schlug in einem unnatürlichen Rhythmus. Aomame wollte
nicht mehr über die Monde nachdenken. Auch wenn sie
etwas waren, über das sie nachdenken musste.
Um ihre Mattheit zu bek.mpfen, machte Aomame
Dehnübungen auf dem Teppich. Sie nahm sich die Muskeln
vor, die sie im Alltag kaum benutzte, und trainierte sie
ausgiebig. Die Muskeln stie.en stumme Schreie aus, und
der Schwei. floss in Str.men. Aomame hatte ein eigenes
Stretching-Programm entwickelt, an dem sie t.glich
arbeitete, bis es so extrem und effizient war, dass es am
Ende nur noch für sie selbst geeignet war. In ihren Kursen
im Fitnessclub konnte sie so etwas nicht verwenden.
Normale Menschen h.tten diese Anstrengung und die
damit verbundenen Schmerzen gar nicht ertragen. Sogar
die meisten anderen Trainer st.hnten dabei.
W.hrend Aomame ihre übungen absolvierte, h.rte sie
die Platte mit Janá.eks Sinfonietta, gespielt unter der
Leitung von George Szell. Das Stück endete nach ungef.hr
fünfundzwanzig Minuten. Es war weder zu kurz noch zu
lang, und die Zeit reichte genau aus, um ihre Muskulatur
einmal richtig durch die Mangel zu drehen. Als der Tonarm
automatisch wieder an seine ursprüngliche Stelle
zurückgekehrt und der Plattenteller zum Stehen
gekommen war, fühlte Aomame sich geistig und k.rperlich
wie ein bis auf den letzten Tropfen ausgewrungener
Waschlappen.
Inzwischen kannte sie die Sinfonietta in- und auswendig.
Immer wenn sie ihre Muskulatur zu dieser Musik bis an
ihre Grenzen dehnte, empfand sie einen seltsamen Frieden.
Sie folterte und wurde gefoltert. Sie bezwang und wurde
bezwungen. Diese nach innen gerichtete
Selbstvervollkommnung war genau das, was Aomame
brauchte, um sich zu beruhigen. Die Sinfonietta war zur
perfekten Hintergrundmusik für ihre übungen geworden.
Gegen zehn Uhr abends klingelte das Telefon. Als
Aomame den H.rer abhob, ert.nte Tamarus Stimme.
.Wie sieht es morgen bei dir aus?., fragte er.
.Um halb sieben habe ich Schluss..
.Kannst du danach herkommen?.
.Ja..
.Gut., sagte Tamaru. Es war zu h.ren, wie er etwas in
den Terminkalender schrieb.
.Hast du einen neuen Hund gekauft?., fragte Aomame.
.Ja, wieder eine Sch.ferhündin. Ich kenne sie noch nicht
ganz genau, aber sie ist sehr gut abgerichtet und gehorcht
aufs Wort. Die Frauen fühlen sich wieder sicherer, seit sie
da ist..
.Da bin ich froh..
.Au.erdem ist sie auch mit gew.hnlichem Hundefutter
zufrieden. Sie macht gar keine Umst.nde..
.Normalerweise fressen Sch.ferhunde ja auch keinen
Spinat..
.Bun war wirklich seltsam. Je nach Jahreszeit war das mit
dem Spinat auch ganz sch.n teuer., beklagte Tamaru sich
wehmütig. Nach ein paar Sekunden wechselte er das
Thema. .Der Mond ist heute sehr sch.n..
Aomame verzog leicht das Gesicht. .Wieso redest du
pl.tzlich vom Mond?.
.Selbst ich spreche eben bisweilen über den Mond..
.Natürlich., sagte Aomame. Aber du bist nicht der Typ,
der am Telefon grundlos von der Sch.nheit der Natur
schw.rmt, fügte sie in Gedanken hinzu.
Tamaru z.gerte kurz. .Du hast mich letztes Mal nach
dem Mond gefragt., sagte er dann. .Erinnerst du dich?
Seither geht er mir nicht mehr aus dem Kopf. Und als ich
dann neulich – in einer klaren wolkenlosen Nacht – zum
Himmel sah, habe ich den Anblick sehr genossen..
