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作者: 当前章节:15420 字 更新时间:2026-6-19 08:06

dem Korken gezogen und seine Spitze mit dem Finger

geprüft hatte, schliff sie diese sicherheitshalber mit einem

kleinen Wetzstein nach. Sie stellte sich vor, wie die Spitze

des Eispicks lautlos und wie von jener besonderen Stelle

eingesogen im Nacken des Mannes versank. Wie immer

würde alles in einem Augenblick vorbei sein. Kein Schrei,

kein Blut. Nur ein kurzer Krampf. Aomame steckte die

Spitze in den Korken und verstaute den Eispick wieder

behutsam in seinem Etui.

Dann nahm sie die in das T-Shirt gewickelte Heckler &

Koch aus dem Schuhkarton und lud mit geübten Griffen

das Magazin mit sieben 9-mm-Kugeln. Mit einem

trockenen Klacken rutschte die erste Patrone in die

Kammer. Nachdem sie die Waffe einmal ent- und wieder

gesichert hatte, wickelte sie sie in ein wei.es Taschentuch,

legte sie in einen Kunststoffbeutel und bedeckte sie mit

Unterw.sche. Von der Pistole war nichts mehr zu sehen.

Gab es sonst noch etwas, das sie erledigen musste?

Aomame fiel nichts mehr ein. Sie machte sich in der

Küche einen Kaffee, zu dem sie, am Tisch sitzend, ein

Croissant verzehrte.

Das wird wohl meine letzte Mission, dachte sie. Und

meine wichtigste und schwierigste. Wenn ich sie erfüllt

habe, brauche ich nie wieder einen Menschen zu t.ten.

Sie hatte nichts dagegen, ihre Identit.t aufzugeben. In

gewissem Sinn begrü.te sie es sogar. Sie hing weder an

ihrem Namen noch an ihrem Gesicht, und ihrer

trübsinnigen Vergangenheit weinte sie ohnehin keine

Tr.ne nach.

Ein Reset meines Lebens, dachte sie, vielleicht habe ich

mir genau das ersehnt.

Nur ungern aufgegeben h.tte sie jedoch –

seltsamerweise – ihre kümmerlichen Brüste. Von ihrem

zw.lften Lebensjahr an hatte Aomame unabl.ssig mit ihrer

Form und Gr..e gehadert. Und sich oftmals gefragt, ob ihr

Leben nicht unbeschwerter verlaufen w.re, wenn sie etwas

gr..ere Brüste gehabt h.tte. Doch nun, wo sie tats.chlich

die Gelegenheit (und sogar eine gewisse Rechtfertigung)

hatte, sie zu ver.ndern, spürte sie, dass sie das gar nicht

wollte. Ihr Busen konnte ruhig so bleiben. Er war genau

richtig.

Sie umfasste ihre Brüste durch das Tanktop. Sie fühlten

sich vertraut an, wenn auch ein bisschen wie

ungleichm..ig aufgegangener Br.tchenteig.

Seltsamerweise war die Gr..e links und rechts

unterschiedlich. Aomame zuckte mit den Schultern. Und

wenn schon, dachte sie. Dafür sind es meine.

Und was wird mir au.er meinen Brüsten bleiben?

Natürlich die Erinnerung an Tengo und daran, wie sich

seine Hand angefühlt hat. Das Beben meines Herzens. Das

brennende Verlangen, mit ihm zu schlafen. Selbst wenn er

inzwischen ein ganz anderer Mensch w.re, k.nnte nichts

und niemand die Liebe zu Tengo aus mir herausrei.en. Das

ist der gr..te Unterschied zwischen Ayumi und mir, dachte

Aomame. Es ist nicht das Nichts, das den Kern meines

Wesens ausmacht. Auch keine .dnis, der jede W.rme

fehlt. Der Kern meiner Existenz ist die Liebe. Ich liebe

diesen zehnj.hrigen Jungen namens Tengo noch immer.

Seine St.rke, seine Klugheit und seine Güte. Er ist nicht

hier. Aber ein K.rper, der nicht anwesend ist, kann nicht

verfallen, und ein nicht gegebenes Versprechen kann nicht

gebrochen werden.

