Zweitschlüssel für ihre Wohnung, Führerschein, Pass und
Versicherungskarte aus. Er zog sich in einen Raum zurück,
um die Dokumente zu kopieren. Nachdem er sich von der
Vollst.ndigkeit der Kopien überzeugt hatte, gab er
Aomame die Originale zurück und führte sie in sein
pers.nliches kleines Büro, das neben dem Eingangsbereich
lag. Das winzige Fenster in dem schlichten quadratischen
Raum zeigte zum Garten und stand offen. Die Klimaanlage
brummte leise. Er bot Aomame einen kleinen h.lzernen
Stuhl an und setzte sich selbst an den Schreibtisch. An der
Wand davor waren nebeneinander vier Bildschirme
angebracht. Die Perspektive der damit verbundenen
Kameras lie. sich nach Bedarf .ndern. Jede verfügte auch
über einen Videorekorder, der die Bilder aufzeichnete. Die
Monitore zeigten die Umgebung au.erhalb des Zauns und
auch den Wachhund, der gerade zusammengerollt auf der
Erde lag und schlief. Er war etwas kleiner als seine
Vorg.ngerin.
.Der Tod der Sch.ferhündin wurde nicht aufgezeichnet.,
kam Tamaru Aomames Frage zuvor. .Bun war nicht mehr
angebunden. Vielleicht hat sie selbst die Leine gel.st oder
eben jemand anders..
.Jemand, den sie nicht verbellt hat, obwohl er nahe an sie
herankam..
.So muss es wohl gewesen sein..
.Sonderbar..
Tamaru nickte, .u.erte sich jedoch nicht. Vermutlich
hatte er schon zur Genüge darüber nachgegrübelt, was
passiert sein konnte.
Er zog die Schublade eines Schr.nkchens auf und
entnahm ihr einen schwarzen Kunststoffbeutel. Aus dem
verwaschenen blauen Handtuch darin kam ein schwarz
gl.nzender metallischer Gegenstand zum Vorschein: eine
kleine Pistole. Wortlos streckte er sie Aomame entgegen,
die die Waffe ebenso schweigend in Empfang nahm und in
der Hand wog. Entgegen dem .u.eren Anschein war sie
ziemlich leicht. Erstaunlich, dass man mit einem so
leichten Gegenstand einen Menschen t.ten konnte.
.Du hast gerade zwei schwerwiegende Fehler begangen.
Wei.t du, welche?., sagte Tamaru.
Aomame rief sich die Bewegung ins Ged.chtnis, mit der
sie die Waffe entgegengenommen hatte, konnte aber nicht
erkennen, wo die Fehler lagen. Sie hatte sie doch einfach
nur genommen. .Nein., sagte sie.
.Erstens hast du nicht überprüft, ob die Pistole geladen
ist. Und falls sie geladen gewesen w.re, h.ttest du
nachschauen müssen, ob sie gesichert ist. Zweitens hast du,
als du sie schon in der Hand hattest, die Mündung, wenn
auch nur für eine Sekunde, auf mich gerichtet. Das sind
Dinge, die man niemals tun darf. Au.erdem sollte man,
solange man nicht beabsichtigt zu schie.en, den Finger nie
an den Abzug legen..
.Ich werde in Zukunft darauf achten..
.Au.er in Notf.llen sollte eine Waffe grunds.tzlich nicht
geladen sein, wenn man damit hantiert, sie jemandem
übergibt oder sie mit sich herumtr.gt. Sobald du mit einer
Waffe in Berührung kommst, musst du dich grunds.tzlich
so verhalten, als w.re sie geladen. Bis du wei.t, dass sie es
nicht ist. Waffen sind dazu da, Menschen t.dlich zu
verwunden. Man kann nie vorsichtig genug damit
umgehen. So mancher würde mich auslachen, weil er mich
für übervorsichtig h.lt. Aber es kommt immer wieder zu
den idiotischsten Unf.llen, und die Opfer sind meist Leute,
die andere wegen ihrer Vorsicht verspottet haben..
Tamaru zog eine Plastiktüte aus seiner Jacketttasche.
Darin befanden sich sieben neue Patronen. Er legte sie auf
den Tisch. .Wie du siehst, ist die Pistole im Moment nicht
geladen. Das Magazin ist eingesetzt, aber es ist leer. Keine
Patronen darin..
