Waffe gefragt werden, m.chte ich nicht, dass du meinen
Namen nennst. Selbstverst.ndlich würde ich alles
abstreiten. Sie k.nnten es nicht einmal aus mir
herausprügeln. Madame darf auf keinen Fall in irgendetwas
hineingezogen werden, sonst verliere ich meinen Job..
.Natürlich würde ich deinen Namen niemals verraten..
Tamaru zog einen gefalteten Notizzettel aus der Tasche
und reichte ihn Aomame. Der Name eines Mannes stand
darauf.
.Du hast die Pistole und sieben Schuss Munition am 4.
Juli von diesem Mann in einem Café namens Renoir am
Bahnhof Sendagaya bekommen und ihm
fünfhunderttausend Yen in bar dafür bezahlt. Sollte dieser
Mann von der Polizei zu diesem Umstand befragt werden,
wird er alles zugeben. Und für ein paar Jahre ins Gef.ngnis
wandern. Du brauchst gar nicht weiter ins Detail zu gehen.
Solange die Herkunft der Waffe sich zurückverfolgen l.sst,
kann die Polizei ihr Gesicht wahren. Allerdings wirst du
vermutlich ebenfalls eine Strafe wegen Versto. gegen das
Waffengesetz erhalten..
Aomame merkte sich den Namen auf dem Zettel und gab
ihn Tamaru zurück. Er zerriss ihn in winzige Fetzen, die er
in den Papierkorb warf.
.Ich bin wie gesagt ein .u.erst vorsichtiger Mensch. Es
kommt sehr selten vor, dass ich jemandem vertraue, aber
selbst dann verlasse ich mich nicht v.llig auf ihn. Freien
Lauf lasse ich den Dingen nie. Am liebsten w.re es mir,
wenn die Pistole unbenutzt zu mir zurückkehrt. Und
niemand in Schwierigkeiten kommt. Niemand get.tet oder
verletzt wird oder in den Knast wandert..
Aomame nickte. .Die Ausnahme von Tschechows
literarischer Regel..
.Genau. Tschechow war ein ausgezeichneter
Schriftsteller. Aber seine Perspektive ist natürlich nicht die
einzige. Nicht jede Waffe, die in einer Geschichte
vorkommt, muss auch abgefeuert werden., sagte Tamaru.
Er runzelte leicht die Stirn, als sei ihm pl.tzlich etwas
eingefallen. .Ah, fast h.tte ich etwas Wichtiges vergessen.
Ich muss dir einen Pager geben..
Er nahm ein kleines Ger.t aus der Schublade und legte es
auf den Schreibtisch. Es hatte einen Metallclip, mit dem
man es am Gürtel befestigen konnte. Tamaru hob den
Telefonh.rer ab und tippte eine dreistellige Kurzwahl ein.
Nach dreimaligem Rufzeichen reagierte der Pager und gab
ein paar elektronische T.ne von sich. Nachdem Tamaru ihn
auf h.chste Lautst.rke gestellt hatte, drückte er einen
Knopf, und die T.ne verstummten. Aufmerksam
vergewisserte er sich, dass die Telefonnummer des Senders
auf dem Display angezeigt wurde, und reichte Aomame das
Ger.t.
.Trage ihn bitte m.glichst immer am K.rper., sagte er.
.Oder entferne dich zumindest nicht allzu weit davon.
Wenn er sich meldet, habe ich eine Nachricht für dich. Eine
wichtige Nachricht. Ich piepse dich nicht an, um dir
jahreszeitliche Grü.e oder so was zu übermitteln. Du rufst
dann sofort die angezeigte Nummer an. M.glichst von
einem .ffentlichen Fernsprecher aus. Und noch eins. Falls
du irgendwelches Gep.ck hast, deponierst du es am besten
in einem Schlie.fach am Bahnhof Shinjuku..
.Bahnhof Shinjuku., wiederholte Aomame.
.Dass du dich auf das N.tigste beschr.nken solltest,
brauche ich dir ja nicht zu sagen..
.Ist klar., sagte sie.
