Stadtautobahn Nr. 3 und zerrei.e mir die Strümpfe. Dabei
wische ich irgendwelche Spinnweben beiseite und starre
staubige Gummib.ume auf idiotischen Balkonen an. Ich
bewege mich, also bin ich.
W.hrend Aomame weiter die Treppe hinunterstieg,
musste sie an Tamaki Otsuka denken. Sie wollte es nicht,
aber als der Gedanke an ihre beste Freundin sich einmal in
ihrem Kopf festgesetzt hatte, konnte sie nicht mehr
aufh.ren. Tamaki und sie waren zusammen auf der
Oberschule gewesen und hatten zum gleichen Softball-
Team geh.rt. Sie hatten viel zusammen erlebt. Einmal
waren sie sich sogar sexuell nahegekommen. Damals – es
war auf einer Reise in den Sommerferien gewesen – hatten
sie nur noch ein Zimmer mit einem franz.sischen Bett
bekommen, indem sie gemeinsam schliefen. In diesem Bett
hatten sie sich gegenseitig überall berührt. Aber lesbisch
waren die beiden jungen Frauen nicht, nur neugierig. Es
war eher ein Experiment in diese Richtung gewesen.
Damals hatte keine von ihnen einen Freund oder
überhaupt sexuelle Erfahrungen gehabt. Die Ereignisse
jener Nacht waren Aomame bis heute als eine
.au.ergew.hnliche, aber h.chst interessante. Episode in
ihrem Leben im Ged.chtnis geblieben. Doch als Aomame
jetzt, w.hrend sie die offene Eisentreppe hinunterstieg, an
die Berührung von Tamakis K.rper dachte, breitete sich in
ihrem Inneren eine gewisse Hitze aus. Zu ihrer
Verwunderung erinnerte sich Aomame auch jetzt noch
ganz deutlich an Tamakis ovale Brustwarzen, ihr feines
Schamhaar, die hübsche Rundung ihres Hinterns und die
Form ihrer Klitoris.
W.hrend sie ihren lebhaften Erinnerungen nachhing,
erklang in ihrem Kopf als Hintergrundmusik das
vollt.nende festliche Unisono der Bl.ser aus Janá.eks
Sinfonietta. Sacht streichelte sie über Tamaki Otsukas
geschwungene Taille. Anfangs hatte Tamaki noch gesagt, es
kitzle, doch dann h.rte sie auf zu kichern. Ihre Atmung
ver.nderte sich. Das Stück war ursprünglich als Fanfare für
ein Sportfest komponiert worden. Mit der Musik strich
sanft der Wind über die grünen b.hmischen Wiesen.
Aomame spürte, wie Tamakis Brustwarzen sich versteiften.
Die Pauken ert.nten in einer komplizierten raschen
Tonfolge.
Aomame blieb stehen und schüttelte mehrmals leicht den
Kopf. Sie durfte an einem Ort wie diesem nicht an solche
Dinge denken. Sie musste sich auf den Abstieg
konzentrieren. Aber sie konnte nicht aufh.ren. Eine nach
der anderen erschienen die Szenen von damals vor ihrem
inneren Auge. Ganz deutlich, ganz frisch. Die
Sommernacht, das nicht sehr breite Bett, der leichte
Geruch von Schwei.. Die ausgesprochenen Worte. Die
unausgesprochenen Gefühle. Die vergessenen Versprechen.
Das ungestillte Verlangen. Die Sehnsucht, die ihr Ziel
verloren hatte. Ein Windsto. ergriff ihr Haar und schlug es
ihr peitschend ins Gesicht. Der Schmerz trieb ihr die
Tr.nen in die Augen. Und der n.chste Windsto. trocknete
sie.
Aomame überlegte, wann all das gewesen war. Aber die
Zeit hatte sich in ihrem Ged.chtnis verirrt und glich nur
einem Gewirr aus losen F.den. Ihre Achse war
verlorengegangen, und vorher, nachher, links oder rechts
waren durcheinandergeraten. Die Reihenfolge der
Schubladen war vertauscht worden. Sie konnte sich nicht
mehr an Dinge erinnern, an die sie sich eigentlich h.tte
erinnern sollen. Sie befand sich im April des Jahres 1984.