Der drei.igj.hrige Tengo hat natürlich keine echte

Realit.t für sie. Er ist sozusagen nicht mehr als eine

Hypothese. Entspringt in jeder Hinsicht nur ihrer

Phantasie, in der er sich seine St.rke, Klugheit und Güte

bewahrt hat. Und über die starken Arme, die breite Brust

und das ansehnliche Geschlechtsteil eines Erwachsenen

verfügt. Er ist immer bei ihr, wenn sie es sich wünscht.

Nimmt sie fest in seine Arme, streicht ihr übers Haar und

küsst sie. Der Raum, in dem die beiden sich aufhalten, ist

stets dunkel, und Aomame kann seine Gestalt nicht sehen.

Nur sein gütiger Blick ist auch im Dunkeln für sie sichtbar.

Sie schaut in seine Augen und erkennt in ihnen die Welt,

wie er sie sieht.

Dass Aomame hin und wieder, wenn sie es nicht mehr

aushalten konnte, mit anderen M.nnern schlief, lag

vielleicht daran, dass sie das Wesen Tengos, das sie in sich

selbst herangezogen hatte, m.glichst rein erhalten wollte.

Vielleicht versuchte sie sich durch den ungehemmten

Geschlechtsverkehr mit Fremden von einem Verlangen zu

befreien, das sie gefangen hielt. Sie wollte, dass die Zeit, die

sie nach dieser Befreiung in jener stillen verborgenen Welt

allein mit Tengo verbrachte, durch nichts beeintr.chtigt

wurde. Das war wohl der Grund.

Am Nachmittag verbrachte Aomame mehrere Stunden

damit, an Tengo zu denken. Sie sah von ihrem kleinen

Balkon aus in den Himmel, lauschte dem Rauschen des

Verkehrs und nahm hin und wieder ein Blatt des

erbarmungswürdigen Gummibaums zwischen die Finger.

Keiner der Monde war zu sehen. Bis sie aufgingen, würde es

noch einige Stunden dauern. Wo ich wohl morgen um

diese Zeit sein werde?, überlegte Aomame. Sie hatte keine

Ahnung. Verglichen mit der Tatsache, dass es Tengo gab,

war das ohnehin v.llig unwichtig.

Ein letztes Mal goss Aomame ihren Gummibaum. Danach

legte sie die Sinfonietta von Janá.ek auf. Sie hatte sich

s.mtlicher Schallplatten entledigt und nur diese eine bis

zum Schluss aufgehoben. Sie lauschte mit geschlossenen

Augen. Und stellte sich vor, wie der Wind über die

b.hmischen Wiesen strich. Wie herrlich w.re es, wenn

Tengo und sie bis in unendliche Ferne über diese Wiesen

laufen k.nnten. Natürlich würden sie einander an den

H.nden halten. Nur der Wind würde wehen und das

weiche grüne Gras mit seiner Berührung lautlos zum

Schwanken bringen. Ganz deutlich spürte Aomame die

W.rme von Tengos Hand. Wie bei einem Happy End im

Film wurde die Szene langsam ausgeblendet.

Aomame rollte sich auf ihrem Bett zusammen und schlief

etwa eine halbe Stunde. Es war ein Schlaf, der ohne Tr.ume

auskam. Als sie erwachte, standen die Zeiger der Uhr auf

halb fünf. Im Kühlschrank waren noch Eier, Schinken und

Butter, und sie machte sich ein Rührei. Den Orangensaft

trank sie direkt aus dem Karton. Die Stille, die sie nach

ihrem Mittagschlaf umfing, war von eigenartiger Schwere.

Als sie das Radio einschaltete, ert.nte ein Concerto für

Holzbl.ser von Vivaldi. Die hohen Triller der Piccolofl.te

klangen wie das Zwitschern kleiner V.gel. Aomame hatte

das Gefühl, die Musik unterstreiche das Irreale ihrer realen

Umst.nde.

Nachdem sie das Geschirr wegger.umt hatte, duschte sie

und zog die schlichte Kleidung an, die sie seit einigen

Wochen für diesen Tag bereithielt. Die hellblaue

Baumwollhose und die einfache wei.e Bluse mit kurzen

.rmeln gew.hrten ihr v.llige Bewegungsfreiheit. Die Haare

k.mmte sie ordentlich nach oben und befestigte sie mit

einer Spange. Sie trug keinen Schmuck. Statt in den

W.schekorb packte sie ihre getragenen Sachen in eine

schwarze Mülltüte. Tamaru würde sich sp.ter darum

kümmern. Sie schnitt sich sorgf.ltig die N.gel, putzte sich

lange die Z.hne und reinigte ihre Ohren. Dann zupfte sie

sich die Brauen, trug etwas Creme auf ihr Gesicht auf und

betupfte sich den Nacken ganz leicht mit Eau de Cologne.

