Inhalt noch nicht, dennoch wehte ihm eine Ahnung von
neuem Wissen entgegen. Tengo ging ins Bad, um sich zu
rasieren. Er rieb sich mit dem Handtuch das Gesicht ab,
trug After-Shave auf und betrachtete sich nochmals im
Spiegel. Und überzeugte sich, dass er ein neuer Mensch
geworden war.
Die Ereignisse vom Tag zuvor erschienen ihm wie ein
Traum. Er konnte kaum glauben, dass sie sich wirklich so
zugetragen hatten. Obwohl alles noch ganz frisch war,
traten nach und nach an den R.ndern irreale Stellen
zutage. Er war mit dem Zug in die Stadt der Katzen
gefahren und zurückgekehrt. Zum Glück hatte ihm im
Gegensatz zum Helden in der Geschichte die Rückkehr
keine Schwierigkeiten bereitet. Auch schien das, was er in
jener Stadt erlebt hatte, eine gro.e Ver.nderung in ihm
bewirkt zu haben.
Natürlich .nderte das nichts an seiner gegenw.rtigen
Lage. Er bewegte sich noch immer nicht freiwillig auf
diesem unwegsamen Terrain voller Gefahren und R.tsel. Es
gab keine vorhersehbare Entwicklung. Auch ahnte er nicht,
was ihm als N.chstes zusto.en würde. Aber immerhin
hatte Tengo nun eine Antwort, die ihm vielleicht irgendwie
helfen würde, seine Schwierigkeiten zu überwinden.
Jetzt habe ich endlich einen Ansatzpunkt, dachte er. Dass
sich definitiv etwas gekl.rt hatte, konnte er nicht sagen,
aber aus den Worten und dem Verhalten seines Vaters
hatte er doch einen ungef.hren Eindruck von den wahren
Umst.nden seiner Geburt erhalten. Die .Vision., die ihn so
lange gequ.lt und verst.rt hatte, war kein sinnloses
Trugbild. Inwieweit sie die Wahrheit widerspiegelte, wusste
er zwar noch immer nicht, aber sie war der einzige
Anhaltspunkt, den seine Mutter ihm hinterlassen hatte,
und im Guten wie im Schlechten zu einem Fundament
seines Lebens geworden. Tengo hatte das Gefühl, ihm sei
eine schwere Last von den Schultern genommen worden.
Erst jetzt, als er sie los war, spürte er, welches Gewicht er
bisher mit sich herumgetragen hatte.
Diese ungew.hnlich ruhige und friedliche Zeit dauerte
etwa zwei Wochen. In den Sommerferien unterrichtete
Tengo viermal w.chentlich an der Yobiko, in der übrigen
Zeit schrieb er an seinem Roman. Niemand meldete sich
bei ihm. Tengo hatte keine Ahnung von den Entwicklungen
hinsichtlich Fukaeris Verschwinden oder ob Die Puppe aus
Luft sich noch verkaufte. Eigentlich interessierte es ihn
auch nicht besonders. Alles würde auch ohne ihn seinen
Gang gehen, und wenn es etwas zu tun gab, würde man es
ihm schon sagen.
Der August ging zu Ende, der September begann. So
friedlich k.nnte es von mir aus ewig weitergehen, dachte
Tengo eines Morgens beim Kaffeekochen. Er sagte es nicht
laut, damit kein b.ser Geist mit scharfen Ohren es h.rte,
und hoffte stumm, es würde noch lange so bleiben. Doch
wie meistens entwickelten die Dinge sich nicht
wunschgem... Vielmehr schien die Welt einen
ausnehmend guten Sinn für das zu haben, was Tengo eben
nicht wollte.
Kurz nach zehn an jenem Morgen l.utete das Telefon.
Nachdem er es sieben Mal hatte klingeln lassen, streckte
Tengo resigniert die Hand aus und hob den H.rer ab.
.Kann ich zu Ihnen kommen., sagte eine ged.mpfte
Stimme. Tengo kannte nur einen Menschen auf der Welt,
der fragte, ohne zu fragen. Im Hintergrund waren eine
Durchsage und Auspuffl.rm zu h.ren.
.Wo bist du gerade?., fragte Tengo.
.Am Eingang von Marusho..
Dieser Supermarkt lag kaum zweihundert Meter von
seiner Wohnung entfernt. Anscheinend rief Fukaeri von
dem .ffentlichen Telefon dort an.
