verantwortlich machen. Sie tun einfach das, was Sie für
gew.hnlich tun. Und wir werden sehen, wie mein K.rper
darauf reagiert..
Aomame stellte sich die Szene vor, wie der riesige Leib
dieses Mannes irgendwo in einem abgedunkelten Raum lag,
reglos wie ein Tier im Winterschlaf.
.Wann ist diese L.hmung das letzte Mal aufgetreten?.
.Vor zehn Tagen., sagte der Mann. .Es f.llt mir etwas
schwer, darüber zu sprechen, aber es gibt etwas, das ich
Ihnen besser mitteilen sollte..
.Sagen Sie bitte alles ohne Umschweife frei heraus..
.W.hrend dieses scheintodartigen Zustands meiner
Muskeln habe ich die ganze Zeit eine Erektion..
Aomames Gesicht verzog sich bedrohlich. .Das hei.t, Ihr
Penis ist die ganze Zeit steif?.
.Genau..
.Aber Sie spüren nichts?.
.Nein., sagte der Mann. .Auch kein Verlangen. Mein
Penis ist einfach nur hart. Hart wie Stein. Genau wie die
Muskeln..
Aomame schüttelte leicht den Kopf. Und bemühte sich,
wieder ein normales Gesicht zu machen. .Ich fürchte, auch
dagegen werde ich nichts tun k.nnen. Das ist ziemlich weit
von meinem Gebiet entfernt..
.Ich spreche nicht gern darüber, und Sie m.chten es
vielleicht auch nicht h.ren, aber darf ich fortfahren?.
.Bitte, sprechen Sie. Ich behalte alles für mich..
.Ich schlafe w.hrenddessen mit Frauen..
.Frauen?.
.In meiner n.heren Umgebung lebt eine gewisse Anzahl
von Frauen. Wenn ich in diesen Zustand komme, besteigen
sie abwechselnd meinen erstarrten K.rper. Ich empfinde
keinen sexuellen Genuss. Dennoch kommt es zur
Ejakulation. Sogar mehrmals..
Aomame schwieg.
.Es sind insgesamt drei Frauen., fuhr der Mann fort.
.Alle noch Teenager. Sie werden sich fragen, warum ich
mich mit so jungen Frauen umgebe und sexuell mit ihnen
verkehre..
.Ist es … nun ja, Teil religi.ser Handlungen?.
Der Mann, der noch immer mit gekreuzten Beinen auf
dem Bett sa., seufzte tief. .Sie halten meine L.hmung für
eine vom Himmel verliehene Gnade und eine Art heiligen
Zustand. Daher kommen die Frauen, sobald sie sich
einstellt, und versuchen, ein Kind von mir zu empfangen.
Meinen Nachfolger..
Aomame blickte den Mann wortlos an. Auch er schwieg
nun.
.Das Ziel der Frauen ist es also, schwanger zu werden. Ihr
Kind zu empfangen, w.hrend Sie sich in diesem Zustand
befinden., sagte Aomame.
.So ist es..
.Und Sie verkehren w.hrend der Stunden, in denen Sie
gel.hmt sind, mit den drei Frauen und ejakulieren
dreimal?.
.So ist es..
Aomame wurde nun zwangsl.ufig klar, in welch
zweischneidiger Lage sie sich befand. Einerseits wollte sie
diesen Mann jetzt t.ten. Ihn ins Jenseits bef.rdern. Doch
zugleich dr.ngte es sie, das merkwürdige Geheimnis seines
K.rpers zu lüften.
.Ich kenne mich ja nicht aus, aber was ist eigentlich
konkret Ihr Problem? Ein- oder zweimal im Monat werden
also s.mtliche Muskeln Ihres K.rpers von einer L.hmung
befallen. Dann kommen Ihre drei jungen Freundinnen und
haben Geschlechtsverkehr mit Ihnen. Rational betrachtet
ist das sicher nicht gerade normal. Aber ….
.Sie sind nicht meine Freundinnen., warf der Mann ein.
.Sie haben die Aufgabe von Priesterinnen. Mit mir zu
verkehren geh.rt zu ihren Pflichten..
.Pflichten?.
.Es ist ihre vorgeschriebene Aufgabe, an der Zeugung
meines Nachfolgers zu arbeiten..
.Jemand hat das vorgeschrieben?., fragte Aomame.
