wünschenswerten Einfluss..
.Hat das etwas mit den Little People zu tun?.
Es war ein Schuss ins Blaue gewesen, aber er brachte
Ushikawa unvermittelt zum Verstummen. Sein Schweigen
wog schwer wie ein schwarzer Stein auf dem Grund eines
tiefen Gew.ssers.
.Herr Ushikawa, ich will genau wissen, worum es geht.
Lassen Sie die R.tselspiele und reden Sie Klartext. Was ist
mit ihr?.
.Mit ihr? Ich wei. nicht, wen Sie meinen..
Tengo seufzte. Das Thema war zu heikel, um es am
Telefon zu besprechen.
.Herr Kawana, es tut mir leid, aber ich bin nicht mehr als
ein überbringer. Ein von einem Klienten geschickter Bote.
Man hat mir den Auftrag erteilt, mich m.glichst indirekt
und diffus zu .u.ern., sagte Ushikawa in vorsichtigem
Ton. .Es tut mir leid, wenn ich Sie ver.rgert habe, aber ich
muss mich so verschwommen ausdrücken. Offen gesagt ist
mein Wissen ziemlich begrenzt. Diese .sie., von der Sie
sprechen, kenne ich nicht. K.nnten Sie nicht etwas
konkreter werden?.
.Und was sind die Little People?.
.Also wirklich, Herr Kawana, von denen habe ich nun
überhaupt keine Ahnung. Abgesehen davon natürlich, dass
sie in dem Roman Die Puppe aus Luft auftreten. Aber aus
dem, was sich jetzt abspielt, schlie.e ich, dass Sie offenbar
in aller Unschuld irgendetwas freigesetzt und verbreitet
haben. Ohne selbst zu wissen, was. Etwas, das unter
Umst.nden ziemlich gef.hrlich werden k.nnte. Wie
gef.hrlich und in welcher Hinsicht, das wei. nur mein
Klient. Er besitzt gewisserma.en das Know-how, mit dem
man dieser Gefahr Herr werden k.nnte. Deshalb wollen wir
Ihnen eine helfende Hand entgegenstrecken. Und offen
gesagt, wir haben einen sehr langen Arm. Lang und stark..
.Wer ist überhaupt dieser Klient, von dem Sie da
sprechen? Hat er etwas mit den Vorreitern zu tun?.
.Ich bin – .h – leider nicht befugt, seinen Namen
preiszugeben., sagte Ushikawa bedauernd. .Aber er besitzt
gro.en Einfluss. Ach, was rede ich, geradezu
ehrfurchtgebietende Macht. Wir k.nnten uns hinter Sie
stellen. Wie sieht es aus? Das ist mein letztes Angebot, Herr
Kawana. Es steht Ihnen frei, es anzunehmen oder nicht.
Aber wenn Sie sich einmal entschlossen haben, gibt es so
leicht kein Zurück mehr. Deshalb denken Sie bitte sehr,
sehr gründlich nach. Sollten Sie aber nicht auf der richtigen
Seite stehen, k.nnte es – ebenfalls mit Verlaub gesagt –
gegebenenfalls und bedauerlicherweise auch geschehen,
dass so ein langer Arm, wom.glich unwillentlich, etwas für
Sie Unangenehmes bewirkt..
.Was denn zum Beispiel?.
Ushikawa antwortete nicht sofort. Von der anderen Seite
der Leitung war ein leicht schlürfendes Ger.usch zu h.ren,
als würde er sich Speichel aus den Mundwinkeln saugen.
.Konkret kann ich Ihnen das nicht sagen., sagte
Ushikawa. .So weit hat man mich nicht informiert. Deshalb
sind meine .u.erungen letzten Endes nur ganz
allgemeiner Natur..
.Und was habe ich freigesetzt?., fragte Tengo.
.Auch das wei. ich nicht., sagte Ushikawa. .Ich
wiederhole mich. Ich bin nicht mehr als ein Bote und
kenne die genauen Hintergründe der Situation nicht.
Meine Informationen sind begrenzt. Ihr Fluss ist nur noch
ein kümmerliches Rinnsal, wenn er unten bei mir
ankommt. Meine Befugnisse sind ebenfalls begrenzt, und
ich kann Ihnen nur das bestellen, was mir aufgetragen
wurde. Vielleicht fragen Sie sich, warum mein Klient sich
nicht direkt mit Ihnen in Verbindung setzt, das w.re doch
schneller. Warum muss er einen Dummkopf wie mich zu
seinem Boten machen? Tja, warum? Ich wei. es auch
nicht..
