vorging? Wahrscheinlich. Die Medien hatten sich bereits
auf die Verbindung zwischen Fukaeri und den Vorreitern
gestürzt. K.me sp.ter in diesem Zusammenhang etwas
Wichtiges heraus, ohne dass die Polizei etwas
unternommen hatte, würde man sie der Nachl.ssigkeit
bezichtigen. In jedem Fall führte sie ihre Ermittlungen ganz
sicher heimlich und verdeckt durch. Also würde Tengo aus
den Wochenbl.ttern und Fernsehnachrichten ohnehin
keine aktuellen Erkenntnisse erhalten.
Als er eines Tages von der Schule nach Hause kam,
steckte in seinem Briefkasten ein dicker Umschlag. Er kam
von Komatsu und war mit dem Logo des Verlags und sechs
Express-Stempeln versehen. Tengo ging hinauf in seine
Wohnung, um ihn zu .ffnen. Er enthielt Kopien der
Rezensionen von Die Puppe aus Luft und einen Brief. Wie
üblich hatte Komatsu das Papier so eng beschrieben, dass
es eine Weile dauerte, ihn zu entziffern.
.Lieber Tengo,
im Augenblick gibt es nichts Neues. Wo Fukaeri sich
aufh.lt, ist noch immer ungekl.rt. Glücklicherweise
besch.ftigen sich die Illustrierten und das Fernsehen im
Augenblick vornehmlich mit ihrem Lebenslauf. Das schadet
uns nicht. Das Buch verkauft sich immer besser. Es ist
schwer zu sagen, ob man sich dazu gratulieren sollte. Auf
jeden Fall ist der Verlag ziemlich angetan, und ich habe ein
Anerkennungsschreiben vom Chef und einen Bonus
erhalten. Seit zwanzig Jahren arbeite ich nun in dem Laden,
aber das war das erste Lob, das sie mir spendiert haben. Die
würden Augen machen, wenn sie die Wahrheit wüssten.
Ich würde zu gern die Gesichter sehen.
Ich lege Kopien der bisher zu Die Puppe aus
Luft erschienenen Besprechungen und der Artikel bei, die
damit zu tun haben. Wenn du Zeit hast, kannst du sie ja
mal lesen. Zu künftigem Nutzen. Bestimmt ist auch für dich
etwas Interessantes dabei. Zu lachen gibt es da jede Menge,
wenn dir danach ist.
Ein Bekannter hat kürzlich ein paar Recherchen über
diese .Stiftung zur F.rderung der neuen japanischen
Wissenschaften und Künste. für mich angestellt. Der
Verein wurde schon vor einigen Jahren gegründet, ist
genehmigt und agiert tats.chlich. Sie haben ein Büro und
liefern einen j.hrlichen Kassenbericht ab. Sie w.hlen
immer ein paar Wissenschaftler und Schriftsteller aus, die
sie ein Jahr lang finanziell unterstützen. Zumindest
behaupten sie das. Woher die Knete stammt, ist
unbekannt. Jedenfalls hat mein Bekannter ganz offen
ge.u.ert, dass die Sache ihm verd.chtig vorkommt. Unter
Umst.nden handelt es sich um eine Scheinfirma, um
Steuern zu hinterziehen. Wenn man genauer nachforschen
würde, bek.me man vielleicht etwas heraus, mir fehlt dazu
nur die Zeit. Aber warum sollten diese Leute einem v.llig
Unbekannten wie dir drei Millionen Yen geben wollen? Das
ergibt nicht den geringsten Sinn, ich habe es ja schon am
Telefon gesagt. Da muss etwas dahinterstecken. Es ist nicht
auszuschlie.en, dass die Vorreiter ihre Finger im Spiel
haben. Das hie.e, sie h.tten Wind davon bekommen, dass
du etwas mit Die Puppe aus Luft zu tun hast. Auf alle F.lle
w.re es das Klügste, sich nicht mit diesem Verein
einzulassen..
Tengo steckte den Brief in den Umschlag zurück. Warum
Komatsu ihm wohl extra geschrieben hatte? Es sah ihm
eigentlich nicht .hnlich, den Rezensionen auch noch einen
Brief beizufügen. Wenn es etwas zu besprechen gab, h.tte
doch der übliche Anruf genügt. Mit dem Brief hinterlie. er
immerhin einen schriftlichen Beweis. Ausgeschlossen, dass
der misstrauische Komatsu sich dessen nicht bewusst war.