Aomame nickte.
.Nimm sie als pers.nliches Geschenk von mir. Für den
Fall, dass du sie nicht benutzt, h.tte ich sie allerdings gern
zurück..
.Selbstverst.ndlich., sagte Aomame heiser. .Aber es hat
doch sicher Geld gekostet, sie zu beschaffen?.
.Darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen.,
sagte Tamaru. .Du hast genügend andere Sorgen. Wenden
wir uns mal der Pistole zu. Hast du schon mal geschossen?.
Aomame schüttelte den Kopf. .Noch nie..
.Im Grunde ist ein Revolver leichter zu handhaben als
eine Automatik. Besonders für einen Laien. Sein Aufbau ist
unkompliziert und die Bedienung leicht zu erlernen. Aber
ein einigerma.en effizienter Revolver ist auch
volumin.s und ziemlich unhandlich zu tragen. Deshalb ist
eine Automatik besser. Das hier ist eine HK 4 von Heckler
& Koch. Ein deutsches Fabrikat. Ohne Munition wiegt sie
480 Gramm. Sie ist klein und leicht, hat aber durch die 9-
mm-Patronen gro.e Durchschlagskraft. Au.erdem hat sie
einen geringen Rücksto.. Hohe Treffsicherheit ist auf
gr..ere Distanz nicht zu erwarten, aber für den Zweck, den
du im Sinn hast, ist sie genau richtig. Die Firma Heckler &
Koch wurde nach dem Krieg gegründet. Das Modell HK 4
basiert auf der berühmten Mauser HSc, die schon vor dem
Zweiten Weltkrieg verwendet wurde. Seit 1968 wird die
Produktion fortgeführt und ist auch heute noch Standard.
Die HK 4 ist eine sehr zuverl.ssige Waffe. Diese hier ist
nicht neu, aber ihre vorherigen Besitzer sind offensichtlich
vernünftig mit ihr umgegangen und haben sie gut gepflegt.
Mit einer Pistole ist es wie mit einem Auto – auf ein
gebrauchtes Modell von guter Qualit.t kann man sich oft
eher verlassen als auf ein nagelneues..
Tamaru nahm Aomame die Pistole aus der Hand, um ihr
die Bedienung zu erkl.ren. Wie man sie sicherte, wie man
sie entsicherte. Wie man den Magazinhebel l.ste, das
Magazin herausnahm und wieder hineinschob.
.Wenn du das Magazin herausnimmst, sollte die Pistole
unbedingt gesichert sein. Zuerst ziehst du den Schlitten
zurück, und die Patrone, die in der Kammer ist, wird
ausgeworfen. Im Moment ist keine drin, also wird auch
nichts ausgeworfen. Der Schlitten steht nun offen. Jetzt
drückst du den Abzug. So. Dadurch schlie.t sich der
Schlitten. Nun ist der Hahn gespannt. Wenn du dann noch
einmal abdrückst, schl.gt er nach unten. Dann schiebst du
das neue Magazin ein..
Tamaru führte den Vorgang mit raschen geübten
Handgriffen durch. Dann wiederholte er ihn ganz langsam,
indem er jede einzelne Bewegung beschrieb. Aomame sah
begierig zu.
.Jetzt versuch du mal..
Aomame nahm das Magazin vorsichtig heraus, zog den
Schlitten zurück, leerte die Kammer, entspannte den Hahn
und schob das Magazin wieder hinein.
.Das genügt.. Tamaru zog das Magazin wieder heraus,
füllte es sorgsam mit den sieben Patronen auf und führte es
mit einem lauten Schnappen wieder in die Waffe ein. Er
zog den Schlitten zurück und bef.rderte eine Patrone in die
Kammer. Dann sicherte er die Waffe, indem er den kleinen
Hebel an der linken Seite umlegte.
.Wir machen noch mal das Gleiche wie eben. Diesmal ist
sie geladen. Auch in der Kammer ist eine Patrone. Die
Waffe ist zwar gesichert, dennoch sollte man sie nie auf
einen Menschen richten., sagte Tamaru.
Aomame nahm die geladene Pistole. Sie war jetzt nicht
mehr so leicht wie zuvor. Man konnte spüren, dass sie den
Tod in sich trug. Sie war ein Pr.zisionswerkzeug,
geschaffen, um Menschen zu t.ten. Aomame brach unter
den Achseln der Schwei. aus.
