicherheit. Und mit
Sicherheit konnte man auch sagen, dass er nun auf Gedeih
und Verderb in diese komplizierte Verschw.rung
verwickelt war.
Professor Ebisuno hatte den gro.en düsteren Felsen mit
seinem Hebel angehoben und das, was darunter war, der
Sonne ausgesetzt. Jetzt lag er auf der Lauer und wartete,
dass etwas unter dem Felsen hervorgekrochen kam. Und
Tengo musste – unfreiwillig – danebenstehen. Wo er doch
gar nicht wissen wollte, was darunter war. Nicht wenn es
sich vermeiden lie.. Denn das, was unter dem Felsen
hervorkriechen würde, war bestimmt etwas Widerliches.
Leider würde er wohl um diesen Anblick nicht
herumkommen.
Als Tengo seinen Kaffee ausgetrunken und Toast und Ei
verzehrt hatte, legte er die gelesene Zeitung beiseite und
verlie. das Café. Zurück in seiner Wohnung, putzte er sich
die Z.hne, duschte und machte sich auf den Weg zur
Schule.
In der Mittagspause erhielt Tengo Besuch von einem
Unbekannten. Der Vormittagsunterricht war beendet, und
er sa. in der Lounge für die Angestellten. Er hatte einige
Morgenzeitungen vor sich ausgebreitet, die er noch nicht
durchgeschaut hatte, als die Sekret.rin der
Gesch.ftsleitung ihm mitteilte, jemand wünsche ihn zu
sprechen. Sie war nur ein Jahr .lter als Tengo, immer sehr
elegant gekleidet und hatte einen Hochschulabschluss. Sie
erledigte fast alle praktischen Aufgaben, die die Verwaltung
der Yobiko betrafen. Direkt sch.n konnte man sie nicht
nennen, dazu war ihr Gesicht etwas zu unregelm..ig, aber
sie hatte Stil und einen ausgezeichneten Geschmack, was
ihre Garderobe anging.
.Der Herr hei.t Ushikawa..
Tengo erinnerte sich nicht, diesen Namen schon einmal
geh.rt zu haben.
Er wusste nicht warum, aber die Sekret.rin zog ein leicht
abf.lliges Gesicht. .Es handelt sich um eine dringende
Angelegenheit, sagt er, und er m.chte Sie nach M.glichkeit
allein sprechen..
.Eine dringende Angelegenheit?., wiederholte Tengo
erstaunt. An dieser Schule war noch nie jemand mit etwas
Dringendem an ihn herangetreten.
.Der Empfangsraum ist frei. Sie k.nnen ihn benutzen,
wenn es nicht zu lange dauert. Obwohl er eigentlich für die
Chefs reserviert ist, aber na ja, ausnahmsweise..
Tengo bedankte sich und schenkte ihr sein sch.nstes
L.cheln.
Sie strich den Saum ihrer neuen Sommerjacke von Agnes
B. glatt und eilte mit raschen Schritten davon, ohne ihn
eines Blickes zu würdigen.
Ushikawa war ein mickriger kleiner Mann von vielleicht
Mitte vierzig. Sein K.rper hatte bereits jede Spannkraft
verloren, er war speckig und hatte ein schlaffes
Doppelkinn. Beim Alter war sich Tengo nicht ganz sicher.
Wegen der bizarren (oder nicht gerade allt.glichen)
Erscheinung des Mannes war es nicht ganz leicht zu
sch.tzen. Er h.tte auch .lter oder sogar jünger sein
k.nnen. Eigentlich h.tte er in jedem Alter zwischen
zweiunddrei.ig und sechsundfünfzig sein k.nnen. Er hatte
schlechte Z.hne und einen seltsam gebeugten Rücken. Der
gr..te Teil seines Sch.dels war unnatürlich flach und kahl,
das Drumherum wirkte irgendwie verbeult. Die kahle
Fl.che erinnerte an einen milit.rischen
Hubschrauberlandeplatz, den man auf der Kuppe eines
strategisch wichtigen kleinen Hügels angelegt hatte. Tengo
hatte so etwas schon einmal in einer Dokumentation über
den Vietnamkrieg gesehen. Ein Kranz aus drahtartigen
pechschwarzen Haaren hing ihm lang und zerzaust über
die Ohren. Von circa achtundneunzig Prozent aller
Menschen w.ren diese Haare aufgrund ihrer Beschaffenheit
wahrscheinlich für Schamhaar gehalten worden. Was die
übrigen zwei Prozent gedacht h.tten, entzog sich Tengos
Vorstellung.
Alles an diesem Menschen, von seiner Gestalt bis zu
seinen Gesichtszügen, schien im Sinne einer Rechts-Links-
Asymmetrie geschaffen zu sein. Das war Tengo auf den
ersten Blick aufgefallen. Selbstverst.ndlich waren alle
Menschen mehr oder weniger asymmetrisch gebaut, was an
sich nicht gegen die Prinzipien der Natur verstie.. So hatte
zum Beispiel Tengos rechte Augenbraue eine andere Form
als die linke, und sein linker Hoden lag etwas tiefer als der
rechte. Schlie.lich war der menschliche K.rper keine
Massenware, die nach Fabriknorm hergestellt wurde. Doch
bei diesem Mann überstiegen die Unterschiede zwischen
der linken und der rechten Seite jedes normale Ma.. Diese
so überdeutlich ins Auge fallende Unausgewogenheit reizte
die Nerven des Gegenübers und verursachte Unbehagen. Es
war, wie vor einem gew.lbten (und gerade dadurch
unangenehm deutlichen) Spiegel zu stehen.
