Lebensgewohnheiten und sein Bewusstsein aus eigener
Kraft zu .ndern forderte einen nicht geringen Preis. Die
Unterhaltung mit den beiden hatte Tengo an seine
Klassenkameradin von damals erinnert. Und er hoffte, dass
diese Leiden ihr erspart geblieben waren.
Nachdem das M.dchen endlich seine Hand losgelassen
und das Klassenzimmer schnurstracks und ohne sich
einmal umzudrehen verlassen hatte, blieb Tengo eine Zeit
lang wie vom Donner gerührt an derselben Stelle stehen.
Sie hatte mit solcher Kraft zugedrückt, dass er es noch
immer deutlich an seiner linken Hand spürte. Dieses
Gefühl verschwand mehrere Tage nicht. Und auch als es
mit der Zeit seine Unmittelbarkeit verlor, blieb der Druck
ihrer Finger wie eine Art Stempel in seinem Herzen zurück.
Bald darauf hatte er seine erste Ejakulation. Aus der
Spitze seines aufgerichteten Penis kam Flüssigkeit. Sie war
klebriger als Urin. Und er verspürte ein leicht
schmerzhaftes Pochen. Tengo wusste damals noch nicht,
dass es sich um Samenflüssigkeit handelte. Er hatte so
etwas bisher noch nie gesehen und war ziemlich verst.rt.
Er war mitten in der Nacht mit feuchter Unterw.sche aus
einem Traum aufgewacht (was er getr.umt hatte, wusste er
nicht mehr). Offenbar geschah hier etwas Ungew.hnliches
mit seinem K.rper. Doch seinen Vater wagte er nicht um
Rat zu bitten, und seine Schulfreunde wollte er auch nicht
fragen. Er hatte fast das Gefühl, durch die Hand des
M.dchens sei etwas aus ihm hervorgezogen worden.
Danach kam es nie wieder zu einer Berührung zwischen
ihnen. Aomame hielt sich abseits wie bisher, redete mit
niemandem und sprach vor den Mahlzeiten mit klarer
Stimme das gewohnte seltsame Gebet. Selbst wenn sie
direkt an Tengo vorbeiging, verzog sie keine Miene,
benahm sich, als sei nie etwas geschehen. Sie schien Tengo
nicht einmal wahrzunehmen.
Tengo hatte jedoch begonnen, Aomame unauff.llig, aber
aufmerksam zu beobachten, sobald sich eine Gelegenheit
ergab. Bei n.herem Hinsehen wurde ihm bewusst, dass ihre
Gesichtszüge sehr ebenm..ig waren. Zumindest hatte sie
ein sehr anziehendes, sympathisches Gesicht. Sie war gro.
und schlank und trug stets verwaschene Kleidung, die ihr
nicht richtig passte. Wenn sie Turnzeug trug, sah man, dass
sie noch keinen Busen hatte. Ihre Mimik war mehr als
verhalten, nie machte sie auch nur den Mund auf, und ihr
Blick schien stets in weite Ferne gerichtet. Ihre Augen
hatten nichts Lebendiges. Das verwunderte Tengo
besonders. Wo sie doch an jenem Tag, als sie ihn direkt
angeschaut hatte, so klar und gl.nzend gewesen waren.
Seit sie seine Hand genommen hatte, wusste Tengo, dass
in diesem mageren M.dchen eine z.he Kraft steckte, die
weit über alles Durchschnittliche hinausreichte. Sie hatte
enorm fest zugedrückt, aber daran allein lag es nicht.
Geistig schien sie sogar über noch gr..ere Kraft zu
verfügen, aber sie war daran gew.hnt, diese Energie vor
den anderen Schülern zu verbergen. Auch wenn die Lehrer
sie aufriefen, sagte sie nur das Allernotwendigste (bisweilen
nicht einmal das), aber ihre Noten in den Klassenarbeiten –
sie wurden verlesen – waren nicht schlecht. Tengo
vermutete, dass sie, wenn sie gewollt h.tte, weit besser
h.tte sein k.nnen. Vielleicht stümperte sie sogar
absichtlich in den Klassenarbeiten, um keine
Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Es war denkbar, dass
ein Kind in ihrer Situation sich aus Klugheit so verhielt, um
die Verletzungsgefahr m.glichst gering zu halten: sich so
klein und unsichtbar wie m.glich machte, um den Alltag
einigerma.en unbeschadet zu überstehen.