Geboren war sie – ja, genau – 1954. So weit konnte sie sich
erinnern. Aber auch solche fest eingepr.gten Daten
verloren in Aomames Bewusstsein rapide an Substanz. Sie
sah vor sich, wie der starke Wind wei.e Karten mit
aufgedruckten Jahreszahlen aufwirbelte und in alle
Himmelsrichtungen verstreute. Rennend versuchte sie
wenigstens eine von den vielen zu erhaschen. Aber der
Wind war zu stark. Und die Zahl der Karten zu gro.. 1954,
1984, 1645, 1881, 2006, 771, 2041 … Eine Jahreszahl nach der
anderen wurde davongeweht. Ihre systematische
Reihenfolge ging verloren, Wissen wurde gel.scht, und die
Treppe der Ideen brach unter ihren Fü.en ein.
Aomame und Tamaki lagen im selben Bett. Beide waren
siebzehn und genossen die ihnen gew.hrte Freiheit in
vollen Zügen. Für beide war es die erste Reise allein mit
einer Freundin. Das versetzte sie in Aufregung. Sie stiegen
ins hei.e Bad und teilten sich eine Dose Bier aus dem
Kühlschrank. Dann l.schten sie das Licht und sprangen ins
Bett. Anfangs tobten sie nur herum und berührten einander
halb im Scherz. Doch irgendwann streckte Tamaki die
H.nde aus und streichelte sacht Aomames Brustwarzen
durch das ziemlich dünne T-Shirt, das sie anstelle eines
Schlafanzugs trug. Wie ein elektrischer Schlag fuhr es
durch Aomames K.rper. Kurz darauf zogen die beiden T-
Shirts und Unterw.sche aus. Sie waren nun nackt. Es war
eine Sommernacht. Wo waren sie damals nur hingefahren?
Aomame konnte sich nicht erinnern. Egal, irgendwohin
eben. Keine von beiden sagte ein Wort, w.hrend sie
gegenseitig ihre K.rper erkundeten. Schauen, berühren,
streicheln, lecken. Halb im Spa., halb im Ernst. Tamaki
war klein und zugegebenerma.en ein wenig rundlich. Ihre
Brüste waren üppig. Aomame war eher muskul.s, gro. und
schlank mit kleinen Brüsten. Tamaki redete dauernd davon,
eine Di.t machen zu müssen. Aber Aomame fand sie
hübsch, wie sie war.
Tamaki hatte zarte, feinporige Haut. Ihre Brustspitzen
w.lbten sich zu einer wundersch.nen Ellipse. Sie
erinnerten an Oliven. Sie hatte seidiges, feines Schamhaar,
weich wie Weidenk.tzchen. Aomames Schamhaar war
borstig und struppig. Die beiden lachten über diese
Unterschiede. Sie betasteten die winzigsten Stellen und
tauschten sich darüber aus, wie empfindlich diese waren.
Bei einigen stimmte die Empfindsamkeit überein, bei
anderen nicht. Mit ausgestrecktem Finger rieben sie
einander die Klitoris. Beide hatten Erfahrung im
Masturbieren. Eine Menge Erfahrung. Doch dies fühlte sich
ganz anders an, als sich selbst zu berühren, fanden sie.
Sacht strich der Wind über die grünen b.hmischen
Wiesen.
Wieder blieb Aomame stehen und schüttelte den Kopf.
Sie holte tief Luft und umklammerte das Gel.nder noch
fester. Sie musste aufh.ren, an diese Dinge zu denken. Und
sich auf ihren Abstieg konzentrieren. Wahrscheinlich hatte
sie inzwischen über die H.lfte geschafft. Doch warum
herrschte nur dieser schreckliche L.rm? Und warum war
der Wind so stark? Fast als würde er sie angreifen oder
bestrafen.
Und was sollte sie sagen, falls unten jemand stand und
fragte, was sie dort zu suchen habe und wer sie sei? .Auf
der Autobahn ist ein Stau, und ich habe die Treppe
genommen, weil ich einen furchtbar dringenden Termin
einhalten muss.. Würde das genügen? Sie k.nnte
Unannehmlichkeiten bekommen. Und das wollte Aomame
um jeden Preis vermeiden. Vor allem heute.
