lange folgen. Dort in dem Regal stehen Bücher. Bitte,
w.hlen Sie aus, was Sie m.chten..
Resigniert stand Tengo auf und überflog die Rücken der
B.nde. Etwa zur H.lfte handelte es sich um historische
Romane. Unter anderem standen dort s.mtliche B.nde von
Daibosatsu toge – .Der Pass des Gro.en Bodhisattva. –,
einer endlos langen Samuraigeschichte über das Ende des
Shogunats. Tengo verspürte nicht die geringste Lust,
seinem Vater aus diesen alten Schinken in antiquierter
Sprache vorzulesen.
.Wenn es dir recht ist, würde ich dir gern die Geschichte
von der Stadt der Katzen vorlesen., sagte Tengo. .Aus
einem Buch, das ich mitgebracht habe..
.Stadt der Katzen., sagte sein Vater. Er schien über den
Titel nachzudenken. .Ja, bitte, wenn es Ihnen nichts
ausmacht..
Tengo schaute auf die Uhr. .Nein, das macht mir nicht
aus. Ich habe noch Zeit, bis mein Zug f.hrt. Ob sie dir
gef.llt, wei. ich nicht, sie ist ziemlich sonderbar..
Tengo zog das Buch aus seiner Tasche und begann zu
lesen. Sein Vater sa. in seinem Stuhl am Fenster und h.rte
zu, ohne seine Haltung einmal zu ver.ndern. Tengo las
langsam und mit gut verst.ndlicher Stimme. Sooft er eine
kurze Atempause machte, sah er seinem Vater ins Gesicht,
konnte aber keine Reaktion entdecken. Er h.tte auch nicht
sagen k.nnen, ob seinem Vater die Geschichte gefiel oder
nicht. Als er zu Ende gelesen hatte, sa. der Vater reglos
und mit geschlossenen Augen da. Es sah aus, als sei er
eingeschlafen. Aber so war es nicht, er war nur tief in die
Welt der Geschichte eingetaucht. Und es dauerte eine
Weile, bis er wieder zu sich kam. Tengo wartete geduldig.
Das nachmitt.gliche Licht wurde allm.hlich schw.cher,
und die D.mmerung senkte sich über die Landschaft. Noch
immer bewegte der Wind vom Meer die .ste der Kiefern.
.Gibt es diese Stadt der Katzen auch im Fernsehen?.,
fragte sein Vater als Erstes. Wahrscheinlich aus beruflichem
Interesse.
.Die Geschichte wurde in den drei.iger Jahren in
Deutschland geschrieben, zu der Zeit war Fernsehen noch
nicht verbreitet. Aber Radio gab es..
.Ich war damals in der Mandschurei, da hatten wir kein
Radio. Auch keinen Rundfunksender. Zeitungen gab es
ganz selten, h.chstens mal welche, die zwei Wochen alt
waren. Nicht einmal zu essen hatten wir genug, Frauen
auch nicht. Manchmal kamen W.lfe. Es war wie am Ende
der Welt..
Sein Vater schwieg eine Weile, er schien über etwas
nachzudenken. Vielleicht erinnerte er sich an das harte
Leben, das er in seiner Jugend als Pionier in der
Mandschurei geführt hatte. Doch die Erinnerung schien
sofort wieder zu verschwimmen und vom Nichts
verschluckt zu werden. Tengo konnte diese Regungen am
Gesicht seines Vaters ablesen.
.Ob die Katzen die Stadt gebaut haben? Oder Menschen?
Und die Katzen haben sich sp.ter dort niedergelassen?.,
fragte der Vater zur Fensterscheibe gewandt, als würde er
mit sich selbst sprechen. Aber wahrscheinlich war die Frage
an Tengo gerichtet.
.Ich wei. es nicht., sagte Tengo. .Aber auf mich macht
es den Eindruck, als w.re sie vor langer Zeit von Menschen
gebaut worden, die aus irgendeinem Grund verschwunden
sind. Sie k.nnten zum Beispiel an einer Seuche gestorben
sein oder so was. Und dann haben sich die Katzen dort
niedergelassen..
Der Vater nickte. .Sobald ein Vakuum entsteht, muss
man es füllen. Alle machen das..
.Alle?.
.Genau., best.tigte der Vater.
.Und welches Vakuum füllst du?.
