aussprechen konnte, und keine feste Freundin. Seine
einzige zwischenmenschliche Beziehung hatte er zu einer
zehn Jahre .lteren Frau, mit der er sich einmal in der
Woche traf. Und die bisher einzige Leistung, auf die er stolz
sein konnte, war seine Beteiligung am Aufstieg von Die
Puppe aus Luft zum Bestseller, aber davon durfte nichts
nach au.en dringen, und wenn er platzte.
Als Tengo mit seinen Gedanken an dieser Stelle angelangt
war, griff die Kassiererin nach seinem Korb.
Die Papiertüte mit den Eink.ufen im Arm, kehrte er in
seine Wohnung zurück. Er zog Shorts an und nahm sich
eine Dose Bier aus dem Kühlschrank, die er im Stehen
trank. W.hrenddessen setzte er einen gro.en Topf mit
Wasser auf. Bis es kochte, pflückte er die Edamame von den
St.ngeln und salzte sie auf einem Schneidebrett
gleichm..ig ein. Anschlie.end warf er sie in das kochende
Wasser.
Tengo fragte sich, warum das Bild dieses mageren
zehnj.hrigen M.dchens ihn niemals verlie.. Sie hatte
einmal nach dem Unterricht seine Hand gedrückt und
dabei kein Wort gesagt. Mehr nicht. Dennoch war ihm, als
habe Aomame damals einen Teil von ihm mit sich
genommen. Einen Teil seiner Seele oder seines K.rpers.
Und dafür einen Teil von sich in ihm zurückgelassen.
Dieser bedeutende Austausch hatte in allerkürzester Zeit
stattgefunden.
Mit dem Küchenbeil zerkleinerte Tengo eine gr..ere
Menge Ingwer, schnitt Sellerie und Champignons in
mundgerechte Stücke und hackte Koriander. Er sch.lte die
Garnelen, wusch sie unter dem Wasserhahn und reihte sie
auf Küchenkrepp ordentlich nebeneinander auf, als würde
er eine Truppe Soldaten aufmarschieren lassen. Als die
Edamame kochten, goss er sie durch ein Sieb und lie. sie
abkühlen. Nun erhitzte er eine gro.e Bratpfanne, gab helles
Sesam.l hinein, lie. es zergehen und briet den Ingwer auf
kleiner Flamme.
Wieder einmal dachte Tengo, wie wunderbar es w.re,
wenn er sich jetzt sofort mit Aomame treffen k.nnte. Es
würde ihm nichts ausmachen, wenn sie oder auch er selbst
ein wenig entt.uscht sein würden. Er h.tte einfach so gern
gewusst, wie ihr bisheriges Leben verlaufen war, wo sie
jetzt lebte, woran sie sich freute und was sie traurig machte.
Selbst wenn sie beide sich ver.ndert hatten und die
M.glichkeit einer Verbindung zwischen ihnen vielleicht
verloren war, hatte sich doch nichts daran ge.ndert, dass
sich damals vor langer, langer Zeit in jenem Klassenzimmer
dieser bedeutsame Austausch zwischen ihnen abgespielt
hatte.
Tengo gab den Sellerie und die Pilze in die Pfanne, drehte
das Gas auf h.chste Stufe und wendete alles sorgf.ltig mit
einem Bambusspatel, w.hrend er die Pfanne leicht hin und
her schwenkte und das Gemüse mit Salz und Pfeffer
bestreute. Als sie kochten, gab er die abgetropften Shrimps
hinzu. Dann salzte und pfefferte er nach. Er goss ein kleines
Glas Sake und nach Gefühl etwas Sojaso.e an. Zum Schluss
verteilte er den Koriander darüber. Alle diese Handgriffe
führte Tengo mechanisch und fast ohne nachzudenken aus.
Er agierte wie ein Flugzeug, das auf Autopilot geschaltet ist.
Au.erdem war es kein besonders kompliziertes Gericht.
Tengos H.nde bewegten sich pr.zise, aber im Geist war er
die ganze Zeit bei Aomame.
Als Garnelen und Gemüse gar waren, lud er alles auf
einen gro.en Teller. Er nahm sich ein frisches Bier aus dem
Kühlschrank, setzte sich an den Küchentisch und verzehrte
in Gedanken versunken das noch dampfende Gericht.
