ohne sich mit überflüssigen Dingen abzugeben..
.Was für überflüssige Dinge?., fragte Tengo.
.Zum Beispiel scheinen Sie in einer gewissen Beziehung
zu Eriko Fukada zu stehen, der Verfasserin von Die Puppe
aus Luft. Zumindest haben Sie sich schon mehrmals mit ihr
getroffen. Das stimmt doch, nicht wahr? Und den heutigen
Zeitungen zufolge – ich habe es gerade zuf.llig gelesen –
soll sie verschwunden sein. Die Medien werden sicher bald
ein gro.es Tamtam veranstalten. So etwas ist ein
gefundenes Fressen für die Klatschpresse..
.Was geht es Sie an, ob ich mich mit Eriko Fukada
treffe?.
Ushikawa zeigte Tengo wieder seine Handfl.chen. Er
hatte kleine H.nde, und seine Finger glichen prallen
Würstchen. .Bitte, bitte, regen Sie sich nicht auf. Ich habe
es doch nicht b.se gemeint. Ich will ja nur sagen, es bringt
nichts, wenn Sie Ihre Zeit und Ihr Talent verkaufen, um
Ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Es steht mir
wahrscheinlich nicht zu, aber ich m.chte nicht mit
ansehen, wie ein ausgezeichnetes Talent wie das Ihre, Herr
Kawana, ein ungeschliffener Diamant sozusagen, solchen
Banalit.ten geopfert wird und Schaden nimmt. Sollte die
Sache zwischen Ihnen und Frau Fukada an die
.ffentlichkeit gelangen, wird man auch Sie aufsuchen. Und
das kann unangenehme Folgen haben. Man wird
ausspionieren, was ist und was nicht ist. Denn Journalisten
sind eine hartn.ckige Bande..
Tengo sah Ushikawa stumm ins Gesicht. Dieser kniff die
Augen zusammen und rieb sich ein für die geringe Gr..e
seiner Ohren überdimensionales Ohrl.ppchen. Der
K.rperbau dieses Menschen war in jeder Hinsicht ein
ermüdender Anblick.
.Nein, nein, aus meinem Mund erf.hrt niemand etwas.,
versicherte Ushikawa und machte eine Geste, als würde er
seinen Mund mit einem Rei.verschluss zuziehen. .Das
verspreche ich Ihnen. Schauen Sie, meine Lippen sind
versiegelt. Man k.nnte mich direkt als Inkarnation einer
Venusmuschel bezeichnen, so verschlossen bin ich. Ich
bewahre alles fest in meiner Brust. Aus pers.nlicher
Sympathie für Sie, Herr Kawana..
Bei diesen Worten erhob sich Ushikawa endlich von
seinem Sessel und versuchte mehrmals, wenn auch
erfolglos, seinen zerknitterten Anzug glattzustreichen. Er
zog damit nur unn.tige Aufmerksamkeit auf sich.
.Sollten Sie Ihre Meinung wegen des Stipendiums noch
.ndern, rufen Sie bitte jederzeit die Nummer auf der
Visitenkarte an. Wenn nicht in diesem Jahr, dann vielleicht
im n.chsten. Sie haben Zeit.. Er lie. seine beiden
Zeigefinger umeinander kreisen, eine Geste, die wohl
zeigen sollte, wie die Erde sich um die Sonne drehte. .Wir
haben keine Eile. Zumindest hatte ich Gelegenheit, Sie
kennenzulernen, mit Ihnen zu sprechen und Ihnen unsere
Botschaft zu überbringen..
Ushikawa l.chelte noch einmal freundlich, und nachdem
er eine Sekunde beinahe ostentativ seine schadhaften
Z.hne gezeigt hatte, machte er kehrt und verlie. den
Empfangsraum.
Bis zum Beginn seiner n.chsten Stunde rief Tengo sich
alles, was Ushikawa gesagt hatte, noch einmal genau ins
Ged.chtnis. Der Mann schien zu wissen, dass Tengo an der
Produktion von Die Puppe aus Luft beteiligt war. Die Art,
in der er sich ausgedrückt hatte, legte es nahe. ES BRINGT
NICHTS, WENN SIE IHRE ZEIT UND IHR TALENT
VERKAUFEN, UM SICH IHREN LEBENSUNTERHALT ZU
VERDIENEN, hatte er bedeutungsvoll gesagt.
Wir wissen Bescheid – das war wohl die Botschaft, die
man ihm schickte.
