Dunkeln sehen, dachte sie. Er erkennt mehr, als das Auge
sehen kann.
.Im Dunkeln kann man besser sehen., sagte der Mann,
als h.tte er Aomames Gedanken gelesen. .Doch wenn man
zu viel Zeit in der Dunkelheit verbringt, f.llt es schwer, in
die Welt des Tageslichts zurückzukehren. Irgendwann
muss man Schluss machen..
Er beobachtete Aomame noch eine Weile. In seinem Blick
lag kein sexuelles Verlangen. Er musterte sie wie ein
Objekt. Wie ein Schiffsreisender vom Deck aus eine Insel
betrachtet. Aber dieser Reisende war kein gew.hnlicher
Passagier. Er wollte alles über die Insel erfahren. Sein
scharfer, erbarmungsloser Blick weckte in Aomame das
Gefühl, dass ihr K.rper unzureichend und unvollkommen
war. Normalerweise empfand sie dies nicht so. Abgesehen
von der Gr..e ihrer Brüste war sie sogar eher stolz auf
ihren K.rper. Sie st.hlte ihn t.glich und pflegte ihn, um ihn
attraktiv zu erhalten. Ihre Muskeln waren geschmeidig, und
sie hatte kein Gramm Fett zu viel. Aber unter dem Blick
dieses Mannes kam sie sich vor wie ein sch.biger alter
Fleischsack.
Wieder schien er ihre Gedanken zu lesen und h.rte auf,
sie mit seinem Blick zu durchbohren. Sie spürte, wie dessen
Kraft pl.tzlich nachlie.. Als ob man mit einem Schlauch
den Rasen sprengte, und pl.tzlich drehte jemand das
Wasser ab.
.Entschuldigen Sie, dass ich Sie bemühe, aber würden Sie
den Vorhang ein wenig aufziehen?., sagte der Mann ruhig.
.Ich kann Sie ja schwerlich im Stockdunkeln arbeiten
lassen..
Aomame stellte ihre Sporttasche ab, ging zum Fenster
und .ffnete den dicken schweren Vorhang, indem sie an
einer Schnur zog. Auch die wei.e Spitzengardine dahinter
.ffnete sie einen Spalt. Das n.chtliche Tokio ergoss sein
Licht in den Raum. Der illuminierte Tokyo Tower, die
Lichter der Stadtautobahn, die Scheinwerfer der nicht
abrei.enden Str.me von Autos und die Neonbeleuchtung
hinter den Fenstern der Hochh.user erhellten nun das
Hotelzimmer. Nicht sehr stark, aber gerade genug, um die
Einrichtung unterscheiden zu k.nnen. Für Aomame war es
ein vertrautes Licht voller Assoziationen. Das Licht der
Welt, in die sie geh.rte. Aomame wurde wieder einmal
klar, wie sehr sie es brauchte. Doch obwohl es so schwach
war, schien es für die Augen des Mannes zu stark zu sein.
Noch immer mit gekreuzten Beinen auf dem Bett sitzend,
bedeckte er mit seinen gro.en H.nden schützend das
Gesicht.
.Wird es so gehen?., fragte Aomame.
.Um mich brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.,
sagte der Mann.
.Soll ich den Vorhang wieder etwas zuziehen?.
.Nein, so geht es. Ich habe ein Problem mit der Netzhaut.
Es dauert eine Weile, bis ich mich an das Licht gew.hnt
habe. Gleich wird alles normal. M.chten Sie sich nicht so
lange dort hinsetzen?.
Ein Problem mit der Netzhaut, wiederholte Aomame bei
sich. Menschen mit Netzhauterkrankungen liefen meist
Gefahr, ihr Augenlicht zu verlieren. Aber das ging sie nichts
an. Das, was Aomame dem Mann nehmen musste, war
mehr als sein Augenlicht.
W.hrend der Mann, das Gesicht in die H.nde gelegt,
seine Augen an das eindringende Licht zu gew.hnen
versuchte, sa. Aomame auf dem Sofa und beobachtete ihn.
Nun war sie an der Reihe, ihr Gegenüber genau in
Augenschein zu nehmen.
