h.tte sein k.nnen. Um ihn herum waren nur fr.hliche
Familien, die das Wochenende am Meer verbringen
wollten. Er nahm die Sonnenbrille ab, steckte sie in die
Tasche und schob seine Baseballkappe zurück. Das würde
ja sowieso nichts helfen. Wenn sie ihn beobachten wollten,
bitte sch.n, sollten sie doch. Also, ich fahre jetzt nach
Chiba in ein Kaff am Meer und besuche meinen
demenzkranken Vater. Vielleicht erinnert er sich noch
daran, dass er einen Sohn hat, vielleicht auch nicht. Beim
letzten Mal war er sich schon ziemlich unsicher.
Wahrscheinlich hat sein Zustand sich inzwischen
verschlechtert. Seine Demenz wird immer mehr
voranschreiten, eine Heilung gibt es nicht. So hat man es
mir damals gesagt. Es ist wie bei einem Zahnrad, das sich
nur vorw.rts bewegt.
Das war alles, was Tengo über Demenz wusste.
Als der Zug den Bahnhof verlie., zog er das mitgebrachte
Taschenbuch hervor und las. Es war eine Anthologie mit
Kurzgeschichten zum Thema Reise. Eine davon handelte
von einem jungen Mann, der in eine Stadt kommt, die von
Katzen beherrscht wird. .Die Stadt der Katzen. hie. sie. Es
war eine phantastische Geschichte, geschrieben von einem
deutschen Autor, dessen Namen er noch nie geh.rt hatte.
Laut Anmerkung stammte sie aus der Zeit zwischen dem
Ersten und dem Zweiten Weltkrieg.
Dieser junge Mann also reiste allein, sein einziges
Gep.ckstück war eine Aktentasche. Ein bestimmtes Ziel
hatte er nicht. Er stieg einfach in einen Zug, und wenn es
ihm irgendwo gefiel, stieg er aus. Er nahm sich eine
Unterkunft, besichtigte die Orte, blieb, solange er wollte,
und wenn er genug hatte, stieg er wieder in den Zug. Jeden
Urlaub verbrachte er auf diese Weise.
Eines Tages sah er durch sein Zugfenster einen sch.nen
Fluss, der sich durch sanfte grüne Hügel schl.ngelte, zu
deren Fü.en eine kleine, beschaulich wirkende Stadt lag, in
die eine alte Steinbrücke hineinführte. Der Anblick
verlockte ihn sehr. Bestimmt konnte man hier guten
Flussfisch essen. Als der Zug hielt, nahm der junge Mann
seine Tasche und stieg als Einziger aus. Kaum war er
drau.en, fuhr der Zug auch schon weiter.
Es gab keine Bahnbeamten. Offenbar war es eine sehr
ruhige Station. Der junge Mann überquerte die Steinbrücke
und ging in die Stadt. Dort war es mucksm.uschenstill.
Keine Menschenseele zu sehen. Alle Gesch.fte waren
geschlossen, auch im Rathaus war niemand. Nicht einmal
der Empfang des einzigen Hotels war besetzt. Auch auf sein
L.uten erschien niemand. Der Ort schien menschenleer zu
sein. Oder vielleicht hielten s.mtliche Bewohner
Mittagsschlaf? Aber es war erst halb elf am Vormittag. Viel
zu früh. Oder vielleicht hatten die Menschen aus
irgendeinem Grund die Stadt verlassen. Jedenfalls würde
vor dem n.chsten Morgen kein Zug kommen, und es blieb
ihm nichts anderes übrig, als die Nacht hier zu verbringen.
Der junge Mann vertrieb sich die Zeit, indem er ziellos
umherschlenderte.
In Wahrheit jedoch war er in die Stadt der Katzen
gelangt. Als die Sonne unterging, str.mten sie über die
Steinbrücke herein. Alle m.glichen Arten mit allen
m.glichen Zeichnungen. Sie waren viel gr..er als
gew.hnliche Katzen, aber es handelte sich eindeutig um
Katzen. Bei ihrem Anblick erschrak der junge Mann so
sehr, dass er hastig auf den Glockenturm in der Mitte der
Stadt kletterte und sich dort versteckte. Die Katzen
.ffneten, wie sie es offenbar gewohnt waren, ihre Gesch.fte
oder begaben sich auf ihre Pl.tze im Rathaus und nahmen
ihre jeweilige Arbeit auf. Einige Zeit sp.ter str.mte
abermals eine gro.e Zahl von Katzen über die Brücke in die
Stadt. Sie machten Eink.ufe in den Gesch.ften, erledigten
amtliche Formalit.ten im Rathaus und speisten im
Hotelrestaurant. Sogar Bier tranken sie in einer Kneipe.
