dem Korken gezogen und seine Spitze mit dem Finger
geprüft hatte, schliff sie diese sicherheitshalber mit einem
kleinen Wetzstein nach. Sie stellte sich vor, wie die Spitze
des Eispicks lautlos und wie von jener besonderen Stelle
eingesogen im Nacken des Mannes versank. Wie immer
würde alles in einem Augenblick vorbei sein. Kein Schrei,
kein Blut. Nur ein kurzer Krampf. Aomame steckte die
Spitze in den Korken und verstaute den Eispick wieder
behutsam in seinem Etui.
Dann nahm sie die in das T-Shirt gewickelte Heckler &
Koch aus dem Schuhkarton und lud mit geübten Griffen
das Magazin mit sieben 9-mm-Kugeln. Mit einem
trockenen Klacken rutschte die erste Patrone in die
Kammer. Nachdem sie die Waffe einmal ent- und wieder
gesichert hatte, wickelte sie sie in ein wei.es Taschentuch,
legte sie in einen Kunststoffbeutel und bedeckte sie mit
Unterw.sche. Von der Pistole war nichts mehr zu sehen.
Gab es sonst noch etwas, das sie erledigen musste?
Aomame fiel nichts mehr ein. Sie machte sich in der
Küche einen Kaffee, zu dem sie, am Tisch sitzend, ein
Croissant verzehrte.
Das wird wohl meine letzte Mission, dachte sie. Und
meine wichtigste und schwierigste. Wenn ich sie erfüllt
habe, brauche ich nie wieder einen Menschen zu t.ten.
Sie hatte nichts dagegen, ihre Identit.t aufzugeben. In
gewissem Sinn begrü.te sie es sogar. Sie hing weder an
ihrem Namen noch an ihrem Gesicht, und ihrer
trübsinnigen Vergangenheit weinte sie ohnehin keine
Tr.ne nach.
Ein Reset meines Lebens, dachte sie, vielleicht habe ich
mir genau das ersehnt.
Nur ungern aufgegeben h.tte sie jedoch –
seltsamerweise – ihre kümmerlichen Brüste. Von ihrem
zw.lften Lebensjahr an hatte Aomame unabl.ssig mit ihrer
Form und Gr..e gehadert. Und sich oftmals gefragt, ob ihr
Leben nicht unbeschwerter verlaufen w.re, wenn sie etwas
gr..ere Brüste gehabt h.tte. Doch nun, wo sie tats.chlich
die Gelegenheit (und sogar eine gewisse Rechtfertigung)
hatte, sie zu ver.ndern, spürte sie, dass sie das gar nicht
wollte. Ihr Busen konnte ruhig so bleiben. Er war genau
richtig.
Sie umfasste ihre Brüste durch das Tanktop. Sie fühlten
sich vertraut an, wenn auch ein bisschen wie
ungleichm..ig aufgegangener Br.tchenteig.
Seltsamerweise war die Gr..e links und rechts
unterschiedlich. Aomame zuckte mit den Schultern. Und
wenn schon, dachte sie. Dafür sind es meine.
Und was wird mir au.er meinen Brüsten bleiben?
Natürlich die Erinnerung an Tengo und daran, wie sich
seine Hand angefühlt hat. Das Beben meines Herzens. Das
brennende Verlangen, mit ihm zu schlafen. Selbst wenn er
inzwischen ein ganz anderer Mensch w.re, k.nnte nichts
und niemand die Liebe zu Tengo aus mir herausrei.en. Das
ist der gr..te Unterschied zwischen Ayumi und mir, dachte
Aomame. Es ist nicht das Nichts, das den Kern meines
Wesens ausmacht. Auch keine .dnis, der jede W.rme
fehlt. Der Kern meiner Existenz ist die Liebe. Ich liebe
diesen zehnj.hrigen Jungen namens Tengo noch immer.
Seine St.rke, seine Klugheit und seine Güte. Er ist nicht
hier. Aber ein K.rper, der nicht anwesend ist, kann nicht
verfallen, und ein nicht gegebenes Versprechen kann nicht
gebrochen werden.
Der drei.igj.hrige Tengo hat natürlich keine echte
Realit.t für sie. Er ist sozusagen nicht mehr als eine
Hypothese. Entspringt in jeder Hinsicht nur ihrer
Phantasie, in der er sich seine St.rke, Klugheit und Güte
bewahrt hat. Und über die starken Arme, die breite Brust
und das ansehnliche Geschlechtsteil eines Erwachsenen
verfügt. Er ist immer bei ihr, wenn sie es sich wünscht.