Tengo blickte sich unwillkürlich um. .Nein, du kannst
nicht zu mir. M.glicherweise wird mein Haus beobachtet.
Und du bist doch angeblich verschwunden..
.Ihr Haus wird beobachtet., wiederholte Fukaeri seine
Worte.
.Ja., sagte Tengo. .Bei mir sind alle m.glichen
sonderbaren Dinge passiert. Ich bin sicher, dass Die Puppe
aus Luft damit zu tun hat..
.Jemand ist wütend..
.Wahrscheinlich. Wütend auf dich. Und scheinbar auch
auf mich. Weil ich es umgeschrieben habe..
.Ist mir egal., sagte Fukaeri.
.Ist mir egal., wiederholte Tengo nun seinerseits ihre
Worte. Diese Angewohnheit schien ansteckend zu sein.
.Was ist dir egal?.
.Wenn Ihr Haus beobachtet wird..
Einen Moment lang fehlten ihm die Worte. .Aber mir ist
es nicht egal., sagte Tengo endlich.
.Zu zweit ginge es besser., sagte Fukaeri. .Mit vereinten
Kr.ften..
.Sonny und Cher., sagte Tengo. .Das ultimative Duo..
.Was hei.t .ultimativ.?.
.Ach, nichts. Hab ich nur so gesagt..
.Ich komme zu Ihnen..
Als Tengo zu einer Erwiderung ansetzte, knackte es, und
die Verbindung war unterbrochen. St.ndig legten die Leute
auf, wann es ihnen passte. Abrupt, als würden sie mit dem
Hackmesser eine H.ngebrücke kappen.
Zehn Minuten sp.ter traf Fukaeri ein, in jeder Hand eine
Plastiktüte von dem Supermarkt. Sie trug ein
blaugestreiftes Hemd mit langen .rmeln und enge Blue
Jeans. Es war ein M.nnerhemd und nicht sehr adrett,
wahrscheinlich, weil man es in trockenem Zustand gebügelt
hatte. über ihrer Schulter hing eine Kanvastasche. Sie
verbarg ihr Gesicht hinter einer gro.en Sonnenbrille, die
allerdings die Aufgabe einer Maskierung nur schlecht
erfüllte und eher Aufmerksamkeit erregte.
.Es ist besser, viel Essen zu haben., sagte Fukaeri,
w.hrend sie den Inhalt der Plastiktüten in den Kühlschrank
r.umte. Sie hatte fast ausschlie.lich Mikrowellengerichte
gekauft. Ihre restlichen Eink.ufe bestanden aus Crackern,
K.se, .pfeln und Tomaten. Und Dosen.
.Wo ist die Mikrowelle.. Fragend sah sie sich in der
kleinen Küche um.
.Ich habe keine., antwortete Tengo.
Fukaeri zog grüblerisch die Brauen zusammen, .u.erte
aber keine Meinung. Offenbar erschien ihr eine Welt ohne
Mikrowellenherd nahezu unvorstellbar.
.Ich werde hierbleiben., sagte sie, als würde sie eine
objektive Tatsache bekannt geben.
.Wie lange?., fragte Tengo.
Fukaeri zuckte mit den Schultern. Ich wei. es nicht, sollte
das hei.en.
.Was ist mit deinem Versteck?.
.Wenn etwas passiert, will ich nicht allein sein..
.Meinst du, es passiert etwas?.
Fukaeri gab keine Antwort.
.Ich wiederhole mich, aber hier ist es nicht sicher., sagte
Tengo. .Anscheinend haben irgendwelche Leute mich im
Visier. Was das für Typen sind, wei. ich noch nicht..
.Es gibt keinen sicheren Ort., sagte Fukaeri. Dabei kniff
sie vielsagend die Augen zusammen und drückte leicht mit
den Fingern ihr Ohrl.ppchen. Tengo hatte keine Ahnung,
was ihre K.rpersprache bedeutete. Vielleicht bedeutete sie
auch gar nichts.
.Also ist es egal, wo du bist., sagte Tengo.
.Es gibt keinen sicheren Ort., wiederholte Fukaeri.
.Wahrscheinlich hast du sogar recht., sagte Tengo
ergeben. .Wenn man erst einmal eine bestimmte Ebene
überschritten hat, ist der Gefahrenunterschied nur noch
graduell. Auf alle F.lle muss ich jetzt gleich zur Arbeit..
.Zur Schule..
.Ja..
.Ich bleibe hier., sagte Fukaeri.
