.Natürlich., sagte der Kahle. .Selbstverst.ndlich
brauchen Sie es nicht zu akzeptieren. Es ist unser Glaube
und nicht Ihrer. Aber heute werden Sie vielleicht etwas
Besonderes sehen, das Ihren Unglauben überwindet. Ein
au.ergew.hnliches Wesen..
Aomame schwieg. Ein au.ergew.hnliches Wesen.
Der Kahle kniff die Augen zusammen und taxierte einen
Moment lang ihr Schweigen. .Ganz gleich, was Sie sehen
werden., sagte er dann gelassen, .Sie werden nirgendwo
darüber sprechen. Es würde unser Heiligstes unwiderruflich
beflecken, wenn etwas davon nach au.en dr.nge. Es w.re,
als würde ein sch.ner klarer Teich mit etwas Widerlichem
verschmutzt. So empfinden wir es, ganz gleich, was die
irdische Gerichtsbarkeit oder die Allgemeinheit davon h.lt.
Bitte, haben Sie Verst.ndnis. Wenn Sie dazu imstande sind
und Ihr Versprechen halten, werden wir Sie reichlich
belohnen..
.Ich habe verstanden., sagte Aomame.
.Unsere Gemeinschaft ist klein., fuhr er fort. .Aber wir
haben ein starkes Herz und einen langen Arm..
Aha, einen langen Arm also, dachte Aomame. Wie lang,
das werde ich jetzt wohl herausfinden.
Mit verschr.nkten Armen an den Schreibtisch gelehnt,
musterte er Aomame. Sein Blick war absch.tzend, als
kontrolliere er, ob ein Bilderrahmen an der Wand gerade
hing. Sein Kollege mit dem Pferdeschwanz verharrte noch
immer in der gleichen Haltung. Auch sein Blick war auf
Aomame gerichtet. Unver.ndert und ununterbrochen.
Der Kahle sah auf die Uhr.
.Gut, gehen wir hinein., sagte er. Er r.usperte sich
trocken und durchschritt feierlich den Raum, wie ein
Heiliger, der über einen See wandelt. Er klopfte zweimal
leicht an die Tür zum Nebenzimmer, .ffnete sie, ohne eine
Antwort abzuwarten, verbeugte sich leicht und trat ein.
Aomame nahm ihre Sporttasche und folgte ihm. W.hrend
sie mit festen Schritten über den Teppichboden ging,
vergewisserte sie sich, dass sie nicht unregelm..ig atmete.
Ihr Finger lag entschlossen am Abzug einer imagin.ren
Pistole. Keine Angst, es ist wie immer, sagte sich Aomame
und fürchtete sich dennoch. Es war, als klebten Eissplitter
an ihrem Rückgrat. Aus einem Eis, das nicht so leicht
schmelzen würde. Ich bin gelassen, ich bin ganz ruhig und
fürchte mich aus tiefster Seele.
Es gibt Bereiche auf dieser Welt, die wir nicht betreten
dürfen oder auf keinen Fall betreten sollten, hatte der
Mann mit dem rasierten Kopf gesagt. Aomame wusste, was
er meinte. Sie hatte selbst in einer Welt gelebt, in deren
Zentrum ein solcher Bereich lag, oder nein, wahrscheinlich
lebte sie in Wirklichkeit noch immer in dieser Welt. Und
merkte es nur nicht.
Aomame sprach wieder ihr Gebet, diesmal stumm und
ohne die Lippen zu bewegen. Dann holte sie einmal tief
Luft und betrat den n.chsten Raum.
KAPITEL 8
Tengo
Wenn die Katzen kommen
Nach dem Abend, an dem Yasuda Tengo angerufen hatte,
um ihm mitzuteilen, seine Frau sei verlorengegangen und
würde ihn nie wieder aufsuchen, und Ushikawa ihm kaum
eine Stunde sp.ter er.ffnet hatte, dass er und Fukaeri
gemeinsam die Rolle von Haupttr.gern eines
.gedankenverbrecherischen. Virus spielten, verlief der Rest
der Woche ungew.hnlich ruhig. Die Botschaften beider
M.nner waren von tieferer Bedeutung für ihn (anders
konnte er es sich nicht vorstellen). Sie hatten sie verkündet
wie R.mer, die in ihrer Toga ein Podest auf dem Forum
bestiegen und den interessierten Bürgern eine
Bekanntmachung verlasen. Und beide hatten aufgelegt, ehe
Tengo sich .u.ern konnte.