Aomame war drauf und dran zu fragen, wie viele Monde
es denn gewesen seien. Aber sie hielt sich zurück. Es war zu
gef.hrlich. Beim letzten Mal hatte Tamaru ihr viel von sich
erz.hlt. Dass er als Waise aufgewachsen war und nicht
einmal wusste, wie seine Eltern aussahen. Auch seine
ursprüngliche Nationalit.t hatte er ihr verraten. Noch nie
hatte er sich so lange mit ihr unterhalten. Dabei war er ein
Mann, der kaum je etwas von sich preisgab. Offenbar hatte
er sich Aomame anvertraut, weil er sie sympathisch fand.
Andererseits war er Profi und darauf gedrillt, seine Ziele auf
kürzestem Weg zu erreichen. Es war sicherer, nicht unn.tig
etwas auszuplaudern.
.Ich komme nach der Arbeit vorbei, so gegen sieben.,
sagte sie.
.Gut., sagte Tamaru. .Du hast bestimmt Hunger. Der
Koch hat morgen frei, es gibt also kein richtiges Essen, aber
wenn du m.chtest, kann ich ein paar Sandwiches für dich
vorbereiten..
.Danke, das w.re nett., sagte Aomame.
.Wir brauchen auch deinen Führerschein, deinen Pass
und die Karte deiner Krankenversicherung. Bitte bring
morgen alles mit. Dann h.tte ich gern noch einen
Nachschlüssel zu deiner Wohnung. Geht das?.
.Klar..
.Und noch eins. Wegen der Sache von neulich m.chte
ich unter vier Augen mit dir sprechen. Nimm dir nach dem
Gespr.ch mit Madame bitte noch etwas Zeit..
.Wegen welcher Sache denn?.
Tamaru schwieg einen Moment. Sein Schweigen wog
schwer wie ein Sandsack. .Du wolltest etwas Bestimmtes
von mir. Schon vergessen?.
.Natürlich nicht., erwiderte Aomame hastig. Sie war mit
ihren Gedanken beim Mond gewesen.
.Morgen um sieben., sagte Tamaru und legte auf.
Auch in der folgenden Nacht hatte die Zahl der Monde
sich nicht ver.ndert. Aomame ging nach der Arbeit noch
rasch unter die Dusche, und als sie das Sportstudio verlie.,
waren am .stlichen Himmel, wo es noch hell war, zwei
blass get.nte Monde zu sehen. Aomame blieb auf der
Fu.g.ngerbrücke, die die Gaien-nishi-Stra.e überspannte,
stehen, um sie eine Weile zu betrachten. Niemand au.er
ihr schien von den beiden Monden Notiz zu nehmen. Die
verwunderten Blicke der Passanten streiften nur Aomame,
die an das Gel.nder gelehnt in den Himmel hinaufschaute.
Für den Himmel oder die Monde schien sich niemand zu
interessieren. Die Leute strebten nur eilig der U-Bahn-
Station entgegen. Beim Anblick der Monde überkam
Aomame die gleiche k.rperliche Mattheit wie am Tag
zuvor. Ich muss aufh.ren, sie anzustarren, dachte sie. Sie
haben keinen guten Einfluss auf mich. Doch obwohl sie
angestrengt in eine andere Richtung sah, spürte sie die
Blicke der Monde ganz deutlich auf ihrer Haut. Sie
beobachteten sie, auch wenn sie nicht hinschaute. Die
Monde wussten genau, was sie vorhatte.
Aomame und die alte Dame tranken hei.en, starken
Kaffee aus bemalten antiken Tassen. Die alte Dame
tr.ufelte eine winzige Menge Milch über den Rand in ihre
Tasse und nahm einen Schluck, ohne umzurühren. Auf
Zucker verzichtete sie. Aomame trank ihren Kaffee wie
immer schwarz. Tamaru hatte die versprochenen
Sandwiches serviert. Sie waren so klein geschnitten, dass sie
sich mit einem Bissen verzehren lie.en. Aomame a.
mehrere davon. Sie waren nicht üppig belegt, nur dunkles
Brot mit Gurken und K.se, hatten aber einen feinen
Geschmack. Tamaru beherrschte die Kunst, einfache
Speisen erlesen und akkurat zuzubereiten. Er konnte sehr
geschickt und pr.zise mit dem Hackmesser umgehen,
sodass Gr..e und Form s.mtlicher Zutaten genau
stimmten. Allein dadurch bekamen seine Kreationen eine
erstaunliche Raffinesse.
.Haben Sie Ihre Angelegenheiten schon geregelt?., fragte
die alte Dame.
