.Ich sitze mit den anderen im selben Boot. Ich kann
unm.glich allein abhauen., sagte Tengo.
.Ich kann mich nur wundern., sagte Ushikawa und sah
tats.chlich verwundert aus. .Ich verstehe Sie nicht. Sie
sagen das, aber von diesen anderen Leuten schert sich doch
keiner um Sie. Also wirklich. Die haben Sie doch nur
benutzt und mit einem Taschengeld abgespeist. Und
deshalb sitzen Sie jetzt in der Patsche. Die verarschen Sie
nach Strich und Faden. Das kann einen doch nur in Rage
bringen. Also, ich w.re sauer, wenn jemand das mit mir
machen würde. Stattdessen verteidigen Sie die Leute auch
noch. Und reden davon, dass Sie nicht allein abhauen
k.nnen. Im selben Boot, dass ich nicht lache. Unfassbar!
Warum denn nur?.
.Einer der Gründe ist eine Frau namens Kyoko Yasuda..
Ushikawa griff nach seiner Tasse mit dem schon
abgekühlten Café au lait und trank, sichtlich angeekelt.
.Kyoko Yasuda?., fragte er dann.
.Sie wissen etwas über Kyoko Yasuda., sagte Tengo.
Ushikawa sah ihn verst.ndnislos und mit halboffenem
Mund an. .Nein, ganz ehrlich, ich wei. nichts von einer
Frau mit diesem Namen. Wirklich nicht, ich schw.re. Wer
ist das?.
Tengo blickte Ushikawa forschend ins Gesicht. Aber er
konnte nichts daraus ablesen.
.Eine Bekannte von mir..
.Eine gute Bekannte?.
Tengo gab ihm darauf keine Antwort. .Was ich wissen
will, ist, ob Sie ihr etwas angetan haben..
.Etwas angetan? Also wirklich. Absolut nicht., sagte
Ushikawa. .Ich lüge nicht. Wie ich bereits sagte, die Dame
ist mir g.nzlich unbekannt. Was sollte ich denn einer
Unbekannten antun?.
.Aber Sie haben gesagt, einer Ihrer mysteri.sen
Kundschafter h.tte mich gründlich durchleuchtet. Sie
haben ja sogar rausgekriegt, dass ich Eriko Fukadas
Manuskript umgeschrieben habe. Sie wissen fast alles über
mein Privatleben. Da kann ich mir doch denken, dass
dieser Kundschafter auch über meine Beziehung zu Kyoko
Yasuda Bescheid wei...
.Stimmt, der Kundschafter, den wir auf Sie angesetzt
hatten, hat wirklich ganze Arbeit geleistet und alles
M.gliche herausbekommen. Also vielleicht auch etwas
über Ihre Beziehung zu dieser Frau Yasuda. Aber wenn,
dann ist diese Information nicht bis zu mir gelangt..
.Kyoko Yasuda und ich haben uns einmal in der Woche
getroffen., sagte Tengo. .Heimlich. Denn sie hat Familie.
Und eines Tages ist sie einfach nicht mehr gekommen,
ohne abzusagen..
Ushikawa tupfte sich mit dem Taschentuch, mit dem er
seine Brille geputzt hatte, einen Schwei.tropfen von der
Nasenspitze. .Und jetzt, Herr Kawana, glauben Sie, wir
h.tten in irgendeiner Form mit dem Verschwinden dieser
verheirateten Dame zu tun. Ist das so?.
.Vielleicht haben Sie ihrem Mann gesagt, dass sie sich mit
mir trifft..
Ushikawa spitzte überrascht die Lippen. .Warum in aller
Welt h.tten wir so etwas tun sollen?.
Tengo stützte sich mit beiden H.nden auf den Knien auf.
.Was Sie bei unserem letzten Telefongespr.ch gesagt
haben, hat mich verunsichert..
.Was habe ich denn gesagt?.
.Sobald man ein gewisses Alter überschritten habe, sei
das Leben nicht mehr als ein st.ndiger Verlustprozess, im
Zuge dessen nacheinander alles M.gliche verlorengeht.
Wie bei einem Kamm die Zinken. Ein wichtiger Gegenstand
nach dem anderen würde einem entgleiten. Geliebte
Menschen würden verschwinden. Solche Sachen eben.
Erinnern Sie sich?.