.Das ist eine lange Geschichte., sagte der Mann. .Das
Problem besteht darin, dass mein K.rper dadurch
systematisch zerst.rt wird..
.Sind die Frauen schwanger geworden?.
.Keine von ihnen. Das ist auch unm.glich, denn sie
menstruieren nicht. Dennoch hoffen sie weiter auf ein
Wunder durch die Gnade..
.Keine ist bisher schwanger. Sie haben keine Periode.,
sagte Aomame. .Und Ihr K.rper wird immer mehr in
Mitleidenschaft gezogen..
.Die Dauer der L.hmung steigert sich allm.hlich, ebenso
die H.ufigkeit, mit der sie auftritt. Das erste Mal hatte ich
sie vor sieben Jahren, und anfangs passierte es auch nur
einmal alle zwei oder drei Monate. Inzwischen überf.llt sie
mich bis zu zweimal im Monat. Danach habe ich jedes Mal
etwa eine Woche lang starke Schmerzen und bin v.llig
ersch.pft. Als würden mir überall dicke N.gel in den Leib
geschlagen. Mein Kopf dr.hnt, und ich kann nicht schlafen.
Kein Medikament vermag meine Qualen zu lindern..
Der Mann seufzte.
.In der zweiten Woche lassen die Schmerzen geringfügig
nach. Doch statt zu verschwinden, branden sie den ganzen
Tag weiter in heftigen Wellen über mich hinweg. Noch
immer kann ich kaum atmen. Meine Organe funktionieren
nicht richtig. S.mtliche Gelenke knarren und krachen, wie
bei einer Maschine, der Schmier.l fehlt. Ich habe das
lebhafte Gefühl, dass etwas mein Fleisch verzehrt und mir
das Blut aussaugt. Doch das, was mich von innen auffrisst,
ist weder Krebs noch ein Parasit. Es wurden alle m.glichen
Untersuchungen gemacht, aber man hat absolut nichts
gefunden. K.rperlich sei ich v.llig gesund, sagte man mir.
Meine Qualen sind medizinisch nicht erkl.rbar. Sie müssen
wohl der Preis für die mir verliehene .Gnade. sein..
Dieser Mann scheint wirklich auf einen k.rperlichen Ruin
zuzugehen, dachte Aomame. Obwohl er nicht im
Mindesten ausgezehrt wirkte. Sein K.rper war sehr robust
gebaut, und er schien geübt darin, heftige Schmerzen zu
ertragen. Dennoch spürte sie, dass er k.rperlich verfiel. Der
Mann war schwer krank. Welcher Art seine Krankheit war,
wusste sie nicht. Aber er würde langsam und qualvoll
zugrunde gehen, ohne dass sie einen Finger rührte.
.Mein Verfall ist unaufhaltsam., sagte der Mann, als
h.tte er Aomames Gedanken gelesen. .Ich werde
aufgezehrt, mein K.rper wird ausgeh.hlt, und ich werde
unter gr..ten Schmerzen sterben. Sie verlassen das
Gef.hrt, das keinen Nutzen mehr für sie hat..
.Sie?., sagte Aomame. .Wer ist das?.
.Natürlich die, die meinen K.rper auf diese Weise
auszehren., sagte der Mann. .Aber das macht nichts. Was
ich mir im Augenblick ersehne, ist wenigstens eine kleine
Linderung meiner Schmerzen. Auch wenn Sie mich nicht
davon befreien k.nnen. Sie sind so schwer zu ertragen.
Mitunter wüten sie so erbittert, als k.men sie direkt aus
dem Mittelpunkt der Erde. Niemand au.er mir kann diese
Schmerzen verstehen. Sie haben mich vieler Dinge beraubt;
zugleich wurde mir vieles dafür gegeben. Diese schweren
Schmerzen sind eine besondere Gnade. Aber das macht sie
natürlich nicht schw.cher. Und den Verfall kann es auch
nicht abwenden..
Eine Zeit lang herrschte tiefes Schweigen.
Schlie.lich ergriff Aomame das Wort. .Ich wiederhole
mich, aber ich glaube kaum, dass ich technisch etwas gegen
Ihre Beschwerden tun kann. Besonders, was den .Preis der
Gnade. betrifft..
Der Leader korrigierte seine Haltung und sah Aomame
mit seinen kleinen tiefliegenden Gletscheraugen an. Dann
.ffnete er seine langen schmalen Lippen.
