mit ihr unterhalten, und sie hatte volle Brüste, die viele
Blicke auf sich zogen. In ihrer Gegenwart brauchte
Aomame nur ein geheimnisvolles L.cheln aufzusetzen.
Meist wurden die M.nner dann neugierig und wollten
wissen, was sich dahinter verbarg. In dieser Hinsicht waren
Aomame und Ayumi eine ideale Kombination. Eine
unschlagbare Sexmaschine.
Egal, in welcher Lage ich mich befinde, ich h.tte mich
mehr um sie kümmern sollen, dachte Aomame. Mehr auf
ihre Gefühle eingehen, sie festhalten. Das ist es, was Ayumi
sich gewünscht hat. Sie wollte bedingungslos akzeptiert
und in die Arme genommen werden. Sich – und sei es auch
nur ein einziges Mal – fallen lassen. Aber ich konnte ihr
dieses Bedürfnis nicht erfüllen. Mein Hang zum
Selbstschutz und die Angst, Tamakis Andenken zu
verraten, waren einfach zu stark.
Und so war Ayumi ohne Aomame ganz allein in die Nacht
hinausgegangen und erdrosselt worden. Mit verbundenen
Augen, die H.nde mit echten kalten Handschellen
gefesselt, den Mund mit Strümpfen oder Unterw.sche
zugestopft. Das, was Ayumi oft selbst befürchtet hatte, war
Wirklichkeit geworden. H.tte Aomame mehr
Bereitwilligkeit gezeigt, w.re sie an jenem Tag vielleicht
nicht allein in die Stadt aufgebrochen. H.tte Aomame
angerufen und sie gebeten, mitzukommen. Und sie w.ren
zu zweit gewesen, h.tten in gr..erer Sicherheit mit
irgendwelchen M.nnern geschlafen und aufeinander
aufgepasst. Doch vielleicht hatte Ayumi inzwischen
Hemmungen gegenüber Aomame empfunden. Denn
Aomame hatte sie nicht ein einziges Mal von sich aus
angerufen und gefragt, ob sie zusammen ausgehen
k.nnten.
Gegen vier Uhr morgens hielt es Aomame nicht mehr
allein in ihrer Wohnung aus. Sie zog Sandalen an und lief in
Shorts und Tanktop ziellos durch die morgengrauen
Stra.en. Jemand sprach sie an, aber sie drehte sich nicht
einmal um. Als sie Durst bekam, ging sie in einen auch
nachts ge.ffneten Supermarkt, kaufte eine gro.e Packung
Orangensaft und trank sie auf der Stelle aus. Anschlie.end
kehrte sie in ihre Wohnung zurück und weinte eine Weile.
Ich habe Ayumi so gern gehabt, dachte sie. Viel lieber, als
mir bewusst war. Warum habe ich ihr nicht erlaubt, mich
zu berühren, als sie es sich gewünscht hat?
Auch am n.chsten Tag stand in der Zeitung noch ein
Artikel mit der überschrift .Polizistin in Hotel in Shibuya
erwürgt.. Die Polizei setzte alle Hebel in Bewegung, um
den flüchtigen Mann ausfindig zu machen. Dem
Zeitungsbericht zufolge waren Ayumis Kollegen ratlos. Sie
sei eine wahre Frohnatur, bei allen beliebt,
verantwortungsbewusst, zupackend und überhaupt eine
ausgezeichnete Polizistin gewesen. Angefangen bei ihrem
Vater und ihrem .lteren Bruder seien mehrere Verwandte
von ihr bei der Polizei besch.ftigt, und der
Familienzusammenhalt sei sehr stark. Niemand k.nne
begreifen, wie es zu so etwas habe kommen k.nnen.
Keiner wei. davon, dachte Aomame. Aber ich wei.
Bescheid. Ayumi fühlte sich wie ausged.rrt. In ihr sah es
aus wie in einer Wüste an einem entlegenen Teil der Erde.
Auch wenn sie den Boden noch so stark bew.sserte, jede
Feuchtigkeit wurde sofort aufgesogen. Nicht ein Tropfen
blieb übrig. Kein Leben konnte dort Wurzeln schlagen.