Nimmt sie fest in seine Arme, streicht ihr übers Haar und
küsst sie. Der Raum, in dem die beiden sich aufhalten, ist
stets dunkel, und Aomame kann seine Gestalt nicht sehen.
Nur sein gütiger Blick ist auch im Dunkeln für sie sichtbar.
Sie schaut in seine Augen und erkennt in ihnen die Welt,
wie er sie sieht.
Dass Aomame hin und wieder, wenn sie es nicht mehr
aushalten konnte, mit anderen M.nnern schlief, lag
vielleicht daran, dass sie das Wesen Tengos, das sie in sich
selbst herangezogen hatte, m.glichst rein erhalten wollte.
Vielleicht versuchte sie sich durch den ungehemmten
Geschlechtsverkehr mit Fremden von einem Verlangen zu
befreien, das sie gefangen hielt. Sie wollte, dass die Zeit, die
sie nach dieser Befreiung in jener stillen verborgenen Welt
allein mit Tengo verbrachte, durch nichts beeintr.chtigt
wurde. Das war wohl der Grund.
Am Nachmittag verbrachte Aomame mehrere Stunden
damit, an Tengo zu denken. Sie sah von ihrem kleinen
Balkon aus in den Himmel, lauschte dem Rauschen des
Verkehrs und nahm hin und wieder ein Blatt des
erbarmungswürdigen Gummibaums zwischen die Finger.
Keiner der Monde war zu sehen. Bis sie aufgingen, würde es
noch einige Stunden dauern. Wo ich wohl morgen um
diese Zeit sein werde?, überlegte Aomame. Sie hatte keine
Ahnung. Verglichen mit der Tatsache, dass es Tengo gab,
war das ohnehin v.llig unwichtig.
Ein letztes Mal goss Aomame ihren Gummibaum. Danach
legte sie die Sinfonietta von Janá.ek auf. Sie hatte sich
s.mtlicher Schallplatten entledigt und nur diese eine bis
zum Schluss aufgehoben. Sie lauschte mit geschlossenen
Augen. Und stellte sich vor, wie der Wind über die
b.hmischen Wiesen strich. Wie herrlich w.re es, wenn
Tengo und sie bis in unendliche Ferne über diese Wiesen
laufen k.nnten. Natürlich würden sie einander an den
H.nden halten. Nur der Wind würde wehen und das
weiche grüne Gras mit seiner Berührung lautlos zum
Schwanken bringen. Ganz deutlich spürte Aomame die
W.rme von Tengos Hand. Wie bei einem Happy End im
Film wurde die Szene langsam ausgeblendet.
Aomame rollte sich auf ihrem Bett zusammen und schlief
etwa eine halbe Stunde. Es war ein Schlaf, der ohne Tr.ume
auskam. Als sie erwachte, standen die Zeiger der Uhr auf
halb fünf. Im Kühlschrank waren noch Eier, Schinken und
Butter, und sie machte sich ein Rührei. Den Orangensaft
trank sie direkt aus dem Karton. Die Stille, die sie nach
ihrem Mittagschlaf umfing, war von eigenartiger Schwere.
Als sie das Radio einschaltete, ert.nte ein Concerto für
Holzbl.ser von Vivaldi. Die hohen Triller der Piccolofl.te
klangen wie das Zwitschern kleiner V.gel. Aomame hatte
das Gefühl, die Musik unterstreiche das Irreale ihrer realen
Umst.nde.
Nachdem sie das Geschirr wegger.umt hatte, duschte sie
und zog die schlichte Kleidung an, die sie seit einigen
Wochen für diesen Tag bereithielt. Die hellblaue
Baumwollhose und die einfache wei.e Bluse mit kurzen
.rmeln gew.hrten ihr v.llige Bewegungsfreiheit. Die Haare
k.mmte sie ordentlich nach oben und befestigte sie mit
einer Spange. Sie trug keinen Schmuck. Statt in den
W.schekorb packte sie ihre getragenen Sachen in eine
schwarze Mülltüte. Tamaru würde sich sp.ter darum
kümmern. Sie schnitt sich sorgf.ltig die N.gel, putzte sich
lange die Z.hne und reinigte ihre Ohren. Dann zupfte sie
sich die Brauen, trug etwas Creme auf ihr Gesicht auf und
betupfte sich den Nacken ganz leicht mit Eau de Cologne.
