An Stoff und Verarbeitung sah man, dass es sich um keine
teuren Modelle handelte, sondern um Massenware, gekauft
wahrscheinlich bei einem Gro.h.ndler. Sie sa.en nicht
ganz perfekt, hatten aber – es grenzte an ein Wunder –
nicht eine Falte. Vielleicht wurden sie vor jedem Tragen
gebügelt. Keiner der beiden M.nner trug eine Krawatte.
Der eine hatte sein wei.es Hemd bis oben zugekn.pft, der
andere trug ein graues Shirt mit rundem, kragenlosem
Ausschnitt. Beide hatten derbe schwarze Lederschuhe an.
Der mit dem wei.en Hemd war etwa 1,85 Meter gro. und
hatte einen Pferdeschwanz. Seine Augenbrauen waren lang
und sch.n geschwungen wie ein Liniendiagramm, seine
Gesichtszüge ebenm..ig und kühl. Er h.tte Schauspieler
sein k.nnen. Der andere war etwa 1,65 und kahlgeschoren.
Er hatte eine breite Nase und einen kleinen Kinnbart, der
wie Schamhaar an einer verkehrten Stelle wirkte. Neben
dem rechten Auge hatte er eine kleine Narbe,
wahrscheinlich von einer Schnittwunde. Beide M.nner
waren schlank und ihre gebr.unten Gesichter schmal. Sie
hatten kein Gramm Fett zu viel. Die breiten Schultern der
Anzüge lie.en die Muskelpakete darunter erahnen. Beide
waren zwischen Mitte und Ende zwanzig. Ihre Augen
wirkten durchdringend und scharf. Wie Raubtiere auf der
Jagd machten sie keine unn.tigen Bewegungen.
Aomame sprang auf und schaute auf ihre Uhr. Die Zeiger
standen auf sieben. Sie waren auf die Minute pünktlich.
.Ja, das bin ich., sagte sie.
Die Gesichter der beiden blieben v.llig ausdruckslos. Sie
tasteten Aomame rasch mit ihren Blicken ab und schauten
auf die blaue Sporttasche neben ihr.
.Ist das alles, was Sie dabeihaben?., fragte der mit dem
rasierten Kopf.
.Ja., sagte Aomame.
.Gut. Gehen wir. Sind Sie so weit?., fragte er. Der mit
dem Pferdeschwanz sah Aomame nur schweigend an.
.Natürlich., sagte Aomame. Sie erriet, dass der Kleinere
vermutlich der .ltere von beiden war und das Kommando
hatte.
Gemessenen Schrittes durchquerte der Kahle vor ihr das
Foyer bis zu den Aufzügen für die G.ste. Aomame folgte
ihm, ihre Sporttasche in der Hand. Der mit dem
Pferdeschwanz kam in etwa zwei Metern Abstand
hinterher, sodass sie zwischen ihnen ging. Ein gut
eingespieltes Team, dachte Aomame. Sie hielten sich
kerzengerade, ihr Gang war kraftvoll und sicher. Der alten
Dame zufolge waren sie versierte Karatek.mpfer. Sie h.tte
sie wohl unm.glich au.er Gefecht setzen k.nnen, wenn sie
gegen beide gleichzeitig h.tte antreten müssen. Als
erfahrene Kampfsportlerin wusste Aomame das.
Andererseits strahlte keiner der beiden jene überw.ltigende
K.lte aus, die Tamaru umgab. Sie waren keine g.nzlich
überm.chtigen Gegner. Sollte es zu einem Kampf kommen,
müsste sie zuerst den kleinen Kahlkopf ausschalten, denn
er war die Schaltzentrale. Wenn sie es nur noch mit dem
Pferdeschwanz zu tun h.tte, würde sie vielleicht mit
knapper Not entkommen.
Die drei stiegen in den Aufzug. Der Pferdeschwanz
drückte auf den Knopf für den 6. Stock. Der Kahle stand
neben Aomame, der Pferdeschwanz hatte sich mit dem
Gesicht zu ihnen in der diagonal gegenüberliegenden Ecke
postiert. Alles ging wortlos vor sich. Die beiden waren
v.llig aufeinander eingespielt. Es war wie ein gelungenes
Doubleplay zwischen einem Second Baseman und einem
Shortstop.