.Du bleibst hier., wiederholte Tengo. .Am besten, du
gehst gar nicht raus und reagierst auch nicht, wenn jemand
an die Tür kommt. Sollte das Telefon klingeln, hebst du
nicht ab..
Fukaeri nickte stumm.
.Was ist übrigens mit Professor Ebisuno?.
.Gestern gab es eine Durchsuchung bei den Vorreitern..
.Hei.t das, die Polizei hat wegen dir das Vorreiter-
Hauptquartier durchsucht?., fragte Tengo erstaunt.
.Sie lesen keine Zeitung..
.Ich lese keine Zeitung., wiederholte Tengo. .Mir ist
allm.hlich die Lust dazu vergangen. Deshalb bin ich nicht
auf dem Laufenden. Das muss ja ziemlich unangenehm für
die gewesen sein..
Fukaeri nickte.
Tengo seufzte. .Jetzt sind sie bestimmt noch wütender als
vorher. Wie ein Hornissenschwarm, den jemand in seinem
Nest aufgest.rt hat..
Fukaeri kniff die Augen zusammen und schwieg.
Vielleicht stellte sie sich einen wütenden
Hornissenschwarm vor.
.Wahrscheinlich., sagte sie leise.
.Und habt ihr etwas über deine Eltern erfahren?.
Fukaeri schüttelte den Kopf. Nein, noch nichts.
.Jedenfalls sind die Sektenleute jetzt sauer., sagte Tengo.
.Und wenn herauskommt, dass dein Verschwinden eine
Finte ist, ist die Polizei bestimmt auch sauer..
.Eben deshalb müssen wir unsere Kr.fte zusammentun.,
sagte Fukaeri.
.Hast du gerade eben deshalb gesagt?.
Fukaeri nickte. .Habe ich das falsch benutzt., fragte sie.
Tengo schüttelte den Kopf. .Nein, das nicht, es klang nur
irgendwie neu..
.Wenn ich st.re, kann ich auch woanders hingehen.,
sagte Fukaeri.
.Nein, du kannst hierbleiben., sagte Tengo resigniert.
.Wo sollst du denn auch hingehen?.
Ein kurzes Nicken.
Tengo nahm kalten Gerstentee aus dem Kühlschrank und
trank. .Ich bin kein Freund von wütenden Hornissen, aber
ich werde auf dich aufpassen, so gut es geht..
Fukaeri musterte Tengos Gesicht eingehend. .Sie sehen
irgendwie anders aus als vorher., sagte sie dann.
.In welcher Hinsicht?.
Fukaeri verzog kurz den Mund. Das hie., sie konnte es
nicht auf den Punkt bringen.
.Du brauchst es nicht zu erkl.ren., sagte Tengo. Was
man ohne Erkl.rung nicht versteht, versteht man auch
nicht mit.
.Wenn ich anrufe, lasse ich es dreimal klingeln, lege auf
und rufe noch einmal an. Erst dann nimmst du ab.
Verstanden?.
.Verstanden., sagte Fukaeri. .Sie lassen es dreimal
klingeln und legen auf. Dann rufen Sie noch mal an, und
ich hebe ab.. Es h.rte sich an, als würde sie eine uralte
Felsinschrift übersetzen.
.Es ist wichtig, also vergiss es nicht., sagte Tengo.
Fukaeri nickte zweimal.
Nach seinen beiden Unterrichtsstunden machte Tengo
sich im Lehrerzimmer gerade bereit, nach Hause zu gehen,
als die Rezeptionistin hereinkam und ihm mitteilte, ein
Herr namens Ushikawa wünsche ihn zu sprechen. Sie
sprach in entschuldigendem Ton – eine gutherzige Botin,
die eine unwillkommene Nachricht überbringen musste.
Tengo dankte ihr mit einem strahlenden L.cheln.
Schlie.lich konnte sie wirklich nichts dafür.
Ushikawa sa. in der Cafeteria neben dem Foyer und
wartete auf Tengo. Er trank Café au lait, nicht gerade ein
Getr.nk, das man mit ihm assoziiert h.tte. Unter den
quicklebendigen jungen Studenten fiel Ushikawas bizarre
.u.ere Erscheinung noch mehr auf. In dem Teil des
Raumes, in dem er sich aufhielt, schienen Schwerkraft,
atmosph.rische Dichte und Lichtbrechung ver.ndert zu
sein. Schon von weitem wirkte er wie der Inbegriff
schlechter Nachrichten. Es war gerade Pause und die
Cafeteria gut gefüllt; dennoch sa. Ushikawa allein an
einem Tisch, der eigentlich Platz für sechs Personen bot.