Zu Hause angekommen, zog Aomame sorgf.ltig die
Vorh.nge zu und nahm die Heckler & Koch samt Munition
aus ihrer Umh.ngetasche. Dann setzte sie sich an den
Küchentisch und übte mehrmals, das leere Magazin
herauszunehmen und wieder hineinzuschieben. Mit jedem
Mal ging es schneller. Ihre Bewegungen wurden
rhythmisch, und auch ihre H.nde zitterten nicht mehr. Am
Ende legte sie die Waffe, die sie in ein altes T-Shirt
gewickelt hatte, in einen Schuhkarton und stellte ihn in
den Schrank. Die Plastiktüte mit der Munition versteckte
sie in einer Tasche ihres Regenmantels, der auf einem Bügel
hing. Sie hatte auf einmal gro.en Durst und trank drei
Gl.ser von dem Mugicha, dem Gerstentee, den sie im
Kühlschrank hatte. Ihre Nackenmuskeln waren von der
Anspannung ganz steif, und sie roch nach Schwei. unter
den Achseln, was bei ihr so gut wie nie vorkam. Allein
durch das Bewusstsein, eine Waffe zu besitzen, hatte sich
ihre Weltsicht ver.ndert. Ihre Umgebung hatte eine
ungewohnte, sonderbare Atmosph.re angenommen.
Sie zog sich aus und spülte den unangenehmen
Schwei.geruch mit einer hei.en Dusche fort.
Nicht jede Waffe muss abgefeuert werden, sagte Aomame
zu sich selbst, w.hrend sie unter der Dusche stand. Eine
Pistole ist nicht mehr als ein Werkzeug. Au.erdem lebe ich
nicht in einer fiktiven Welt. Meine Welt ist die Realit.t mit
ihren offenen Enden, Widersprüchen und Entt.uschungen.
Zwei Wochen verstrichen, ohne dass etwas geschah.
Aomame ging wie üblich in das Sportstudio und gab Kurse
in Kampfsport und Stretching, denn sie durfte ihre
Lebensgewohnheiten ja nicht .ndern. Sie hielt sich
m.glichst exakt an das, was die alte Dame ihr geraten
hatte. Jeden Abend zog sie nach ihrer einsamen Mahlzeit
die Vorh.nge sorgf.ltig zu und übte am Küchentisch den
Umgang mit der HK 4. Immer wieder.
Das Gewicht der Waffe, ihre metallische H.rte, der
Geruch nach Schmier.l, die ihr innewohnende
Zerst.rungskraft und Ruhe wurden nach und nach zu
einem Teil von ihr.
Mitunter verband sie sich sogar mit einem Schal die
Augen. Blind schob sie das Magazin ein, entsicherte und
zog den Schlitten zurück. Inzwischen empfand sie das
rhythmische Klacken, das jede ihrer Bewegungen
hervorrief, als angenehm. Im Dunkeln wurden die
Ger.usche, die die Waffe in ihrer Hand physisch erzeugte,
und deren Wahrnehmung durch ihr Geh.r bald eins. Die
Grenzen zwischen ihr selbst und dem, was sie tat,
verschwammen immer mehr, bis sie sich schlie.lich ganz
aufl.sten.
Einmal am Tag stellte sie sich vor den Spiegel im
Badezimmer und steckte sich die geladene Pistole in den
Mund. W.hrend sie die H.rte des Metalls an ihren Z.hnen
spürte, stellte sie sich vor, abzudrücken. Eine geringfügige
Bewegung würde genügen, um ihr Leben zu beenden. Im
n.chsten Augenblick w.re sie aus dieser Welt
verschwunden. Doch dabei hatte sie mehrere Punkte zu
beachten. Sie z.hlte sie sich einzeln vor dem Spiegel auf.
Ihre H.nde durften nicht zittern. Sie musste den Rücksto.
abfangen. Durfte keine Angst haben. Und vor allem nicht
z.gern.
Wenn ich wollte, dachte Aomame, k.nnte ich es sogar
jetzt tun. Ich müsste meinen Finger nur einen Zentimeter
zurückziehen. Es w.re ganz einfach. Soll ich? W.re das so
schlimm? Aber dann überlegte sie es sich anders, nahm die
Pistole aus dem Mund, entspannte den Schlaghahn,
sicherte die Waffe und legte sie auf die Ablage am
Waschbecken. Zwischen Zahnpasta und Haarbürste. Nein,
es war noch zu früh. Vorher hatte sie noch etwas zu
erledigen.
Wie Tamaru ihr geraten hatte, trug sie den Pager stets an
der Hüfte. Nachts legte sie ihn neben ihren Wecker, damit
sie jederzeit reagieren konnte. Aber er piepste nicht. Bereits
eine Woche war vergangen.
