in der Hand hielt, auf den Tisch. Toshiharu Ushikawa also.
.Ich wei., auch Ihre Zeit ist knapp, Herr Kawana.
Deshalb werde ich ohne Umschweife zur Sache kommen
und mich auf das Wichtigste beschr.nken..
Tengo nickte kurz.
Ushikawa nahm einen Schluck Tee. .Lieber Herr
Kawana., begann er. .Sie haben wahrscheinlich noch nie
etwas von der Stiftung zur F.rderung der neuen
japanischen Wissenschaften und Künste geh.rt. (Tengo
schüttelte den Kopf.) Wir sind eine verh.ltnism..ig junge
Stiftung, und im Zentrum unserer Aktivit.ten steht die
Auswahl und Unterstützung jüngerer Menschen, die
au.ergew.hnliche Leistungen auf den Gebieten der Kunst
und Wissenschaft vollbringen, insbesondere solcher, deren
Namen man in der .ffentlichkeit noch nicht kennt. Kurz
gesagt, es ist unser Ziel, junge Keimlinge aus allen
Bereichen der modernen japanischen Kultur
heranzuziehen, denn auf ihren Schultern wird das
kommende Zeitalter ruhen. Wir haben Kundschafter aus
allen akademischen Bereichen unter Vertrag, die bei der
Auswahl der Kandidaten helfen. Jedes Jahr werden fünf
Künstler und Wissenschaftler für unsere
F.rderungsma.nahmen auserkoren, die dann ein Jahr lang
ein beliebiges Projekt verfolgen dürfen, und zwar so, wie es
ihnen gef.llt. Sie sind an nichts gebunden, au.er dass sie
am Ende dieses Jahres einen Bericht abliefern müssen. Eine
reine Formsache, es genügt, wenn er ganz einfach
geschrieben ist. Er wird in einer Zeitschrift ver.ffentlicht,
die unsere Stiftung herausgibt. Es existieren keine
sonstigen l.stigen Verpflichtungen. Wir haben erst vor
kurzem mit unseren Aktivit.ten begonnen, also wird es
unsere erste bedeutende Aufgabe sein, Leistungen zu
schaffen. Kurz gesagt, wir sind sozusagen noch in der Phase
der Aussaat. Um Ihnen eine konkrete Zahl zu nennen,
unser F.rdergeld betr.gt drei Millionen Yen pro Person
und Jahr..
.Sehr gro.zügig., sagte Tengo.
.Für bedeutende Werke und Entdeckungen braucht man
Zeit und Geld. Es entsteht natürlich nicht
notwendigerweise etwas Au.ergew.hnliches, nur weil man
Zeit und Mittel aufwendet. Schaden tut jedoch keines von
beidem. Besonders Zeit ist Mangelware. Auch jetzt tickt die
Uhr – ticktack. Unaufhaltsam vergeht die Zeit. Und wieder
ist eine Gelegenheit vertan. Aber mit Geld kann man sich
Zeit kaufen. Und damit sogar Freiheit. Zeit und Freiheit
sind die wichtigsten Dinge, die ein Mensch sich mit Geld
kaufen kann..
Unwillkürlich warf Tengo einen Blick auf seine
Armbanduhr. Ticktack – wirklich, die Zeit verging
unabl.ssig.
.Entschuldigen Sie, dass ich Ihre Zeit so lange in
Anspruch nehme., sagte Ushikawa wieder, der das offenbar
für eine demonstrative Geste gehalten hatte. .Ich werde
mich kurz fassen. Natürlich kann man heutzutage mit drei
Millionen Yen im Jahr kein Leben im Luxus führen. Aber
für den Lebensstil eines jungen Menschen genügt diese
Summe durchaus. Unser oberstes Ziel ist, dass junge
Menschen sich, ohne für ihren Lebensunterhalt arbeiten zu
müssen, ein Jahr voll und ganz auf ihre Forschungen oder
ihre Werke konzentrieren k.nnen. Wenn die Direktion bei
der Bewertung am Ende des Jahres anerkennt, dass der
Erfolg die Anforderungen übersteigt, besteht sogar die
M.glichkeit, das Stipendium zu verl.ngern..
Schweigend wartete Tengo darauf, dass er fortfuhr.