W.hrend der letzten Monate habe ich mich anscheinend
doch etwas ver.ndert, dachte er. Offenbar bin ich dabei,
mich geistig zu entwickeln. Mit drei.ig wird es vielleicht
auch allm.hlich Zeit. Die halb ausgetrunkene Bierdose in
der Hand, schüttelte Tengo selbstironisch den Kopf.
Gro.artig. Wie lange er bei diesem Tempo wohl brauchen
würde, bis aus ihm ein normal gereifter Erwachsener
würde?
Auf alle F.lle schien seine Arbeit an Die Puppe aus Luft
diesen inneren Reifeprozess in Gang gesetzt zu haben.
Durch das Nacherz.hlen von Fukaeris Geschichte mit
seinen Worten hatte sich Tengos Bedürfnis verst.rkt, den
Geschichten in ihm die Gestalt eigener Werke zu geben. Es
war ein neuer Antrieb in ihm entstanden, der offenbar auch
die Sehnsucht nach Aomame einschloss. Aus irgendeinem
Grund musste er st.ndig an sie denken. Bei jeder
Gelegenheit zog es ihn in das Klassenzimmer an jenem
Nachmittag vor zwanzig Jahren. Es war, als stünde er an
einem Strand und seine Fü.e würden best.ndig vom Sog
der zurückstr.menden Brandung mitgerissen.
Am Ende lie. Tengo die H.lfte seines zweiten Biers und
seines Garnelengemüses stehen. Den Rest des Biers goss er
weg, das Essen gab er auf einen kleinen Teller und stellte es
zugedeckt in den Kühlschrank.
Anschlie.end setzte er sich an den Schreibtisch, schaltete
sein Textverarbeitungsger.t ein und rief seine angefangene
Seite auf.
Tengo war überzeugt, dass es keinen gro.en Sinn h.tte,
die Vergangenheit umzuschreiben. Seine Freundin hatte
v.llig recht. Ganz gleich wie eifrig und genau man die
Vergangenheit bearbeitete, am gegenw.rtigen Zustand
seines Ichs würde man damit nichts .ndern. Die Zeit besa.
die Kraft, künstlich herbeigeführte Ver.nderungen
vollst.ndig aufzuheben. Zweifellos würde sie jede
nachtr.gliche Korrektur überschreiben und den Fluss
wieder in sein ursprüngliches Bett lenken. Selbst wenn man
ein paar Details mehr oder weniger .ndern würde, die
Person Tengo würde letzten Endes immer Tengo bleiben.
Was er tun musste, war, an der Wegkreuzung der
Gegenwart stehenzubleiben, von dort aus die
Vergangenheit genau in Augenschein zu nehmen und dann
entsprechend seiner ver.nderten Vergangenheit seine
Zukunft zu gestalten. Einen anderen Weg gab es nicht.
Bu.’ und Reu’
Knirscht das Sündenherz entzwei
Dass die Tropfen meiner Z.hren
Angenehme Spezerei
Treuer Jesu, dir geb.ren.
Diese Passage aus der Matth.us-Passion hatte Fukaeri
ihm bei ihrer letzten Begegnung vorgesungen. Das Werk
gefiel ihm. Er hatte die Platte immer wieder geh.rt und
sich die übersetzung angesehen. Die Arie über die
.Salbung in Bethanien. geh.rte zum Anfangsteil. Als Jesus
in Bethanien das Haus eines Kranken aufsuchte, goss eine
Frau kostbares duftendes Wasser auf sein Haupt. Die
anwesenden Jünger schalten sie ob der unnützen
Vergeudung. Man h.tte es doch verkaufen und den Erl.s
den Armen geben k.nnen. Aber Jesus ermahnte seine
aufgebrachten Jünger. .Sie hat ein gut Werk an mir getan.,
sagte er. .Sie hat es getan, dass man mich begraben wird..
Die Frau wusste, dass Jesus in naher Zeit sterben musste.
Deshalb konnte sie nicht anders, als das kostbare Wasser
zu vergie.en, wie sie ihre eigenen Tr.nen vergoss. Auch
Jesus wusste, dass er bald den Pfad des Todes beschreiten
würde. Und er sprach: .Wahrlich, ich sage euch: Wo dies
Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird
man auch sagen zu ihrem Ged.chtnis, was sie getan hat..
Natürlich konnten sie die Zukunft nicht .ndern.