Die Pistole im Schuhkarton, die sieben Patronen in der
Tasche ihres Regenmantels, der schweigende Pager, ihr
Eispick, seine t.dliche, fein geschliffene Spitze, ihre
pers.nlichen Dinge in der Reisetasche. Das neue Gesicht
und das neue Leben, die sie erhalten sollte. Das Bündel
Bargeld in dem Schlie.fach am Bahnhof Shinjuku. Das
waren die Dinge, die in diesen Tagen des Hochsommers
Aomames Leben bestimmten. Wie immer um diese Zeit
war ein gro.er Teil der Einwohner in die Sommerferien
gefahren, viele Gesch.fte blieben zu, und die Stra.en waren
leer. Es herrschte weniger Verkehr, und es ging überall in
der Stadt geruhsamer zu. Mitunter verlor Aomame ganz
aus dem Blick, wo sie war. Ist das hier wirklich die
Realit.t?, fragte sie sich dann. Aber wo sonst h.tte sie die
Realit.t suchen sollen? Also blieb ihr nichts anderes übrig,
als diesen Zustand vorl.ufig als real zu akzeptieren und so
gut es eben ging damit zurechtzukommen.
Ich habe keine Angst zu sterben, versicherte Aomame
sich immer wieder. Angst hat man nur davor, von der
Realit.t überrascht zu werden. Hinter ihr zurückzubleiben,
sie nicht kontrollieren zu k.nnen.
Alle Vorbereitungen waren getroffen. Alles war geregelt,
auch ihre Gefühle hatte sie im Griff. Sobald Tamaru sich
meldete, konnte sie die Wohnung verlassen. Aber er
meldete sich nicht. Laut Kalender ging der August zu Ende.
Bald würde auch der Sommer vergehen und damit das
Zirpen der Zikaden schw.cher werden. Warum war der
Monat so schnell verstrichen, wo ihr doch jeder Tag so
schrecklich lang erschien?
Als Aomame aus dem Sportstudio zurückkam, entledigte
sie sich ihrer verschwitzten Kleidung, warf sie in den
W.schekorb und lief in Tanktop und Shorts durch die
Wohnung. Am Nachmittag hatte es einen starken
Wolkenbruch gegeben. Der Himmel war schwarz,
Hagelk.rner so gro. wie Kieselsteine prasselten auf den
Asphalt, und es donnerte. Danach war die ganze Stadt
durch die in der sengenden Sonne verdampfenden Pfützen
in warmen Dunst gehüllt. Gegen Abend zogen erneut
Wolken auf und bedeckten den Himmel mit einem dichten
Schleier. Kein Mond war zu sehen.
Aomame beschloss, sich noch etwas bei einem Becher
kaltem Mugicha zu entspannen, ehe sie sich an die
Zubereitung ihres Abendessens machte. Sie breitete die
Abendzeitung auf dem Küchentisch aus und verzehrte als
Vorspeise ein paar gekochte grüne Sojabohnen. Sie überflog
die Artikel auf den ersten Seiten und bl.tterte weiter, ohne
auf etwas zu sto.en, das sie interessierte. Typische
Abendnachrichten. Doch als sie die Gesellschaftsseiten
aufschlug, sprang ihr ein Foto ins Auge. Ayumi! Aomame
schluckte und verzog das Gesicht.
Das kann doch nicht sein, war ihr erster Gedanke. Es
musste sich um eine Verwechslung handeln. Die Person auf
dem Foto sah Ayumi sicher nur .hnlich. Warum sollte
etwas über Ayumi in der Zeitung stehen, noch dazu mit
Foto? Doch auch auf den zweiten und dritten Blick war und
blieb es das vertraute Gesicht der jungen Polizistin.
Gef.hrtin ihrer bescheidenen sexuellen Eskapaden. Ayumi
l.chelte auf dem Foto. Aber es war ein steifes, künstliches
L.cheln. Die echte Ayumi l.chelte viel natürlicher und
offener. Wahrscheinlich hatte man das Foto aus
irgendeinem offiziellen Anlass aufgenommen. Seine
Starrheit hatte etwas Beunruhigendes.
Aomame h.tte es vorgezogen, den Artikel nicht zu lesen.
Aber das konnte sie sich nicht erlauben. Es ging um die
Realit.t. Und der Realit.t konnte sie nicht entkommen.