Ushikawa r.usperte sich und wartete auf die n.chste
Frage. Aber es kam keine. Also fuhr er fort.
.Sie hatten gefragt, was Sie freigesetzt haben, nicht
wahr?.
Tengo bejahte.
.Also, ich denke es mir so. Es ist nichts, das Ihnen jemand
anders einfach so mit einem Wort beschreiben k.nnte.
Wahrscheinlich müssen Sie selbst in die Welt hinausziehen
und es im Schwei.e Ihres Angesichts herausfinden.
Allerdings k.nnte es, wenn Sie es endlich herausgefunden
haben, bereits zu sp.t sein. Wie ich es sehe, besitzen Sie
eine besondere F.higkeit. Eine ausgezeichnete, eine sch.ne
F.higkeit, über die gew.hnliche Menschen nicht verfügen.
Das ist sicher. So ist auch der Einfluss dessen, was Sie
kürzlich geleistet haben, nicht zu untersch.tzen. Mein
Klient scheint diese Ihre F.higkeit sehr hoch einzusch.tzen
und bietet Ihnen daher das F.rdergeld an. Aber leider
reicht allein der Besitz dieser F.higkeit nicht aus. Unter
Umst.nden kann es sogar gef.hrlicher sein, ein
herausragendes Talent zu haben als gar keins. Das ist der
vage Eindruck, den ich von der ganzen Sache habe..
.Aber Ihr Klient verfügt über ausreichende Kenntnis und
Macht, um die Gefahr abzuwenden. Stimmt das?.
.Nein, das kann man so nicht sagen. Niemand kann das
behaupten. Sie k.nnen es sich vielleicht vorstellen wie
einen neuen Typ von ansteckender Krankheit. Man wei.
darüber Bescheid und hat einen Impfstoff zur Hand, der
gegenw.rtig auch gewissen Erfolg zeigt. Aber die Viren
bleiben am Leben und werden von sekündlich st.rker und
resistenter. Sie sind klug und z.h und k.mpfen gegen die
k.rpereigenen Abwehrstoffe an. Daher wei. man nicht, wie
lange der Impfstoff noch wirksam sein wird. Das ob der
Vorrat ausreicht. Und verst.rkt das Gefühl der Bedrohung
bei meinem Klienten..
.Und wozu braucht er mich?.
.Wenn ich – pardon – noch einmal den Vergleich mit der
ansteckenden Krankheit bemühen darf: Ihr spielt
m.glicherweise die Rolle der Haupttr.ger..
.Ihr?., fragte Tengo. .Meinen Sie damit Eriko Fukada
und mich?.
Ushikawa gab keine Antwort auf diese Frage. .Wenn Sie
mir einen Vergleich aus der griechischen Mythologie
gestatten, k.nnte man vielleicht sagen, ihr habt eine Art
Büchse der Pandora ge.ffnet, aus der alles M.gliche
entwichen ist. Meiner Einsch.tzung nach entspricht das in
etwa der Auffassung meines Klienten. Sie und Fukaeri sind
sich sozusagen zuf.llig begegnet und wurden zu einer
unvermutet m.chtigen Verbindung. Ihr habt euch
gegenseitig .u.erst wirkungsvoll erg.nzt, dem jeweils
anderen den Teil hinzugefügt, der ihm fehlte..
.Aber das ist im juristischen Sinn doch kein Verbrechen..
.Natürlich nicht, weder vor dem Gesetz noch vor der
Allgemeinheit. Aber wenn Sie mir erlauben, George Orwells
gro.en Klassiker zu zitieren – die Literatur ist eine
gro.artige Quelle für Zitate –, handelt es sich eventuell um
eine Art .Gedankenverbrechen.. Seltsamerweise befinden
wir uns gerade im Jahr 1984. Vielleicht besteht da irgendein
karmischer Zusammenhang. Aber, Herr Kawana, ich habe
heute Abend schon zu viel geredet. Und das sind ja alles
nicht mehr als unma.gebliche pers.nliche Vermutungen,
die jeder festen Grundlage entbehren. Doch da Sie mich
gefragt hatten, wollte ich Ihnen zumindest in groben Zügen
meinen Eindruck schildern..
