eigentlich nicht sein. Aomame legte viel Wert auf eine
genaue Zeitungslektüre. H.tte eine solche .nderung
stattgefunden, w.re gro. darüber berichtet worden.
Au.erdem zollte sie Polizisten stets besondere
Aufmerksamkeit. Bis heute Morgen, also bis vor ganz
kurzer Zeit, hatten sie die gewohnte steife Uniform und die
üblichen plumpen Revolver getragen. Daran konnte sie sich
ganz genau erinnern. Seltsam.
Aber sie hatte nicht die Zeit, weiter darüber
nachzudenken. Sie hatte einen Auftrag zu erledigen.
Aomame verstaute ihren Mantel in einem Schlie.fach am
Bahnhof Shibuya und eilte dann zu Fu. den Hang zum
Hotel hinauf. Es war ein Mittelklasse-Hotel, nicht
sonderlich luxuri.s, aber einigerma.en sauber, gut
ausgestattet und ohne zwielichtige G.ste. Im Parterre
befand sich ein Restaurant, und einen Supermarkt gab es
auch. Au.erdem war es in der N.he des Bahnhofs gelegen.
Vom Hoteleingang ging sie direkt zu den Toiletten.
Glücklicherweise war niemand dort. Als Erstes setzte sie
sich und urinierte ausgiebig. Sie schloss die Augen und
lauschte, ohne an etwas zu denken, dem Pl.tschern ihres
eigenen Urins, als sei es fernes Meeresrauschen.
Anschlie.end trat sie an ein Waschbecken, wusch sich die
H.nde gründlich mit Seife, bürstete sich die Haare und
schn.uzte sich die Nase. Sie holte Zahnbürste und
Zahnpasta hervor und putzte sich rasch die Z.hne. Für
Zahnseide fehlte ihr die Zeit. Sie brauchte es ja auch nicht
zu übertreiben, schlie.lich handelte es sich nicht um ein
Rendezvous. Sie sah in den Spiegel, legte etwas Lippenstift
auf und strich sich die Brauen glatt. Dann zog sie die
Kostümjacke aus, rückte die Bügel ihres BHs zurecht, strich
ihre wei.e Bluse glatt, prüfte, ob sie unter den Achseln
nach Schwei. roch. Kein Geruch. Anschlie.end schloss sie
die Augen und sprach wie immer ein Gebet. Die Worte an
sich hatten keinerlei Bedeutung. Ihr Inhalt spielte keine
Rolle. Das Beten selbst war das Wichtige.
Als sie damit fertig war, .ffnete sie die Augen und
betrachtete sich im Spiegel. Alles in Ordnung. In jeder
Hinsicht die perfekte Gesch.ftsfrau. Sie straffte die
Schultern und zog die Mundwinkel hoch. Nur ihre gro.e
bauchige Umh.ngetasche wirkte ein wenig fehl am Platz.
Sie h.tte wohl besser ein flaches Attachék.fferchen tragen
sollen. Aber abgesehen davon sah sie .u.erst professionell
aus. Zur Sicherheit überprüfte sie noch einmal den Inhalt
ihrer Tasche. Kein Problem. Alles war an Ort und Stelle,
ganz wie es sein sollte. Griffbereit.
Nun musste sie das, was sie vorhatte, nur noch in die Tat
umsetzen. Sie musste mit unerschütterlicher überzeugung
und Erbarmungslosigkeit zuschlagen. Ohne zu z.gern.
Aomame .ffnete den obersten Knopf ihrer Bluse, damit
man ihr, wenn sie sich vorbeugte, leichter in den
Ausschnitt blicken konnte. Ein gr..erer Busen w.re
wahrscheinlich wirksamer, dachte sie mit leichtem
Bedauern.
Unbemerkt fuhr sie mit dem Fahrstuhl in den dritten
Stock, ging durch den Flur und fand sogleich die Tür von
Zimmer 426. Sie nahm ein Klemmbrett, das sie für diesen
Zweck vorbereitet hatte, aus ihrer Tasche, drückte es an die
Brust und klopfte kurz und sacht an die Tür. Sie wartete
einen Moment. Dann klopfte sie noch einmal. Ein wenig
st.rker und lauter. Aus dem Inneren ert.nte eine nerv.se
Stimme, und die Tür .ffnete sich ein wenig. Ein etwa
vierzigj.hriger Mann erschien. Er trug ein marineblaues
Oberhemd und graue Flanellhosen. Er machte den
Eindruck eines Gesch.ftsmanns, der Anzugjacke und
Krawatte kurzfristig abgelegt hatte. Er hatte ger.tete
Augen, und sein Blick war gereizt. Wahrscheinlich
Schlafmangel. überrascht musterte er Aomame in ihrem
Kostüm. Vielleicht hatte er ein Zimmerm.dchen erwartet,
das zum Auffüllen des Kühlschranks kam.