Nach den beiden abendlichen Anrufern hatte sich
niemand mehr bei ihm gemeldet. Weder per Telefon noch
per Post. Es klopfte auch nicht an der Tür, und nicht einmal
eine kluge Brieftaube gurrte vor seinem Fenster. Weder
Komatsu noch Professor Ebisuno, weder Fukaeri noch
Kyoko Yasuda schienen Tengo etwas mitzuteilen zu haben.
Tengo hatte auch seinerseits das Interesse an diesen
Menschen verloren. Nein, nicht nur an ihnen, ihm schien
das Interesse an allen Dingen abhandengekommen zu sein.
Die Verkaufszahlen von Die Puppe aus Luft, wo Fukaeri
war und was sie tat, Komatsus raffinierte Strategien, das
Ergebnis von Professor Ebisunos eiskalten Machenschaften,
inwieweit die Massenmedien die Wahrheit schrieben und
welche Schachzüge die geheimnisvolle Sekte der Vorreiter
unternahm – all das kümmerte ihn kaum. Wenn er mit
dem Boot, in dem er zuf.llig sa., Hals über Kopf einen
Wasserfall hinunterstürzte, konnte er nichts dagegen tun,
nur stürzen. Kein noch so verzweifelter Versuch würde den
Lauf des Flusses .ndern.
Natürlich machte er sich Sorgen um Kyoko Yasuda. Er
hatte keine Ahnung, was vorgefallen war, aber h.tte er
irgendetwas tun k.nnen, er h.tte keine Mühe gescheut.
Doch was immer die Probleme waren, vor denen sie stand,
es lag nicht in seiner Macht, ihr zu helfen. Praktisch konnte
er gar nichts tun.
Das Zeitunglesen hatte er v.llig eingestellt. Die Welt
hatte sich zu einem Ort entwickelt, der nichts mit ihm zu
tun hatte. Lethargie umgab ihn wie eine pers.nliche
Ausdünstung. Der Anblick von Die Puppe aus Luft in den
Schaufenstern verdross ihn, also hielt er sich von allen
Buchhandlungen fern. Er pendelte nur noch auf direktem
Weg zwischen seiner Wohnung und der Schule hin und
her. Alle Welt hatte bereits Ferien, aber da die Yobiko
spezielle Sommerkurse veranstaltete, gab es in dieser Zeit
mehr zu tun als sonst, ein Umstand, den Tengo sehr
begrü.te. Beim Unterricht brauchte er wenigstens an
nichts anderes zu denken als an mathematische Aufgaben.
Auch die Arbeit an seinem Roman stagnierte. Selbst wenn
er sich an den Schreibtisch setzte und das
Textverarbeitungsger.t einschaltete, brachte er nichts
zustande. Jeder Gedanke, den er zu fassen versuchte, wurde
von Fetzen aus den Gespr.chen mit Kyoko Yasudas Mann
oder Ushikawa verdr.ngt. Er konnte sich einfach nicht
konzentrieren.
MEINE FRAU IST VERLORENGEGANGEN. SIE WIRD
NIE MEHR ZU IHNEN KOMMEN, GANZ GLEICH IN
WELCHER FORM.
Hatte Kyoko Yasudas Mann gesagt.
WENN SIE MIR EINEN VERGLEICH AUS DER
GRIECHISCHEN MYTHOLOGIE GESTATTEN, K.NNTE
MAN VIELLEICHT SAGEN, IHR HABT EINE ART BüCHSE
DER PANDORA GE.FFNET, AUS DER ALLES M.GLICHE
ENTWICHEN IST. MEINER EINSCH.TZUNG NACH
ENTSPRICHT DAS IN ETWA DER AUFFASSUNG MEINES
KLIENTEN. SIE UND FUKAERI SIND SICH SOZUSAGEN
ZUF.LLIG BEGEGNET UND WURDEN ZU EINER
UNVERMUTET M.CHTIGEN VERBINDUNG. IHR HABT
EUCH GEGENSEITIG .USSERST WIRKUNGSVOLL
ERG.NZT, DEM JEWEILS ANDEREN DEN TEIL
HINZUGEFüGT, DER IHM FEHLTE.
Hatte Ushikawa gesagt.