Der Vater runzelte die Stirn. Seine starken h.ngenden
Brauen verdeckten dabei fast seine Augen. .Wei.t du das
nicht?., sagte er in leicht ver.chtlichem Ton.
.Ich wei. es nicht., sagte Tengo.
Der Vater bl.hte die Nasenflügel und zog die
Augenbrauen leicht in die H.he. Diesen Ausdruck hatte er
schon früher angenommen, wenn er etwas missbilligte.
.Was einer nicht versteht, braucht man ihm auch nicht zu
erkl.ren, denn er wird es sowieso nicht verstehen, egal wie
ausführlich man es erkl.rt. Was man ohne Erkl.rung nicht
versteht, versteht man auch nicht mit..
Tengo versuchte in der Miene seines Vaters zu lesen. Er
hatte früher nie in solch seltsamen Andeutungen
gesprochen, sich stets nur sehr konkret ge.u.ert und alles
sehr w.rtlich genommen. Es war sein unerschütterlicher
Grundsatz gewesen, nur zu reden, wenn es n.tig war, und
sich auch dann m.glichst kurz zu fassen. Aber seinem
Vater war nichts zu anzusehen.
.Ich verstehe. Jedenfalls füllst du irgendeine Leere., sagte
Tengo. .Und wer wird die Leere füllen, die du zurücklassen
wirst?.
.Du., sagte der Vater schroff. Er hob den Zeigefinger und
deutete energisch auf Tengo. .Ist das nicht beschlossene
Sache? Ich fülle die Leere, die jemand geschaffen hat. Und
du füllst an meiner Stelle die Leere, die ich hinterlassen
werde. Es geht der Reihe nach..
.Wie die Katzen die menschenleere Stadt..
.Ja. Verloren wie die Stadt., sagte er und betrachtete
versunken seinen ausgestreckten Zeigefinger, als sei er ein
besonders eigenartiger Gegenstand, der dort nicht
hingeh.rte.
.Verloren wie die Stadt., wiederholte Tengo die Worte
seines Vaters.
.Die Frau, die dich geboren hat, ist nirgendwo mehr..
.Nirgendwo. Verloren wie die Stadt. Hei.t das, dass sie
tot ist?.
Der Vater antwortete nicht.
Tengo seufzte. .Und wer ist mein Vater?.
.Nichts als Leere. Deine Mutter hat sich mit der Leere
vereinigt und dich geboren. Ich habe diese Leere gefüllt..
Nach diesen Worten schloss der Vater die Augen und
schwieg.
.Mit der Leere vereinigt?.
.Ja..
.Und du hast mich gro.gezogen. So war es, oder?.
.Deshalb habe ich es wohl gesagt., erwiderte der Vater,
nachdem er sich einmal f.rmlich ger.uspert hatte. Als habe
er einem unverst.ndigen Kind eine einfache Wahrheit
gepredigt. .Was einer ohne Erkl.rung nicht versteht,
versteht er auch nicht, wenn man es ihm erkl.rt..
.Ich bin also aus der Leere entstanden?., fragte Tengo.
Keine Antwort.
Tengo faltete die H.nde im Scho. und sah seinem Vater
noch einmal ins Gesicht. Dieser Mann ist kein leeres
Wrack, dachte er. Und auch nicht nur ein leerer Raum. Er
war ein Mensch aus Fleisch und Blut, der mit seinem
sturen, engstirnigen Denken und seinen düsteren
Erinnerungen auf einem Stückchen Land an einem
gewaltigen Ozean überlebt hatte. Gezwungen, mit der
Leere zu leben, die sich allm.hlich in ihm ausbreitete. Im
Augenblick lagen sein Ged.chtnis und die Leere noch im
Krieg miteinander. Doch bald würden die ihm noch
verbliebenen Erinnerungen unweigerlich und vollst.ndig
von der Leere verschlungen werden. Es war nur eine Frage
der Zeit. Ob diese Leere, auf die er sich nun zubewegte, die
gleiche war wie die, aus der Tengo geboren worden war?
Tengo glaubte zu h.ren, wie sich das ferne
Meeresrauschen beim Sonnenuntergang mit dem Wind
verband, der sich in den Kronen der Kiefern fing. Doch
vielleicht war es auch nur eine Illusion.