.Die Kleidung und die Bücher, die ich nicht mehr
brauche, habe ich gespendet. Eine Tasche mit dem
N.tigsten für mein neues Leben ist gepackt und steht
griffbereit. Was jetzt noch in der Wohnung ist – ein paar
Elektroger.te, Koch- und Essgeschirr, Bett und Bettzeug –,
benutze ich vorl.ufig noch..
.Darum kümmern wir uns, wenn es so weit ist. Auch um
Ihren Mietvertrag und andere Formalit.ten. Sie brauchen
sich keinerlei Gedanken zu machen. Sie gehen einfach mit
einer kleinen Tasche, in der sich wirklich nur das N.tigste
befindet, aus dem Haus..
.Sollte ich meine Stelle nicht lieber kündigen? Vielleicht
sch.pft jemand Verdacht, wenn ich eines Tages pl.tzlich
verschwinde..
Die alte Dame stellte ihre Kaffeetasse sacht auf dem Tisch
ab. .Auch darüber brauchen Sie sich keine Gedanken zu
machen..
Aomame nickte wortlos. Sie nahm noch ein Sandwich
und trank von ihrem Kaffee.
.Haben Sie ein Bankkonto?., fragte die alte Dame.
.Auf meinem Girokonto sind sechshunderttausend Yen.
Dann habe ich noch zwei Millionen Yen Festgeld..
Die alte Dame überdachte die Summe. .Von dem
Girokonto k.nnen Sie ruhig über mehrere Male verteilt bis
etwa vierhunderttausend Yen abheben. Das Festgeld rühren
Sie lieber nicht an. Es w.re nicht ratsam, es unvermittelt zu
kündigen. Wahrscheinlich überprüfen diese Leute Ihr
Privatleben. Wir k.nnen nicht vorsichtig genug sein. Ich
decke das sp.ter ab. Besitzen Sie sonst noch irgendwelche
Verm.genswerte?.
.Das Geld, das ich bisher von Ihnen erhalten habe, liegt
in einem Bankschlie.fach..
.Nehmen Sie es heraus und überlegen Sie sich ein
geeignetes Versteck, aber bewahren Sie es nicht in Ihrer
Wohnung auf..
.In Ordnung..
.Das w.re alles, um was ich Sie im Augenblick bitte.
Ansonsten verhalten Sie sich wie immer. Sie behalten Ihren
Lebensstil bei und unternehmen nichts, was
Aufmerksamkeit erregen k.nnte. Und erw.hnen Sie die
Mission m.glichst nicht am Telefon..
Nach dieser Rede lie. die alte Dame sich in den Sessel
zurücksinken. Offenbar hatte diese Rede sie ihre gesamte
Energie gekostet.
.Steht der Termin schon fest?.
.Leider kann ich Ihnen dazu noch nichts sagen., sagte
die alte Dame. .Wir warten noch auf Rückmeldung. Die
Umst.nde stehen fest, aber über den Zeitplan wird erst in
letzter Minute entschieden. Es k.nnte in einer Woche sein
oder erst in einem Monat. Auch wo die Begegnung
stattfinden soll, ist unklar. Ich wei., das ist
nervenaufreibend, aber ich muss Sie bitten zu warten..
.Warten macht mir nichts aus., sagte Aomame. .Aber
k.nnten Sie mir nicht in groben Zügen erkl.ren, auf welche
Situation ich mich einstellen muss?.
.Sie werden dem Mann ein regul.res Stretching
verpassen., sagte die alte Dame. .Sie tun das, was Sie
immer tun. Er hat irgendein physisches Problem. Es ist
nicht lebensbedrohlich, aber soweit ich geh.rt habe,
verursacht es verh.ltnism..ig gro.e Schmerzen. Um dieses
.Problem. zu l.sen, hat er bereits alle m.glichen Therapien
ausprobiert. Neben einer normalen .rztlichen Behandlung
auch Shiatsu, Akupunktur, Massagen und so fort. Bisher
jedoch ohne Erfolg. Dieses Leiden ist die Schwachstelle des
sogenannten .Leaders., an der wir ansetzen k.nnen..
Die alte Dame sa. mit dem Rücken zum Fenster. Die
Vorh.nge waren zugezogen. Auch wenn die Monde nicht
sichtbar waren, spürte Aomame ihren kalten Blick auf der
Haut. Es war, als würde ihr verschw.rerisches Schweigen
sich bis zu ihr in das Zimmer hineinstehlen.