.Ja, kann sein, dass ich letztes Mal solches Zeug geredet
habe. Aber, wissen Sie, Herr Kawana, das waren doch
letzten Endes nur Allgemeinpl.tze. Meine dummen,
unma.geblichen Ansichten über die Einsamkeit und H.rte
des Alters. Nichts davon deutete konkret auf diese Dame
mit Namen Yasuda hin oder wie sie hei.t..
.Aber in meinen Ohren klang es wie eine Drohung..
Ushikawa schüttelte mehrmals heftig den Kopf. .Seien Sie
nicht albern. So etwas ist doch keine Drohung. Das war
nicht mehr als meine pers.nliche Meinung. Ich schw.re,
von Frau Yasuda habe ich keine Ahnung. Sie ist also
verschwunden?.
.Und Sie haben gesagt., fuhr Tengo fort, .wenn ich nicht
auf Sie h.re, k.nnte das einen unliebsamen Einfluss auf die
Menschen in meiner Umgebung ausüben..
.Stimmt, das habe ich allerdings gesagt..
.Das war wohl auch keine Drohung?.
Ushikawa stopfte das Taschentuch in sein Jackett und
seufzte. .Vielleicht h.rt es sich wirklich ein bisschen an wie
eine Drohung, aber selbst das war letztlich nur ein
Allgemeinplatz. H.ren Sie, Herr Kawana, ich wei. rein gar
nichts über diese Frau Yasuda. Ich habe den Namen noch
nie geh.rt. Ich schw.re bei Myriaden von G.ttern..
Abermals musterte Tengo Ushikawas Gesicht. Vielleicht
wusste der Mann wirklich nichts über Kyoko Yasuda. Seine
ratlose Miene wirkte echt. Doch auch wenn er wirklich
nichts wusste, hie. das nicht, dass die nichts gemacht
hatten. Vielleicht war Ushikawa nur nicht informiert.
.Herr Kawana, vielleicht ist es überflüssig, Ihnen das zu
sagen, aber eine Beziehung zur Ehefrau eines anderen zu
haben ist gef.hrlich. Sie sind ein gesunder, lediger junger
Mann. Sie k.nnten so viele junge ledige Damen haben, wie
Sie wollen, ohne sich in Gefahr zu begeben., sagte
Ushikawa und leckte sich geschickt mit der Zunge die
Krümel aus den Mundwinkeln.
Tengos sah ihm schweigend dabei zu.
.Natürlich unterliegen die Beziehungen zwischen
M.nnern und Frauen nicht der Logik, und das System der
Monogamie birgt viele Widersprüche. Wenn diese Frau Sie
verlassen hat, w.re es dann nicht besser, die Sache auf sich
beruhen zu lassen? Ich sage das nur aus v.terlicher
Fürsorge. Was ich meine – also, es gibt Dinge auf dieser
Welt, von denen man besser nichts wei.. Das Gleiche gilt
zum Beispiel für Ihre Mutter. Es k.nnte Sie verletzen, wenn
Sie die Wahrheit erfahren. Und wenn man die Wahrheit
kennt, kommt man bisweilen nicht umhin, auch
Verantwortung zu übernehmen..
Tengo runzelte die Stirn und hielt den Atem an. .Sie
wissen etwas über meine Mutter?.
Ushikawa leckte sich beil.ufig die Lippen. .Ja, ein wenig.
Was unser Kundschafter eben herausgefunden hat. Falls Sie
also etwas über Ihre Frau Mutter erfahren m.chten, kann
ich Ihnen Auskunft geben. Soweit ich wei., sind Sie
aufgewachsen, ohne sie zu kennen. Allerdings sind auch
einige Informationen darunter, die nicht gerade erfreulich
zu nennen sind..
.Herr Ushikawa.. Tengo schob seinen Stuhl zurück und
stand auf. .Bitte gehen Sie jetzt. Ich m.chte nicht weiter
mit Ihnen reden, und ich m.chte auch nicht, dass Sie mich
je wieder aufsuchen. Lieber nehme ich den Schaden in
Kauf, als mit Ihnen Umgang zu pflegen. Ihr F.rdergeld
brauche ich nicht und auch keine Sicherheitsgarantie. Mein
einziger Wunsch ist es, Sie nie wiederzusehen..
Ushikawa zeigte überhaupt keine Reaktion.
Wahrscheinlich hatte er schon Schlimmeres zu h.ren
bekommen. In seinen Augen erschien sogar ein Leuchten,
fast ein L.cheln.