Nicht einmal V.gel flogen über dieser Wüste. Allein Ayumi
wusste, was diese trockene .dnis in ihr hervorgerufen
hatte. Nein, wahrscheinlich wusste sie selbst nicht genau,
woher sie wirklich kam. Der Hauptgrund war zweifellos die
verkehrte Sexualit.t, die die M.nner in ihrem Umfeld ihr
aufgezwungen hatten. Um die t.dliche Dürre zu ertragen,
musste sie sich selbst st.ndig neu erschaffen. Doch jedes
Mal, wenn sie ein erfundenes dekoratives Selbst
abgeworfen hatte, blieb nur ein abgrundtiefes Nichts übrig,
das sie aussaugte. Und sosehr sie sich auch bemühte zu
vergessen, dieses Nichts suchte sie regelm..ig heim. An
einsamen verregneten Nachmittagen oder wenn sie aus
einem Alptraum erwachte. In solchen Momenten brauchte
sie unbedingt Sex mit irgendjemandem, egal mit wem.
Aomame nahm die HK 4 aus dem Schuhkarton, lud mit
geübten Handgriffen das Magazin, entsicherte, zog den
Schlitten zurück, bef.rderte eine Patrone in die Kammer,
spannte den Hahn, umfasste die Pistole fest mit beiden
H.nden und zielte auf einen Punkt an der Wand. Der Lauf
bewegte sich nicht. Auch ihre H.nde zitterten nicht.
Aomame hielt den Atem an und konzentrierte sich, dann
atmete sie tief aus. Sie lie. die Pistole sinken, sicherte sie
und wog sie in der Hand. Sie betrachtete den matten Glanz
der Waffe, die so etwas wie ein Teil ihres K.rpers geworden
war.
Ich muss meine Gefühle beherrschen, ermahnte sich
Aomame. Selbst wenn ich Ayumis Onkel und ihren .lteren
Bruder jetzt bestrafe, kapieren sie doch gar nicht, wofür sie
bestraft werden. Egal, was ich tue, es bringt Ayumi nicht
zurück. Es ist furchtbar, aber so etwas musste früher oder
sp.ter passieren. Sie ist langsam, aber unaufhaltsam auf
einen t.dlichen Strudel zugetrieben. Auch wenn ich
mutiger gewesen w.re und ihr mehr W.rme
entgegengebracht h.tte, h.tte es eine Grenze gegeben. H.r
auf zu weinen. Du musst dich zusammenrei.en. Den
Regeln Vorrang vor dir selbst geben, darauf kommt es an.
Wie Tamaru gesagt hat.
Eines Morgens, fünf Tage nach Ayumis Tod, meldete sich
der Pager. Aomame setzte gerade in der Küche
Kaffeewasser auf und h.rte die Nachrichten im Radio. Das
Ger.t lag auf dem Tisch. Eine unbekannte Nummer
erschien auf dem kleinen Display. Zweifellos eine Botschaft
von Tamaru. Aomame suchte ein .ffentliches Telefon in
der N.he auf und w.hlte die Nummer. Beim dritten L.uten
hob Tamaru ab.
.Bist du bereit?., fragte er.
.Natürlich., antwortete Aomame.
.Nachricht von Madame: heute Abend, 19 Uhr, Hotel
Okura, Foyer des Hauptgeb.udes. Du sollst dich auf deine
übliche Aufgabe einstellen. Es tut ihr leid, dass das so
kurzfristig kommt, aber es ging nicht anders..
.Heute Abend 19 Uhr, Hotel Okura, Foyer
Hauptgeb.ude., wiederholte Aomame mechanisch.
.Ich würde dir Glück wünschen, aber nützen würde dir
das auch nichts..
.Weil du nicht auf das Glück vertraust..
.Wie sollte ich auch, wo es mir doch noch nie begegnet
ist., sagte Tamaru.
.Du brauchst mir nichts zu wünschen. Stattdessen habe
ich eine Bitte. In meiner Wohnung steht ein Gummibaum.
Ich konnte ihn nirgends unterbringen. Würdest du dich um
ihn kümmern?.
.Mache ich..
.Danke..
.Ein Gummibaum ist immerhin einfacher als eine Katze
oder tropische Fische. Noch etwas?.
.Nein, das war’s. Was sonst noch übrig ist, kann weg..
.Wenn du fertig bist, f.hrst du zum Bahnhof Shinjuku
und rufst von dort aus wieder diese Nummer an. Dann gebe
ich dir die n.chste Anweisung..
.Wenn ich fertig bin, rufe ich vom Bahnhof Shinjuku
diese Nummer an., wiederholte Aomame.