Als sie unten ankam, war glücklicherweise niemand da,
der sie h.tte zurechtweisen k.nnen. Zuerst nahm sie ihre
Schuhe aus der Tasche und zog sie an. Am unteren Ende
der Treppe und zwischen den beiden Fahrbahnen der
Nationalstra.e 246 befand sich ein überdachter
eingez.unter Abstellplatz für Baumaterialien. Auf der
blanken Erde lagen ein paar Eisenstangen, die
wahrscheinlich bei irgendwelchen Arbeiten übrig geblieben
waren. Man hatte sie dort hingeworfen, und mittlerweile
waren sie verrostet. In einer Ecke lagen unter einer
Plastikabdeckung drei S.cke. Es war nicht zu erkennen, was
sie enthielten, aber offenbar sollten sie nicht vom Regen
durchn.sst werden. Auch sie schienen bei Bauarbeiten
übrig geblieben zu sein. Wahrscheinlich hatte man sie
einfach liegen lassen, weil es zu mühsam war, sie einzeln
wegzuschaffen. Unter der Abdeckung standen noch
mehrere gro.e alte Pappkartons. PET-Flaschen und
Mangahefte lagen auf dem Boden herum. Sonst nichts. Ein
paar Plastiktüten tanzten ziellos im Wind.
Der Ausgang bestand aus einem hohen Maschendrahttor,
das mehrfach mit einer Kette und einem schweren
Vorh.ngeschloss gesichert und oben mit Stacheldraht
umwickelt war. Es sah nicht so aus, als k.nne sie
darübersteigen. Sie würde sich nur ihr Kostüm v.llig
zerfetzen. Probeweise rüttelte sie an dem Tor, aber es
rührte sich nicht. Es gab nicht einmal einen Spalt, der breit
genug für eine Katze gewesen w.re. Du liebe Güte, warum
musste man dieses Tor derma.en verrammeln? Was gab es
hier schon zu klauen oder zu zerst.ren? Aomame verzog
das Gesicht, fluchte und spuckte auf den Boden.
Verdammt, jetzt hatte sie sich mühsam von der Stra.e hier
heruntergearbeitet, nur um auf diesem Abstellplatz
festzusitzen. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Etwas Zeit
blieb ihr noch. Aber die konnte sie nicht ewig auf dieser
Müllkippe vertr.deln. Um zur Autobahn zurückzugehen,
war es natürlich auch zu sp.t.
Ihre Strümpfe waren an den Fersen zerrissen. Nachdem
sie sich vergewissert hatte, dass niemand sie sah, entledigte
sie sich ihrer Schuhe, schob den Rock hoch und zerrte sich
die Strumpfhose von den Beinen. Sie zog die Schuhe wieder
an. Die durchl.cherte Strumpfhose stopfte sie in die
Tasche. Sie fühlte sich etwas erleichtert. Dann schritt sie
das Grundstück ab und nahm alles genau in Augenschein.
Es hatte etwa die Gr..e eines Klassenzimmers in einer
Grundschule. Ihr Rundgang dauerte nicht lange. Es gab
tats.chlich nur den einen Ausgang. Das fest verschlossene
Maschendrahttor. Der Zaun, der das Grundstück umgab,
war aus leichtem Material, aber dennoch fest verankert.
Ohne Werkzeug war da nichts zu machen. Aussichtslos.
Sie inspizierte die Pappkartons unter dem Plastikdach,
und ihr wurde klar, dass es Schlafpl.tze waren. Mehrere
zerschlissene, aber noch gar nicht so alte Decken lagen dort
zusammengerollt. Wahrscheinlich übernachteten hier ein
paar Obdachlose. Deshalb lagen auch die PET-Flaschen
und Zeitschriften herum. Kein Zweifel. Aomame lie. ihren
Verstand arbeiten. Wenn sie hier übernachteten, musste es
irgendwo ein Loch geben, durch das sie hinein- und
hinausschlüpften. Diese Leute beherrschten die Kunst,
Pl.tze ausfindig zu machen, an denen sie vor Regen und
Wind geschützt waren, ohne gesehen zu werden. Und wie
das Wild sicherten sie sich geheime Pfade, die nur sie
kannten.