.Doch, das k.nnen Sie. Nur Sie..
.Es würde mich freuen, wenn es so w.re..
.Ich wei. es., sagte der Mann. .Ich wei. mehr, als Sie
denken. Wenn es Ihnen recht ist, k.nnen Sie jetzt
beginnen. Mit dem, was Sie immer tun..
.Ich versuche es., sagte Aomame mit harter, hohler
Stimme. Ich werde tun, was ich immer tue, dachte sie.
KAPITEL 10
Tengo
Ein Angebot wird abgelehnt
Kurz vor sechs verabschiedete sich Tengo von seinem
Vater. Bis das Taxi kam, sa.en die beiden einander
gegenüber am Fenster und sprachen kein Wort. Tengo
blieb stumm in seine eigenen Gedanken versunken,
w.hrend sein Vater mürrisch auf die Landschaft vor dem
Fenster starrte. Der Tag ging bereits zur Neige, und in das
helle Blau des Himmels mischte sich ein dunklerer Ton.
Tengo h.tte ihn gern noch viel mehr gefragt. Aber er
würde ja doch keine Antwort bekommen. Da genügte ein
Blick auf die fest aufeinandergepressten Lippen seines
Vaters. Er schien entschlossen, nichts weiter zu sagen.
Deshalb hatte Tengo auch nichts mehr gefragt. Er würde es
sowieso nicht verstehen, mit oder ohne Erkl.rung. Wie sein
Vater gesagt hatte.
Als seine Abfahrt n.her rückte, wandte Tengo sich noch
einmal an seinen Vater. .Du hast mir heute einiges erz.hlt.
Nicht alles habe ich ganz verstanden, aber ich denke, du
warst ehrlich zu mir..
Tengo sah seinem Vater ins Gesicht. Aber dessen Miene
blieb unver.ndert.
.Es gibt noch vieles, das ich dich fragen m.chte, aber mir
ist auch klar, dass ich dir damit vielleicht wehtun würde.
Also werde ich meine Schlüsse aus dem ziehen, was du mir
gesagt hast. Ich vermute, dass du gar nicht mein leiblicher
Vater bist. Auch wenn ich die genaueren Umst.nde nicht
kenne, kann ich es mir nicht anders vorstellen. Sollte ich
mich irren, sag es mir bitte..
Der Vater gab keine Antwort.
Tengo fuhr fort. .Würde meine Vermutung zutreffen,
w.re ich beruhigt. Nicht, weil ich dich nicht mag. Ich habe
ja schon gesagt, dass ich dich jetzt nicht mehr hassen muss.
Du hast, obwohl wir vielleicht keine Blutsverwandten sind,
für mich gesorgt, als w.re ich dein eigener Sohn. Dafür
muss ich dir dankbar sein. Leider sind wir als Vater und
Sohn nicht gut miteinander ausgekommen, aber das ist ein
anderes Problem..
Der Vater starrte noch immer wortlos auf die Landschaft.
Wie ein Wachposten, der das Signalfeuer eines wilden
Stammes auf einem fernen Hügel nicht aus den Augen
l.sst. Tengo lie. seinen Blick kurz über die Gegend
schweifen, auf die sein Vater sich konzentrierte. Ein
Signalfeuer war allerdings nicht zu sehen. Nur das
Kiefernw.ldchen, über das sich bereits ein Anflug von
D.mmerung senkte.
.Leider kann ich so gut wie nichts für dich tun, au.er dir
zu wünschen, dass der Prozess, der diese Leere in dir
hervorruft, mit so wenig Leiden wie m.glich verbunden ist.
Du hast schon genug Schweres mitgemacht. Vielleicht hast
du meine Mutter auf deine Weise sehr geliebt. Es kommt
mir fast so vor. Aber sie ist eben verschwunden. Ich wei.
nicht, ob dieser andere Mann mein biologischer Vater ist
oder ob es noch einen weiteren Mann gab. Du hast offenbar
nicht vor, mich darüber aufzukl.ren. Jedenfalls hat sie sich
von dir getrennt. Und mich als kleines Kind bei dir
zurückgelassen. Vielleicht hast du mich bei dir behalten,
weil du damit gerechnet hast, dass sie dann irgendwann zu
dir zurückkommt. Aber sie ist nie gekommen. Weder zu dir
noch zu mir. Das muss hart für dich gewesen sein. Wie in
einer leeren Stadt zu leben. Und dort hast du mich
aufgezogen. Um die Leere zu füllen..