.Dir ist klar, dass du sie dir nicht notieren darfst? Den
Pager zerst.rst du, sobald du aus dem Haus bist, und wirfst
ihn irgendwo weg..
.In Ordnung, mache ich..
.Der ganze Ablauf ist genau geplant. Du brauchst dir
keine Sorgen zu machen. Alles Folgende kannst du uns
überlassen..
.Ich mache mir keine Sorgen., sagte Aomame.
Tamaru schwieg einen Augenblick. .Darf ich dir meine
ehrliche Meinung sagen?.
.Nur zu..
.Ich will nicht behaupten, dass das, was ihr da macht,
sinnlos w.re. Das ist euer Problem, nicht meins. Aber ich
finde es gelinde gesagt ziemlich unüberlegt. Man kann so
etwas nicht abschaffen..
.Kann sein., sagte Aomame. .Aber das .ndert nichts..
.Wenn es Frühling wird, gibt es Lawinen. Das ist das
Gleiche..
.Wahrscheinlich..
.Aber ein normaler Mensch, der einigerma.en bei
Verstand ist, geht w.hrend der Schneeschmelze nicht ins
Gebirge..
.Ein normaler Mensch, der bei Verstand ist, würde von
vornherein dieses Gespr.ch nicht mit dir führen..
.Mag sein., gab Tamaru zu. .übrigens, hast du eine
Familie, die im Falle einer Lawine zu benachrichtigen ist?.
.Nein..
.Du hattest nie eine oder du hast eine und doch keine?.
.Letzteres..
.Gut., sagte Tamaru. .Frei zu sein ist das Beste. Ein
Gummibaum ist die ideale Verwandtschaft..
.Ich hatte bei Madame einen Goldfisch gesehen, und
pl.tzlich wollte ich auch einen. Ich dachte, es w.re nett,
einen zu Hause zu haben. Sie sind klein, leise und
angeblich sehr anspruchslos. Und so bin ich am n.chsten
Tag in einen Laden am Bahnhof gegangen, um einen zu
kaufen, aber als ich die Goldfische in dem Aquarium
gesehen habe, wollte ich pl.tzlich keinen mehr. Also habe
ich diesen armseligen Gummibaum gekauft, den niemand
haben wollte. Statt eines Goldfischs..
.Ich finde, du hast die richtige Wahl getroffen..
.Vielleicht werde ich niemals einen Goldfisch kaufen
k.nnen..
.Vielleicht., sagte Tamaru. .Du kannst doch wieder
einen Gummibaum nehmen..
Es herrschte ein kurzes Schweigen.
.Heute Abend 19 Uhr, Hotel Okura, Foyer
Hauptgeb.ude., vergewisserte sich Aomame noch einmal.
.Du brauchst nur dort zu sitzen und zu warten. Sie
werden dich abholen..
.Die anderen finden mich..
Tamaru r.usperte sich leicht. .Kennst du übrigens die
Geschichte von der Maus und dem Kater, der Vegetarier
ist?.
.Nein..
.M.chtest du sie h.ren?.
.Unbedingt..
.Die Maus begegnet auf dem Speicher einem gro.en
Kater. Er treibt sie in eine Ecke, aus der sie nicht
entkommen kann. .Herr Kater., sagt sie. .Ich bitte Euch,
fresst mich nicht. Ich muss zu meiner Familie zurück.
Meine hungrigen Kinder warten. Bitte, verschont mich
doch.. Der Kater sagt: .Keine Angst. So was wie dich fresse
ich nicht. Ich darf es gar nicht laut sagen, aber ich bin
Vegetarier und nehme überhaupt kein Fleisch zu mir. Du
hast Glück, dass du mich getroffen hast.. Im n.chsten
Augenblick stürzt er sich auf die Maus, packt sie mit seinen
Krallen und schl.gt ihr seine scharfen Z.hne in den Hals.
Mit letzter Kraft fragt die arme Maus den Kater: .Habt Ihr
nicht gesagt, dass Ihr Vegetarier seid und kein Fleisch esst?
Warum habt Ihr gelogen?. Der Kater leckt sich die Lippen
und sagt: .Ich habe nicht gelogen, ich esse wirklich kein
Fleisch. Ich nehme dich nur ins Maul und tausche dich
gegen einen Salat ein...
Aomame überlegte. .Und was ist die Pointe?.
.Es gibt keine Pointe. Aber als wir vorhin über das Glück
sprachen, musste ich pl.tzlich an diese Geschichte denken.