Beide .u.erungen waren extrem verschwommen und in
ihrem Kern dunkel und ausweichend. Doch etwas hatten
sie gemeinsam: Sie schienen vermitteln zu wollen, dass
Tengo irgendeine Kraft, von der er selbst nichts wusste,
freigesetzt hatte und diese Kraft nun einen konkreten
Einfluss auf die Welt ausübte (offenbar sogar eine recht
unsch.ne Art von Einfluss).
Tengo schaltete das Textverarbeitungsger.t aus, setzte
sich auf den Boden und starrte eine Weile das Telefon an.
Er brauchte mehr Hinweise, mehr Teile von dem Puzzle.
Aber niemand gab ihm welche. Freigebigkeit war eine
Eigenschaft, an der auf dieser Welt ein (chronischer)
Mangel herrschte.
Er überlegte, ob er jemanden anrufen sollte, Komatsu,
Professor Ebisuno oder Ushikawa. Aber dazu verspürte er
nicht die geringste Lust. Er hatte ihre nutzlosen
sybillinischen Andeutungen gründlich satt. Sobald er einen
von ihnen aufforderte, ihm einen Hinweis zur L.sung des
R.tsels zu geben, speisten sie ihn nur wieder mit einem
neuen R.tsel ab. Er konnte dieses Spiel nicht bis in alle
Ewigkeit fortsetzen. Fukaeri und Tengo waren ein
unschlagbares Paar. Reichte das nicht? Sie waren wie Sonny
und Cher. Das ultimative Duo. The Beat Goes On.
Die Tage vergingen. Tengo wurde es bald müde, in seiner
Wohnung zu sitzen und zu warten, dass etwas passierte.
Also steckte er seine Brieftasche und ein Taschenbuch ein,
setzte eine Baseballkappe und eine Sonnenbrille auf und
verlie. das Haus. Mit forschen Schritten ging er zum
Bahnhof, zeigte seine Monatskarte und stieg in einen
Expresszug der Chuo-Linie. Wohin er fahren wollte, wusste
er noch nicht. Er war einfach in die n.chstbeste Bahn
gestiegen. Sie war leer. Tengo hatte an diesem Tag keine
Verpflichtungen. Er besa. die Freiheit, zu fahren, wohin er
wollte, und zu tun, was er wollte (oder auch gar nichts zu
tun). Es war zehn Uhr an einem windstillen
Sommermorgen, die Sonne schien kr.ftig.
Er nahm sich vor, darauf zu achten, ob ihm einer der
.Kundschafter. folgte, von denen Ushikawa gesprochen
hatte. Also blieb er auf dem Weg zum Bahnhof mehrmals
abrupt stehen und drehte sich blitzschnell um. Aber
niemand schien ihn zu beschatten. Zuerst ging er
absichtlich auf einen anderen Bahnsteig und tat dann, als
würde er pl.tzlich seine Meinung .ndern, machte kehrt
und rannte eine Treppe hinunter, entdeckte jedoch
niemanden, der sich .hnlich verhielt. Anscheinend litt er
jetzt unter Verfolgungswahn. Es war niemand hinter ihm
her. So bedeutend war er nicht, und so viel Zeit hatten die
bestimmt auch nicht. Er wusste ja selbst nicht, wohin er
fahren und was er machen wollte. Eigentlich war er selbst
es, der sich neugierig beobachtete. Was würde er als
N.chstes tun?
Die Bahn, mit der er fuhr, passierte Shinjuku, Yotsuya
und Ochanomizu. Am Bahnhof Tokio, ihrer Endhaltestelle,
stiegen alle Fahrg.ste aus. Tengo natürlich auch. Zun.chst
setzte er sich auf eine Bank und überlegte noch einmal, was
er tun sollte. Wohin konnte er fahren? Ich bin am Bahnhof
Tokio, dachte er. Und habe den ganzen Tag nichts vor. Von
hier aus kann ich fahren, wohin ich will. Es wird sicher
ziemlich hei. heute. Ich k.nnte ans Meer fahren. Er hob
den Kopf und schaute auf die Anzeigetafel.
Und dann wusste er pl.tzlich, was er tun wollte.