Und die M.glichkeit, dass Tengos Telefon abgeh.rt wurde,
beunruhigte ihn noch mehr.
Tengo warf einen Blick auf das Telefon. Abgeh.rt? Der
Gedanke war ihm bisher nie gekommen. Aber wenn er es
sich genau überlegte, hatte ihn ungef.hr seit einer Woche
niemand angerufen. Vielleicht war es ja schon allgemein
bekannt, dass sein Telefon abgeh.rt wurde. Nicht einmal
seine Freundin, die gern telefonierte, hatte sich gemeldet.
Und nicht nur das. Sie hatte ihn am Freitag der
vergangenen Woche versetzt. Das war bisher noch nie
vorgekommen. Sonst hatte sie immer vorher angerufen,
wenn sie verhindert war. Meist war dann eines ihrer Kinder
krank, es waren Ferien, oder sie hatte pl.tzlich ihre Tage
bekommen. Doch am letzten Freitag war sie einfach nicht
erschienen. Tengo hatte eine Kleinigkeit zu Mittag
vorbereitet und vergeblich gewartet. Vielleicht hatte sich
etwas Unvorhergesehenes ergeben, aber dass sie sich auch
danach überhaupt nicht gemeldet hatte, war .u.erst
ungew.hnlich. Aber er konnte ja von sich aus keine
Verbindung zu ihr aufnehmen.
Tengo gab es auf, über seine Freundin und das Telefon
nachzudenken, setzte sich an den Küchentisch und las der
Reihe nach die Artikel, die Komatsu ihm geschickt hatte.
Sie waren nach ihrem Erscheinen geordnet, und Namen
und Datum der Zeitung oder Zeitschrift standen mit
Kugelschreiber am linken Rand. Wahrscheinlich hatte er
eine Praktikantin damit beauftragt. Wenn er es irgendwie
vermeiden konnte, gab Komatsu sich mit solchen l.stigen
Kleinigkeiten nicht selbst ab. Fast alle Besprechungen
waren wohlwollend. Die meisten Rezensenten rühmten die
inhaltliche Tiefe und Kühnheit der Geschichte sowie den
pr.zisen Stil. .Es ist kaum zu glauben, dass dieses Werk
von einer 17-J.hrigen stammt., schrieben mehrere.
Gute Intuition, dachte Tengo.
Ein Artikel bezeichnete Fukaeri sogar als .eine Fran.oise
Sagan, die die Luft des magischen Realismus geatmet.
habe. Es gab ein paar Vorbehalte und Einschr.nkungen –
die Bedeutung einzelner Aussagen sei nicht ganz klar –,
aber insgesamt war man voll des Lobes.
Allerdings waren viele Kritiker hinsichtlich der Bedeutung
der Puppe aus Luft und der Little People verwirrt oder
unentschieden. .Die Geschichte ist sehr gelungen und
spannend, sie h.lt den Leser bis zum Schluss fest in ihrem
Bann, aber was die Puppe aus Luft und die Little People
angeht, l.sst man uns am Ende in einem geheimnisvollen
Bassin aus Fragezeichen zurück. Dies mag von der Autorin
beabsichtigt sein, doch wird es nicht wenige Leser geben,
die darin eine .Nachl.ssigkeit. sehen. Bei dem Werk einer
so jungen Frau kann man darüber hinwegsehen; doch sollte
die Autorin ihre schriftstellerischen Aktivit.ten künftig
fortführen wollen, wird sie gen.tigt sein, ihren allzu
suggestiven Stil einer ernsthaften Prüfung zu unterziehen.,
schloss eine der Besprechungen.
Tengo wunderte sich. Wenn einem Autor eine Geschichte
gelang, die .spannend. war und .den Leser bis zum
Schluss fest in ihrem Bann. hielt, konnte ihm doch
niemand mangelnde Sorgfalt vorwerfen, oder doch?
Aber er musste sich eingestehen, dass er es nicht genau
wusste. Vielleicht irrte er sich, und die Kritik des
Rezensenten war berechtigt. Schlie.lich war er selbst
regelrecht in die Redaktion des Manuskripts eingetaucht,
und damit war es ihm beinahe unm.glich, das Werk
unvoreingenommen und aus der Perspektive eines
Au.enstehenden zu betrachten. Die Puppe aus Luft und
die Little People waren inzwischen wie ein Teil von ihm.
