Tengos Vater befinde sich gegenw.rtig im .mittleren.
Haus. Am Anfang bez.gen die meisten Patienten das
Geb.ude für .leichtere. F.lle, wechselten dann in das für
.mittlere. und schlie.lich in das für .schwere.. Wie bei
einer Tür, die sich nur nach einer Seite .ffnete, bewegten
sie sich stets nur in eine Richtung, ein Zurück gab es nie.
Nach dem Haus für schwere F.lle gab es keine weitere
Station, auf die man noch h.tte umziehen k.nnen. Au.er
dem Krematorium – das sagte die Schwester natürlich
nicht, doch es ging aus ihren Andeutungen hervor.
Sein Vater lebte in einem Zweibettzimmer, aber sein
Zimmernachbar nahm gerade an einem Kurs teil und war
nicht anwesend. Im Sanatorium wurde T.pfern, G.rtnern
und Gymnastik angeboten. Man nannte das Reha-Kurse,
obwohl keine Aussicht auf Genesung bestand. Ziel war es
vor allem, das Fortschreiten der Krankheit zu
verlangsamen. Oder schlicht und einfach die Zeit
herumzubringen. Tengos Vater sa. auf einem Stuhl am
offenen Fenster und schaute, die H.nde parallel auf die
Knie gelegt, ins Freie. Auf einem Tisch in der N.he stand
eine Topfpflanze mit vielen kleinen gelben Blüten. Der
Fu.boden war aus einem weichen Material, damit die
Kranken sich nicht verletzten, falls sie einmal stürzten. Es
gab zwei einfache Holzbetten, zwei Schreibtische und eine
Kommode für Kleidung und andere Habseligkeiten. Neben
jedem Schreibtisch stand ein kleines Regal. Die Vorh.nge
hatten sich in den Jahren, in denen sie der Sonne
ausgesetzt waren, gelblich verf.rbt.
Tengo begriff nicht sofort, dass der alte Mann, der dort
am Fenster sa., sein Vater war. Er war um eine
Kleidergr..e kleiner geworden. Nein, geschrumpft war
wohl der bessere Ausdruck. Sein Haar war kurz und ganz
wei., wie ein reifbedeckter Rasen. Seine Wangen waren
eingefallen, und seine tief in den H.hlen liegenden Augen
wirkten viel gr..er als früher. Drei tiefe Kerben hatten sich
in seine Stirn gegraben. Sein Kopf erschien asymmetrischer
als früher, aber vielleicht fiel das wegen der kurzen Haare
jetzt mehr auf. Die Augenbrauen waren lang und dicht.
Auch aus seinen gro.en spitzen Ohren sprossen wei.e
Haare. Die Ohren wirkten ebenfalls gr..er, wie die Flügel
einer Fledermaus. Nur die Nase hatte ihre Form nicht
ver.ndert. Im Gegensatz zu den Ohren war sie rund, etwas
knollig und von r.tlich-schw.rzlichen Linien durchzogen.
Die Mundwinkel hingen schlaff nach unten, und Speichel
troff daraus hervor. Der Mund war leicht ge.ffnet, sodass
man die unregelm..igen Z.hne sah. Die reglos am Fenster
sitzende Gestalt seines Vaters erinnerte Tengo an ein sp.tes
Selbstbildnis von van Gogh.
Der Mann warf, als Tengo das Zimmer betrat, nur einen
kurzen Blick in seine Richtung und starrte dann weiter auf
die Landschaft vor dem Fenster. Aus der Entfernung
betrachtet, glich er eher einer Art Maus oder einem
Eichh.rnchen. Er wirkte nicht gerade gepflegt, aber man
sah, dass es sich durchaus um ein intelligentes Wesen
handelte. Ohne jeden Zweifel war es sein Vater. Oder
vielleicht sollte er sagen, das, was von ihm übrig war.
W.hrend der vergangenen beiden Jahre waren ihm
offenbar die meisten seiner F.higkeiten
abhandengekommen. Er erinnerte an einen ohnehin schon
.rmlichen Haushalt, dem der Gerichtsvollzieher
erbarmungslos auch noch die letzten Besitztümer raubte.