Wie sch.n h.tte es sein k.nnen, w.re sie ein ganz
normales M.dchen gewesen, mit dem er unbekümmert
h.tte reden k.nnen. Vielleicht h.tten sie Freundschaft
geschlossen. Obwohl das für zehnj.hrige Jungen und
M.dchen ohnehin schon zu den schwierigsten Dingen auf
der Welt geh.rt. Aber irgendeine Gelegenheit zu einem
freundschaftlichen Austausch musste sich ja wohl finden
lassen. Doch leider fand sie sich nie. Aomame war eben
kein normales M.dchen. Sie blieb isoliert, mied die
anderen Schüler und wahrte hartn.ckig ihr Schweigen. Also
beschloss Tengo, lieber heimlich in seiner Phantasie und in
seiner Erinnerung mit ihr zusammen zu sein, statt
vergeblich eine echte Beziehung zu dem M.dchen
erzwingen zu wollen.
Mit zehn Jahren hatte Tengo noch keine konkrete
Vorstellung von Sexualit.t. Seine Sehnsucht nach Aomame
bestand in dem Wunsch, sie würde noch einmal seine
Hand nehmen. Dass sie beide allein w.ren und sie sie fest
drücken würde. Und dass sie ihm etwas, ganz egal was, von
sich erz.hlen würde. Ihm mit leiser Stimme die
Geheimnisse eines zehnj.hrigen M.dchens anvertrauen.
Und er würde sich bemühen, sie zu verstehen. Vielleicht
w.re das ein Anfang. Aber davon, was dieses Etwas sein
k.nnte, hatte Tengo noch keine Ahnung.
Als im April das fünfte Schuljahr begann, wurden Tengo
und das M.dchen auf verschiedene Klassen verteilt. Sie
gingen hin und wieder auf dem Schulkorridor aneinander
vorbei oder standen zusammen an der Bushaltestelle. Doch
das M.dchen schien Tengos Existenz nicht einmal
wahrzunehmen. Zumindest glaubte er das. Ohne die
kleinste Regung zu zeigen, stand sie neben ihm. Schaute
ihn nicht ein einziges Mal an. Ihre Augen waren
unver.ndert glanzlos und ohne Tiefe. Tengo fragte sich,
was damals im Klassenzimmer passiert war. Manchmal war
ihm, als habe er das Ganze nur getr.umt. Als sei es gar
nicht wirklich geschehen. Andererseits spürte er noch
immer lebhaft diesen au.ergew.hnlich starken Druck an
seiner Hand. Die Welt war voller R.tsel.
Und ehe Tengo sich’s versah, war Aomame fort. Sie hatte
die Schule gewechselt, aber Genaueres war nicht bekannt.
Niemand wusste, wohin sie gezogen war, und Tengo war
wahrscheinlich der Einzige an der ganzen Schule, den ihr
Verschwinden berührte.
Noch lange danach bereute Tengo sein Verhalten.
Genauer gesagt, er bereute seinen Mangel an Verhalten.
Ihm fielen Dinge ein, die er ihr unbedingt h.tte sagen
sollen. Innerlich war ihm ganz klar, dass er mit ihr
sprechen wollte, sprechen musste. Im Nachhinein erschien
es ihm auch gar nicht so schwierig. Er h.tte sie doch
eigentlich nur irgendwo abzupassen und etwas zu ihr zu
sagen brauchen. Er h.tte nur irgendeine Gelegenheit finden
und ein bisschen Mut aufbringen müssen. Aber er hatte es
nicht geschafft. Und die Gelegenheit für immer verpasst.
Auch in der Mittelstufe, in der Tengo eine staatliche
Schule besuchte, war er in Gedanken noch oft bei Aomame.
Er hatte nun regelm..ig Erektionen und dachte auch
h.ufig an sie, wenn er masturbierte. Dabei benutzte er stets
die linke Hand, an der er noch immer den Druck ihrer
Finger spürte. In seiner Erinnerung war Aomame ein
dünnes M.dchen, das noch keinen Busen hatte. Dennoch
erregte es ihn, wenn er sie in ihrem Turnzeug vor sich sah.