.Schon gut., sagte er. .Zumindest bin ich froh, dass ich
Ihre Antwort habe. Sie lautet Nein. Das Angebot ist
abgelehnt. Das ist klar und leicht verst.ndlich. Ich werde es
meinen Vorgesetzten bestellen. Schlie.lich bin ich ja nur
ein dummer Laufbursche. Auch wenn Sie uns eine Absage
erteilen, hei.t das noch nicht unbedingt, dass man Ihnen
schaden wird. Es kann sein, sagte ich nur. Sein kann auch,
dass alles ohne besondere Zwischenf.lle verl.uft. Das w.re
mir am liebsten. Nein, das ist nicht geheuchelt, ich hoffe es
wirklich von ganzem Herzen. Weil Sie mir sympathisch
sind, Herr Kawana. Auch wenn Sie ganz offensichtlich
keinen Wert auf meine Sympathie legen, aber da kann man
eben nichts machen. Denn ich bin ein unm.glicher Mann,
der unm.gliches Zeug redet. Selbst mein .u.eres ist hart
an der Grenze des guten Geschmacks. Ich war noch nie ein
Typ, der sich Mühe gibt, gemocht zu werden. Meinerseits
jedoch hege ich eine gewisse Sympathie für Sie, Herr
Kawana, auch wenn Sie sich dadurch vielleicht bel.stigt
fühlen. Ich glaube fest daran, dass Sie gro.e Leistungen
vollbringen werden..
Bei diesen Worten betrachtete Ushikawa die Finger seiner
beiden H.nde. Agile kurze Finger. Er drehte sie mehrmals
hin und her und stand schlie.lich auf.
.Dann werde ich mal aufbrechen. Tja, das war wohl das
letzte Mal, dass ich bei Ihnen vorgesprochen habe. Hoffen
wir, dass m.glichst alles so verl.uft, wie Sie es sich
erhoffen. Ich wünsche Ihnen Glück. Machen Sie es gut..
Ushikawa nahm seine abgewetzte Ledertasche, die er auf
dem Stuhl neben sich abgestellt hatte, und verschwand im
Gedr.nge der Cafeteria. Die Schüler und Schülerinnen, die
ihm im Weg standen, wichen automatisch vor ihm zurück
und bildeten eine Gasse. Wie Dorfkinder vor einem
bedrohlichen Menschenh.ndler.
Tengo rief vom Telefon im Empfang in seiner Wohnung
an. Er hatte vor, es dreimal klingeln zu lassen und dann
aufzulegen, doch schon beim zweiten Klingeln hob Fukaeri
ab.
.Wir hatten doch eigentlich ausgemacht, dass ich es
dreimal klingeln lasse und dann noch einmal anrufe., sagte
Tengo kraftlos.
.Ich hatte es vergessen., sagte Fukaeri ungerührt.
.Du solltest es doch nicht vergessen..
.K.nnen wir es noch einmal probieren., fragte Fukaeri.
.Nein, nicht n.tig. Jetzt bist du ja schon rangegangen. Ist
in meiner Abwesenheit etwas Au.ergew.hnliches
passiert?.
.Kein Anruf. Kein Besuch..
.Gut. Ich bin mit der Arbeit fertig und komme jetzt nach
Hause..
.Vorhin ist eine gro.e Kr.he am Fenster gelandet und hat
gekr.chzt., sagte Fukaeri.
.Die kommt jeden Abend. Mach dir keine Gedanken. Sie
stattet nur eine Art H.flichkeitsbesuch ab. Gegen sieben
bin ich da..
.Machen Sie lieber schnell..
.Warum?., fragte Tengo.
.Die Little People toben..
.Die Little People toben., wiederholte Tengo. .Hei.t das,
sie wüten in meiner Wohnung?.
.Nein. Irgendwo anders..
.Wo denn?.
.Weit weg..
.Aber du kannst es h.ren?.
.Ja, ich kann es h.ren..
.Hat das etwas zu bedeuten?., fragte Tengo.
.Es gibt vielleicht eine Katastrophe..
.Eine Katastrophe?. Er brauchte einen Moment, bis er sie
verstand. .Was denn für eine Katastrophe?.
.So genau wei. ich das nicht..
.Die Little People verursachen sie?.
Fukaeri schüttelte den Kopf. Ihr Kopfschütteln übertrug
sich durch den H.rer. Es hie., Ich wei. nicht. .Kommen
Sie lieber nach Hause, bevor das Gewitter anf.ngt..
.Was für ein Gewitter?.
.Die Bahnen fahren dann nicht mehr..
Tengo drehte sich um und sah eine Kr.he vor dem
Fenster. Es war ein heiterer wolkenloser Sommerabend. .Es
sieht aber nicht nach Gewitter aus..