.Entschuldigen Sie die St.rung. Mein Name ist Ito, ich
komme von der Hotelleitung. Wir haben ein Problem mit
der Klimaanlage, dem wir nachgehen müssen. Dürfte ich
Sie für etwa fünf Minuten in ihrem Zimmer st.ren?., sagte
Aomame in resolutem Ton und l.chelte liebenswürdig.
Der Mann kniff ver.rgert die Augen zusammen. .Ich habe
etwas Dringendes zu tun. Ich werde das Zimmer in etwa
einer Stunde r.umen. K.nnten Sie so lange warten?
Au.erdem scheint die Klimaanlage problemlos zu
funktionieren..
.Es tut mir sehr leid, aber es handelt sich um eine
dringende Sicherheitsma.nahme in Zusammenhang mit
einem Kurzschluss, und wir m.chten sie m.glichst rasch zu
Ende führen. Daher mache ich diese Runde durch alle
Zimmer. Es dauert nur fünf Minuten..
.Da kann man wohl nichts machen., sagte der Mann. Er
schnalzte .rgerlich mit der Zunge. .Das hat man davon,
wenn man sich eigens ein Hotelzimmer nimmt, um
ungest.rt arbeiten zu k.nnen..
Er deutete auf den Stapel Dokumente auf dem
Schreibtisch. Es waren eng mit Tabellen bedruckte
Computerbl.tter. Vermutlich bereitete er das für seine
Konferenz am Abend n.tige Material vor. Daneben lagen
ein Taschenrechner und ein Notizblock, auf dem sich eine
Menge Zahlen aneinanderreihten.
Aomame wusste, dass der Mann im .lgesch.ft war. Er
war auf Investitionen im Nahen Osten spezialisiert. Nach
ihren Informationen war er ein herausragender Experte auf
diesem Gebiet. Man merkte es an seinem Auftreten. Er war
wohlerzogen, hoch bezahlt und fuhr einen neuen Jaguar. Er
hatte eine privilegierte Kindheit gehabt, im Ausland
studiert, sprach gut Englisch und Franz.sisch und besa. in
jeder Hinsicht gro.es Selbstvertrauen. Au.erdem geh.rte
er zu jenem Typ Mensch, der es nicht ertragen kann, wenn
andere etwas von ihm verlangen. Ebenso wenig konnte er
Kritik vertragen. Schon gar nicht, wenn sie von einer Frau
kam. Selbst etwas von anderen zu verlangen machte ihm
nichts aus. Auch seine Frau mit einem Golfschl.ger zu
verprügeln und ihr mehrere Rippen zu brechen verursachte
ihm keinerlei Unbehagen. Die ganze Welt, für deren
Zentrum er sich hielt, kreiste um ihn. Er glaubte, ohne ihn
würde die Erde aufh.ren, sich zu drehen. Wenn jemand
seine Pl.ne st.rte oder ablehnte, geriet er au.er sich vor
Wut. Dann brannten s.mtliche Sicherungen bei ihm durch.
.Entschuldigen Sie die Umst.nde., sagte Aomame mit
freundlichem gesch.ftsm..igem L.cheln. Um ihn vor
vollendete Tatsachen zu stellen, schob sie ihren K.rper zur
H.lfte ins Zimmer, nahm das Klemmbrett und schrieb mit
Kugelschreiber etwas darauf, w.hrend sie die Tür mit dem
Rücken aufhielt. .Sie sind Herr Miyama, nicht wahr?.,
fragte sie. Sie hatte sich immer wieder ein Foto von ihm
angesehen und kannte sein Gesicht. Aber sich zu
vergewissern, dass sie nicht den Falschen vor sich hatte,
konnte nicht schaden. Eine Verwechslung w.re nicht
wiedergutzumachen.
.Miyama, ganz recht., sagte der Mann in unh.flichem
Ton. Er seufzte gereizt. Sie machen ja ohnehin, was Sie
wollen, sollte das vermutlich hei.en. Dann setzte er sich
mit dem Kugelschreiber in der Hand wieder an den
Schreibtisch und nahm sich das Dokument vor, in dem er
zu lesen begonnen hatte. Seine Anzugjacke und seine
gestreifte Krawatte hatte er achtlos auf das gemachte Bett
geworfen. Beides sah ziemlich teuer aus.