Auf der Oberschule verabredete er sich hin und wieder
mit gleichaltrigen M.dchen, deren junge Brüste sich
deutlich unter der Kleidung abzeichneten. Dieser Anblick
raubte Tengo fast den Atem. Dennoch bewegte er vor dem
Einschlafen noch immer seine linke Hand in Gedanken an
Aomames flache Brust, die nicht einmal den Anflug einer
W.lbung hatte. Und fühlte sich dabei zutiefst schuldig. Er
war überzeugt, dass mit ihm etwas nicht stimmte und er
etwas Abartiges an sich hatte.
Doch als er auf die Universit.t kam, dachte er nicht mehr
so h.ufig an Aomame wie früher. Der Hauptgrund dafür
war, dass er echte junge Frauen kennenlernte und richtigen
Geschlechtsverkehr mit ihnen hatte. K.rperlich war er
inzwischen ein erwachsener Mann, und das Bild des
dünnen zehnj.hrigen M.dchens in Turnzeug war als
Objekt seiner Begierde in einige Distanz gerückt.
Dennoch versetzte nie wieder ein M.dchen Tengos
Inneres so in Aufruhr wie Aomame, als sie damals im
Klassenzimmer ihrer Grundschule seine Hand drückte.
Keine einzige der Frauen, die er an der Universit.t oder
danach kennenlernte, hatte seinem Herzen ein so
nachhaltiges und deutliches Siegel aufgedrückt wie dieses
M.dchen. Er konnte partout keine finden, die er wirklich
begehrte. Dabei waren einige seiner Freundinnen sch.ne
und auch warmherzige Frauen. Manche liebten ihn sogar
wirklich. Aber letzten Endes kamen und gingen sie wie
bunte V.gel, die sich auf einem Ast niederlie.en und bald
wieder davonflogen. Sie vermochten Tengo nicht zu geben,
was er sich wünschte, und auch er konnte ihnen nicht
bieten, was sie sich ersehnten.
Auch jetzt noch, mit drei.ig Jahren, überraschte ihn
bisweilen die Erkenntnis, dass in Momenten der
Geistesabwesenheit spontan die Gestalt der zehnj.hrigen
Aomame vor ihm auftauchte. Aomame, wie sie damals nach
dem Unterricht seine Hand gedrückt und mit ihren klaren
Augen geradewegs in die seinen geschaut hatte. Oder er
sah ihren mageren K.rper in Turnzeug vor sich. Oder sah
sie sonntags hinter ihrer Mutter her durch die
Einkaufsstra.e von Shinagawa huschen. Stets waren ihre
Lippen fest aufeinandergepresst und ihr Blick in
unbestimmte Ferne gerichtet.
Anscheinend komme ich überhaupt nicht von diesem
M.dchen los, dachte Tengo dann. Und bereute es noch
immer, sie auf dem Schulkorridor nicht angesprochen zu
haben. W.re er nicht so ein Feigling gewesen, w.re sein
Leben vielleicht ganz anders verlaufen.
Dass er in diesem speziellen Moment an sie dachte, kam
daher, dass er im Supermarkt Edamame kaufte. Als er sich
für die grünen Sojabohnen entschied, musste er
unwillkürlich an Aomame denken. Mit den Edamame in
der Hand blieb er, in seinen Tagtraum versunken, vor dem
Regal stehen. Wie lange, wusste er nicht. .Verzeihen Sie..
Eine Frauenstimme brachte ihn wieder zu sich. Er hatte in
seiner vollen Gr..e und Breite das Edamame-Regal
blockiert.
Tengo schreckte auf, entschuldigte sich, legte die
Sojabohnen zu seinen anderen Eink.ufen – Shrimps, Milch,
Tofu und Salat – in den Korb und ging zur Kasse, wo er sich
zusammen mit den Hausfrauen aus der Nachbarschaft
anstellte und wartete, bis er an der Reihe war. Es machte
ihm nichts aus, dass gerade das schlimmste
Feierabendgedr.nge herrschte und sich, weil die
Kassiererin noch neu und ungeschickt war, eine lange
Schlange gebildet hatte.