Bei ihren überlegungen spürte Aomame pl.tzlich, dass
der Rhythmus ihres Atems und ihr Herzschlag sich wieder
beruhigt hatten. Keine Angst, dachte sie. Ich bin die, die ich
immer bin. Kaltblütig und hart. Alles wird gut laufen. Es
gibt keine b.sen Vorahnungen mehr.
Ger.uschlos .ffnete sich die Aufzugtür. Der
Pferdeschwanz hielt den .Tür auf.-Knopf gedrückt,
w.hrend der Kahle als Erster ausstieg. Erst als auch
Aomame drau.en war, nahm der Pferdeschwanz den
Finger von dem Knopf und verlie. den Aufzug. Der Kahle
ging vorneweg den Gang entlang, Aomame folgte ihm, und
der Pferdeschwanz bildete wie üblich das Schlusslicht. In
dem weitl.ufigen Flur war kein Mensch. Es war unendlich
still und unendlich sauber. Offenbar achtete man sehr
darauf, dass jeder Winkel des Geb.udes den Anforderungen
eines erstklassigen Hotels entsprach. Dass der
Zimmerservice ein Tablett mit Geschirr vor einer Tür
stehenlie., kam offenbar nicht vor. In den Aschenbechern
vor den Aufzügen lag nicht eine einzige Zigarettenkippe.
Die Blumen in den Vasen verstr.mten einen Duft wie
soeben frisch geschnitten. Nach mehreren Flurwindungen
machten die drei vor einer der Türen Halt. Der
Pferdeschwanz klopfte zweimal. Dann .ffnete er – ohne
eine Antwort abzuwarten – die Tür mit einer
Schlüsselkarte, betrat den Raum und blickte sich darin um.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alles normal war,
nickte er dem Kahlen zu.
.Bitte, treten Sie ein., sagte der mit rauer Stimme.
Aomame ging hinein. Der Kahle folgte ihr, schloss die Tür
und legte von innen die Kette vor. Die Ausma.e des
Raumes überstiegen die eines normalen Hotelzimmers bei
weitem. Es gab darin eine gro.e Sitzgruppe und einen
Büroschreibtisch. Fernseher und Kühlschrank waren
ebenfalls riesig. Wahrscheinlich handelte es sich um den
Wohnraum einer besonderen Suite. Vom Fenster hatte man
einen Ausblick auf das n.chtliche Tokio, den man
sicherlich für einen horrenden Aufpreis buchen konnte.
Nach einem Blick auf seine Armbanduhr bot der Kahle
Aomame einen Platz auf dem Sofa an. Sie gehorchte. Die
blaue Sporttasche stellte sie neben sich.
.M.chten Sie sich umziehen?., fragte der Kahle.
.Wenn es geht., sagte Aomame. .In meinem Trikot kann
ich besser arbeiten..
Der Kahle nickte. .Vorher müssen wir Sie bitten, sich
kurz durchsuchen zu lassen. Es tut mir leid, aber das ist
Teil unserer Arbeit..
.Das geht schon Ordnung. Durchsuchen Sie mich ruhig.,
sagte Aomame. Keinerlei Anspannung mischte sich in ihre
Stimme. Sie klang sogar, als würde sie sich ein wenig über
die Nervosit.t der M.nner amüsieren.
Der Pferdeschwanz stellte sich neben sie und tastete sie
mit beiden H.nden ab, um sich zu vergewissern, dass sie
auch nichts Verd.chtiges an ihrem K.rper befestigt hatte.
Unter der dünnen blauen Baumwollhose und der Bluse
konnte man ohnehin nichts verstecken, und er h.tte gar
nicht gro. suchen müssen. Aber er folgte einem
festgelegten Protokoll. Seine H.nde schienen steif vor
Anspannung. Man konnte beim besten Willen nicht sagen,
dass er sonderlich geschickt war. Vielleicht hatte er noch
nie eine Frau durchsucht. An den Schreibtisch gelehnt,
beobachtete der Kahle, wie sein Kollege seine Pflicht
erfüllte.
Nach der etwas linkischen Leibesvisitation .ffnete
Aomame ihre Sporttasche. Neben einem einfachen
Schminkset und einem Taschenbuch lagen darin eine
dünne Sommerstrickjacke, ihr Sporttrikot sowie das gro.e
und das kleine Handtuch. Au.erdem eine kleine
perlenbestickte Handtasche, in der sich ihre Brieftasche,
ein Portemonnaie für Kleingeld und ein Schlüsselanh.nger
befanden. Aomame nahm einen Gegenstand nach dem
anderen heraus und reichte ihn dem Pferdeschwanz. Zum
Schluss holte sie den bewussten schwarzen Plastikbeutel
heraus und .ffnete den Rei.verschluss. Unterw.sche zum
Wechseln, Tampons und Monatsbinden befanden sich
darin.