.Kürzlich hat man mir gestattet, eine Stunde lang Ihrem
Unterricht zuzuh.ren., sagte Ushikawa. .Es war
hochinteressant. Ich bin, was die Mathematik angeht, ein
blutiger Laie und war schon immer – da gibt es nichts zu
besch.nigen – sehr schlecht in diesem Fach. In der Schule
habe ich den Mathematikunterricht gehasst. Allein bei der
Erw.hnung bin ich zusammengezuckt und habe das Weite
gesucht. Aber Ihr Vortrag, Herr Kawana, war h.chst
unterhaltsam. Selbstverst.ndlich verstehe ich nicht das
Geringste von Infinitesimalrechnung. Doch allein beim
Zuh.ren entstand in mir der Wunsch, mich von nun an mit
Mathematik zu besch.ftigen, weil sie ein so interessantes
Gebiet ist. Kompliment, Herr Kawana! Sie verfügen über
eine au.ergew.hnliche Begabung – die F.higkeit,
Menschen mitzurei.en. Wie man mir sagte, erfreuen Sie
sich wachsender Beliebtheit an Ihrer Schule, aber das ist ja
kein Wunder..
Wo und wann Ushikawa seinen Unterricht belauscht
haben konnte, war Tengo unklar. Er behielt stets sehr
genau im Auge, wer sich in seiner Klasse aufhielt, und so
kannte er alle seine Schüler natürlich ganz genau. Eine
bizarre Gestalt wie Ushikawa h.tte er gewiss nicht
übersehen. Er w.re ihm aufgefallen wie ein Tausendfü.ler
in einer Zuckerdose. Dennoch beschloss er, die Sache nicht
weiter zu verfolgen, um eine lange Geschichte nicht noch
l.nger zu machen.
.Wie Sie wissen, bin ich nur Lehrer und arbeite
freiberuflich., sagte Tengo von sich aus, um wenigstens ein
bisschen Zeit zu sparen. .Ich betreibe keine Forschung auf
dem Gebiet der Mathematik. Alles, was ich tue, ist,
Schülern auf m.glichst interessante, leicht verst.ndliche
Art zu erkl.ren, wie sie das Wissen, über das sie bereits
verfügen, erweitern k.nnen. Ich bringe ihnen nur bei, wie
sie die Aufgaben bei den Aufnahmeprüfungen für die
Universit.t zu l.sen haben. Den Gedanken an eine
Laufbahn als Fachwissenschaftler habe ich schon vor langer
Zeit aufgegeben. Ich hatte weder die finanziellen Mittel
noch die F.higkeit, es auf akademischem Gebiet zu etwas
zu bringen. Darum, Herr Ushikawa, kann ich Ihnen in
keiner Weise dienlich sein..
Ushikawa hob wieder beide H.nde, die Handfl.chen
Tengo zugewandt. .Aber nein, darum geht es doch gar
nicht. Wahrscheinlich habe ich wieder alles zu kompliziert
gemacht. Meine Schuld. Ihr Mathematikunterricht ist
durchaus interessant. Einmalig und originell. Aber deshalb
bin ich heute nicht hier. Es ist Ihre Arbeit als Schriftsteller,
auf die sich unser Augenmerk richtet, Herr Kawana..
Tengo war verblüfft.
.Meine Arbeit als Schriftsteller?., wiederholte er,
nachdem es ihm für mehrere Sekunden die Sprache
verschlagen hatte.
.Genau..
.Ich wei. nicht, was Sie meinen. Ich schreibe tats.chlich
seit einigen Jahren. Aber bisher ist noch nie etwas von mir
gedruckt und ver.ffentlicht worden. So jemanden kann
man doch nicht als Schriftsteller bezeichnen. Wie sind Sie
denn überhaupt auf mich gekommen?.
Ushikawa beobachtete Tengos Reaktion mit einem
breiten, beglückten Grinsen. Dabei fletschte er seine
scheu.lichen Z.hne, die in jede nur erdenkliche Richtung
ragten und an denen alles M.gliche h.ngengeblieben war,
wie an einer Strandpalisade, die einige Tage zuvor eine
Sturmflut überspült hatte. Inzwischen war es wohl
ausgeschlossen, sein Gebiss noch zu korrigieren. Aber es
h.tte ihm wenigstens jemand zeigen sollen, wie man sich
die Z.hne putzt.