ZUMINDEST HATTE ICH GELEGENHEIT, SIE
KENNENZULERNEN, MIT IHNEN ZU SPRECHEN UND
IHNEN UNSERE BOTSCHAFT ZU üBERBRINGEN.
Ob jemand Ushikawa eigens mit einem einj.hrigen
.F.rdergeld. von drei Millionen Yen zu Tengo geschickt
hatte, nur um ihm diese Botschaft zu übermitteln? Das
ergab keinen Sinn. Warum sollte jemand sich deshalb eine
so komplizierte Geschichte ausdenken? Wer auch immer es
war, sie kannten seine Schwachstelle. Wenn sie Tengo also
drohen wollten, h.tten sie von Anfang an die Fakten auf
den Tisch legen k.nnen. Oder ob dieses .F.rdergeld. ein
Versuch war, Tengo zu bestechen? Jedenfalls war das Ganze
nur Theater. Und wer waren überhaupt sie? Ob diese
Stiftung in irgendeiner Beziehung zu den Vorreitern stand?
Gab es den Verein überhaupt?
Tengo nahm Ushikawas Visitenkarte und ging damit ins
Sekretariat. .Ich h.tte noch eine Bitte., sagte er.
.Ja?. Die Sekret.rin hob auf ihrem Stuhl sitzend den
Kopf.
.Würden Sie diese Nummer anrufen und sich
erkundigen, ob es dort eine gewisse Stiftung zur F.rderung
neuer japanischer Wissenschaften und Künste gibt? Und
fragen, ob Herr Direktor Ushikawa im Haus ist? Man wird
Ihnen sagen, er sei nicht da, und es w.re nett, wenn Sie
fragen k.nnten, gegen wie viel Uhr er wieder zurück ist.
Sollte man Sie nach Ihrem Namen fragen, weichen Sie aus.
Ich würde es selbst machen, aber ich m.chte nicht, dass
meine Stimme erkannt wird..
Die Sekret.rin tippte die Nummer ein, auf der anderen
Seite wurde abgehoben, und jemand meldete sich
vorschriftsm..ig. Es folgte ein kurzes, dienstliches
Gespr.ch von Profi zu Profi.
.Also: Es gibt dort tats.chlich eine Stiftung zur F.rderung
neuer japanischer Wissenschaften und Künste. Eine Frau
vom Empfang war am Apparat. Sie war h.chstens Mitte
zwanzig. Alles ziemlich normal. Auch ein Mann namens
Ushikawa arbeitet wirklich dort. Er wird gegen halb vier im
Büro zurückerwartet. Nach meinem Namen hat sie nicht
gefragt. Ich an ihrer Stelle h.tte das natürlich getan..
.Natürlich., sagte Tengo. .Haben Sie vielen Dank..
.Gern geschehen., sagte sie, indem sie ihm Ushikawas
Visitenkarte zurückgab. .Der vorhin hier war, war das Herr
Ushikawa?.
.Ja..
.Ich habe ihn ja nur kurz gesehen, aber er machte einen
ziemlich unangenehmen Eindruck auf mich..
Tengo verstaute die Visitenkarte in seinem Portemonnaie.
.Er h.tte sicher auch bei l.ngerem Hinsehen nicht
gewonnen..
.Normalerweise hüte ich mich davor, jemanden nach
seiner .u.eren Erscheinung zu beurteilen. Ich habe mich
dabei schon .fter get.uscht und es sp.ter bereut. Aber bei
diesem Menschen hatte ich auf den ersten Blick das Gefühl,
dass man ihm nicht trauen kann. Das finde ich noch
immer..
.Da sind Sie nicht die Einzige., sagte Tengo.
.Da bin ich nicht die Einzige., wiederholte sie, als wolle
sie sich der Korrektheit seiner Syntax vergewissern.
.Ihre Jacke ist ausgesprochen hübsch., sagte Tengo. Es
war kein Kompliment, mit dem er sich bei ihr
einschmeicheln wollte, sondern seine aufrichtige Meinung.
Nach Ushikawas zerknittertem billigem Anzug erschien
ihm ihre elegant geschnittene Leinenjacke wie ein edles
Gewand, das an einem windstillen Nachmittag vom
Himmel geschwebt war.
.Danke., sagte sie.
.Aber wenn sich am Telefon jemand meldet, muss das ja
nicht unbedingt hei.en, dass die Stiftung zur F.rderung
neuer japanischer Wissenschaften und Künste auch
wirklich real ist., sagte Tengo.