Anschlie.end musterte sie ihr Gesicht eingehend im
Spiegel und überzeugte sich, dass alles in Ordnung war. Sie
nahm ihre Nike-Sporttasche und verlie. die Wohnung.
An der Tür warf sie einen letzten Blick hinter sich.
Schlie.lich würde sie nie mehr zurückkehren. Auf einmal
erschien ihr die Wohnung ausgesprochen sch.big. Sie war
nicht mehr als ein von innen abschlie.bares Gef.ngnis. An
den W.nden hing kein einziges Bild, nicht einmal eine
Blumenvase hatte sie. Das einzige schmückende Element
war der im Preis herabgesetzte Gummibaum auf dem
Balkon, den sie anstelle des Goldfischs gekauft hatte. Sie
konnte kaum glauben, dass sie mehrere Jahre hier
verbracht hatte, ohne Unzufriedenheit oder Zweifel zu
verspüren.
.Leb wohl., sagte sie leise. Der Abschiedsgru. galt nicht
der Wohnung, sondern dem Ich, das in ihr gelebt hatte.
KAPITEL 6
Tengo
Wir haben einen sehr langen Arm
Die Lage stagnierte. Niemand meldete sich bei Tengo.
Weder von Komatsu noch von Professor Ebisuno erhielt er
irgendeine Nachricht, von Fukaeri ganz zu schweigen.
Vielleicht hatten ihn alle vergessen und waren zum Mond
geflogen. Das w.re fast zu sch.n, um wahr zu sein, dachte
Tengo. Aber so leicht würde er nicht davonkommen. Sie
waren nicht zum Mond geflogen. Sie hatten nur jede
Menge zu tun und waren st.ndig besch.ftigt, daher hatten
sie weder die Zeit noch die Güte, ihm irgendetwas
mitzuteilen.
Komatsus Rat folgend, bemühte sich Tengo, jeden Tag
Zeitung zu lesen; aber zumindest die, die er las, schrieben
nichts mehr über Fukaeri. Mit gro.em Eifer griff die Presse
stets das auf, was passiert war, reagierte aber ziemlich
passiv auf das, was folgte. Also lautete die stumme
Botschaft vermutlich: .Im Augenblick ist nichts
Gro.artiges passiert.. Was und ob das Fernsehen über
Fukaeri berichtete, konnte Tengo nicht wissen. Er hatte
keinen Fernseher.
Fast alle Illustrierten hatten die Geschichte aufgegriffen.
Nicht dass Tengo diese Artikel entgingen, denn man warb
in den Zeitungen mit rei.erischen Schlagzeilen wie: .Die
Wahrheit über das r.tselhafte Verschwinden der sch.nen
17-j.hrigen Bestsellerautorin. oder .Hat die Autorin von
Die Puppe aus Luft sich in Luft aufgel.st?. oder .Die
geheime Geschichte der verschwundenen Sch.nen.. In
mehreren dieser Anzeigen waren sogar Fotos von Fukaeri
zu sehen, die aber s.mtlich von der Pressekonferenz
stammten. Natürlich war es nicht so, dass er kein Interesse
an diesen Artikeln hatte, aber er hielt den Kauf von
Illustrierten für rausgeschmissenes Geld. Au.erdem h.tte
Komatsu sich bestimmt sofort gemeldet, falls etwas
Beunruhigendes darin gestanden h.tte. Funkstille hie.,
dass es im Augenblick keine neuen Entwicklungen gab. Es
war noch niemand darauf gekommen, dass Fukaeri einen
Ghostwriter gehabt haben k.nnte.
Nach den Schlagzeilen zu schlie.en, konzentrierte sich
das Medieninteresse momentan vor allem darauf, dass es
sich bei Fukaeris Vater um einen bekannten ehemaligen
Extremisten handelte, Fukaeri selbst fern der Gesellschaft
in einer Kommune in den Bergen von Yamanashi
aufgewachsen war und die prominente Kulturgr..e
Professor Ebisuno für sie verantwortlich war. Weitere
Themen waren das Verschwinden der geheimnisvollen
Sch.nen und ihr Buch, das noch immer auf den
Bestsellerlisten stand. All dies reichte im Augenblick aus,
um die .ffentlichkeit zu besch.ftigen.