Das ist alles. Natürlich steht es dir frei, eine Pointe zu
finden..
.Eine herzerw.rmende Geschichte..
.Noch etwas. Du wirst bestimmt durchsucht, auch deine
Tasche. Diese Leute sind .u.erst misstrauisch. Daran
solltest du denken..
.Ich werde es nicht vergessen..
.Na dann., sagte Tamaru. .Ich hoffe, wir sehen uns
irgendwo wieder..
.Ja, irgendwo., wiederholte Aomame reflexartig.
Damit war das Telefonat beendet. Sie warf einen Blick auf
den H.rer, verzog leicht das Gesicht und legte ihn zurück
auf die Gabel. Nachdem sie sich die Nummer auf dem
Display des Pagers eingepr.gt hatte, vernichtete sie ihn.
Irgendwo sehen wir uns wieder, wiederholte sie bei sich.
Obwohl sie wusste, dass sie Tamaru, wenn alles vorbei war,
niemals wiedersehen würde.
Sie bl.tterte die Morgenzeitung von vorn bis hinten
durch, konnte aber keinen Artikel mehr über den Mord an
Ayumi entdecken. Anscheinend machten die Ermittlungen
keine Fortschritte. Wahrscheinlich würden die Illustrierten
den Fall bald aufgreifen und eine Sensation daraus machen.
Eine junge Polizistin hatte in einem Love-Hotel in Shibuya
ihre Handschellen bei Liebesspielen benutzt. Und war
splitternackt erwürgt worden. Dieses rei.erische Zeug
wollte Aomame wirklich nicht lesen. Seit dem Mord
verspürte sie auch nicht die geringste Lust, den Fernseher
einzuschalten. Sie h.tte es nicht ertragen, von der hohen
künstlichen Stimme einer Nachrichtensprecherin über die
n.heren Umst.nde von Ayumis Tod aufgekl.rt zu werden.
Natürlich wollte sie, dass der T.ter geschnappt wurde. Er
musste bestraft werden. Aber was half es schon, wenn man
ihn verhaftete, vor Gericht stellte und die Einzelheiten
kl.rte? Eines war sicher: Nichts von alledem würde Ayumi
wieder lebendig machen. Vermutlich würde das Urteil
sogar ziemlich milde ausfallen, weil das Gericht nicht von
Mord, sondern von fahrl.ssiger T.tung ausgehen würde.
Doch selbst wenn man den Mann zum Tode verurteilte, es
w.re keine Wiedergutmachung. Aomame faltete die
Zeitung zusammen und vergrub, die Ellbogen auf den Tisch
gestützt, ihr Gesicht in den H.nden. Und dachte an Ayumi.
Aber es kamen keine Tr.nen. Nur Wut stieg in ihr auf.
Bis sieben Uhr abends war noch viel Zeit. Aomame hatte
keinen Kurs im Sportstudio und den ganzen Tag nichts vor.
Ihre kleine Reisetasche und ihre Umh.ngetasche hatte sie
auf Tamarus Anraten l.ngst in einem Schlie.fach am
Bahnhof Shinjuku deponiert. In der Reisetasche befanden
sich ein Bündel Bargeld und Kleidung zum Wechseln für
mehrere Tage. Aomame war jeden dritten Tag zum
Bahnhof gefahren, hatte den Inhalt überprüft und neue
Münzen eingeworfen. Die Wohnung sauberzumachen, war
überflüssig, und kochen konnte sie auch nichts mehr, denn
der Kühlschrank war nahezu leer. In ihrer Wohnung gab es
abgesehen von dem Gummibaum kein Anzeichen mehr
dafür, dass sie einmal dort gewohnt hatte. Jeder pers.nliche
Hinweis auf sie war getilgt, alle Schubladen waren leer.
Morgen würde sie verschwunden sein, ohne eine Spur zu
hinterlassen.
Die Kleidungsstücke, die sie am Abend tragen würde,
lagen s.uberlich gefaltet auf dem Bett. Daneben stand ihre
blaue Sporttasche mit allen Utensilien, die sie für ihr
Stretching brauchte. Aomame ging auch sie zur Sicherheit
noch einmal durch. Ihr Trikot – Oberteil und Hose –, die
Yogamatte, ein gro.es und ein kleines Handtuch und das
zierliche Hartschalenetui mit dem feinen Eispick. Alles da.
Sie nahm ihn aus dem Etui. Nachdem sie ihn vorsichtig aus