.Da haben Sie recht. Allerdings w.re das ein ziemlich
aufwendiges T.uschungsman.ver, finden Sie nicht? Eigens
ein Telefon einzurichten und eine Telefonistin zu
engagieren. Wie in Der Clou. Warum sollte sich jemand so
viel Mühe machen? Verzeihen Sie, wenn ich das sage, aber
Sie sehen nicht gerade aus, als w.re bei Ihnen viel zu
holen..
.Das stimmt, ich habe nichts., sagte Tengo. .Mein
einziger Besitz ist meine Seele..
.Wie in dieser Geschichte mit Mephisto., sagte sie.
.Vielleicht sollte ich mal zu dieser Adresse hingehen und
nachschauen, ob es dort tats.chlich ein Büro gibt..
.Wenn Sie es herausgefunden haben, erz.hlen Sie es mir,
ja?., sagte sie, w.hrend sie mit zusammengekniffenen
Augen ihren Nagellack inspizierte.
Die Stiftung zur F.rderung neuer japanischer
Wissenschaften und Künste existierte tats.chlich. Nach
Unterrichtsschluss fuhr Tengo mit der Bahn bis Yotsuya
und ging von dort aus zu Fu. nach Kojimachi. Die Adresse
auf der Visitenkarte entpuppte sich als dreist.ckiges
Geb.ude, an dessen Eingang eine goldfarbene Tafel mit
dem Namen der Stiftung angebracht war. Sie befand sich
im zweiten Stock. Dort hatten au.erdem ein Musikverlag
namens Mikimoto und ein Wirtschaftsprüfer mit Namen
Koda ihre Büros. Bei den Ausma.en des Geb.udes konnten
die R.umlichkeiten nicht sehr gro. sein. Dem Anschein
nach beherbergte es auch keine sonderlich gut gehenden
Firmen, aber das war nur eine Vermutung, keine Tatsache.
Tengo überlegte, ob er mit dem Aufzug in den zweiten
Stock fahren sollte, um wenigstens zu erkunden, wie das
Büro von au.en aussah. Allerdings hatte er nicht im
Mindesten Lust, im Flur mit Ushikawa zusammenzusto.en.
Also fuhr er wieder nach Hause und rief Komatsu im
Verlag an. Ausnahmsweise war dieser anwesend und gleich
am H.rer.
.Es passt mir gerade nicht., sagte Komatsu. Er sprach
schneller als gew.hnlich, und seine Stimme klang
irgendwie h.her. .Tut mir leid, ich kann im Moment nicht
reden..
.Es ist ziemlich dringend., sagte Tengo. .Heute hat mich
ein sonderbarer Mann in der Schule aufgesucht. Er schien
etwas über meine Verbindung zu Die Puppe aus Luft zu
wissen..
Komatsu schwieg mehrere Sekunden. .Ich kann dich in
etwa zwanzig Minuten zurückrufen. Bist du zu Hause?.
Tengo bejahte, und Komatsu legte auf. W.hrend Tengo
wartete, sch.rfte er zwei Messer an seinem Wetzstein,
setzte Wasser auf und machte sich einen schwarzen Tee.
Nach genau zwanzig Minuten klingelte das Telefon. So
pünktlich zu sein war eine Seltenheit bei Komatsu.
Seine Stimme klang jetzt wesentlich entspannter.
Anscheinend hatte er sich an ein ruhiges Pl.tzchen
verzogen, um zu telefonieren. Tengo berichtete ihm kurz
von seinem Gespr.ch mit Ushikawa.
.Stiftung zur F.rderung neuer japanischer
Wissenschaften und Künste? Nie geh.rt. Unglaublich, dass
er dir ein Stipendium von drei Millionen Yen angeboten
hat. Zugegeben, du hast sicher eine gro.e Zukunft als
Schriftsteller vor dir. Aber bisher hast du noch kein einziges
Werk ver.ffentlicht. Unm.glich. Da steckt was dahinter..
.Genau das denke ich auch..
.Gib mir ein bisschen Zeit. Ich werde selbst ein paar
Nachforschungen über diese angebliche Stiftung anstellen.
Sobald ich etwas herausgefunden habe, melde ich mich.
Jedenfalls wei. dieser Ushikawa, dass zwischen dir und
Fukaeri eine Verbindung besteht..
.Scheint so..
.Das ist ziemlich l.stig..