Ihre Tasche über der Schulter, steuerte Aomame
geradewegs auf den Schrank zu, in dem sich, wie sie zuvor
in Erfahrung gebracht hatte, die Schalter für die
Klimaanlage befanden. Es hingen ein Trenchcoat aus
weichem Material und ein flauschiger grauer Kaschmirschal
darin. Mehr Gep.ck als eine lederne Aktentasche hatte der
Mann nicht. Keine Kleider zum Wechseln, kein
Kulturbeutel. Wahrscheinlich hatte er nicht die Absicht,
hier zu übernachten. Auf dem Tisch stand ein K.nnchen
Kaffee vom Zimmerservice. Nachdem sie drei.ig Sekunden
so getan hatte, als überprüfe sie die Schalter, wandte
Aomame sich an Miyama.
.Vielen Dank für Ihr Verst.ndnis, Herr Miyama. Mit der
Anlage in Ihrem Zimmer ist alles in Ordnung..
.Habe ich Ihnen doch gleich gesagt., sagte Miyama in
arrogantem Ton, ohne sich zu ihr umzuwenden.
.Herr Miyama, bitte entschuldigen Sie., sagte Aomame
schüchtern. .Aber Sie haben da etwas an Ihrem Nacken..
Miyama fuhr sich mit der Hand in den Nacken, rieb und
betrachtete dann argw.hnisch seine Handfl.che. .Was soll
da sein? Da ist nichts..
.Verzeihen Sie vielmals., sagte Aomame und n.herte sich
dem Tisch. .Wenn ich einmal aus der N.he schauen
dürfte?.
.Ja, machen Sie schon., sagte Miyama mit ratloser Miene.
.Was ist denn da?.
.Sieht aus wie hellgrüne Farbe..
.Farbe?.
.Ich wei. nicht. Sieht so aus. Verzeihung, dürfte ich mal
anfassen? Dann kann ich es vielleicht entfernen..
.Na los.. Miyama beugte sich nach vorn und drehte
Aomame seinen Nacken zu, den keine Haare verdeckten. Er
schien gerade beim Friseur gewesen zu sein. Aomame
atmete ein, hielt die Luft an, konzentrierte sich und suchte
hastig die Stelle. Sacht drückte sie mit der Fingerspitze
dagegen und überzeugte sich mit geschlossenen Augen,
dass sie sie zweifelsfrei spürte. Genau hier. Natürlich h.tte
sie sich gern mehr Zeit genommen, aber das konnte sie sich
nicht erlauben. Unter den gegebenen Umst.nden tat sie ihr
Bestes.
.Entschuldigen Sie, aber k.nnten Sie bitte einen Moment
in dieser Haltung bleiben? Ich habe ein Penlight in meiner
Tasche. Bei der Beleuchtung hier im Zimmer kann ich es
nicht richtig sehen..
.Wie kommt denn Farbe an so eine Stelle?., sagte
Miyama.
.Ich wei. es nicht. Ich kümmere mich sofort darum..
Ihren Finger an einem Punkt seines Nackens, zog
Aomame ein Plastikk.stchen aus ihrer Tasche, .ffnete den
Deckel und nahm einen in dünnes Tuch geschlagenen
Gegenstand heraus. Als sie das Tuch mit einer Hand
zurückschlug, kam eine Nadel zum Vorschein, die
.hnlichkeit mit einem winzigen Eispick hatte, wie sie in
Bars verwendet werden. Sie war etwa zehn Zentimeter lang.
Der Griff war aus stabilem Holz. Aber es war kein
Werkzeug, um Eis zu zersto.en. Aomame hatte die kleine
Waffe selbst entworfen und angefertigt. Sie war spitz wie
eine N.hnadel und scharf. Damit die Spitze nicht abbrach,
steckte sie in einem kleinen Stück Korken. Sie hatte ihn auf
eine besondere Weise behandelt, und er war weich wie
Baumwolle. Behutsam zog sie ihn mit den Fingern.geln ab
und lie. ihn in ihre Tasche gleiten. Dann zielte sie mit der
entbl..ten Nadel auf die Stelle an Miyamas Nacken. Ruhig
Blut, es geht ums Ganze, sagte Aomame zu sich selbst. Sie
konnte es sich nicht erlauben, sich auch nur um einen
Millimeter zu vertun. Die geringste Abweichung, und alles
w.re umsonst gewesen. H.chste Konzentration war
gefordert.