Nachdem sie sich noch einmal vergewissert hatte, dass
die Pistole gesichert war, bet.tigte sie den Hebel, nahm das
Magazin heraus und legte es auf den Tisch. Dann zog sie
den Schlitten zurück. Die Patrone sprang aus der Kammer
und fiel klappernd auf den Holzfu.boden. Sie drückte den
Abzug, der Schlitten schloss sich, sie drückte erneut den
Abzug und bef.rderte den gespannten Hahn an seine
ursprüngliche Stelle zurück. Schlie.lich hob sie mit
zitternden Fingern die 9-mm-Patrone vom Boden auf. Ihre
Kehle war trocken, und das Atmen schmerzte.
.Nicht schlecht fürs erste Mal., sagte Tamaru, w.hrend
er die Patrone wieder in das Magazin einfügte. .Aber du
brauchst mehr übung. Au.erdem zittern deine H.nde.
Wenn du mehrmals am Tag übst, geht dir das Gefühl für
die Waffe in Fleisch und Blut über. Damit du das Laden
automatisch beherrschst, wie ich es dir vorhin gezeigt habe.
Auch im Dunkeln. In deinem Fall wird es nicht n.tig sein,
dass du das Magazin mitten in einer Aktion austauschst,
aber diese Handgriffe sind für jeden, der mit einer Pistole
umgeht, die Basis. Man muss sie kennen..
.Muss ich nicht schie.en üben?.
.Du willst doch niemanden erschie.en. H.chstens dich
selbst. Oder?.
Aomame nickte.
.Also brauchst du keine Schie.übungen. Es genügt, wenn
du wei.t, wie man die Munition einlegt, entsichert und
abdrückt. Hast du denn vor, irgendwo zu üben?.
Aomame schüttelte den Kopf. Sie konnte sich auch nicht
vorstellen, wo.
.Du sagst, du willst dich eventuell erschie.en, aber wie
willst du das denn machen? Gib mir mal eine Vorstellung..
Tamaru schob das geladene Magazin in die Pistole,
sicherte sie und reichte sie Aomame. .Sie ist gesichert.,
sagte er.
Aomame drückte sich die Mündung an die Schl.fe. Sie
spürte den kalten Stahl. Tamaru sah zu und wiegte den
Kopf.
.Ich will dir nicht zu nahe treten, aber es ist besser, nicht
auf die Schl.fe zu zielen. Von der Schl.fe aus das Gehirn zu
durchschlagen ist weitaus schwieriger, als man denkt.
Naturgem.. kann einem die Hand zittern, und wenn die
Hand zittert, nimmt sie den Rücksto. auf, und die Kugel
kann fehlgehen. In vielen F.llen wird der Sch.del nur
gestreift, und man ist nicht tot. Das m.chte man nicht
erleben..
Aomame schüttelte stumm den Kopf.
.Als die Amerikaner General Hideki Tojo nach dem Krieg
verhafteten, wollte er sich ins Herz schie.en, aber die
Kugel ging vorbei, er traf sich in den Bauch und überlebte.
Du siehst, nicht einmal einem Mann, der – wenn auch
mehr recht als schlecht – ein Berufsheer angeführt hat, ist
es gelungen, mit einer Pistole Selbstmord zu begehen. Tojo
wurde sofort ins Krankenhaus gebracht und von einem
amerikanischen .rzteteam behandelt. Als er genesen war,
stellten sie ihn vor Gericht und h.ngten ihn anschlie.end
auf. Eine schreckliche Art zu sterben. Der Tod ist immerhin
ein wichtiger Augenblick im Leben eines Menschen. Seine
Geburt kann man sich nicht aussuchen, seinen Tod schon..
Aomame biss sich auf die Lippen.
.Das Sicherste ist, sich den Lauf in den Mund zu stecken
und von unten das Gehirn wegzupusten. So –.
Tamaru nahm Aomame die Pistole aus der Hand und
demonstrierte es ihr. Sie wusste zwar, dass die Waffe
gesichert war; dennoch schnürte der Anblick ihr die Kehle
zu. Das Atmen fiel ihr schwer.