Tengo schloss noch einmal die Augen, atmete tief ein und
reihte im Geist die Worte aneinander. Dann vertauschte er
ihre Reihenfolge, sodass das Bild klarer wurde. Auch ihren
Rhythmus pr.zisierte er.
Nachdem er seine zehn Finger in der Luft bewegt hatte
wie Vladimir Horowitz vor den achtundachtzig Tasten
einer nagelneuen Klaviatur, begann er entschlossen, die
Zeichen in das Textverarbeitungsger.t zu tippen.
Er beschrieb eine Welt, in der des Nachts am .stlichen
Himmel zwei Monde standen. Die Menschen, die dort
lebten. Und die Zeit, die dort verfloss.
.Wo dies Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt,
da wird man auch sagen zu ihrem Ged.chtnis, was sie getan
hat..
KAPITEL 5
Aomame
Der Kater als Vegetarier und die Maus
Nachdem Aomame begriffen hatte, dass Ayumi tot war,
fand in ihr ein Prozess der Anpassung statt. Zuerst kamen
die Tr.nen. Sie schlug die H.nde vors Gesicht und weinte
lautlos, mit leicht bebenden Schultern. Offenbar wollte sie
nicht, dass irgendjemand auf der Welt etwas davon
bemerkte.
Die Vorh.nge vor dem Fenster waren dicht zugezogen;
dennoch konnte man nie wissen, ob nicht doch von
irgendwoher jemand zusah. Die Zeitung auf dem
Küchentisch vor sich ausgebreitet, weinte Aomame die
ganze Nacht. Sie weinte lautlos, bis auf gelegentliche
Schluchzer, die sich einfach nicht unterdrücken lie.en.
Tr.nen liefen über ihre H.nde und tropften auf die Zeitung.
Aomame war an sich kein Mensch, der leicht in Tr.nen
ausbrach. Eher packte sie die Wut. Auf andere oder auf sich
selbst. Daher weinte sie nur selten. Doch jetzt, wo der
Damm einmal gebrochen war, gab es kein Halten mehr.
Seit Tamaki Otsukas Selbstmord hatte sie nicht mehr so
lange geweint. Wie viele Jahre war das jetzt her? Sie wusste
es nicht mehr. Jedenfalls sehr viele. Damals hatte Aomame
unaufh.rlich geweint. Tagelang. Ohne ein Wort zu
sprechen, ohne aus dem Haus zu gehen. Mitunter hatte sie
etwas getrunken, um die Feuchtigkeit nachzufüllen, die sie
durch die Tr.nen verloren hatte, oder war in einen kurzen
ohnmachts.hnlichen Schlaf gefallen. Die ganze übrige Zeit
waren ihre Tr.nen unabl.ssig geflossen.
Ayumi war nicht mehr auf der Welt. Sie war jetzt eine
kalte Leiche und wurde vielleicht gerade von der
Gerichtsmedizin obduziert. Nach der Obduktion würde
man sie wieder zusammenn.hen und nach einer schlichten
Trauerfeier ins Krematorium bringen und verbrennen. Sie
würde als Rauch in den Himmel steigen und sich mit den
Wolken vermischen. Irgendwann würde sie mit dem Regen
zur Erde fallen und irgendwo das Gras wachsen lassen.
Namenloses, nichtssagendes Gras. Nie mehr würde
Aomame sie lebend zu Gesicht bekommen. Für sie war das
eine v.llig absurde Vorstellung, die sie als widernatürlich
und schrecklich ungerecht empfand.
Seit es Tamaki Otsuka nicht mehr gab, war Ayumi die
Einzige gewesen, für die Aomame so etwas wie
freundschaftliche Gefühle gehegt hatte. Leider waren dieser
Freundschaft enge Grenzen gesetzt gewesen. Ayumi war
Polizistin und Aomame Serienm.rderin. Auch wenn sie aus
Gewissensgründen und überzeugung mordete, eine
M.rderin blieb eine M.rderin. Vor dem Gesetz war
Aomame ohne jeden Zweifel eine Verbrecherin. Sie geh.rte
auf die Seite der Gejagten und Ayumi auf die der J.ger.