.Irgendetwas ist im Gange., sagte Tengo. .Es ist sch.n
und gut, mit einem Hebel einen Felsen anzuheben, aber es
scheint doch irgendetwas Widerliches darunter
hervorgekrochen zu sein..
Komatsu seufzte in den H.rer. .Hinter mir sind sie auch
her. Die Illustrierten spielen verrückt, ebenso wie
irgendwelche Fernsehsender. Heute Morgen kam die
Polizei in den Verlag, um mich zu vernehmen. Sie wissen
von Fukaeris Vergangenheit bei den Vorreitern. Und
selbstverst.ndlich auch von ihren verschwundenen Eltern.
Die Medien werden sich wie die Wahnsinnigen darauf
stürzen..
.Was ist mit Professor Ebisuno?.
.Ich kann ihn neuerdings nicht mehr erreichen. Keine
Telefonverbindung. Vielleicht ist ihm etwas zugesto.en.
Oder er führt heimlich etwas im Schilde..
.übrigens, Herr Komatsu, noch etwas anderes. Haben Sie
jemandem erz.hlt, dass ich gerade an einem Roman
schreibe?.
.Nein, niemandem., sagte Komatsu sofort. .Wem sollte
ich das schon erz.hlen?.
.Dann ist es ja gut. War nur eine Frage..
Komatsu schwieg einen Moment. .Tengo, vielleicht ist es
zu sp.t, dir das jetzt zu sagen, aber ich fürchte, wir sind in
einen Riesenschlamassel geraten..
.Wo auch immer wir hineingeraten sind, eins ist sicher –
wir k.nnen nicht mehr zurück..
.Und wo es kein Zurück gibt, bleibt nur die Flucht nach
vorn. Selbst wenn das Widerliche, von dem du sprichst, uns
entgegenkommt..
.Wir sollten die Sicherheitsgurte anlegen., sagte Tengo.
.Du sagst es., erwiderte Komatsu und h.ngte auf.
Es war ein langer Tag gewesen. Tengo setzte sich an den
Tisch und trank seinen mittlerweile kalten Tee. Er dachte
an Fukaeri. Was machte sie den ganzen Tag, allein in ihrem
Versteck? Allerdings konnte man sowieso nie wissen, was
Fukaeri machte.
Vielleicht würden die Little People dem Professor und
ihm selbst mit ihrer Weisheit und ihrer Macht schaden,
hatte Fukaeri auf der Kassette gesagt. IM WALD MUSS
MAN AUF DER HUT SEIN. Unwillkürlich blickte Tengo
sich um. Ja, der Wald, das war ihre Welt.
KAPITEL 3
Aomame
Seine Geburt kann man sich nicht aussuchen,
seinen Tod schon
Als an diesem Abend Ende Juli die dicke Wolkenschicht
endlich den Himmel freigab, waren die beiden Monde
deutlich zu sehen. Aomame betrachtete sie von ihrem
kleinen Balkon aus. Am liebsten h.tte sie sofort jemanden
angerufen und ihm davon erz.hlt. .Schau doch mal kurz
aus dem Fenster und sieh dir den Himmel an. Und? Wie
viele Monde siehst du? Von hier aus sind es ganz eindeutig
zwei. Und bei dir?.
Aber Aomame hatte niemanden, den sie anrufen konnte.
Ayumi w.re vielleicht in Frage gekommen, doch sie wollte
ihre Beziehung nicht vertiefen. Die Frau war Polizistin, und
Aomame würde in nicht allzu ferner Zukunft einen
weiteren Mann t.ten, ihr Gesicht und ihren Namen .ndern,
in eine andere Gegend ziehen und nicht mehr existieren.
Selbstverst.ndlich würde sie Ayumi nie wiedersehen. Nie
mehr würde sie Verbindung zu ihr aufnehmen k.nnen.
H.tten sie einmal Freundschaft geschlossen, w.re dieses
Band schwer zu durchtrennen.
Aomame ging in die Wohnung zurück, schloss die Glastür
und schaltete die Klimaanlage ein. Sie zog die Vorh.nge zu
und schuf so eine Barriere zwischen sich und den Monden.
Sie st.rten nicht nur ihr seelisches Gleichgewicht, sie
ver.nderten auch die Erdanziehungskraft und beeinflussten
dadurch die Vorg.nge in ihrem eigenen K.rper. Ihre
Periode lag noch vor ihr, aber ihr K.rper fühlte sich seltsam
matt und schwer an. Ihre Haut war trocken, und ihr Puls