KAPITEL 9
Aomame
Der Preis der Gnade
Kaum hatte Aomame das Zimmer betreten, schloss der
Kahle die Tür hinter ihr. Es war stockdunkel. Die schweren
dichten Vorh.nge waren zugezogen und alle Lichter
ausgeschaltet. Durch einen Spalt in den Vorh.ngen drang
ein winziger Lichtstrahl, der die Dunkelheit jedoch eher zu
betonen schien.
Wie beim Betreten eines Planetariums oder eines
Kinosaals, in dem der Film schon l.uft, dauerte es eine
Weile, bis Aomames Augen sich an die Dunkelheit gew.hnt
hatten. Ihr Blick fiel als Erstes auf die Anzeige einer
elektrischen Uhr, die auf einem niedrigen Tischchen stand.
Ihre grünen Zahlen zeigten an, dass es zwanzig Minuten
nach sieben war. Gleich darauf erkannte sie an der
gegenüberliegenden Wand ein gro.es Bett. Die Elektrouhr
stand an seinem Kopfende. Verglichen mit dem Salon
nebenan war dieser Raum klein, wenn auch noch immer
viel gr..er als ein normales Hotelzimmer.
Auf dem Bett lag eine hügelartige dunkle Masse. Wieder
brauchte Aomame einen Moment, bis sie begriff, dass es
sich bei der unf.rmigen Silhouette um einen menschlichen
K.rper handelte. Er war so reglos, dass man ihn kaum für
etwas Lebendiges gehalten h.tte. Keine Atemzüge waren zu
h.ren, nur das leise Surren der Klimaanlage ert.nte aus
einer .ffnung an der Decke. Aber tot konnte die Person ja
nicht sein. Der Kahle hatte sich jedenfalls verhalten, als sei
es ein lebendiger Mensch.
Ein ziemlich gro.er Mensch. Wahrscheinlich ein Mann.
Genau konnte sie es nicht erkennen, aber es schien nicht,
als sei das Gesicht ihr zugewandt. Die Gestalt lag auch
nicht unter der Bettdecke, sondern b.uchlings darauf. Wie
ein riesiges verwundetes Tier, das sich mit letzter Kraft
ersch.pft in seine H.hle geschleppt hatte.
.Es ist Zeit., sagte der Kahle zu dem Schatten. Im
Gegensatz zu vorher klang seine Stimme jetzt angespannt.
Sie wusste nicht, ob der Mann etwas geh.rt hatte. Der
dunkle Hügel auf dem Bett rührte sich nicht. Der Kahle
blieb an der Tür stehen und wartete, ohne seine Haltung zu
.ndern. Im Zimmer herrschte eine so tiefe Stille, dass sogar
deutlich zu h.ren war, wie jemand seinen Speichel
schluckte. Aomame wurde klar, dass sie selbst es gewesen
war, die geschluckt hatte. Ihre Sporttasche in der rechten
Hand, wartete sie nun ebenso wie der Kahle darauf, dass
etwas geschehen würde. Die Zahlen der elektrischen Uhr
sprangen auf 7.21 Uhr, auf 7.22 Uhr und schlie.lich auf 7.23
Uhr.
Kurz darauf begann die Masse auf dem Bett sich zu
bewegen. Es war ein ganz leichtes Beben, das sich rasch zu
einer deutlicheren Aktion auswuchs. Die Person schien fest
geschlafen zu haben. Oder sich in einem schlaf.hnlichen
Zustand befunden zu haben. Sie richtete sich langsam auf,
die Muskeln schienen zu erwachen, und im n.chsten
Moment schien auch ihr Bewusstsein zurückzukehren. Der
Mensch dort setzte sich gerade auf und kreuzte die Beine.
Ohne Zweifel ein Mann, dachte Aomame.
.Es ist Zeit., sagte der Kahle noch einmal.
Der Mann atmete ger.uschvoll aus. Es war ein langsames,
dumpfes St.hnen, das wie vom Grund eines tiefen
Brunnens aufstieg. Als N.chstes war zu h.ren, wie er tief
Luft holte. Es klang wild und gef.hrlich, wie ein
stürmischer Wind, der durch die B.ume eines Waldes
braust. Die beiden unheimlichen Laute wechselten
einander mehrmals ab. Dazwischen entstand jeweils ein
langes Intervall der Stille. Diese rhythmische
Wiederholung, die so vieles bedeuten konnte, beunruhigte
Aomame. Sie spürte, dass sie ein v.llig fremdes Reich
betreten hatte. Fremd wie der Boden eines Tiefseegrabens
oder die Oberfl.che eines unbekannten kleinen Planeten.