Die jungen Leute schienen ihn instinktiv zu scheuen wie
Rehe den Wolf.
Tengo holte sich an der Theke einen Kaffee und setzte
sich Ushikawa gegenüber, der offenbar gerade ein Eclair
verzehrt hatte. Auf dem Tisch lag eine zusammengeknüllte
Papierserviette, und seine Mundwinkel waren voller
Krümel. Auch der Genuss eines Eclairs schien nicht zu ihm
zu passen.
Kaum hatte er Tengo erblickt, sprang Ushikawa auf.
.Lange nicht gesehen, Herr Kawana., begrü.te er ihn.
.Entschuldigen Sie, dass ich Sie wieder so pl.tzlich
überfalle, es ist ja beinahe schon Tradition..
Tengo schnitt ihm das Wort ab. .Sie sind sicher
gekommen, um nach meiner Antwort zu fragen, nicht
wahr? Sie lautet: Ich lehne Ihr Angebot ab..
.Ach, das ist ja …., sagte Ushikawa. .Nun ja, kurz und
bündig..
.Herr Ushikawa, erlauben Sie mir, heute etwas deutlicher
und offener zu sprechen. Was wollen Sie und Ihre Leute
von mir? Was erwarten Sie als Gegenleistung für Ihre
sogenannte .F.rderung.?.
Ushikawa blickte sich wachsam um. Aber es war niemand
in ihrer N.he, und der L.rmpegel in der Cafeteria war so
hoch, dass ihr Gespr.ch von niemandem belauscht werden
konnte.
.Also gut. Sie k.nnten uns einen gro.en Dienst erweisen,
und ich sage Ihnen auch, welchen.. Ushikawa beugte sich
über den Tisch und sprach mit ged.mpfter Stimme. .Das
Geld ist nicht mehr als ein Vorwand. Ist ja auch keine
gro.artige Summe. Das Wichtigste, das mein Klient Ihnen
geben kann, ist Sicherheit. Kurz, er garantiert, dass Ihnen
kein Leid widerf.hrt..
.Und was mache ich dafür?., sagte Tengo.
.Sie sollen schweigen und vergessen. Sie waren an dieser
ganzen Sache beteiligt. Aber Sie haben nur mitgemacht,
ohne die Fakten und die dahinterstehenden Absichten zu
kennen. Haben quasi nur auf Befehl gehandelt. Niemandem
liegt etwas daran, Ihnen die Schuld zuzuschieben. Wenn
Sie jetzt bereit sind, alles zu vergessen, ist die Sache
erledigt, und wir sind quitt. Die .ffentlichkeit darf nie
erfahren, dass Sie der Ghostwriter von Die Puppe aus
Luft sind. Sie haben nicht die geringste Verbindung zu dem
Buch. Und werden sie auch fortan nicht haben. Mehr wird
nicht von Ihnen erwartet. Das ist doch auch zu Ihrem
eigenen Besten..
.Mir selbst wird also nichts geschehen., sagte Tengo.
.Aber was ist mit den anderen Beteiligten? Wird ihnen Leid
widerfahren?.
.Das, .h, nun ja, wird wohl von Fall zu Fall entschieden.,
sagte Ushikawa widerstrebend. .Da ich es nicht zu
entscheiden habe, kann ich mich nicht konkret dazu
.u.ern, aber ein paar Gegenma.nahmen muss man wohl
schon ergreifen..
.Und Sie haben einen langen, starken Arm..
.So ist es. Wie ich bereits sagte: einen sehr langen,
sehr starken Arm. Also, wie lautet Ihre Antwort?.
.Ein für alle Mal: Es ist mir unm.glich, Geld von Ihnen
anzunehmen..
Wortlos setzte Ushikawa seine Brille ab, wienerte die
Gl.ser mit einem Tuch, das er aus der Tasche gezogen
hatte, und setzte sie wieder auf. Als h.tte das, was er gerade
geh.rt hatte, irgendetwas mit seiner Sehkraft zu tun.
.Das hei.t wohl, Sie lehnen unser Angebot ab?.
.Ganz recht..
Ushikawa musterte Tengo hinter seiner Brille hervor, als
beobachte er eine seltsam geformte Wolke. .Aber warum
denn das nun wieder? Meiner bescheidenen Ansicht nach
ist das doch gar kein schlechtes Gesch.ft, oder?.