Der Ausdruck des Mannes am Fenster ver.nderte sich
nicht. Tengo hatte keine Ahnung, ob er seine Worte
verstand oder ob er sie überhaupt h.rte.
.Vielleicht sind meine Vermutungen falsch. Das w.re
vermutlich sogar besser. Für uns beide. Aber wenn ich mir
alles genau überlege, passt so vieles zusammen. Vorl.ufig
sind zumindest einige Fragen für mich gel.st..
Ein Kr.henschwarm überquerte kr.chzend den Himmel.
Tengo sah auf die Uhr. Es war Zeit. Er stand auf und legte
seinem Vater die Hand auf die Schulter.
.Auf Wiedersehen, Vater. Ich komme bald wieder..
Als er sich, den Türknauf schon in der Hand, noch einmal
umdrehte, sah Tengo zu seinem Erstaunen, dass aus einem
Auge seines Vaters eine Tr.ne rann. Sie gl.nzte silbrig im
Schein der Deckenlampe. Vielleicht hatte sein Vater alle in
ihm verbliebenen Emotionen aufgewandt, um diese eine
Tr.ne vergie.en zu k.nnen. Die Tr.ne lief langsam über
seine Wange und fiel dann auf sein Knie. Tengo .ffnete die
Tür und ging hinaus. Er nahm ein Taxi zum Bahnhof und
stieg in den Zug.
Der Express von Tateyama nach Tokio war voller als auf
der Hinfahrt, und es ging lebhaft zu, denn die Mehrzahl der
Fahrg.ste waren Familien auf dem Heimweg von ihrem
Strandausflug. Tengo musste an seine Grundschulzeit
denken. Sein Vater und er hatten kein einziges Mal einen
Ausflug oder eine Reise unternommen. An den Feiertagen
des Obon-Fests oder zu Neujahr hatte sein Vater nur
unt.tig zu Hause herumgelegen und geschlafen. Er
erinnerte dann an ein leicht verschmutztes Ger.t, bei dem
man den Stecker herausgezogen hatte.
Als er einen Sitzplatz ergattert hatte und weiter in seinem
Taschenbuch lesen wollte, merkte er, dass er es im Zimmer
seines Vaters hatte liegen lassen. Er seufzte, dachte dann
aber, dass es so wohl am besten war. Er h.tte sich beim
Lesen ohnehin nicht richtig konzentrieren k.nnen. Und die
Geschichte von der .Stadt der Katzen. war bei seinem
Vater auch besser aufgehoben als bei ihm.
Die Landschaft zog nun in entgegengesetzter Richtung
am Fenster vorbei. Der eng an die Berge gepresste dunkle
und einsame Küstenstreifen ging bald in das offene
Industriegebiet über. Die meisten Fabriken setzten die
Arbeit auch nachts fort. Ein Wald von Schornsteinen ragte
in die n.chtliche Dunkelheit. Aus einigen züngelten rote
Flammen wie aus den Rachen gewaltiger Schlangen. Die
starken Scheinwerfer riesiger Lastwagen huschten über die
Stra.en. Das Meer auf der anderen Seite war pechschwarz.
Gegen zehn kam er zu Hause an. Nichts im Briefkasten.
Als er die Tür .ffnete, erschien ihm seine Wohnung noch
leerer als sonst. Dabei war es die gleiche Leere, die er am
Morgen zurückgelassen hatte. Das Hemd, das er auf den
Boden geworfen hatte, das ausgeschaltete
Textverarbeitungsger.t, der Drehstuhl mit der Einbuchtung
von seinem K.rpergewicht, die auf dem Schreibtisch
herumliegenden Radiergummis. Er trank zwei Gl.ser
Wasser, zog sich aus und ging zu Bett. Er schlief sofort ein.
Sein Schlaf war so tief wie schon lange nicht mehr.
Als Tengo am n.chsten Morgen kurz nach acht
aufwachte, fühlte er sich wie neugeboren. Es war ein
angenehmes Erwachen, seine Arm- und Beinmuskeln
fühlten sich geschmeidig an und bereit zu gesunder
Bewegung. Keine Spur von Müdigkeit. Etwas .hnliches
hatte er als Kind empfunden, wenn er zu Beginn des
Schuljahrs ein neues Lehrbuch aufschlug. Er verstand den