Er war ein gro.er Mann. Nicht fett. Nur gro.. Kr.ftig und
breit gebaut, von imposanter Statur. Allem Anschein nach
musste er sehr stark sein. Die alte Dame hatte sie ja schon
darauf vorbereitet, dass es sich um einen gro.en Mann
handelte, aber dass er so gro. war, hatte Aomame nicht
geahnt. Aber es gab natürlich auch keinen Grund, weshalb
das Oberhaupt einer Religionsgemeinschaft ein Riese sein
sollte. Bei der Vorstellung, dass dieser riesige Mann
zehnj.hrige M.dchen vergewaltigte, verzog sie
unwillkürlich das Gesicht. Sie sah vor sich, wie der Mann
sich nackt auszog und über den K.rper eines kleinen
M.dchens herfiel. Es h.tte mit Sicherheit keinen
Widerstand leisten k.nnen. Selbst für eine erwachsene
Frau w.re das schwierig gewesen.
Der Mann trug eine Art dünne Jogginghose, die an den
Kn.cheln von einem Gummizug zusammengehalten
wurde, und ein lang.rmliges, weites Hemd aus einem leicht
seidig schimmernden Stoff. Es war schlicht und von oben
bis unten durchzukn.pfen. Die beiden obersten Kn.pfe
standen offen. Hemd und Hose waren vermutlich wei.
oder cremefarben. Es war kein Schlafanzug, aber die Art
von Kleidung, in der man es sich zu Hause – oder in einem
südlichen Land im Schatten eines Baumes – bequem
machte. Die nackten Fü.e des Mannes schienen ebenfalls
sehr gro. zu sein. Seine Schultern waren breit und massiv
wie eine Mauer. Aomame vermutete, dass er ein erfahrener
Kampfsportler war.
.Sch.n, dass Sie gekommen sind.. Der Mann hatte
gewartet, bis Aomame ihn taxiert hatte.
.Das ist mein Beruf. Wenn es n.tig ist, komme ich
überallhin., sagte Aomame in abweisendem Ton. Dabei
kam sie sich auf einmal vor wie eine Prostituierte, die in ein
Hotel bestellt worden war. Vielleicht lag es auch daran,
dass sie sich zuvor unter seinem durchdringenden Blick im
Dunkeln so nackt gefühlt hatte.
.Inwieweit wissen Sie über mich Bescheid?., fragte der
Mann, das Gesicht noch immer in den H.nden vergraben.
.Sie meinen, was ich über Sie wei.?.
.Ja..
.Eigentlich fast nichts., sagte Aomame vorsichtig. .Ich
wei. nicht einmal Ihren Namen. Nur dass Sie in Nagano
oder Yamanashi einer Religionsgemeinschaft vorstehen und
k.rperliche Beschwerden haben, denen ich vielleicht
Abhilfe schaffen kann..
Der Mann schüttelte mehrmals kurz den Kopf, nahm die
H.nde vom Gesicht und wandte sich Aomame zu.
Er hatte langes volles Haar, das ihm glatt bis auf die
Schultern hing und von vielen wei.en Str.hnen
durchzogen war. Sein Alter musste zwischen Ende vierzig
und Anfang fünfzig liegen. Das Gesicht wurde von einer
stark ausgepr.gten Nase beherrscht. Eine vernünftige,
wunderbar gerade Nase. Sie erinnerte an alpine Berge, wie
man sie auf Kalenderfotos sehen konnte, und ragte ebenso
würdevoll wie diese von einem breiten Ansatz auf. Wenn
man dem Mann ins Gesicht sah, war sie es, die als Erstes ins
Auge sprang. Einen Kontrast dazu bildeten die
tiefliegenden Augen, deren Blickrichtung schwer zu
erkennen war. Insgesamt war das Gesicht gro. und massiv
wie überhaupt die ganze Statur des Mannes. Er war glatt
rasiert, und keine Narbe oder kein Leberfleck verunzierten
die Haut. Die regelm..igen Züge strahlten Gelassenheit
und Intelligenz aus. Aber es lag auch etwas Eigentümliches,
Ungew.hnliches darin, etwas, das nicht
vertrauenerweckend war. Auf den ersten Blick mochte sein
Gesicht sogar abschreckend wirken. Vielleicht war die Nase
auch zu gro., und dieser Mangel an Ausgewogenheit
verunsicherte den Betrachter. Oder es lag an den Augen,
von denen ein Licht ausging wie von einem urzeitlichen
Gletscher und die Aomame ruhig in ihre Tiefe zogen. Oder
es waren die schmalen Lippen, die einen grausamen Zug
hatten und aus denen Unvorhersehbares hervorzudr.ngen
drohte.