Der Vater, den Tengo gekannt hatte, war ein harter Mann
gewesen, der unermüdlich arbeitete. Selbstbetrachtung und
Phantasie waren ihm g.nzlich fremde Gr..en gewesen,
aber dennoch hatte er über eine eigene Ethik und einfache,
aber feste Grunds.tze verfügt. Er hatte nie versucht, sich
vor etwas zu drücken, und jammern hatte Tengo ihn auch
nie geh.rt. Doch der Mann, der nun vor ihm sa., war nur
noch eine leere Hülle. Er glich einem verlassenen Raum, in
dem sich keine W.rme gehalten hatte.
.Herr Kawana., sagte die Schwester mit ihrer geübten
lauten Stimme, an die die Patienten gew.hnt waren. .Herr
Kawana, hallo, schauen Sie mal, wer da ist. Ihr Sohn..
Sein Vater wandte sich ihm noch einmal zu. Seine
ausdruckslosen Augen erinnerten Tengo an zwei leere
Schwalbennester, die unter einem Vordach
h.ngengeblieben waren.
.Hallo., sagte Tengo.
.Herr Kawana, Ihr Sohn ist aus Tokio gekommen, um Sie
zu besuchen., sagte die Schwester.
Sein Vater sah Tengo nur wortlos ins Gesicht. Als
versuche er, eine unverst.ndliche, in einer Fremdsprache
verfasste Bekanntmachung zu lesen.
.Um halb sieben gibt es Essen., sagte die Schwester zu
Tengo. .Bis dahin k.nnen Sie tun, was Sie m.chten..
Als die Krankenschwester fort war, ging Tengo nach
kurzem Z.gern zu seinem Vater und setzte sich auf den
Stuhl ihm gegenüber. Der Bezug war verblichen. Offenbar
war er schon lange in Gebrauch, und das Holz war überall
zerkratzt. Die Augen seines Vaters folgten Tengo.
.Wie geht es dir?., fragte Tengo.
.Danke, und Ihnen?., sagte sein Vater f.rmlich.
Tengo wusste nicht, was er noch sagen sollte. Er nestelte
an den drei oberen Kn.pfen seines Jeanshemds herum. Sein
Blick wanderte zwischen dem zum Schutz vor dem Seewind
angepflanzten W.ldchen drau.en vor dem Fenster und
dem Gesicht seines Vaters hin und her.
.Sie sind aus Tokio gekommen?., fragte der Vater, der
sich nicht an Tengo zu erinnern schien.
.Ja, aus Tokio..
.Mit dem Expresszug, nicht wahr?.
.Ja., sagte Tengo. .Bis Tateyama mit dem Express. Dann
bin ich in einen normalen Zug umgestiegen und bis
Chikura gefahren..
.Wollen Sie im Meer baden?., fragte der Vater.
.Ich bin es, Tengo. Tengo Kawana. Dein Sohn..
.Wo wohnen Sie in Tokio?., fragte der Vater.
.In Koenji. Bezirk Suginami..
Die drei Linien auf der Stirn des Vaters vertieften sich.
.Viele Leute denken sich Lügen aus, weil sie ihre
Rundfunkgebühren nicht zahlen wollen..
.Vater!., rief Tengo. Es war schon sehr lange her, dass er
dieses Wort zuletzt in den Mund genommen hatte. .Ich
bin es, Tengo. Dein Sohn..
.Ich habe keinen Sohn., sagte der Vater prompt.
.Du hast keinen Sohn., wiederholte Tengo mechanisch.
Der Vater nickte.
.Ja, aber was bin dann ich?., fragte Tengo.
.Sie sind nichts., sagte der Vater. Und schüttelte zweimal
barsch den Kopf.
Tengo schluckte, für einen Moment verschlug es ihm die
Sprache. Auch sein Vater sagte nichts mehr. Beide spürten
in der Stille den Wirrungen ihrer jeweiligen Gedanken
nach. Nur die Zikaden schrillten unverdrossen weiter, so
laut sie konnten.
Der Mann sprach wom.glich die Wahrheit. Sein
Ged.chtnis war zerst.rt und sein Bewusstsein getrübt. Aber
Tengo spürte intuitiv, dass sein Mund die Wahrheit sagte.
.Was bedeutet das?., fragte er.
.Dass Sie nichts sind., wiederholte der Vater
emotionslos. .Sie waren nichts, Sie sind nichts, und Sie
werden auch weiterhin nichts sein..
Das reicht, dachte Tengo.