Doch was sie bedeuteten, wusste er selbst nicht genau,
wenn er ehrlich war. Allerdings war das auch nicht
sonderlich wichtig für ihn. Viel bedeutsamer war die Frage,
ob er ihre Existenz akzeptieren konnte. Und das konnte er.
Es war ihm mühelos gelungen, an ihr tats.chliches
Vorhandensein zu glauben. Gerade deshalb hatte er ja so
tief in die überarbeitung eintauchen k.nnen. H.tte er die
Geschichte nicht so selbstverst.ndlich annehmen k.nnen,
w.re er – h.tte man ihm auch noch so viel Geld geboten
oder ihn noch so sehr bedroht – wohl kaum imstande
gewesen, an ihrer F.lschung mitzuwirken.
Natürlich war das nur seine pers.nliche Sichtweise, die er
niemand anderem aufzwingen konnte. Tats.chlich
empfand er aufrichtiges Mitgefühl für die guten M.nner
und Frauen, die nach der Lektüre von Die Puppe aus
Luft .in einem geheimnisvollen Bassin aus Fragezeichen.
zurückgeblieben waren. Vor seinem inneren Auge
erschienen in bunte Schwimmreifen gezw.ngte Leute, die
mit ratlosen Mienen in einem Becken voller Fragezeichen
umhertrieben. Und er trug die Verantwortung dafür.
Aber wer, dachte Tengo, kann schon allen Menschen
gerecht werden? Würden sich alle G.tter der Welt
versammeln, um die Atomwaffen und den Terrorismus
abzuschaffen, sie w.ren dazu nicht in der Lage. Weder
k.nnten sie die Dürren in Afrika beenden, noch John
Lennon wieder zum Leben erwecken. Würde es nicht im
Gegenteil sogar zu einer Spaltung und grausamen
Auseinandersetzungen zwischen ihnen kommen? Durch
die die Welt in noch gr..eres Unglück gestürzt würde?
War es verglichen damit nicht ein unendlich viel
harmloseres Vergehen, ein paar Leute für ein Weilchen in
einem geheimnisvollen Bassin aus Fragezeichen
schwimmen zu lassen?
Tengo las ungef.hr die H.lfte der Rezensionen von Die
Puppe aus Luft, die Komatsu ihm geschickt hatte, und
schob die übrigen ungelesen in den Umschlag zurück. Er
hatte sich nun eine ungef.hre Vorstellung verschaffen
k.nnen. Die Geschichte, die in Die Puppe aus Luft erz.hlt
wurde, erregte das Interesse vieler Menschen. Sie hatte
Tengo in ihren Bann gezogen, Komatsu und auch Professor
Ebisuno. Und eine erstaunliche Menge an Lesern. Was
wollte man mehr?
Am Dienstagabend gegen neun Uhr klingelte das Telefon.
Tengo las gerade und h.rte dabei Musik. Es war seine
liebste Stunde. Denn vor dem Schlafengehen nahm er sich
nur Bücher vor, die ihm gefielen. Wenn er sich müde
gelesen hatte, schlief er ein.
Es klingelte zum ersten Mal seit l.ngerer Zeit, und er
spürte etwas Unheilvolles in seinem L.uten. Komatsu war
es nicht. Seine Anrufe h.rten sich anders an. Tengo
z.gerte. Nachdem es fünfmal geklingelt hatte, nahm er den
Tonarm von der Schallplatte und hob den H.rer ab.
Vielleicht war es ja seine Freundin.
.Ist dort Kawana?., fragte die tiefe ruhige Stimme eines
Mannes in mittlerem Alter. Tengo konnte sich nicht
erinnern, sie schon einmal geh.rt zu haben.
.Ja., sagte Tengo vorsichtig.
.Entschuldigen Sie die sp.te St.rung. Mein Name ist
Yasuda., sagte der Mann. Sein Ton war neutral. Weder
freundschaftlich noch feindselig. Auch nicht besonders
dienstlich, ohne jedoch vertraulich zu sein.
Yasuda? Auch der Name sagte Tengo nichts.
.Ich habe Ihnen etwas auszurichten., sagte der andere. Er
machte eine winzige Pause, so als würde er ein Lesezeichen
zwischen die Seiten eines Buches legen. .Meine Frau kann
nicht mehr zu Ihnen kommen. Das war es, was ich Ihnen
sagen wollte..