.Das kann man nicht sehen..
.Ich beeile mich..
.Ist besser., sagte Fukaeri und legte auf.
Tengo verlie. die Eingangshalle der Yobiko und schaute
noch einmal zum klaren Abendhimmel hinauf. Mit
schnellen Schritten eilte er zum Bahnhof Yoyogi.
W.hrenddessen spulte sich in seinem Kopf wie bei einem
Tonband mit automatischer Wiederholfunktion immer
wieder ab, was Ushikawa gesagt hatte.
ES GIBT DINGE AUF DIESER WELT, VON DENEN MAN
BESSER NICHTS WEISS. DAS GLEICHE GILT ZUM
BEISPIEL FüR IHRE MUTTER. ES K.NNTE SIE
VERLETZEN, WENN SIE DIE WAHRHEIT ERFAHREN.
UND WENN MAN DIE WAHRHEIT KENNT, KOMMT
MAN BISWEILEN NICHT UMHIN, AUCH
VERANTWORTUNG ZU üBERNEHMEN.
Und irgendwo randalierten die Little People. Sie schienen
irgendetwas mit einem nahenden Unwetter zu tun zu
haben. Im Augenblick war der Himmel wundersch.n klar,
aber der .u.ere Anschein sagte gar nichts aus. Vielleicht
würde es donnern, regnen, und die Bahnen würden nicht
mehr fahren. Er musste schnell nach Hause. Fukaeris
Stimme hatte eine merkwürdige überzeugungskraft.
.Wir müssen unsere Kr.fte vereinen., hatte sie gesagt.
Ein langer Arm wird sich nach uns ausstrecken. Wir
müssen unsere Kr.fte vereinen. Denn wir sind das
ultimative Duo auf Erden.
The Beat Goes On.
KAPITEL 11
Aomame
Das Gute ist das Gleichgewicht an sich
Aomame breitete auf dem Teppich des Schlafzimmers die
Yogamatte aus blauem Schaumstoff aus, die sie
mitgebracht hatte. Dann bat sie den Mann, sein Hemd
auszuziehen. Er stand vom Bett auf und gehorchte. Ohne
Hemd wirkte er noch gewaltiger. Seine Brust war breit, aber
nicht fett, und sehr muskul.s. Auf den ersten Blick schien
sein K.rper v.llig gesund.
Nachdem Aomame ihn aufgefordert hatte, sich
b.uchlings auf die Yogamatte zu legen, griff sie nach
seinem Handgelenk, um den Puls zu fühlen. Er schlug
dumpf und schwer.
.Treiben Sie t.glich Sport?., fragte Aomame.
.Eigentlich nicht. Ich mache nur Atemübungen..
.Ist das alles, nur Atmen?.
.Es unterscheidet sich von gew.hnlichem Atmen..
.Vorhin im Dunkeln haben Sie so geatmet, nicht wahr?
Sehr tief ein und aus. Sie setzen dabei Ihre gesamte
Muskulatur ein..
Der Mann nickte aus seiner Bauchlage.
Aomame konnte es kaum glauben. Um so zu atmen,
brauchte man sicherlich sehr viel Kraft. Aber war es
tats.chlich m.glich, dass jemand allein durch eine
Atemtechnik einen so straffen, athletischen K.rper bekam?
.Was ich jetzt tue, wird mehr oder weniger schmerzhaft.,
sagte Aomame mit unbewegter Stimme. .Denn wenn es
nicht wehtut, hat es keine Wirkung. Aber ich kann den
Schmerz regulieren. Sollte er zu stark werden, dann bei.en
Sie nicht die Z.hne zusammen, sondern sagen Sie es mir
bitte..
Der Mann z.gerte kurz. .Den Schmerz, den ich noch
nicht kenne, m.chte ich erleben., sagte er dann in leicht
ironischem Ton.
.Schmerzen sind für niemanden ein Vergnügen..
.Je st.rker der Schmerz, desto gr..er die Wirkung. Oder
nicht? Schmerzen, die einen Sinn haben, kann ich
ertragen..
Aomame machte im Halbdunkel eine unverbindliche
Miene. .Ich verstehe., sagte sie. .Dann wollen wir es mal
ausprobieren..
Wie immer begann Aomame mit ihrem Stretching an den
Schulterbl.ttern. Schon bei der ersten Berührung fiel ihr
die Geschmeidigkeit der Muskulatur auf. Sie war gesund