Er wollte sich von dem Stuhl erheben, zum Bahnhof
gehen und nach Tokio zurückfahren. Er hatte geh.rt, was
er h.ren sollte. Aber er konnte nicht aufstehen. Wie der
junge Mann, der auf seiner Reise in die Stadt der Katzen
gelangt war. Er war neugierig. Er wollte den tieferen Sinn
verstehen, der sich hinter dem Ganzen verbarg. Eine
klarere Antwort h.ren. Natürlich lauerte darin auch eine
gewisse Gefahr. Doch wenn er jetzt die Gelegenheit
verpasste, würde er das Geheimnis seiner Geburt niemals
lüften. Es würde für immer im Chaos versinken.
Tengo reihte im Geist Worte aneinander und stellte sie
wieder und wieder um. Dann sprach er sie aus, die kühne
Frage, die er seit seiner Kindheit so viele Male hatte stellen
wollen – und doch nie zu stellen gewagt hatte.
.Hei.t das, dass du im biologischen Sinn nicht mein
Vater bist? Dass wir nicht blutsverwandt sind?.
Der Vater schaute ihm wortlos ins Gesicht. Es war ihm
nicht anzusehen, ob er die Bedeutung der Frage verstanden
hatte.
.Funkwellen zu stehlen ist eine rechtswidrige Handlung.,
sagte der Vater und blickte Tengo in die Augen. .Kein
Unterschied zum Diebstahl von Geld und Eigentum.
Finden Sie nicht?.
.Dem ist wohl so., pflichtete Tengo ihm vorsichtig bei.
Sein Vater nickte, offenbar zufrieden.
.Die elektrischen Wellen fallen schlie.lich nicht
kostenlos vom Himmel wie Regen oder Schnee., fügte er
hinzu.
Tengo blickte schweigend auf die H.nde des Vaters, die
gesittet auf seinen Knien lagen. Die rechte Hand auf dem
rechten, die linke auf dem linken Knie. Sie rührten sich
nicht. Kleine dunkle H.nde. Es schien, als habe die
Sonnenbr.une seinen K.rper bis ins Innere durchdrungen.
Die H.nde eines Menschen, der viele Jahre im Freien
gearbeitet hatte.
.Meine Mutter ist gar nicht an einer Krankheit gestorben,
als ich noch klein war, oder?., fragte Tengo langsam und
jedes Wort betonend.
Der Vater antwortete nicht. Sein Ausdruck .nderte sich
nicht, und auch seine H.nde blieben unbeweglich. Er sah
Tengo an wie einen Fremden.
.Meine Mutter hat dich verlassen. Und mich bei dir
zurückgelassen. Wahrscheinlich wegen eines anderen
Mannes. Stimmt doch, oder?.
Der Vater nickte. .Funkwellen zu stehlen ist nicht gut.
Man kann nicht einfach tun, was man will, und ungestraft
davonkommen..
Tengo hatte das Gefühl, dass er die Frage genau
verstanden hatte, aber nicht offen darüber sprechen wollte.
.Vater., sagte Tengo bittend. .Vielleicht bist du ja in
Wirklichkeit gar nicht mein Vater, aber ich will dich so
nennen. Ich habe dich oft gehasst. Das wei.t du doch?
Aber wenn du nicht mein richtiger Vater w.rst, nicht mein
Blutsverwandter, h.tte ich keinen Grund mehr, dich zu
hassen. Ich wei. nicht, ob ich je Sympathie für dich
empfinden kann, aber ich m.chte dich wenigstens
verstehen. Ich habe mich immer danach gesehnt, die
Wahrheit zu erfahren. Wer ich bin, woher ich komme. Das
ist alles, was ich wissen will. Aber es hat mir nie jemand
gesagt. Wenn du mir jetzt die Wahrheit sagst, werde ich
dich nicht mehr hassen oder ablehnen. Ich w.re sehr
erleichtert, wenn ich aufh.ren k.nnte, dich zu hassen..
Der Vater sah ihn unver.ndert stumm und ausdruckslos
an. Dennoch schien in seinen leeren Schwalbennesteraugen
etwas aufzuleuchten.
.Ich bin nichts., sagte Tengo. .Du sagst es. Ich bin wie
ein Mensch, den man ganz allein in der Nacht auf dem
Ozean ausgesetzt hat und der nun dort umhertreibt. Wenn
ich die H.nde ausstrecke, ist niemand da. Wenn ich
schreie, kommt keine Antwort. Ich habe nirgendwo eine
Bindung. Au.er dir gibt es niemanden, den ich als meine
Familie bezeichnen k.nnte. Aber du willst nicht ein
einziges Wort sagen und h.ltst an deinem Geheimnis fest.