Falls Fukaeri weiter verschwunden blieb, war es jedoch
nur eine Frage der Zeit, bis die Journalisten ihre
Nachforschungen ausdehnen würden. Sollte beispielsweise
jemand ihre ehemalige Schule aufsuchen und dort Fragen
stellen, k.me bestimmt heraus, dass sie Legasthenikerin
war. Vielleicht würden ihre Noten in Japanisch und sogar
die Aufs.tze, die sie geschrieben hatte – falls sie überhaupt
welche geschrieben hatte –, an die .ffentlichkeit gelangen.
Selbstverst.ndlich würden sich Zweifel regen: War es nicht
ungew.hnlich, dass ein M.dchen mit einer Lese- und
Schreibbehinderung so korrekt zu schreiben vermochte?
Und wenn es erst einmal so weit war, musste man kein
Genie sein, um auf die Idee zu kommen, dass ihr
.wahrscheinlich eine zweite Person geholfen. hatte.
Natürlich würde der Verdacht zuerst auf Komatsu fallen.
Denn er war der für Die Puppe aus Luft zust.ndige
Redakteur und hatte die Ver.ffentlichung betreut. Komatsu
würde v.llige Unschuld heucheln und mit eiskalter Miene
behaupten, er habe das eingereichte Manuskript lediglich,
so wie es war, an die Jury weitergegeben. Das Ausma. der
Bearbeitung entziehe sich seiner Kenntnis. Die F.higkeit zu
ungerührtem Leugnen besa.en mehr oder weniger alle
erfahrenen Redakteure und Lektoren, aber Komatsu
verstand sich besonders gut darauf. Er würde auf der Stelle
Tengo anrufen und sagen: .Tengo, mein Freund, jetzt
machen sie uns Feuer unterm Arsch.. Oder etwas
.hnliches. In einem begeisterten Ton, als h.tte er richtig
Spa. daran.
Tats.chlich hatte Tengo schon .fter das Gefühl gehabt,
dass Komatsu Probleme richtiggehend genoss. Bisweilen
glaubte er sogar, einen gewissen Zerst.rungswillen an ihm
zu erkennen. Vielleicht wünschte er sich im Grunde seines
Herzens, dass der ganze Plan aufflog und es zu einem
Riesenskandal kam, bei dem alle Beteiligten hochgingen.
Zuzutrauen war ihm das. Gleichzeitig war er jedoch genug
kühler Realist, um den Rand des Abgrunds nicht zu
überschreiten und seine irrationalen Wünsche im Zaum zu
halten.
Vielleicht hatte Komatsu auch eine Art Notfallplan, der
ihm das überleben sicherte, egal was geschah. Wie er
allerdings aus dieser Geschichte herauskommen wollte,
konnte Tengo sich nicht vorstellen. Vielleicht besa.
Komatsu einfach die F.higkeit, aus allem – ob drohender
Skandal oder Ruin – Nutzen zu ziehen. Er hatte wirklich
keine Veranlassung, über Professor Ebisuno herzuziehen,
wo er selbst so gerissen war. Doch wie dem auch sei, sollten
verd.chtige Wolken am Horizont aufziehen, würde sich
Komatsu ganz sicher bei ihm melden. Davon war Tengo
überzeugt. Bisher war er für Komatsu haupts.chlich ein
nützliches und stets funktionierendes Werkzeug gewesen,
doch inzwischen war er auch seine Achillesferse. Würde
Tengo auspacken, s..e Komatsu bestimmt in der Klemme.
Tengo hatte sich zu einem Faktor entwickelt, mit dem er
rechnen musste. Allein deshalb konnte er Komatsus Anruf
in aller Ruhe abwarten. Und solange der nicht kam, machte
ihm auch noch keiner .Feuer unterm Arsch..
Eher h.tte ihn interessiert, in welche Richtung Professor
Ebisuno agierte. Ganz unzweifelhaft hatte er etwas mit der
Polizei am Laufen. Vielleicht hatte er den Beh.rden die
M.glichkeit suggeriert, dass die Vorreiter etwas mit
Fukaeris Verschwinden zu tun h.tten. Ihr Verschwinden
war das Werkzeug, mit dem er die harte Schale der Sekte
zu knacken versuchte. Ob die Polizei in diese Richtung