.Wie lange brauchen Sie denn noch? Wollen Sie ewig da
rumfummeln?., fragte der Mann ungeduldig.
.Entschuldigung. Ich bin gleich fertig., antwortete
Aomame.
Keine Sorge, in einer Sekunde ist alles vorbei, sagte sie im
Geiste zu dem Mann. Gedulden Sie sich nur noch einen
kleinen Augenblick. Danach brauchen Sie an gar nichts
mehr zu denken: weder an den Trend der .lpreise noch an
den Vierteljahresbericht für die Investmentgruppe, noch
daran, den Flug nach Bahrein zu buchen, nicht an
irgendwelche Bestechungsgelder und auch nicht an ein
Geschenk für Ihre Geliebte. Es ist doch sicher beschwerlich,
st.ndig all diese Dinge im Kopf haben zu müssen.
Entschuldigen Sie, wenn ich Sie noch einen Moment
warten lasse. Aber st.ren Sie mich nicht, denn ich muss
mich konzentrieren und mich ganz meiner Arbeit widmen.
Bitte.
Als sie die Stelle verifiziert hatte und bereit war, hob sie
die rechte Handfl.che in die Luft, hielt den Atem an und
lie. einen Moment verstreichen. Dann lie. sie die Hand
abrupt fallen. Auf das h.lzerne Heft der Nadel. Nicht allzu
stark. Bei zu gro.em Kraftaufwand h.tte die Nadel unter
der Haut abbrechen k.nnen. Sie durfte aber die
Nadelspitze nicht zurücklassen. Leicht, fast liebevoll, genau
im richtigen Winkel und mit genau der richtigen St.rke,
lie. sie die Handfl.che auf das Heft der Nadel fallen. Ohne
sich der Schwerkraft zu widersetzen, zack. Damit die feine
Nadelspitze ganz natürlich von der Stelle aufgenommen
wurde. Tief, glatt und t.dlich. Worauf es ankam, waren der
Winkel und die Art, in der sie die Kraft einsetzte – oder
vielmehr, die Kraft nicht einsetzte. Wenn sie all das
beherzigte, war das übrige nicht schwerer, als eine Nadel in
Tofu zu stecken. Die Nadelspitze drang ins Fleisch ein,
stie. in einen bestimmten Teil unterhalb des Gehirns, und
das Herz h.rte auf zu schlagen. Es war, als bliese man eine
Kerze aus. In einem Augenblick war alles vorbei. Fast zu
schnell. Nur Aomame konnte das. Niemand sonst war
imstande, diesen versteckten Punkt mit der Hand zu
ertasten. Sie schon. Ihre Fingerspitzen besa.en diese
besondere intuitive Gabe.
Sie h.rte, wie der Mann nach Luft schnappte. Seine
gesamte Muskulatur zog sich pl.tzlich zusammen. Nun zog
sie die Nadel behutsam heraus und presste unverzüglich
ein Stückchen Gaze, das sie in ihrer Tasche bereithielt, auf
die Wunde, um zu verhindern, dass Blut austrat. Die Nadel
war sehr fein und der Stich eine Sache von einer Sekunde.
Wenn überhaupt, blutete die Einstichstelle nur ganz leicht.
Dennoch musste sie auf Nummer sicher gehen. Es durfte
keine Spur von Blut zurückbleiben. Ein Tropfen konnte
fatale Folgen haben. Wachsamkeit war Aomames St.rke.
Aus Miyamas kurzzeitig erstarrtem K.rper wich langsam
und allm.hlich die Spannung. Als würde man aus einem
Basketball die Luft herauslassen. Den Zeigefinger auf den
bewussten Punkt im Nacken des Mannes gedrückt, lie.
Aomame seinen K.rper vornüber auf den Tisch sinken,
sodass sein Gesicht seitw.rts auf den Dokumenten zu
liegen kam. Seine Augen hatten sich zu einem überraschten
Ausdruck gerundet. Als sei er bei seinem Ende Zeuge von
etwas unfassbar Verwunderlichem geworden. Sein Blick
drückte weder Angst noch Schmerz aus. Nur reines
Erstaunen. Ihm war etwas sehr Ungew.hnliches
zugesto.en. Aber was, das konnte er nicht begreifen. Nicht