Der graue Anzug des Mannes war v.llig zerknittert. Er
erinnerte an eine durch Gletscherverschiebungen erodierte
Landschaft. Die Spitzen seines Hemdkragens bogen sich
nach au.en, und der Knoten seiner Krawatte war derart
verdreht, als winde er sich vor lauter Scham, dort anwesend
sein zu müssen. Weder Anzug noch Krawatte passten, nicht
einmal das Hemd hatte die richtige Gr..e. Das Muster auf
der Krawatte war offenbar von einem unbegabten
Kunststudenten nach dem Vorbild eines Kn.uels dünner
wei.er Nudeln entworfen worden. Die gesamte Garderobe
des Mannes wirkte provisorisch und wie in irgendwelchen
Ramschl.den zusammengekauft. Bei l.ngerem Hinschauen
bekam Tengo fast Mitleid mit den Sachen. Er selbst achtete
kaum auf sein .u.eres, genoss es seltsamerweise jedoch,
wenn andere Menschen gutgekleidet waren. H.tte er unter
seinen Bekanntschaften der letzten zehn Jahre die am
schlechtesten gekleideten Personen ausw.hlen müssen,
w.re dieser Mensch ganz bestimmt auf seiner relativ
kurzen Liste gewesen. Er war nicht einfach nur scheu.lich
angezogen. Man konnte sogar den Eindruck gewinnen, er
wolle jeglicher Idee von gelungener Aufmachung spotten.
Als Tengo den Empfangsraum betrat, erhob sich der
Mann und zog eine Visitenkarte aus einem Etui, um sie ihm
zu überreichen. TOSHIHARU USHIKAWA stand da in
japanischer und darunter in lateinischer Schrift zu lesen.
Sein Titel lautete .Generaldirektor der Stiftung zur
F.rderung der neuen japanischen Wissenschaften und
Künste.. Als Gesch.ftsadresse war Kojimachi im Bezirk
Chiyoda angegeben, und auch eine Telefonnummer stand
dabei. Tengo hatte natürlich keine Ahnung, was für eine
Art von Stiftung das war und was es bedeutete, ihr
Generaldirektor zu sein. Immerhin wirkte die
anspruchsvolle Visitenkarte mit dem aufgepr.gten Emblem
keineswegs improvisiert. Nachdem Tengo sie kurz
betrachtet hatte, sah er wieder den Mann an. Er entsprach
nicht seiner Vorstellung eines Generaldirektors der Stiftung
zur F.rderung der neuen japanischen Wissenschaften und
Künste.
Die beiden setzten sich auf einander gegenüberliegende
Sofas und musterten sich über den niedrigen Couchtisch
hinweg. Nachdem der Mann sich mit einem Taschentuch
mehrmals gründlich den Schwei. von der Stirn gewischt
hatte, stopfte er das bedauernswerte Stück Stoff wieder in
seine Jacketttasche. Die Rezeptionistin brachte Tee. Tengo
bedankte sich bei ihr. Ushikawa .u.erte sich nicht.
.Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so unangemeldet in
Ihrer Pause überfalle., entschuldigte sich Ushikawa bei
Tengo. Er drückte sich ziemlich h.flich aus, aber sein
Tonfall war unangenehm leutselig und schmierig. Tengo
gefiel er überhaupt nicht. .Haben Sie schon gegessen?
Wenn Sie m.chten, k.nnen wir zusammen etwas essen
gehen..
.Ich esse nie zu Mittag, wenn ich arbeite., sagte Tengo.
.Erst nach dem Unterricht nehme ich etwas zu mir.
Machen Sie sich keine Gedanken..
.Also gut. Dann werden wir uns hier unterhalten. Hier ist
es auch sch.n ruhig.. Er lie. seinen Blick absch.tzig über
den nicht gerade au.ergew.hnlichen Empfangsraum
gleiten. An einer Wand hing ein gro.es .lgem.lde von
irgendeinem Berg. Abgesehen davon, dass die Farbe
ziemlich dick aufgetragen worden war, war das Bild nicht
besonders beeindruckend. In einer Vase standen ein paar
Blumen, vielleicht Dahlien. Sie wirkten schwerf.llig, ein
wenig wie mollige Damen mittleren Alters. Tengo fragte
sich, warum das Empfangszimmer einer Yobiko so trübselig
sein musste.
.Wie Sie meiner Visitenkarte entnehmen k.nnen, hei.e
ich Ushikawa, aber meine Freunde nennen mich Ushi.
Niemand nennt mich Ushikawa. Nur Ushi., sagte Ushikawa
und lachte.
Freunde? Wer würde freiwillig ein Freund dieses Mannes
werden?, fragte Tengo sich wirklich nur aus Neugier.
Von Anfang an assoziierte Tengo mit Ushikawa etwas
Unheimliches, das aus einem dunklen Loch in der Erde
gekrochen war. Etwas Schleimiges, Ungreifbares, das
eigentlich nicht ans Licht kommen sollte. Vielleicht geh.rte
der Mann zu den Wesen unter dem Stein, die Professor
Ebisuno aufgest.bert hatte. Tengo zog unwillkürlich die
Brauen zusammen und legte die Visitenkarte, die er noch