.Was noch?., fragte der Mann.
.Sonst eigentlich nichts. Man hat mir lediglich gesagt, ich
solle ein Muskelstretching vorbereiten und mich in diesem
Hotel einfinden. Muskeln und Sehnen sind mein
Spezialgebiet. Ich muss nichts über die Person und die
Stellung des Betreffenden wissen..
Wie eine Prostituierte, dachte Aomame.
.Ich verstehe, was Sie meinen., sagte der Mann mit tiefer
Stimme. .Aber in meinem Fall ist doch eine Art Erkl.rung
angebracht..
.Ja, bitte..
.Meine Leute nennen mich .Leader.. Aber ich zeige mich
so gut wie keinem Menschen. Selbst der gr..te Teil meiner
Anh.nger hat mich noch nie gesehen, auch wenn wir auf
dem gleichen Anwesen leben..
Aomame nickte.
.Aber Ihnen zeige ich mein Gesicht. Schlie.lich kann ich
Sie Ihre Behandlung nicht im Stockdunkeln oder mit
verbundenen Augen durchführen lassen. Das ist auch eine
Frage der H.flichkeit..
.Es ist keine Behandlung., belehrte Aomame ihn in
kühlem Ton. .Nur ein Muskelstretching. Für medizinische
Ma.nahmen besitze ich keine Lizenz. Meine Technik
besteht darin, Muskeln, die im Alltag wenig benutzt
werden oder allgemein Probleme bereiten, gewaltsam zu
dehnen und das Nachlassen k.rperlicher F.higkeiten zu
verhindern..
Es sah aus, als würde der Mann l.cheln. Aber vielleicht
bildete sie es sich nur ein, und er hatte seine
Gesichtsmuskeln lediglich etwas bewegt.
.Das ist mir klar. Ich habe den Begriff nur der Einfachheit
halber verwendet. Seien Sie unbesorgt. Was ich sagen will,
ist, dass Sie hier Dinge sehen werden, die im Allgemeinen
niemand zu sehen bekommt. Ich m.chte, dass Sie das
wissen..
.Ihr Mitarbeiter hat mich bereits darauf hingewiesen,
dass ich über das, was heute hier stattfindet, nicht sprechen
soll., sagte Aomame und deutete auf die Tür, die ins
Nebenzimmer führte. .Aber da gibt es keinen Grund zur
Beunruhigung. Nichts von dem, was ich hier sehe und h.re,
wird nach au.en dringen. Bei meiner Arbeit habe ich mit
den K.rpern vieler Menschen zu tun. Sie m.gen zwar eine
besondere Position innehaben, für mich sind Sie jedoch nur
einer von vielen mit muskul.ren Beschwerden. Mein
Interesse richtet sich ausschlie.lich auf diesen Bereich..
.Ich habe geh.rt, Sie waren als Kind Mitglied der Zeugen
Jehovas..
.Nicht aus freien Stücken. Ich wurde dazu erzogen. Das
ist ein gro.er Unterschied..
.Das ist allerdings ein gro.er Unterschied., sagte der
Mann. .Doch von den Bildern, die sich in der Kindheit
eingepr.gt haben, kann der Mensch sich niemals trennen..
.Im guten wie im schlechten Sinn., sagte Aomame.
.Die Lehre der Zeugen Jehovas ist eine ganz andere als
die der Gemeinschaft, der ich angeh.re. Eine Religion, die
die Eschatologie in ihren Mittelpunkt stellt, halte ich, mit
Verlaub gesagt, mehr oder weniger für Humbug. Ich denke,
dass das Weltende in jedem Fall nur eine pers.nliche
Angelegenheit ist. Doch an sich sind die Zeugen Jehovas
erstaunlich z.h. Es gibt sie noch nicht lange, aber sie haben
schon viel erduldet. Und dennoch hat sich die Zahl ihrer
Mitglieder stets vergr..ert. Wir k.nnen eine Menge von
ihnen lernen..
.Das liegt doch nur an ihrer Engstirnigkeit. Kleine, sture
Leute k.nnen sich Kr.ften von au.en sehr hartn.ckig
widersetzen..
.Was Sie sagen, ist sicher richtig., sagte der Mann und
machte eine Pause. .Aber wir sind ja nicht hier, um über
Religion zu diskutieren..