Anschlie.end musterte sie ihr Gesicht eingehend im

Spiegel und überzeugte sich, dass alles in Ordnung war. Sie

nahm ihre Nike-Sporttasche und verlie. die Wohnung.

An der Tür warf sie einen letzten Blick hinter sich.

Schlie.lich würde sie nie mehr zurückkehren. Auf einmal

erschien ihr die Wohnung ausgesprochen sch.big. Sie war

nicht mehr als ein von innen abschlie.bares Gef.ngnis. An

den W.nden hing kein einziges Bild, nicht einmal eine

Blumenvase hatte sie. Das einzige schmückende Element

war der im Preis herabgesetzte Gummibaum auf dem

Balkon, den sie anstelle des Goldfischs gekauft hatte. Sie

konnte kaum glauben, dass sie mehrere Jahre hier

verbracht hatte, ohne Unzufriedenheit oder Zweifel zu

verspüren.

.Leb wohl., sagte sie leise. Der Abschiedsgru. galt nicht

der Wohnung, sondern dem Ich, das in ihr gelebt hatte.

KAPITEL 6

Tengo

Wir haben einen sehr langen Arm

Die Lage stagnierte. Niemand meldete sich bei Tengo.

Weder von Komatsu noch von Professor Ebisuno erhielt er

irgendeine Nachricht, von Fukaeri ganz zu schweigen.

Vielleicht hatten ihn alle vergessen und waren zum Mond

geflogen. Das w.re fast zu sch.n, um wahr zu sein, dachte

Tengo. Aber so leicht würde er nicht davonkommen. Sie

waren nicht zum Mond geflogen. Sie hatten nur jede

Menge zu tun und waren st.ndig besch.ftigt, daher hatten

sie weder die Zeit noch die Güte, ihm irgendetwas

mitzuteilen.

Komatsus Rat folgend, bemühte sich Tengo, jeden Tag

Zeitung zu lesen; aber zumindest die, die er las, schrieben

nichts mehr über Fukaeri. Mit gro.em Eifer griff die Presse

stets das auf, was passiert war, reagierte aber ziemlich

passiv auf das, was folgte. Also lautete die stumme

Botschaft vermutlich: .Im Augenblick ist nichts

Gro.artiges passiert.. Was und ob das Fernsehen über

Fukaeri berichtete, konnte Tengo nicht wissen. Er hatte

keinen Fernseher.

Fast alle Illustrierten hatten die Geschichte aufgegriffen.

Nicht dass Tengo diese Artikel entgingen, denn man warb

in den Zeitungen mit rei.erischen Schlagzeilen wie: .Die

Wahrheit über das r.tselhafte Verschwinden der sch.nen

17-j.hrigen Bestsellerautorin. oder .Hat die Autorin von

Die Puppe aus Luft sich in Luft aufgel.st?. oder .Die

geheime Geschichte der verschwundenen Sch.nen.. In

mehreren dieser Anzeigen waren sogar Fotos von Fukaeri

zu sehen, die aber s.mtlich von der Pressekonferenz

stammten. Natürlich war es nicht so, dass er kein Interesse

an diesen Artikeln hatte, aber er hielt den Kauf von

Illustrierten für rausgeschmissenes Geld. Au.erdem h.tte

Komatsu sich bestimmt sofort gemeldet, falls etwas

Beunruhigendes darin gestanden h.tte. Funkstille hie.,

dass es im Augenblick keine neuen Entwicklungen gab. Es

war noch niemand darauf gekommen, dass Fukaeri einen

Ghostwriter gehabt haben k.nnte.

Nach den Schlagzeilen zu schlie.en, konzentrierte sich

das Medieninteresse momentan vor allem darauf, dass es

sich bei Fukaeris Vater um einen bekannten ehemaligen

Extremisten handelte, Fukaeri selbst fern der Gesellschaft

in einer Kommune in den Bergen von Yamanashi

aufgewachsen war und die prominente Kulturgr..e

Professor Ebisuno für sie verantwortlich war. Weitere

Themen waren das Verschwinden der geheimnisvollen

Sch.nen und ihr Buch, das noch immer auf den

Bestsellerlisten stand. All dies reichte im Augenblick aus,

um die .ffentlichkeit zu besch.ftigen.