Tengo schnappte nach Luft. Yasuda war der
Familienname seiner Freundin. Kyoko Yasuda, genau, so
hie. sie. Sie hatte nie einen Grund gehabt, ihren Namen in
seiner Gegenwart auszusprechen, deshalb war er ihm nicht
gleich eingefallen. Der Anrufer war ihr Mann. Tengo
schluckte schwer.
.Haben Sie mich verstanden?., fragte der Mann ohne die
geringste Regung in der Stimme. Zumindest nahm Tengo
nichts dergleichen wahr. Nur sein Tonfall hatte eine leichte
F.rbung. Eventuell stammte er aus Hiroshima oder Kyushu,
jedenfalls aus dem Südwesten. Tengo konnte das nicht
unterscheiden.
.Sie kann nicht kommen., wiederholte Tengo.
.Genau, sie kann Sie nicht mehr besuchen..
Tengo nahm all seinen Mut zusammen. .Was ist denn
mit ihr?., fragte er.
Schweigen. Unbeantwortet und ziellos hing Tengos Frage
im Raum. Schlie.lich ergriff der andere das Wort: .Meine
Frau wird Sie nie wieder in Ihrer Wohnung aufsuchen.
Mehr wollte ich Ihnen nicht mitteilen..
Der Mann wusste, dass Tengo und seine Frau miteinander
schliefen. Dass sie sich seit einem Jahr einmal pro Woche
trafen. Da war Tengo sich sicher. Merkwürdigerweise klang
die Stimme des anderen weder zornig noch bekümmert. Sie
hatte etwas v.llig Andersartiges an sich. Anstelle
pers.nlicher Gefühle schien sie einen objektiven
Katastrophenzustand zu konstatieren. Sie erinnerte Tengo
an einen verlassenen, verwilderten Garten oder an ein
Flussbett nach einer gro.en Flut.
.Ich verstehe nicht ….
.Belassen Sie es einfach dabei., unterbrach ihn der Mann.
In seiner Stimme war nun ein Anflug von Mattheit zu
h.ren. .Eins steht fest. Meine Frau ist verlorengegangen.
Sie wird nie mehr zu Ihnen kommen, ganz gleich in
welcher Form. So ist das..
.Verlorengegangen., wiederholte Tengo
geistesabwesend.
.Herr Kawana, auch ich würde dieses Telefonat lieber
nicht führen. Aber Sie derart im Ungewissen zu lassen h.tte
mich nicht ruhig schlafen lassen. Glauben Sie, es gef.llt
mir, über dieses Thema mit Ihnen zu sprechen?.
Als der andere schlie.lich schwieg, drang überhaupt kein
Ger.usch mehr aus dem H.rer. Der Mann schien von
einem unglaublich ruhigen Ort aus zu telefonieren. Oder
seine Gefühle erzeugten eine Art Vakuum, das alle
Schallwellen um ihn herum schluckte.
Ich muss etwas fragen, dachte Tengo. Sonst ist alles zu
Ende, und mir bleibt nichts au.er diesen unverst.ndlichen
Andeutungen. Ich darf das Gespr.ch nicht abbrechen
lassen. Doch der Mann hatte von vornherein nicht die
Absicht gehabt, ihm Einzelheiten mitzuteilen. Was sollte
man jemanden fragen, der gar nicht vorhatte, die Fakten
preiszugeben? Mit welchen Worten konnte Tengo in das
Vakuum vordringen? W.hrend er noch fieberhaft
überlegte, wurde die Verbindung ohne jede Vorwarnung
unterbrochen. Der Mann hatte ohne ein weiteres Wort
aufgelegt und sich damit entzogen. Wahrscheinlich für
immer.
Tengo hielt den stummen H.rer noch einen Moment ans
Ohr gepresst. Vielleicht konnte er so herausfinden, ob sein
Telefon abgeh.rt wurde. Er lauschte mit angehaltenem
Atem. Doch er nahm keine verd.chtigen Ger.usche wahr.
Nur seinen eigenen Herzschlag. W.hrend er darauf
lauschte, kam er sich vor wie ein gemeiner Dieb, der sich
n.chtens in die H.user anderer Menschen stahl. Der dort
im Dunkeln mit angehaltenem Atem lauerte, bis die