.Da ich bei meiner Arbeit stark schwitze, brauche ich
W.sche zum Wechseln., sagte Aomame. Sie nahm die
wei.e Spitzenunterw.sche heraus und machte Anstalten,
sie vor dem Mann auszubreiten. Der Pferdeschwanz
err.tete ein wenig und nickte mehrmals kurz, als wolle er
sagen, ich verstehe, danke, das genügt. Aomame fragte sich,
ob er wom.glich nicht sprechen konnte.
Sie packte ihre Unterw.sche und die Hygieneartikel in
aller Ruhe wieder in den Beutel, zog den Rei.verschluss zu
und legte ihn zurück in die Tasche, als sei nichts gewesen.
Diese Typen sind tats.chlich Amateure, dachte sie. Wer
beim Anblick von Damenunterw.sche und Monatsbinden
rot wird, ist als Bodyguard nicht geeignet. Tamaru h.tte in
einem Fall wie diesem jede Frau von Kopf bis Fu.
durchsucht, und wenn es Schneewittchen pers.nlich
gewesen w.re. Er h.tte alles, Büstenhalter, Hemdchen und
H.schen, hervorgekramt und sich mit eigenen Augen bis
auf den Grund des Beutels von dessen Inhalt überzeugt. Für
ihn waren Dessous – das hatte natürlich auch etwas damit
zu tun, dass er durch und durch schwul war – nicht mehr
als Stoffstücke. Zumindest h.tte er den Beutel in die Hand
genommen und sein Gewicht geprüft. Auf diese Weise
h.tte er die in das Taschentuch gewickelte Heckler & Koch
(sie wog immerhin fast 500 Gramm) und das
Hartschalenetui mit dem Eispick garantiert entdeckt.
Die beiden hier waren wirklich keine Profis. Vielleicht
konnten sie ganz gut Karate. Und sicher hatten sie ihrem
Leader unbedingte Treue geschworen. Aber Amateur blieb
eben doch Amateur. Wie die alte Dame gesagt hatte.
Aomames Vermutung, dass sie sich an einen Beutel mit so
vielen weiblichen Accessoires nicht heranwagen würden,
hatte sich best.tigt. Natürlich war das ein gewagtes Spiel
gewesen, aber im Grunde hatte sie mit keinem anderen
Ausgang gerechnet. Alles, was sie hatte tun k.nnen, war
beten. Aber sie hatte es gewusst. Beten half.
Aomame zog sich in dem ger.umigen Ankleidezimmer
um und legte ihre Bluse und die Baumwollhose gefaltet in
die Tasche. Sie vergewisserte sich, dass ihr Haar fest sa.,
und sprühte sich etwas Atemspray in den Mund. Sie nahm
die Heckler & Koch aus dem Beutel. Nachdem sie die
Toilettenspülung bet.tigt hatte, um das Ger.usch zu
übert.nen, zog sie den Schlitten zurück und lie. die
Patrone in die Kammer. Anschlie.end entsicherte sie die
Waffe. Das Etui mit dem Eispick kam griffbereit ganz oben
in die Tasche. Nun wandte sie sich dem Spiegel zu und
entspannte ihre Züge. Ganz ruhig. Bis jetzt hast du dich
tapfer geschlagen.
Als Aomame aus dem Ankleidezimmer kam, stand der
Kahle in aufrechter Haltung mit dem Rücken zu ihr und
telefonierte leise. Sobald er Aomame bemerkte, unterbrach
er sein Gespr.ch und legte ruhig auf. Prüfend musterte er
sie in ihrem Adidas-Trikot.
.Sind Sie so weit?., fragte er.
.Jederzeit., sagte Aomame.
.Vorher h.tte ich noch eine Bitte..
Aomame schenkte ihm die Andeutung eines L.chelns.
.Ich m.chte, dass Sie über den heutigen Abend
Stillschweigen bewahren., sagte er. Er machte eine kleine
Pause und wartete, dass seine Botschaft in Aomames
Bewusstsein drang. Als würde er darauf warten, dass
vergossenes Wasser in einen trockenen Boden einsickerte
und verschwand. Aomame sah ihn wortlos an. Der Kahle
fuhr fort.