.Wissen Sie, das ist der einzigartige Knackpunkt unserer
Stiftung., sagte Ushikawa stolz. .Die bei uns unter Vertrag
stehenden Kundschafter richten ihr Augenmerk auf
Menschen, die noch nicht im Rampenlicht stehen. Das ist
eines unserer Ziele. Es ist, wie Sie sagen, Herr Kawana,
noch keines Ihrer Werke wurde ver.ffentlicht. Das wissen
wir. Aber Sie haben sich bisher jedes Jahr unter einem
Pseudonym um den Debütpreis einer Zeitschrift für
Literatur und Kunst beworben. Sie haben ihn zwar noch
nicht erhalten, sind jedoch mehrmals in die Endauswahl
gelangt. Natürlich haben nur wenige Personen dies
überhaupt zur Kenntnis genommen. Aber einige dieser
wenigen haben Ihre Begabung erkannt. Nach Einsch.tzung
unserer Kundschafter werden Sie den Preis zweifellos
irgendwann in n.chster Zeit erhalten und als Autor
debütieren. Wir kaufen die Zukunft – pardon, die
Wortwahl ist etwas missglückt, aber unser oberstes Ziel ist
es, wie ich schon sagte, .junge Keime heranzuziehen, auf
deren Schultern das kommende Zeitalter ruht...
Tengo nahm seinen Becher und trank von dem schon
etwas abgekühlten grünen Tee. .Als angehender
Schriftsteller bin ich also ein Kandidat für Ihr
F.rderprogramm. Verstehe ich Sie richtig?.
.Genau. Sagen Sie ruhig Kandidat, auch wenn die Sache
schon so gut wie beschlossen ist. Sollten Sie zustimmen,
bin ich befugt, alles N.tige in die Wege zu leiten. Sobald
Sie unterschrieben haben, werden Ihnen drei Millionen Yen
überwiesen. Dann k.nnten Sie sich für ein halbes oder ein
ganzes Jahr beurlauben lassen, um sich ganz Ihrer
schriftstellerischen T.tigkeit zu widmen. Wie ich h.re,
schreiben Sie gegenw.rtig an einem Roman. W.re das nicht
genau die richtige Gelegenheit?.
Tengo runzelte die Stirn. .Woher wissen Sie, dass ich an
einem Roman schreibe?.
Ushikawa bleckte wieder die Z.hne und lachte. Bei
genauerem Hinsehen war jedoch zu erkennen, dass seine
Augen nicht mitlachten. In ihnen glomm ein kaltes Licht.
.Unsere Kundschafter sind flei.ig und tüchtig. Sie w.hlen
mehrere Kandidaten und durchleuchten sie von allen
m.glichen Seiten. Dass Sie gerade an einem Roman
schreiben, wissen sicher mehrere Menschen in Ihrem
Umfeld. Irgendetwas sickert immer durch..
Komatsu wusste, dass Tengo an einem Roman schrieb.
Seine Freundin wusste es. Gab es sonst noch jemanden?
Wahrscheinlich nicht.
.Ich h.tte einige Fragen zu Ihrer Stiftung., sagte Tengo.
.Nur zu. Fragen Sie, was Sie m.chten..
.Woher stammt das für die F.rderung bereitgestellte
Kapital?.
.Eine gewisse Pers.nlichkeit stellt es zur Verfügung. Man
k.nnte auch sagen, eine K.rperschaft, die sich im Besitz
dieser Person befindet. Konkret ist damit eigentlich alles
gesagt. Abgesehen von der Steuerersparnis, die natürlich
eine Rolle spielt, hat die betreffende Person auch ein
profundes Interesse an Wissenschaft und Kunst, verbunden
mit dem innigen Wunsch, die junge Generation zu f.rdern.
Genaueres kann ich Ihnen an dieser Stelle nicht sagen. Die
bewusste Person m.chte ihre eigene sowie die Anonymit.t
der K.rperschaft gewahrt sehen. Die Verwaltung ist
Aufgabe des Stiftungskomitees, in dem ich
selbstverst.ndlich ebenfalls Mitglied bin..
Tengo überlegte einen Moment. Aber viel nachzudenken
gab es da nicht. Er brauchte nur das, was Ushikawa gesagt
hatte, aneinanderzureihen.
.Darf ich rauchen?., fragte Ushikawa.
.Bitte., sagte Tengo und schob ihm einen schweren
Glasaschenbecher zu.
Ushikawa zog ein P.ckchen Seven Stars aus seiner
Jackentasche, steckte sich eine in den Mund und zündete
sie mit einem schlanken goldenen Feuerzeug an. Es sah
wertvoll aus.