Einige der angeheiterten Zecher sangen, eine Katze spielte
Akkordeon, und andere tanzten dazu. Katzen brauchen
kaum Licht, denn sie k.nnen im Dunkeln sehen. Aber da in
dieser Nacht der Vollmond die Stadt bis in jeden Winkel
erhellte, konnte der junge Mann von seinem Glockenturm
aus alles genauestens beobachten. Als die
Morgend.mmerung kam, schlossen die Katzen die
Gesch.fte, beendeten ihre Eink.ufe und Erledigungen und
machten sich eine nach der anderen über die Brücke auf
den Heimweg.
Als bei Tagesanbruch alle Katzen verschwunden waren,
stieg der junge Mann vom Glockenturm in die leere Stadt
herunter, legte sich in ein Hotelbett und schlief sich
gründlich aus. Seinen Hunger stillte er mit einem
Fischgericht und Brot, von dem in der Hotelküche etwas
übrig geblieben war. Sobald die Dunkelheit einsetzte,
versteckte er sich abermals auf dem Glockenturm und
beobachtete das Treiben der Katzen, bis der Morgen graute.
Vormittags und nachmittags hielt jeweils ein Zug aus
beiden Richtungen am Bahnhof. Mit dem Vormittagszug
h.tte er weiterfahren k.nnen, der Zug am Nachmittag h.tte
ihn dorthin zurückgebracht, wo er herkam. Bisher war an
dem Bahnhof weder jemand aus- noch eingestiegen.
Dennoch hielten die Züge getreulich an und fuhren erst
nach einer Minute weiter. Er h.tte also, wenn er gewollt
h.tte, in einen Zug steigen und die unheimliche Stadt der
Katzen verlassen k.nnten. Aber er tat es nicht. Er war jung
und voller Neugier. Ehrgeizig und abenteuerlustig. Er
wollte das seltsame Spiel in der Katzenstadt zu gern noch
einmal sehen. Wollte unbedingt erfahren, seit wann und
wieso es diese Katzenstadt gab, wie sie funktionierte und
was die Katzen eigentlich dort taten. Bestimmt hatte sie
noch keiner vor ihm gesehen.
In seiner dritten Nacht entstand pl.tzlich Unruhe auf
dem Marktplatz unter dem Glockenturm. .Was ist denn
das? Riecht es hier nicht nach Mensch?., rief eine der
Katzen. .Jetzt wo du es sagst, mir ist schon seit Tagen so
ein komischer Geruch aufgefallen., pflichtete eine andere
ihr schnuppernd bei. .Mir auch., best.tigte eine dritte.
.Aber das ist doch unm.glich, hier kommen doch keine
Menschen her., sagte wieder eine andere. .Ja, stimmt, die
k.nnen ja gar nicht in unsere Stadt.. .Trotzdem riecht es
hier nach Mensch..
Nun fanden die Katzen sich zu mehreren Gruppen
zusammen und durchsuchten beinahe wie eine Bürgerwehr
die ganze Stadt bis in den letzten Winkel. Katzen haben,
wenn es darauf ankommt, einen ausgezeichneten
Geruchssinn. Es dauerte nicht lange, bis sie entdeckten,
dass der verd.chtige Geruch aus dem Glockenturm kam.
Der junge Mann h.rte, wie sie sacht auf leisen, weichen
Pfoten die Treppe hinaufgehuscht kamen. Jetzt geht es mir
an den Kragen, dachte er. Der Menschengeruch schien die
Katzen zu reizen und in gro.e Wut zu versetzen. Sie hatten
gro.e, scharfe Krallen und spitze wei.e Z.hne. Und sie
wollten keine Menschen in ihrer Stadt. Was würden sie mit
ihm machen, wenn sie ihn entdeckten? Er konnte sich
nicht vorstellen, dass jemand, der das Geheimnis kannte,
die Stadt unbehelligt verlassen durfte.