Von Tag zu Tag geht mehr von deinem Ged.chtnis
verloren, w.hrend deines st.ndigen Auf und Ab hier in
dieser Stadt am Meer. Und damit auch von der Wahrheit
über mich. Ohne diese Wahrheit bin ich nichts und kann
auch in der Zukunft nichts werden. Auch das ist genau, wie
du sagst..
.Wissen ist ein wertvolles Allgemeingut., leierte sein
Vater. Doch seine Stimme war ein wenig leiser geworden.
Als habe jemand im Hintergrund einen Lautst.rkeregler
bet.tigt. .Dieses Gut muss vermehrt und sorgf.ltig genutzt
werden. Damit wir eine reiche Ernte an die n.chste
Generation weitergeben k.nnen. Dafür braucht NHK die
Rundfunkgebühren von allen ….
Was er da sagt, ist wie ein Mantra für ihn, dachte Tengo.
Durch dessen st.ndiges Herunterbeten er sich schützt. Ich
muss diesen z.hen Bann durchbrechen. Den Menschen aus
Fleisch und Blut aus seiner Festung hervorlocken.
Er unterbrach seinen Vater. .Was war meine Mutter für
ein Mensch? Wohin ist sie gegangen? Und was ist aus ihr
geworden?.
Der Mann verstummte pl.tzlich. Er hatte den Faden
seiner Litanei verloren.
Tengo fuhr fort. .Ich bin es leid, mein Leben damit zu
verbringen, jemanden abzulehnen, zu hassen oder zu
verfluchen. Und ich bin es leid, niemanden lieben zu
k.nnen. Ich habe keinen einzigen Freund. Nicht einen
einzigen. Ich kann ja nicht einmal mich selbst lieben.
Warum kann ich das nicht? Weil ich auch niemand
anderen lieben kann. Ein Mensch lernt, sich selbst zu
lieben, indem er geliebt wird und wiederliebt. Verstehst du,
was ich sage? Wer sich selbst nicht liebt, kann auch
niemand anderen lieben. Nein, ich will dir nicht die Schuld
dafür geben. Wenn man es sich genau überlegt, bist du ja
selbst ein Opfer. Wahrscheinlich wei.t auch du nicht, wie
man sich selbst liebt. Oder?.
Der Vater hüllte sich weiter in Schweigen. Seine Lippen
blieben fest verschlossen. An seiner Miene war nicht zu
erkennen, wie viel er von Tengos Rede verstanden hatte.
Tengo verstummte und sank in seinen Stuhl. Durch das
ge.ffnete Fenster wehte der Wind ins Zimmer. Er bl.hte
die von der Sonne gebleichten Vorh.nge und bewegte die
kleinen gelben Blüten der Topfpflanze. Schlie.lich wehte er
die Tür auf und zog hinaus in den Flur. Der Geruch des
Meeres war st.rker als vorher, und in das Zirpen der
Zikaden mischte sich das weiche Rauschen, mit dem die
Nadeln der Kiefern einander berührten.
.Ich habe eine Vision., sprach Tengo mit ruhiger Stimme
weiter. .Seit langem sehe ich immer wieder die gleiche
Szene vor mir. Ich halte sie nicht für Einbildung, sondern
für eine authentische Erinnerung. Ich bin anderthalb Jahre
alt, und meine Mutter ist bei mir. Sie und ein junger Mann
liegen sich in den Armen. Und dieser Mann bist nicht du.
Wer es ist, wei. ich nicht. Nur, dass du es nicht bist. Es ist,
als h.tte diese Szene sich fest in meine Lider eingebrannt,
und ich kann sie nicht loswerden. Warum, wei. ich nicht..
Der Vater sagte nichts. Doch seine Augen sahen eindeutig
etwas anderes, etwas, das nicht da war. Keiner von beiden
sprach. Tengo lauschte dem Rauschen des Windes, das
pl.tzlich lauter geworden war. Er wusste nicht, ob sein
Vater es h.rte.
.Würden Sie mir etwas vorlesen?., fragte dieser nach
langem Schweigen h.flich. .Mir tun die Augen weh,
deshalb kann ich nicht lesen. Ich kann der Schrift nicht