Sorgf.ltig und Stück für Stück untersuchte Aomame die
Pfosten des Zauns. Drückte fest mit der Hand dagegen, um
zu prüfen, ob sie nachgaben. Wie vermutet entdeckte sie
eine Stelle, an der ein Bolzen locker war und der Pfosten
wackelte. Sie bewegte ihn hin und her. Wenn man ihn in
einem bestimmten Winkel leicht nach innen zog, entstand
eine Lücke, durch die ein Mensch hindurchschlüpfen
konnte. Vermutlich kamen hier die Obdachlosen herein,
wenn es dunkel wurde, um ungest.rt unter dem Dach zu
übernachten. Wahrscheinlich bek.men sie .rger, wenn
man sie innerhalb des Zauns entdeckte, also hielten sie sich
tagsüber drau.en auf und suchten sich etwas zu essen,
sammelten leere Flaschen oder verdienten sich ein bisschen
Kleingeld. Aomame war ihren namenlosen n.chtlichen
Hausherren dankbar. Jetzt, wo sie sich selbst heimlich und
namenlos hinter den Kulissen der gro.en Stadt bewegte,
empfand sie sich als deren Verbündete.
Sie bückte sich und glitt durch den engen Spalt hinaus.
Dabei nahm sie sich sehr in Acht, um nicht mit ihrem
teuren Kostüm an etwas Spitzem h.ngenzubleiben und es
zu zerrei.en. Es war schlie.lich das einzige, das sie besa..
Normalerweise trug sie keine Kostüme oder so etwas. Und
auch keine hohen Abs.tze. Doch Auftr.ge wie
dieser erforderten eine f.rmliche Garderobe. Auf keinen
Fall durfte sie ihr kostbares Kostüm ruinieren.
Glücklicherweise war auch au.erhalb des Zauns kein
Mensch. Nachdem Aomame ihre Kleidung inspiziert und
ihre Gelassenheit zurückgewonnen hatte, überquerte sie an
einer Ampel die 246, betrat eine Drogerie, die ihr dort ins
Auge fiel, und kaufte sich eine neue Strumpfhose. Sie bat
die Verk.uferin, sie sich hinten im Laden anziehen zu
dürfen. Das stellte ihr Wohlbefinden einigerma.en wieder
her. Fast hatte sie sich gefühlt, als habe sie zu viel
getrunken. Aber auch die restliche übelkeit in ihrem
Magen hatte sich nun ganz verflüchtigt. Aomame bedankte
sich bei der Verk.uferin und verlie. die Drogerie.
Der Verkehr auf der Nationalstra.e 246 war viel dichter
als gew.hnlich. Vielleicht hatte sich die Nachricht von dem
Unfall und Stau auf der Stadtautobahn verbreitet. Aomame
beschloss, auf ein Taxi zu verzichten und an der n.chsten
Station in die Tokyu-Tamagawa-Linie zu steigen. Das war
zweifellos das Beste. Blo. nicht mehr im Taxi in einen Stau
geraten.
Am Bahnhof Sangenjaya lief ein Polizist mit raschen
Schritten an ihr vorbei. Eine kurze Anspannung ergriff
Aomame, aber der hochgewachsene junge Mann schien es
eilig zu haben und rannte weiter geradeaus, ohne sie eines
Blickes zu würdigen. Ihr fiel auf, dass seine Polizeiuniform
sich von der üblichen unterschied. Es war nicht die, die ihr
vertraut war. Die Jacke war zwar vom gleichen Dunkelblau,
aber ihr Schnitt war anders. Zwangloser und sportlicher.
Nicht so steif wie sonst. Auch der Stoff schien weicher. Der
Kragen war kleiner und das Blau etwas heller. Au.erdem
trug er einen anderen Typ Waffe an der Hüfte, eine gro.e
Automatikpistole. Eigentlich war die japanische Polizei mit
Revolvern ausgerüstet. In Japan, wo Verbrechen mit
Schusswaffen extrem selten waren, reichten altmodische
Revolver mit sechs Kammern v.llig aus, da die Polizei
kaum je in einen Schusswechsel verwickelt wurde. Revolver
waren einfach gebaut und preiswert, zu Defekten kam es
selten, und die Wartung war nicht aufwendig. Doch aus
irgendeinem Grund trug dieser Polizist ein neues
halbautomatisches 9-mm-Modell, mit dem man sechzig
Schuss abfeuern konnte. Vielleicht eine Glock oder eine
Beretta. Irgendetwas musste geschehen sein. Hatten sich
Uniformvorschriften und Bewaffnung ge.ndert, ohne dass
sie etwas davon mitbekommen hatte? Nein, das konnte