.Nun, Herr Kawana?., sagte Ushikawa. .Werden Sie
unsere Unterstützung annehmen? Ehrlich gesagt h.tte ich
pers.nlich, nachdem ich Zeuge Ihres unterhaltsamen
Unterrichts sein durfte, gro.es Interesse daran, Ihre
künftige literarische Laufbahn zu verfolgen..
.Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihr Angebot., sagte
Tengo. .Eine unverdiente Ehre. Leider kann ich es nicht
annehmen..
Ushikawa musterte Tengo mit zusammengekniffenen
Augen. Von der Zigarette, die er zwischen den Fingern
hielt, stieg Rauch auf. .Und wieso nicht?.
.Erstens m.chte ich von niemandem, den ich nicht sehr
gut kenne, Geld annehmen. Zweitens brauche ich im
Augenblick auch gar keins. Mit meinen drei Tagen
Unterricht in der Woche habe ich genug Zeit, mich auf das
Schreiben zu konzentrieren. Ich komme eigentlich sehr gut
zurecht und würde meinen Lebensstil nur ungern .ndern.
Das sind zwei meiner Gründe..
Und drittens, Herr Ushikawa, habe ich nicht die geringste
Lust, pers.nlich mit Ihnen zu tun zu haben. Und viertens
stinkt diese ganze Stipendiumssache zum Himmel. Zu
sch.n, um wahr zu sein. Da steckt doch irgendwas
dahinter. Ich mag ja etwas weltfremd sein, aber Betrug
kann ich trotzdem wittern. Diese Gedanken behielt Tengo
natürlich für sich.
.Aha., sagte Ushikawa. Er sog den Rauch tief in seine
Lunge ein und stie. ihn mit sichtlichem Genuss wieder aus.
.Ich kann Sie sehr gut verstehen, Herr Kawana. Was Sie
sagen, ist durchaus vernünftig. Aber sehen Sie, wir
brauchen ja nichts übers Knie zu brechen. Wie w.re es,
wenn Sie erst mal nach Hause gingen und sich die Sache
zwei, drei Tage gründlich durch den Kopf gehen lie.en?
Dann k.nnen Sie in aller Ruhe Ihre Entscheidung treffen.
Wir haben es nicht eilig. Lassen Sie sich Zeit, denken Sie
ruhig nach. Es ist nicht zu Ihrem Nachteil..
Tengo schüttelte brüsk den Kopf. .Es ist sehr freundlich
von Ihnen, mir Bedenkzeit zu gew.hren, aber es ist mir
lieber, hier und jetzt eine klare Entscheidung zu treffen. So
vermeiden wir es, gegenseitig unsere Zeit zu vergeuden.
Dass Sie mich als Kandidat für Ihr F.rderprogramm
ausgew.hlt haben, ist mir wirklich eine Ehre. Und es tut
mir leid, dass Sie sich umsonst herbemüht haben. Aber
bitte lassen Sie es jetzt gut sein. Mein Entschluss ist
endgültig, ich werde es mir auf keinen Fall anders
überlegen..
Ushikawa nickte mehrmals sichtlich entt.uscht und
drückte die Zigarette, an der er nur zweimal gezogen hatte,
im Aschenbecher aus.
.In Ordnung. Ich verstehe Ihre Haltung und respektiere
Ihre Entscheidung. Ich habe Ihre Zeit über Gebühr in
Anspruch genommen. Nun muss ich wohl leider aufgeben
und den Rückzug antreten..
Dennoch machte Ushikawa keinerlei Anstalten,
aufzustehen. Stattdessen kratzte er sich ger.uschvoll am
Hinterkopf und blinzelte.
.Nur, Herr Kawana, vielleicht sind Sie sich selbst dessen
nicht bewusst, aber Sie haben eine vielversprechende
Zukunft als Autor vor sich. Sie haben Talent. Mathematik
und Literatur m.gen vielleicht nicht in einem
unmittelbaren Zusammenhang stehen, aber selbst bei
Ihrem Mathematikunterricht hat man den Eindruck, einer
Geschichte zuzuh.ren. Das beherrscht nicht jeder so ohne
Weiteres. Sie haben etwas zu erz.hlen. Das ist
offenkundig – selbst für jemanden wie mich. Deshalb
müssen Sie unbedingt besser auf sich achten. Vielleicht
mache ich mir unn.tige Sorgen, aber Sie sollten lieber
entschlossen und geradeaus Ihren eigenen Weg gehen,