Drei der Katzen kamen in den Glockenturm hinauf und
schnupperten überall herum. .Komisch., sagte eine, und
ihre Schnurrbarthaare zitterten. .Der Geruch ist da, aber
kein Mensch..
.Das ist allerdings merkwürdig., sagte die zweite.
.Jedenfalls ist hier niemand. Kommt, wir suchen
woanders..
.Es ist unbegreiflich.. Sie schüttelten verwundert die
K.pfe und machten sich davon. Der junge Mann h.rte, wie
die Katzen auf leisen Pfoten die Treppe hinuntersprangen
und ihre Ger.usche schlie.lich in der Dunkelheit
verstummten. Er war furchtbar erleichtert, konnte sich aber
nicht erkl.ren, warum die Katzen ihn nicht gefunden
hatten. Sie waren in der engen Turmkammer buchst.blich
mit den Nasen auf ihn gesto.en. Eigentlich h.tten sie ihn
gar nicht übersehen k.nnen. Wie sonderbar. Auf alle F.lle
wollte er, sobald es Morgen würde, zum Bahnhof gehen
und mit dem Vormittagszug die Stadt verlassen. Zu bleiben
w.re viel zu gef.hrlich gewesen. Solches Glück würde er
nicht immer haben.
Doch am n.chsten Vormittag raste der Zug, statt zu
halten, vor den Augen des jungen Mannes am Bahnhof
vorbei, ohne seine Fahrt auch nur zu verlangsamen. Beim
Nachmittagszug war es das Gleiche. Der junge Mann
konnte ganz deutlich den Zugführer auf seinem Sitz und
die Gesichter der Fahrg.ste in den Fenstern erkennen.
Doch der Zug machte keine Anstalten, stehenzubleiben.
Niemand schien den Bahnhof und erst recht nicht den
Wartenden wahrzunehmen. Als der letzte Anh.nger des
Nachmittagszugs au.er Sichtweite war, senkte sich eine
beispiellose Stille über die Umgebung. Die Sonne ging
unter. Es war die Zeit, in der die Katzen kamen. Der junge
Mann wusste, dass er verloren war. Endlich begriff er, dass
er gar nicht in der Stadt der Katzen war. Er war an dem Ort,
an dem er sich verlieren sollte. Der Ort war nicht von dieser
Welt, er existierte nur für ihn. Und nie mehr würde an dem
Bahnhof ein Zug halten, um ihn in seine ursprüngliche
Welt zurückzubringen.
Tengo las die Geschichte zweimal. Der Satz von dem Ort,
an dem er sich verlieren sollte, hatte seine Aufmerksamkeit
erregt. Er klappte das Buch zu und blickte unverwandt auf
die vor dem Fenster vorüberziehende h.ssliche
Industrielandschaft an der Küste. Die Flammen aus den
.lraffinerien, gewaltige Gastanker, dicke Schornsteine, die
in die H.he ragten wie Langstreckenraketen. Die Schlangen
von schweren Trucks und Tanklastwagen auf der Stra.e.
Die Szenerie war weit entfernt von der idyllischen
Landschaft, in der die Stadt der Katzen lag. Der
Küstenstreifen war wie ein omin.ses anderweltliches Reich,
das das Leben in der gro.en Metropole aufrechterhielt.
Tengo schloss die Augen und versuchte sich den Ort
vorzustellen, an dem Kyoko Yasuda sich selbst verloren
hatte und nun gefangen war. Auch dort hielt kein Zug. Es
gab kein Telefon und auch keine Post. Am Tag herrschte
v.llige Einsamkeit, und in der Dunkelheit der Nacht
suchten die Katzen hartn.ckig nach ihr. Und das
wiederholte sich endlos. Unversehens war Tengo auf
seinem Sitz eingenickt. Er schlief nicht lange, aber tief, und
als er erwachte, war er in Schwei. gebadet. Der Zug fuhr
nun die hochsommerliche Minami-Boso-Küste entlang.
In Tateyama stieg er in einen Bummelzug um, und als er
in Chikura ausstieg, umfing ihn sogleich der vertraute
Geruch nach Meer und Strand. Alle Menschen, denen er
auf der Stra.e begegnete, schienen braungebrannt. Vom
Bahnhof nahm er sich ein Taxi zum Sanatorium. An der
Rezeption nannte er seinen Namen und den seines Vaters.