Nach einem tiefen Seufzer begann sie zu lesen.
Es ging tats.chlich um Ayumi Nakano, 26 Jahre alt,
wohnhaft in Tokio im Stadtteil Shinjuku.
Sie war in einem Hotelzimmer in Shibuya mit der Schnur
eines Bademantels erdrosselt worden. Sie war nackt, und
beide H.nde waren mit Handschellen an das Kopfteil des
Bettes gefesselt gewesen. Um sie am Schreien zu hindern,
hatte man ihr ein Kleidungsstück in den Mund gestopft.
Eine Angestellte des Hotels, die am Morgen ins Zimmer
kam, hatte die Leiche entdeckt. Am Vorabend gegen elf
Uhr hatten Ayumi und ein unbekannter Mann in das
Hotelzimmer eingecheckt. Der Mann hatte das Hotel in
den Morgenstunden allein wieder verlassen. Der
Zimmerpreis war im Voraus bezahlt worden. Solche Dinge
kamen in einer Gro.stadt nicht selten vor. Durch das
Aufeinandertreffen verschiedenster Menschen entstand
mitunter eine fiebrige Hitze, die sich in Form von Gewalt
entlud. Die Zeitungen waren voll von solchen Ereignissen.
Allerdings waren einige Aspekte in diesem speziellen Fall
sehr au.ergew.hnlich. Das Opfer war Polizistin, und die
Handschellen, die sie bei ihren Sexspielen verwendet hatte,
waren offizielles Staatseigentum. Kein billiges Spielzeug,
wie es in Pornol.den verkauft wurde. Allein deshalb erregte
der Fall Aufsehen.
KAPITEL 4
Tengo
Vielleicht sollte ich mir das gar nicht wünschen
Wo Aomame jetzt wohl gerade war und was sie tat? Ob
sie noch immer Anh.ngerin der Zeugen Jehovas war?
Besser w.re es, wenn nicht, dachte Tengo. Natürlich
stand es jedem frei, einen Glauben zu haben. Es war nichts,
in das Tengo ihr hineinreden durfte. Aber soweit er sich
erinnerte, hatte es ihr als M.dchen nicht gerade gro.es
Vergnügen bereitet, Zeugin Jehovas zu sein.
Als Student hatte er einmal im Lager eines
Spirituosenh.ndlers gejobbt. Die Bezahlung war nicht
schlecht gewesen, aber er hatte ziemlich schwer schleppen
müssen. Wenn er den ganzen Tag dort geschuftet hatte, tat
ihm alles weh, und das, obwohl er kr.ftig gebaut war.
Manchmal arbeiteten dort auch zwei junge M.nner in
seinem Alter, die als Zeugen Jehovas aufgewachsen waren.
Beide waren wohlerzogen und sympathisch. Sie arbeiteten
stets gewissenhaft, drückten sich nicht vor der Arbeit und
beklagten sich nie. Einmal waren sie nach Feierabend
zusammen ein Bier trinken gegangen. Die beiden kannten
sich seit ihrer Kindheit und waren aus irgendwelchen
Gründen gemeinsam aus der Sekte ausgetreten, um endlich
ein normales Leben zu führen. Aber soweit Tengo sehen
konnte, hatten sie sich bisher noch nicht an die neuen
Umst.nde gew.hnen k.nnen. Von Geburt an in den engen
Grenzen einer abgeschlossenen Gemeinschaft
aufgewachsen, fiel es ihnen schwer, die Regeln eines
ausgedehnteren Umfelds zu verstehen und zu akzeptieren.
Oftmals waren sie verunsichert und trauten ihrem eigenen
Urteil nicht. Ihr Austritt aus der Sekte hatte ihnen zwar ein
Gefühl von Freiheit geschenkt, doch zugleich konnten sie
ihre Zweifel an der Richtigkeit ihrer Entscheidung nie ganz
ablegen.
Tengo konnte sich eines gewissen Mitgefühls nicht
erwehren. Vielleicht h.tten die beiden eine bessere Chance
gehabt, sich anzupassen, wenn sie ihre frühere Umgebung
schon als Kinder verlassen h.tten, ehe sich ein deutliches
Ego herausgebildet hatte. Aber diese Chance war vertan,
und nun beherrschten die Gebote und Wertvorstellungen
der Zeugen Jehovas noch immer ihr Leben. Seine