Er schüttelte mehrmals den Kopf, doch es half nichts, der
Gedanke lie. sich nicht vertreiben. Als er am Bahnhof
Koenji in die Chuo-Linie gestiegen war, hatte er sich
unbewusst bereits entschieden. Seufzend erhob er sich von
der Bank und ging die Treppe zum Bahnsteig der Sobu-
Linie hinunter. Er erkundigte sich bei einem Bahnbeamten,
wie man am schnellsten nach Chikura kam, und dieser
bl.tterte im Fahrplan nach. Um halb zw.lf gab es einen
Sonderexpress in Richtung Tateyama, dort stieg man in
einen normalen Zug um und kam gegen zwei in Chikura
an. Tengo kaufte eine Hin- und Rückfahrkarte und eine
Sitzreservierung für den Express. Anschlie.end ging er in
ein Restaurant im Bahnhofsgeb.ude und bestellte sich
Curryreis und einen Salat. Die restliche Zeit vertrieb er sich
mit einem dünnen Kaffee.
Der Gedanke, seinen Vater zu besuchen, bedrückte ihn.
Sein Vater war ihm nie sympathisch gewesen, und er
konnte sich umgekehrt auch nicht vorstellen, dass dieser
besondere elterliche Zuneigung zu ihm hegte. Tengo
wusste nicht einmal, ob sein Vater überhaupt Interesse
daran hatte, ihn zu sehen. Nachdem Tengo sich schon im
Grundschulalter strikt geweigert hatte, ihn bei seiner
Arbeit – dem Kassieren von Rundfunkgebühren – zu
begleiten, war die Atmosph.re zwischen ihnen mehr als
kühl gewesen. Von da an war Tengo seinem Vater bewusst
aus dem Weg gegangen, und sie hatten nur noch das
Allern.tigste miteinander geredet. Vor vier Jahren war sein
Vater in den Ruhestand getreten und bald danach in ein
Sanatorium für demenzkranke Menschen in Chikura
gezogen. Tengo hatte ihn bisher nur zweimal dort besucht,
einmal unmittelbar nach seinem Einzug, um als sein
einziger Angeh.riger einige Formalit.ten zu erledigen, und
auch beim zweiten Mal hatte eine praktische Angelegenheit
seine Anwesenheit erfordert. .fter war er nicht dort
gewesen.
Das Sanatorium lag auf einem weitl.ufigen Areal, das
durch eine Stra.e von der Küste getrennt war. Eine
Lebensversicherung hatte die ehemalige Sommerresidenz
einer Industriellenfamilie aufgekauft, sp.ter war sie dann in
ein Sanatorium für Demenzkranke umgewandelt worden.
Die Anlage mit den alten verwitterten Holzbauten,
zwischen die sich neue zweist.ckige Geb.ude aus
Stahlbeton mischten, vermittelte von au.en gesehen einen
etwas widersprüchlichen Eindruck. Doch die Luft war
sauber, und abgesehen vom Rauschen der Wellen war es
immer ruhig. An Tagen, an denen der Wind nicht so stark
war, konnte man einen Strandspaziergang machen. Zum
Garten geh.rte ein sehr hübsches Kiefernw.ldchen, das als
Windschutz diente. Au.erdem bestand auch die
M.glichkeit medizinischer Betreuung.
Dank seiner Krankenversicherung, der Pensionskasse,
seiner Ersparnisse und seiner Rente war es Tengos Vater
verg.nnt, den Rest seines Lebens ohne Einschr.nkungen
dort zu verbringen. Und dank seiner Festanstellung bei
NHK. Auch wenn er kein nennenswertes Verm.gen
hinterlassen würde, so war doch wenigstens seine Pflege
gesichert. Dafür war Tengo sehr dankbar. Denn er hatte
weder die Absicht, irgendetwas von diesem Mann
anzunehmen, noch den Wunsch, ihm etwas zu geben, ob er
nun sein leiblicher Vater war oder nicht. Sie waren
Menschen mit g.nzlich verschiedenen Ursprüngen und
Zielen, die zuf.llig einige Jahre ihres Lebens miteinander
verbracht hatten. Mehr nicht. Tengo fand es traurig, dass es
so gekommen war, doch es gab nichts, das er dagegen h.tte
tun k.nnen.
Aber er wusste, dass es Zeit war, den alten Mann einmal
zu besuchen. Er verspürte nicht die geringste Lust dazu
und w.re am liebsten auf der Stelle umgekehrt und wieder
nach Hause gefahren. Aber nun hatte er schon die Hin- und
Rückfahrkarten für den normalen Zug und den Express in
der Tasche. Also lie. er den Dingen ihren Lauf.
Er stand auf, zahlte die Restaurantrechnung, stellte sich
auf den Bahnsteig und wartete auf den Express nach
Tateyama. Noch einmal blickte er sich argw.hnisch um,
konnte aber niemanden entdecken, der ein .Kundschafter.