.Allerdings gibt es auch hier keine hundertprozentige
Garantie. Ich kenne einen Mann, der einen solchen Versuch
überlebt hat und nun ein sehr trauriges Dasein führt. Wir
waren zusammen bei den Streitkr.ften. Er hatte sich den
Lauf eines Gewehrs in den Mund gesteckt, einen L.ffel am
Abzug befestigt und mit dem gro.en Zeh abgedrückt. Doch
wahrscheinlich geriet der Lauf ins Wackeln. Er blieb am
Leben und vegetiert nun schon seit zehn Jahren dahin. Es
ist gar nicht so einfach für einen Menschen, sein Leben zu
beenden. Im Film sehen Selbstmorde immer so kurz und
schmerzlos aus. Die Leute fallen um und sind tot. Aber in
der Realit.t ist das etwas anderes. Wenn es nicht klappt,
liegst du da und machst zehn Jahre lang ins Bett..
Aomame nickte wortlos.
Tamaru nahm das Magazin und die Munition aus der
Waffe und packte sie in separate Plastikbeutel. Dann
reichte er Aomame erst die Waffe und dann die Munition.
.Sie ist nicht geladen..
Aomame nickte.
Tamaru fuhr fort. .Ich will dich nicht belehren, aber ich
finde es klüger, ans überleben zu denken. Und
realistischer. Das ist mein Rat..
.Danke., sagte Aomame mit rauer Stimme. Sie wickelte
die HK 4 in einen Schal und packte sie tief in ihre
Umh.ngetasche. Die Tüte mit der Munition steckte sie in
ein Seitenfach. Die Tasche war nun etwa fünfhundert
Gramm schwerer, aber an ihrem Umfang hatte sich nichts
ver.ndert. Es war wirklich eine kleine Pistole.
.Amateuren sollte man so etwas nicht in die Hand
geben., sagte Tamaru. .Meiner Erfahrung nach kommt
dabei nichts Gutes heraus. Aber du wirst schon richtig
damit umgehen. Denn in einer Hinsicht sind wir uns
.hnlich, du und ich. Auch du kannst, wenn es n.tig ist,
Regeln über dein eigenes Ich stellen..
.Vielleicht, weil ich eigentlich gar kein Ich habe..
Dazu .u.erte Tamaru sich nicht.
.Du warst also bei den Streitkr.ften?., fragte Aomame.
.Ja, in einer der berüchtigtsten Einheiten. In der sie dich
Ratten, Schlangen und Heuschrecken fressen lassen. Man
hat keine andere Wahl, aber schmecken tun sie nicht..
.Was hast du sonst noch gemacht?.
.Alles M.gliche. Sicherheitsdienste, haupts.chlich
Bodyguard. Oder sagen wir pers.nlicher Leibw.chter, das
trifft es vielleicht besser. Teamarbeit liegt mir nicht, also
habe ich mich immer auf Alleing.nge beschr.nkt.
Vorübergehend war ich auch mal zu einem Abstecher in die
Unterwelt gezwungen. Da habe ich eine Menge gesehen.
Dinge, die ein normaler Mensch im seinem ganzen Leben
nicht zu Gesicht bekommt. Aber in etwas richtig
Schlimmes bin ich nie hineingeraten. Habe immer
aufgepasst, dass ich nicht vom rechten Weg abkomme.
Denn ich bin ein sehr vorsichtiger Mensch und m.chte
nicht als Yakuza gelten. Mein Lebenslauf ist, wie gesagt,
v.llig clean. Am Ende bin ich hier gelandet.. Tamaru
deutete mit dem Finger auf den Boden vor sich. .Seither
führe ich ein ruhiges und gesichertes Leben. Mehr strebe
ich nicht an, aber das, was ich hier habe, will ich auf keinen
Fall verlieren. Denn eine Stelle zu finden, die mir gef.llt, ist
nicht leicht..
.Das glaube ich dir., sagte Aomame. .Aber soll ich dir
wirklich nichts bezahlen?.
Tamaru schüttelte den Kopf. .Geld brauche ich nicht.
Geben und Nehmen, das ist es, was die Welt am Laufen
h.lt. Nicht Geld. Das Nehmen f.llt mir schwer, also gebe
ich, wenn es sich machen l.sst..
.Danke., sagte Aomame.
.Solltest du zuf.llig von der Polizei nach der Herkunft der