.Hatten Sie Ihren Besuch angekündigt?., fragte ihn die
Krankenschwester etwas streng. Sie war eine kleine Frau in
mittlerem Alter und trug eine Brille mit Goldrand. Ihr
kurzes Haar war bereits von einigen wei.en Str.hnen
durchzogen. Der Ring an ihrem kurzen Ringfinger wirkte,
als habe sie ihn passend zu ihrer Brille gekauft. .Tamura.
stand auf ihrem Namensschild.
.Nein, die Idee ist mir erst heute Morgen gekommen, und
ich habe mich spontan in den Zug gesetzt., sagte Tengo
aufrichtig.
Die Schwester musterte ihn mit einem leicht emp.rten
Blick. .Wenn man jemanden besuchen m.chte, sollte man
sich vorher anmelden. Es gibt hier einen festen
Tagesablauf, au.erdem haben die Patienten auch
Termine..
.Entschuldigen Sie. Das habe ich nicht gewusst..
.Wann haben Sie Ihren Vater das letzte Mal besucht?.
.Vor zwei Jahren..
.Vor zwei Jahren., wiederholte die Schwester, w.hrend
sie mit einem Kugelschreiber in der einen Hand die
Besucherliste durchging. .Das hei.t, Sie haben ihn seit
zwei Jahren nicht gesehen?.
.Ja., sagte Tengo.
.Nach unseren Unterlagen sind Sie Herrn Kawanas
einziger Angeh.riger..
.Das stimmt..
Die Schwester legte die Liste auf die Theke und sah Tengo
kurz ins Gesicht, sagte aber nichts mehr. In ihrem Blick lag
kein Vorwurf. Sie vergewisserte sich nur. Tengo schien
keine besondere Ausnahme zu sein.
.Ihr Vater ist gerade in einer Reha-Gruppe. Sie ist in etwa
drei.ig Minuten zu Ende. Danach k.nnen Sie ihn sehen..
.In welchem Zustand ist mein Vater?.
.K.rperlich ist er gesund. Er hat keine besonderen
Probleme. Mit dem anderen geht es auf und ab. Da gibt es
immer solche und solche Tage., sagte die Schwester, den
Zeigefinger leicht an die Schl.fe gelegt. .Da müssen Sie sich
schon mit eigenen Augen überzeugen..
Tengo bedankte sich. Er setzte sich auf ein Sofa in der
Lounge neben dem Eingang, das einen altertümlichen
Geruch verstr.mte, und vertrieb sich die Zeit, indem er
weiter in seinem Taschenbuch las. Mitunter wehte eine
Brise den Geruch des Meeres zu ihm herüber, und die .ste
der Kiefern rauschten erfrischend. In ihnen lebten offenbar
zahlreiche Zikaden, die, als wüssten sie um das nahende
Ende des Sommers, noch einmal schrillten, so laut sie
konnten. Es klang, als würden sie die Kürze der ihnen noch
bleibenden Lebenszeit beklagen.
Nicht lange, und die bebrillte Schwester Tamura teilte
Tengo mit, die Reha-Ma.nahme sei nun beendet, und er
k.nne seinen Vater sehen.
.Ich bringe Sie auf sein Zimmer., sagte sie. Tengo erhob
sich. Als sie an einem gro.en Spiegel vorbeigingen, wurde
ihm pl.tzlich klar, wie abgerissen er aussah. über seinem
T-Shirt mit der Aufschrift .Jeff Beck in Concert in Japan.
trug er ein ausgeblichenes offenes Jeanshemd, dazu Chinos
mit Pizzaflecken am Knie und abgewetzte khakifarbene
Turnschuhe, die er schon l.nger nicht gewaschen hatte.
Dazu die Baseballmütze. Wirklich nicht die passende
Aufmachung für einen Drei.igj.hrigen, der zum ersten Mal
seit zwei Jahren wieder seinen Vater besuchte. Nicht einmal
an ein Mitbringsel hatte er gedacht. Mehr als das
Taschenbuch hatte er nicht dabei. Kein Wunder, dass die
Schwester ihn emp.rt angesehen hatte.
Auf dem Weg durch den Garten zu dem Geb.ude, in dem
das Zimmer seines Vaters sich befand, erkl.rte ihm die
Schwester, dass das Sanatorium in drei dem Schweregrad
der Erkrankung entsprechende Trakte unterteilt war.