Ein Ort, von dem es, war man einmal dort angekommen,
keine Wiederkehr gab.
Ihre Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit
gew.hnt. Sie konnte nun etwas erkennen, aber viel war es
nicht. Nur gerade eben die dunkle Silhouette des Mannes
vor ihr. Doch wohin er sein Gesicht wandte und ob er sie
ansah, das h.tte sie nicht sagen k.nnen. Mehr als dass er
ein Riese war, dessen Schultern sich beim Atmen ruhig,
aber gewaltig hoben und senkten, konnte sie nicht
ausmachen. Er atmete auch nicht auf gew.hnliche Weise.
Seine Atmung, bei der er seinen gesamten K.rper einsetzte,
schien ein besonderes Ziel oder eine besondere Funktion zu
haben. Ihr wurde bewusst, mit welcher Kraft er die
Schulterbl.tter und das Zwerchfell bewegte und wie
gewaltig sie sich ausdehnten und zusammenzogen. Ein
normaler Mensch w.re kaum in der Lage gewesen, so
intensiv zu atmen. Es musste sich um eine besondere
Atemtechnik handeln, die man nur durch langes und hartes
Training erwerben konnte.
Der Kahle stand in Habtachtstellung – Rücken
kerzengerade, Kinn leicht eingezogen – neben ihr. Im
Gegensatz zu dem Mann auf dem Bett atmete er schnell
und flach. Er hielt sich in Erwartung weiterer Anweisungen
im Hintergrund. Wartete, dass die Reihe der heftigen tiefen
Atemzüge endete. Anscheinend waren sie ein üblicher
Vorgang, durch den der Mann seine K.rperfunktionen
aktivierte. Wie ihr Begleiter konnte auch Aomame nur
warten, dass er abgeschlossen wurde. Wahrscheinlich war
es ein Prozess, der zum Erwachen n.tig war.
Bald darauf wurde das Atmen stufenweise schw.cher und
verstummte dann, wie bei einer gro.en Maschine, die die
Arbeit einstellt. Die Abst.nde zwischen den Atemzügen
wurden immer l.nger, und zum Schluss atmete der Mann
lange aus, um die Luft vollst.ndig herauszupressen. Wieder
senkte sich tiefe Stille über den Raum.
.Es ist Zeit., sagte der Leibw.chter zum dritten Mal.
Der Kopf des Mannes bewegte sich langsam. Er schien
sich dem Kahlen zuzuwenden.
.Du kannst gehen., sagte der Mann in einem klaren
Bariton. Seine Stimme klang entschieden und hatte nichts
Verschwommenes an sich. Er schien nun v.llig wach zu
sein.
Der Kahle verbeugte sich leicht in der Dunkelheit und
verlie. den Raum ebenso ohne jede überflüssige Bewegung,
wie er ihn betreten hatte. Die Tür schloss sich, und
Aomame blieb allein mit dem Mann zurück.
.Entschuldigen Sie, dass es so dunkel ist., sagte er.
Wahrscheinlich zu Aomame.
.Das macht mir nichts aus., entgegnete sie.
.Ich muss es dunkel haben., sagte der Mann mit weicher
Stimme. .Aber haben Sie keine Angst. Es wird Ihnen kein
Leid geschehen..
Aomame nickte schweigend. Dann fiel ihr ein, dass es ja
dunkel war, und sie sagte: .Ich wei... Ihre Stimme kam ihr
etwas schriller vor als gew.hnlich.
Der Mann betrachtete Aomame eine Weile durch die
Dunkelheit. Sie spürte seinen sezierenden und feinen Blick
sehr stark. Statt .betrachten. war wohl .mustern. der
passendere Ausdruck. Offenbar vermochte der Blick dieses
Mannes ihren K.rper v.llig zu durchdringen. Sie hatte das
Gefühl, nackt zu sein, nachdem ihr alles, was sie trug, j.h
heruntergerissen worden war. Doch sein Blick lag nicht nur
auf ihrer Haut, sondern drang bis in ihre Muskeln, Organe,
sogar in ihre Geb.rmutter vor. Dieser Mann kann im