Aomame schwieg.
.Sie müssen wissen, dass mein K.rper zahlreiche
Besonderheiten hat., sagte der Mann.
Aomame sa. stumm auf ihrem Stuhl und wartete.
.Wie gesagt vertragen meine Augen kein starkes Licht,
ein Leiden, das mich seit einigen Jahren plagt. Bis dahin
hatte ich keine Beschwerden, aber irgendwann haben sie
sich eben eingestellt. Das ist der Hauptgrund dafür, dass
ich kaum noch vor Menschen erscheine. Ich verbringe fast
den ganzen Tag in abgedunkelten R.umen..
.Ihre Sehkraft ist ein Problem, mit dem ich mich nicht
befassen kann., sagte Aomame. .Mein Gebiet ist wie gesagt
die Muskulatur..
.Das wei. ich doch. Natürlich habe ich Fach.rzte
konsultiert. Ich war bei mehreren renommierten
Augenspezialisten. Es wurden eine Menge Untersuchungen
gemacht, aber bisher ist nichts dabei herausgekommen.
Meine Netzhaut ist besch.digt. Was die Ursache ist, wei.
man nicht, aber die Krankheit schreitet voran. Wenn es so
weitergeht, werde ich wohl in nicht allzu langer Zeit mein
Augenlicht verlieren. Selbstverst.ndlich hat das nichts mit
meiner Muskulatur zu tun. Ich z.hle einfach der Reihe
nach von oben nach unten meine k.rperlichen
Beschwerden auf. Ob Sie etwas dagegen tun k.nnen oder
nicht, k.nnen wir sp.ter überlegen..
Aomame nickte.
.Dann verkrampfen meine Muskeln sehr h.ufig., sagte
der Mann. .Und zwar so, dass ich mich pl.tzlich nicht
mehr bewegen kann. Sie werden buchst.blich zu Stein. In
diesem mehrere Stunden andauernden Zustand kann ich
nichts als liegen. Schmerzen verspüre ich nicht. Aber ich
kann keinen Muskel regen. Nicht einen Finger. Selbst bei
Einsatz gro.er Willenskraft kann ich h.chstens die
Aug.pfel bewegen. Das passiert mir etwa ein- bis zweimal
im Monat..
.Gibt es Anzeichen, die diesen Zustand ankündigen?.
.Zuerst bekomme ich Kr.mpfe. Die Muskeln
verschiedener K.rperteile beginnen zu zucken. Das dauert
zehn oder auch zwanzig Minuten an. Danach sind die
Muskeln v.llig tot, als h.tte sie irgendwo jemand
abgeschaltet. Also begebe ich mich w.hrend der zehn bis
zwanzig Minuten, die dieser Starre vorangehen, an einen
Ort, wo ich mich hinlegen kann, wie ein Schiff, das in einer
Bucht Zuflucht vor einem Sturm sucht. Dort warte ich, dass
die L.hmung vorübergeht. W.hrenddessen ist nur mein
Bewusstsein aktiv. Es ist sogar klarer als sonst..
.Und Sie haben keine k.rperlichen Schmerzen, nicht
wahr?.
.Mein ganzer K.rper ist v.llig gefühllos. Man kann mich
mit einer Nadel stechen, und ich spüre nichts..
.Und Sie haben sich deshalb .rztlich untersuchen
lassen?.
.Ich war bei einer anerkannten Kapazit.t in einer
Spezialklinik. Und habe noch mehrere andere .rzte
konsultiert. Aber am Ende ist nur herausgekommen, dass
ich an einer unbekannten Krankheit leide, gegen die man
nach dem gegenw.rtigen Stand der Medizin nichts tun
kann. Ich habe alles versucht, was man sich nur vorstellen
kann – chinesische Medizin, Osteopathen, Chiropraktiker,
Akupunktur und Moxibustion, Massagen, hei.e B.der –
ohne nennenswertes Ergebnis..
Aomame verzog das Gesicht. .Worum ich mich bemühe,
ist eine Aktivierung und Belebung allt.glicher
K.rperfunktionen. Ernsthafte Erkrankungen wie die Ihre
gehen weit über meine Kompetenzen hinaus..
.Auch darüber bin ich mir im Klaren. Aber ich will alle
M.glichkeiten aussch.pfen. Auch wenn Ihre Methode
keinen Erfolg zeigen sollte, werde ich Sie nicht dafür