Falls Fukaeri weiter verschwunden blieb, war es jedoch

nur eine Frage der Zeit, bis die Journalisten ihre

Nachforschungen ausdehnen würden. Sollte beispielsweise

jemand ihre ehemalige Schule aufsuchen und dort Fragen

stellen, k.me bestimmt heraus, dass sie Legasthenikerin

war. Vielleicht würden ihre Noten in Japanisch und sogar

die Aufs.tze, die sie geschrieben hatte – falls sie überhaupt

welche geschrieben hatte –, an die .ffentlichkeit gelangen.

Selbstverst.ndlich würden sich Zweifel regen: War es nicht

ungew.hnlich, dass ein M.dchen mit einer Lese- und

Schreibbehinderung so korrekt zu schreiben vermochte?

Und wenn es erst einmal so weit war, musste man kein

Genie sein, um auf die Idee zu kommen, dass ihr

.wahrscheinlich eine zweite Person geholfen. hatte.

Natürlich würde der Verdacht zuerst auf Komatsu fallen.

Denn er war der für Die Puppe aus Luft zust.ndige

Redakteur und hatte die Ver.ffentlichung betreut. Komatsu

würde v.llige Unschuld heucheln und mit eiskalter Miene

behaupten, er habe das eingereichte Manuskript lediglich,

so wie es war, an die Jury weitergegeben. Das Ausma. der

Bearbeitung entziehe sich seiner Kenntnis. Die F.higkeit zu

ungerührtem Leugnen besa.en mehr oder weniger alle

erfahrenen Redakteure und Lektoren, aber Komatsu

verstand sich besonders gut darauf. Er würde auf der Stelle

Tengo anrufen und sagen: .Tengo, mein Freund, jetzt

machen sie uns Feuer unterm Arsch.. Oder etwas

.hnliches. In einem begeisterten Ton, als h.tte er richtig

Spa. daran.

Tats.chlich hatte Tengo schon .fter das Gefühl gehabt,

dass Komatsu Probleme richtiggehend genoss. Bisweilen

glaubte er sogar, einen gewissen Zerst.rungswillen an ihm

zu erkennen. Vielleicht wünschte er sich im Grunde seines

Herzens, dass der ganze Plan aufflog und es zu einem

Riesenskandal kam, bei dem alle Beteiligten hochgingen.

Zuzutrauen war ihm das. Gleichzeitig war er jedoch genug

kühler Realist, um den Rand des Abgrunds nicht zu

überschreiten und seine irrationalen Wünsche im Zaum zu

halten.

Vielleicht hatte Komatsu auch eine Art Notfallplan, der

ihm das überleben sicherte, egal was geschah. Wie er

allerdings aus dieser Geschichte herauskommen wollte,

konnte Tengo sich nicht vorstellen. Vielleicht besa.

Komatsu einfach die F.higkeit, aus allem – ob drohender

Skandal oder Ruin – Nutzen zu ziehen. Er hatte wirklich

keine Veranlassung, über Professor Ebisuno herzuziehen,

wo er selbst so gerissen war. Doch wie dem auch sei, sollten

verd.chtige Wolken am Horizont aufziehen, würde sich

Komatsu ganz sicher bei ihm melden. Davon war Tengo

überzeugt. Bisher war er für Komatsu haupts.chlich ein

nützliches und stets funktionierendes Werkzeug gewesen,

doch inzwischen war er auch seine Achillesferse. Würde

Tengo auspacken, s..e Komatsu bestimmt in der Klemme.

Tengo hatte sich zu einem Faktor entwickelt, mit dem er

rechnen musste. Allein deshalb konnte er Komatsus Anruf

in aller Ruhe abwarten. Und solange der nicht kam, machte

ihm auch noch keiner .Feuer unterm Arsch..

Eher h.tte ihn interessiert, in welche Richtung Professor

Ebisuno agierte. Ganz unzweifelhaft hatte er etwas mit der

Polizei am Laufen. Vielleicht hatte er den Beh.rden die

M.glichkeit suggeriert, dass die Vorreiter etwas mit

Fukaeris Verschwinden zu tun h.tten. Ihr Verschwinden

war das Werkzeug, mit dem er die harte Schale der Sekte

zu knacken versuchte. Ob die Polizei in diese Richtung

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