.Vielleicht ist es nicht besonders vornehm, darauf
hinzuweisen, aber man beabsichtigt, Ihnen ein
ansehnliches Honorar zu zahlen. Und Sie von nun an
eventuell noch .fter hierherzubemühen. Daher vergessen
Sie bitte alles, was heute hier geschieht. Was Sie sehen, was
Sie h.ren, alles..
.Es ist mein Beruf, auf diese Weise mit menschlichen
K.rpern umzugehen., sagte Aomame in .u.erst kühlem
Ton. .Und ich bin mir meiner Verpflichtung zur Diskretion
bewusst. Unter keinen Umst.nden werden Informationen,
die die pers.nliche Physis meines Klienten betreffen, diese
R.umlichkeiten verlassen. Da müssen Sie sich keine Sorgen
machen..
.Gut. Mehr wollte ich nicht h.ren., sagte der Kahle.
.Allerdings geht das, was ich meine, über die
herk.mmliche Bedeutung von Diskretion hinaus. Bitte
seien Sie sich dessen bewusst. Der Ort, den Sie gleich
betreten werden, ist sozusagen eine geheiligte St.tte..
.Eine geheiligte St.tte?.
.Es klingt vielleicht übertrieben, ist es aber nicht. Was Sie
jetzt sehen und mit Ihren H.nden berühren werden, ist
heilig. Es gibt keinen passenderen Ausdruck dafür..
Aomame nickte nur stumm. Lieber nichts Unn.tiges
sagen.
Der Kahle sprach weiter. .Es tut mir leid, aber wir haben
Ihre pers.nlichen Hintergründe untersucht. Das ist Ihnen
sicher nicht angenehm, aber es musste sein. Wir haben
gewichtige Gründe..
W.hrend sie ihm zuh.rte, sah sie sich nach dem
Pferdeschwanz um. Er sa. mit geradem Rücken auf einem
Stuhl neben der Tür, beide H.nde auf die Knie gelegt und
das Kinn eingezogen. Seine Haltung war v.llig unbewegt,
als würde er für eine Fotografie posieren. Dabei lie. er
Aomame kein einziges Mal aus den Augen.
Der Kahle warf einen kurzen Blick nach unten, wie um
den abgewetzten Zustand seiner schwarzen Schuhe zu
überprüfen. Dann hob er den Kopf und sah Aomame an.
.Abschlie.end kann ich sagen, dass wir auf nichts gesto.en
sind, das ein Problem darstellen k.nnte. Deshalb haben wir
Sie heute hergebeten. Es hei.t, Sie seien eine sehr
kompetente Trainerin. Ihr Ruf ist ausgezeichnet..
.Vielen Dank., sagte Aomame.
.Wir haben erfahren, dass Sie selbst Zeugin Jehovas
waren. Das ist doch richtig?.
.Ja. Meine Eltern waren Mitglieder, und so war ich es
auch von Geburt an., sagte Aomame. .Nicht aus eigenem
Willen. Ich bin schon vor sehr langer Zeit ausgetreten..
Ob sie auch herausbekommen haben, dass Ayumi und ich
ab und zu in Roppongi M.nner aufgerissen haben? Nein, so
was interessiert sie nicht. Und selbst wenn sie es
herausgefunden haben, scheinen sie es nicht für wichtig
oder unverzeihlich zu halten. Sonst w.re ich ja jetzt nicht
hier.
.Auch das wissen wir., fuhr der Mann fort. .Immerhin
haben Sie eine gewisse Zeit in einer Gemeinschaft von
Gl.ubigen gelebt. W.hrend der Kindheit ist so etwas sehr
pr.gend. Daher verstehen Sie sicher ungef.hr, was es
bedeutet, wenn etwas heilig ist. Dieses Heilige ist die
bedeutendste Grundlage jedes Glaubens. Es gibt Bereiche
auf dieser Welt, die wir nicht betreten dürfen oder auf
keinen Fall betreten sollten. Dies anzuerkennen und ihnen
h.chste Ehrerbietung zuteil werden zu lassen, gilt allen
Glaubensrichtungen als wichtigstes Prinzip. Sie verstehen,
was ich Ihnen sagen m.chte?.
.Ich glaube schon., erwiderte Aomame. .Ob ich es
akzeptiere, ist eine andere Frage..