Ushikawa schwieg, und Tengo überlegte. Nur pers.nliche
Vermutungen? Inwieweit konnte er das, was dieser Mann
sagte, für bare Münze nehmen?
.Ich muss allm.hlich zum Ende kommen., sagte
Ushikawa. .Angesichts der Wichtigkeit Ihrer Entscheidung
will ich Ihnen doch noch etwas Bedenkzeit einr.umen.
Aber nicht mehr sehr lange. Die Uhr tickt.
Ticktack, unaufh.rlich. überdenken Sie jetzt bitte noch
einmal unseren Vorschlag. Ich werde mich bald wieder bei
Ihnen melden. Gute Nacht. Es hat mich gefreut, mit Ihnen
zu sprechen. So, Herr Kawana, ich hoffe, Sie k.nnen nun
beruhigt einschlafen..
Nach diesen Worten legte Ushikawa auf. Sprachlos starrte
Tengo noch eine Weile auf den stummen H.rer, wie ein
Bauer in einer Dürreperiode auf eine welke Pflanze in
seiner Hand. In letzter Zeit neigten die Leute dazu,
unvermittelt aufzulegen, wenn sie mit ihm telefonierten.
Wie erwartet fand Tengo keinen Schlaf. Bis das bleiche
Licht des Morgens durch die Vorh.nge drang und die
standhaften Gro.stadtv.gel erwachten, um ihr schweres
Tagewerk zu beginnen, sa. er an die Wand gelehnt auf
dem Fu.boden und dachte an seine Freundin und den
langen starken Arm, der sich von irgendwoher nach ihm
ausstreckte. Doch all seine Gedanken führten zu nichts und
bewegten sich immer wieder ziellos im Kreis.
Tengo blickte um sich und seufzte. Er war v.llig und ganz
und gar allein. Was Ushikawa gesagt hatte, war nur allzu
wahr. Er hatte niemanden, auf den er sich stützen konnte.
KAPITEL 7
Aomame
Eine geheiligte St.tte
Das weitl.ufige Foyer im Hauptgeb.ude des Hotels Okura
erinnerte sie mit seiner hohen Decke und der ged.mpften
Beleuchtung an eine riesige, prunkvolle H.hle. Die
Stimmen der Menschen, die in den Sesseln sa.en und sich
unterhielten, hallten dumpf von den W.nden wider wie das
St.hnen von Lebewesen, denen die Eingeweide
herausgenommen wurden. Der Teppichboden war dick und
weich und lie. an dichtes altes Moos denken, wie es auf
Inseln am Polarkreis w.chst. Wie viele menschliche
Schritte er wohl im Lauf der Zeit in sich aufgenommen
hatte? Die M.nner und Frauen, die durch das Foyer gingen,
wirkten wie eine Schar Geister, die vor Ewigkeiten durch
einen Fluch dorthin verbannt worden waren und
unabl.ssig eine ihnen auferlegte Aufgabe wiederholen
mussten. M.nner, die ihre steifen Business-Suits wie
Rüstungen trugen, und junge schlanke Frauen, die
anl.sslich der in den verschiedenen S.len stattfindenden
Feierlichkeiten in elegante schwarze Kleider geschlüpft
waren. Ihre kostbaren, doch dezenten Schmuckstücke
gierten danach, das schwache Licht zu reflektieren, wie
Vampirv.gel nach Blut. Auf einem Sofa in der Ecke thronte,
volumin.s und ersch.pft wie ein betagtes K.nigspaar, das
seine Glanzzeit hinter sich hat, ein .lteres ausl.ndisches
Ehepaar.
Aomame mit ihrer hellblauen Baumwollhose, der
schlichten wei.en Bluse, den wei.en Turnschuhen und der
blauen Sporttasche von Nike passte nicht so recht in diese
traditionsreiche und bedeutungsvolle Umgebung.
Wahrscheinlich sehe ich aus wie ein von einem Gast
bestellter Babysitter, dachte sie, w.hrend sie in einem der
gro.en Sessel wartete. Aber da kann man nichts machen.
Schlie.lich mache ich hier keinen Anstandsbesuch. Die
ganze Zeit hatte sie das schwache Gefühl, beobachtet zu
werden. Doch obwohl sie sich immer wieder umschaute,
konnte sie niemanden entdecken, der diesen Anschein
erweckte. Egal, dachte sie. Wer gucken will, soll eben
gucken.