Deshalb hatte Aomame, obwohl die junge Polizistin sich
eine innigere Beziehung gewünscht h.tte, sehr verschlossen
auf ihre Ann.herungsversuche reagiert. Sich auf eine
engere Freundschaft mit Ayumi einzulassen w.re zu
gef.hrlich gewesen. H.tte sie Ayumi einen Platz in ihrem
Alltag einger.umt, w.ren unweigerlich alle m.glichen
Widersprüche und Ungereimtheiten zutage getreten. Nein,
Aomame, die im Grunde ihres Herzens ein sehr ehrlicher
und direkter Mensch war, konnte keine aufrichtige
zwischenmenschliche Beziehung pflegen, in der sie
Geheimnisse vor dem anderen haben oder ihn in wichtigen
Dingen belügen musste. Eine solche Situation h.tte sie
verunsichert, und das konnte sie nicht brauchen.
Ayumi musste zumindest etwas davon geahnt haben.
Musste gespürt haben, dass Aomame ein pers.nliches
Geheimnis hatte, das sie auf keinen Fall preisgeben konnte,
und dass sie daher bewusst Distanz wahrte. Ayumi verfügte
über eine hervorragende Intuition. Hinter ihrem lockeren,
freizügigen Auftreten, das ohnehin zur H.lfte gespielt war,
verbarg sich ein empfindsamer, leicht verletzlicher
Charakter. Aomame wusste das. Vielleicht hatte Ayumi sich
durch ihre abweisende Haltung gekr.nkt und
zurückgewiesen gefühlt. Bei diesem Gedanken hatte
Aomame das Gefühl, ihr Herz werde von einem Nagel
durchbohrt.
Weil Aomame sich so verhalten hatte, war Ayumi get.tet
worden. Sie hatte in der Stadt irgendeinen Mann
kennengelernt. Sie hatten getrunken und waren in ein
Hotel gegangen. Hatten sich in einem dunklen Zimmer
eingeschlossen und ein raffiniertes Sexspiel begonnen.
Handschellen, Knebel, verbundene Augen. Aomame sah die
Szene vor sich. Der Mann zog den Gürtel des Bademantels
immer enger um den Hals der Frau, der Anblick ihrer Panik
steigerte seine Erregung, bis er schlie.lich ejakulierte. Doch
er hatte den Gürtel zu stark zugezogen und den Moment
verpasst, an dem er h.tte loslassen müssen.
Ayumi selbst musste gefürchtet haben, dass so etwas
irgendwann einmal passieren würde. Sie brauchte
regelm..ig hemmungslosen Sex. Sie hatte ein
k.rperliches – und wahrscheinlich auch ein psychisches –
Bedürfnis danach. Doch einen festen Freund wollte sie
nicht. Verbindliche zwischenmenschliche Beziehungen
erdrückten und verunsicherten sie. Deshalb hatte sie sich in
die gef.hrlichen H.nde von Zufallsbekanntschaften
begeben. In dieser Hinsicht waren sie sich .hnlich. Nur
dass Ayumi die Neigung hatte, sich viel weiter vorzuwagen.
Ayumi mochte riskante Sexpraktiken, vielleicht wünschte
sie sich sogar unbewusst, verletzt zu werden, ganz anders
als Aomame, die .u.erst vorsichtig war und nie gestattet
h.tte, dass jemand ihr Schmerzen zufügte. In einer solchen
Situation h.tte sie heftigsten Widerstand geleistet. Aber
Ayumi hatte die Neigung, sehr schnell auf alle Ansprüche
des Partners, ganz gleich welche, einzugehen. Was sie wohl
im Gegenzug erwartete? Es war eine gef.hrliche Neigung,
immerhin handelte es sich um Fremde, die ihr zuf.llig über
den Weg liefen. Man konnte nie wissen, welche Vorlieben
sie hegten und welche Begierden in ihnen lauerten.
Natürlich war Ayumi sich dieser Gefahr bewusst gewesen.
Deshalb hatte sie Aomame als besonnene Partnerin
gebraucht. Jemanden, der sie bremste und auf sie aufpasste.
Auch Aomame hatte Ayumi gebraucht. Die junge
Polizistin besa. Eigenschaften, die Aomame fehlten. Sie
hatte eine offene, heitere Pers.nlichkeit, und andere
fühlten sich in ihrer Gegenwart wohl. Sie war
liebenswürdig, verfügte über natürliche Neugier und die
F.higkeit zu kindlicher Begeisterung. Man konnte sich gut