Ob er Aomame gleich erkennen würde, wenn sie in dieser
Schlange stünde? Schwer zu sagen. Immerhin hatten sie
sich zwanzig Jahre nicht gesehen. Damit war die
M.glichkeit, dass sie einander wiedererkannten, eigentlich
ziemlich gering. Würde er es wagen, eine Passantin einfach
so anzusprechen, wenn er sie für Aomame hielt? Auch
davon war er nicht überzeugt. Wom.glich würde er
beklommen weitergehen, ohne etwas zu unternehmen. Um
es danach wieder zutiefst zu bereuen und sich zu fragen,
warum er es wieder nicht geschafft hatte, sie anzusprechen.
.Was dir fehlt, mein lieber Tengo, ist Ehrgeiz und
Entschlossenheit., sagte Komatsu immer, und sicher hatte
er recht damit. Ist ja auch egal, dachte Tengo und gab
sofort auf, sobald er sich überfordert fühlte. Das lag eben in
seinem Charakter.
Falls sie sich aber zuf.llig irgendwo begegneten und das
Schicksal wollte es, dass sie einander erkannten, würde er
Aomame alles offen und ehrlich anvertrauen. Sie würden in
ein Café in der N.he gehen (sofern sie Zeit h.tte und seine
Einladung annehmen würde), einander gegenübersitzen
und etwas trinken.
Tengo h.tte Aomame so vieles zu erz.hlen gehabt. .Ich
wei. noch genau, wie du damals in unserem
Klassenzimmer meine Hand gedrückt hast. Danach h.tte
ich mich so gern mit dir angefreundet. Und dich besser
kennengelernt. Aber ich konnte einfach nichts tun. Dafür
gab es alle m.glichen Gründe, aber das gr..te Problem war
meine Schüchternheit. Ich habe das immer bereut. Ich
bereue es heute noch. So oft habe ich an dich gedacht..
Natürlich würde er nicht sagen, dass er beim Masturbieren
an sie gedacht hatte. Das w.re ihm dann doch allzu offen
und ehrlich gewesen.
Aber vielleicht sollte ich mir das gar nicht wünschen,
dachte Tengo. Vielleicht w.re es besser, sich nicht
wiederzusehen. Wom.glich würde er eine Entt.uschung
erleben. Und aus Aomame war eine langweilige
Büroangestellte mit abgespanntem Gesicht geworden. Oder
eine frustrierte Mutter, die mit schriller Stimme auf ihre
Kinder einschrie. Vielleicht k.nnten sie kein einziges
gemeinsames Thema finden. Diese M.glichkeit bestand
durchaus. Dann h.tte Tengo das Einzige, das ihm etwas
wert war, das Einzige, an dem ihm dauerhaft etwas lag, für
immer verloren. Dennoch war er fast sicher, dass es so
nicht sein würde. Er war überzeugt, dass die Anfechtungen
der Zeit dem entschlossenen Blick dieser Zehnj.hrigen und
ihrem willensstarken Profil nicht so leicht etwas hatten
anhaben k.nnen.
Und er? Würde er einem Vergleich standhalten?
Der Gedanke beunruhigte Tengo.
W.re im Falle eines Wiedersehens nicht vielmehr
Aomame die Entt.uschte? In der Grundschule war Tengo
ein von allen bewundertes Mathematikgenie gewesen. Er
war in fast allen F.chern der Beste, dazu k.rperlich kr.ftig
und sehr gut in Sport gewesen. Die Lehrer hatten gro.e
Stücke auf ihn gehalten und jede Menge Hoffnungen in
seine Zukunft gesetzt. Vielleicht war er in Aomames Augen
eine Art Held gewesen. Doch nun arbeitete er als Lehrer an
einer Yobiko, war nicht einmal fest angestellt. Als
gro.artige Karriere konnte man das nicht gerade
bezeichnen. Das war zwar ganz bequem, und für einen
allein reichte es allemal, aber davon, ein nützliches
Mitglied der Gesellschaft zu sein, war er ziemlich weit
entfernt. Nebenher bet.tigte er sich als Schriftsteller, doch
abgesehen von ein paar erfundenen Horoskopen für
Frauenzeitschriften war bisher noch nie etwas von ihm
gedruckt worden. Die galten zwar als gelungen, waren aber
nüchtern betrachtet nicht mehr als zusammengekritzelter
Schwindel. Er hatte keinen besten Freund, mit dem er sich