Als ihre Armbanduhr 18. 50 Uhr zeigte, erhob sie sich und
ging auf die Toilette. Ihre Sporttasche nahm sie mit. Sie
wusch sich die H.nde mit Seife und vergewisserte sich vor
dem gro.en fleckenlosen Spiegel, dass mit ihrem .u.eren
alles in Ordnung war. Sie atmete mehrmals tief ein und aus.
Noch nie hatte sie einen so gro.en Waschraum gesehen.
Vermutlich war er gr..er als die Wohnung, in der sie bis
jetzt gelebt hatte. .Das ist meine letzte Mission., sagte sie
leise zu ihrem Spiegelbild. Ich werde sie erfolgreich
beenden und verschwinden. Unvermittelt, wie ein Geist.
Heute bin ich noch hier. Morgen schon nicht mehr. In
wenigen Tagen werde ich einen anderen Namen und ein
anderes Gesicht haben.
Sie kehrte ins Foyer zurück und setzte sich wieder in
einen Sessel. Ihre Sporttasche, in der sich die kleine Pistole
mit sieben Schuss Munition und die geschliffene Nadel für
den Stich in den Nacken des Mannes befanden, stellte sie
auf einen Tisch neben sich. Ich muss Ruhe bewahren,
dachte sie. Es ist meine letzte und wichtigste Mission. Ich
muss sein wie immer – kaltblütig und hart.
Allerdings konnte sie nicht umhin zu bemerken, dass sie
sich eben nicht in ihrem gewohnten Zustand befand. Sie
bekam schlecht Luft, und auch das Tempo ihres
Herzschlags beunruhigte sie. Sie schwitzte unter den
Achseln. Ihre Haut prickelte. Das konnte nicht nur
Nervosit.t sein. Ich habe irgendeine Vorahnung, dachte sie.
Diese Vorahnung warnt mich. Klopft best.ndig an die Tür
meines Bewusstseins. Es ist noch nicht zu sp.t, hau ab,
vergiss alles.
Am liebsten w.re Aomame dieser Warnung gefolgt. H.tte
alles abgebrochen und w.re aus dem Hotelfoyer
verschwunden. Dieser Raum hatte etwas Unheilvolles an
sich. Ein Hauch von Tod lag über ihm. Ein stiller, dumpfer
Hauch von unentrinnbarem Tod. Aber sie konnte jetzt
nicht aufgeben und verschwinden. Das war nicht ihre Art.
Es waren sehr lange zehn Minuten. Die Zeit schien
überhaupt nicht zu vergehen. Sie sa. in ihrem Sessel und
versuchte ihre Atmung zu beherrschen. Die Foyergeister
stie.en unabl.ssig weiter ihre dumpfen Laute aus.
Ger.uschlos bewegten sie sich über die dicken Teppiche,
wie heimatlose Seelen auf der Suche nach einer Zuflucht.
Das Klirren, mit dem eine Kellnerin ein Tablett mit
Kaffeegeschirr absetzte, war das einzige definierbare
Ger.usch, das an Aomames Ohren drang. Und selbst ihm
wohnte eine verd.chtige Ambivalenz inne. Das war keine
gute Entwicklung. Wenn sie weiter so aufgeregt war, würde
sie im entscheidenden Augenblick versagen. Aomame
schloss die Augen und murmelte beinahe unwillkürlich das
Gebet, das sie, solange sie denken konnte, vor allen drei
Mahlzeiten hatte aufsagen müssen. Sie erinnerte sich noch
an jedes Wort, obwohl das alles so lange zurücklag.
Vater unser im Himmel. Geheiligt werde Dein Name,
Dein K.nigreich komme. Vergib uns unsere gro.e Schuld.
Gib uns Deinen Segen auf all unseren bescheidenen Wegen.
Amen.
Aomame musste widerwillig zugeben, dass dieses Gebet,
das ihr so viele Qualen bereitet hatte, ihr nun eine Hilfe
war. Der Klang der Worte beruhigte ihre Nerven, gebot
ihrer Angst Einhalt und half ihr, ihre Atmung zu regulieren.
Sie drückte die Finger auf beide Augenlider und
wiederholte im Geist immer wieder diese Zeilen.
.Frau Aomame?., sprach eine jugendliche M.nnerstimme
sie an.
Sie .ffnete die Augen und hob langsam den Kopf. Ihr
Blick fiel auf den Inhaber der Stimme. Zwei junge M.nner
standen vor ihr. Beide trugen die gleichen dunklen Anzüge.