.Wir haben einen V-Mann in der Sekte. über ihn habe
ich die Information eingeschleust, dass Sie eine
ausgezeichnete Stretching-Expertin seien. Was nicht sehr
schwierig war, denn das sind Sie ja wirklich. Unsere
Zielperson hat gro.es Interesse an Ihnen. Anfangs wollte er
Sie in sein Hauptquartier nach Yamanashi bestellen, doch
aus beruflichen Gründen sind Sie in Tokio unabk.mmlich.
Das ist der augenblickliche Stand der Dinge. Der Leader
f.hrt in der Regel einmal im Monat nach Tokio, um Sachen
zu erledigen. Bei diesen Gelegenheiten übernachtet er
inkognito in einem Hotel in der Stadt. Dort soll auch das
Stretching stattfinden, und Sie tun das übliche..
Aomame stellte sich die Szene vor. Ein Hotelzimmer. Ein
Mann liegt auf der Yogamatte, und sie dehnt seine
Muskulatur. Sein Gesicht kann sie nicht sehen. Der Nacken
des auf dem Bauch liegenden Mannes weist schutzlos in
ihre Richtung. Sie streckt die Hand aus und nimmt ihren
Eispick aus der Tasche.
.Wir werden allein im Raum sein?., fragte Aomame.
Die alte Dame nickte. .Der Leader will nicht, dass jemand
aus seiner Gemeinschaft sein k.rperliches Leiden sieht.
Deshalb wird es keine Zeugen geben. Nur Sie beide werden
im Zimmer sein..
.Diese Leute kennen also bereits meinen Namen und
meinen Beruf?.
.Ja, und sie sind .u.erst argw.hnisch und haben Sie und
alles, was Sie betrifft, genauestens unter die Lupe
genommen. Aber offenbar gibt es da kein Problem. Gestern
erreichte mich die Nachricht, dass er Sie in seinem Hotel in
der Stadt empfangen will. Der genaue Ort und die Uhrzeit
h.ngen von seinen Pl.nen ab und werden uns noch
mitgeteilt..
.Aber werden die mich nicht durch meine Besuche hier
mit Ihnen in Verbindung bringen?.
.Ich bin Mitglied des Sportstudios, in dem Sie besch.ftigt
sind, und erhalte Privatstunden von Ihnen. Mehr nicht. Es
gibt keinen Grund, daraus auf weitere Beziehungen
zwischen uns zu schlie.en..
Aomame nickte.
Die alte Dame fuhr fort. .Immer wenn der Leader sein
Hauptquartier verl.sst, begleiten ihn seine beiden
Leibw.chter. Beide sind Mitglieder der Sekte und Tr.ger
des schwarzen Gürtels in Karate. Ob sie bewaffnet sind,
wissen wir noch nicht. Sie scheinen ziemlich gut
ausgebildet zu sein und trainieren t.glich. Tamaru meint
allerdings, sie seien letzten Endes doch nur Amateure..
.Im Gegensatz zu Tamaru..
.Genau. Tamaru war Mitglied einer Einheit der
Selbstverteidigungsstreitkr.fte. Um sein Ziel zu erreichen,
muss man augenblicklich, ohne zu z.gern, zuschlagen
k.nnen. Ganz gleich, wer der Gegner ist. Amateure z.gern.
Vor allem, wenn sie es mit einer jungen Frau zu tun
haben..
Mit einem tiefen Seufzer lie. die alte Dame ihren Kopf an
die Rückenlehne sinken. Doch gleich richtete sie sich
wieder auf und sah Aomame direkt in die Augen.
.Die beiden Leibw.chter werden, solange Sie sich um den
Leader kümmern, in einem anderen Zimmer der Hotelsuite
warten. Sie werden etwa eine Stunde mit ihm allein sein. So
viel steht bereits fest, auch wenn niemand wissen kann, was
an Ort und Stelle dann wirklich geschieht. Die Lage ist sehr
unbestimmt. Der Leader gibt seine Absichten immer erst
im letzten Augenblick bekannt..
.Wie alt ist er ungef.hr?.
.Wahrscheinlich Mitte fünfzig, und er soll
au.ergew.hnlich gro. sein. Mehr wei. ich leider auch
noch nicht..
Tamaru wartete im Flur. Aomame h.ndigte ihm den