und tadellos. Ganz anders als bei den erschlafften,
verspannten Stadtmenschen, mit denen Aomame es
normalerweise im Sportstudio zu tun hatte. Zugleich hatte
sie die starke Empfindung, dass ihr natürlicher Fluss durch
irgendetwas behindert wurde. Wie bei einem von
Baumst.mmen und Schutt blockierten Strom.
Ihren Ellbogen als Hebel ansetzend, zog sie die Schulter
des Mannes so weit zurück wie m.glich. Zuerst sanft, dann
mit viel Kraft. Sie wusste, dass er Schmerzen hatte. Starke
Schmerzen. Jeder andere h.tte zumindest gest.hnt. Aber er
gab keinen Laut von sich. Nicht einmal seine Atmung geriet
aus dem Takt. Auch das Gesicht schien er nicht zu
verziehen. Er kann viel aushalten, dachte Aomame. Sie
beschloss auszuprobieren, wie viel. Ein schonungsloser
Ruck rief ein scharfes Krachen im Schultergelenk hervor,
eine Reaktion wie beim Umstellen einer Weiche. Der Mann
hielt kurz die Luft an, doch dann atmete er sofort wieder
ruhig weiter.
.Ihre Schultern sind schrecklich blockiert., erkl.rte
Aomame. .Aber eben hat sich etwas gel.st. Der Fluss ist
wieder in Gang gekommen..
Aomame fuhr mit der Hand bis zum zweiten Fingerglied
hinter die Schulterbl.tter. Ursprünglich waren die Muskeln
des Mannes weich und elastisch, und sobald sie eine
Blockade entfernt hatte, erreichten sie sofort wieder ihren
normalen gesunden Zustand.
.Ich verspüre eine gro.e Erleichterung., sagte der Mann
leise.
.Das muss aber ziemlich wehgetan haben..
.So schlimm war es nicht..
.Ich selbst kann auch eine Menge aushalten. Aber wenn
jemand das mit mir machen würde, würde ich schreien wie
am Spie...
.In vielen F.llen kann ein Schmerz einen anderen
lindern. Oder sie heben sich gegenseitig auf. Empfindungen
sind letztendlich relativ..
Aomame legte ihre Hand auf das linke Schulterblatt. Als
sie die Muskeln mit dem Finger ertastet hatte, spürte sie,
dass ihr Zustand ungef.hr der gleiche war wie auf der
rechten Seite. Mal sehen, wie weit die Relativit.t reichte.
.Ich nehme mir jetzt die linke Seite vor. Es wird
wahrscheinlich genauso wehtun wie auf der rechten..
.Ich gebe mich ganz in Ihre H.nde. Machen Sie sich bitte
gar keine Gedanken um mich..
.Ich brauche Sie nicht zu schonen, nicht wahr?.
.Nein, das ist nicht n.tig..
Aomame bearbeitete also in der gleichen Reihenfolge die
Gelenke und die Muskulatur um die linke Schulter herum.
Sie ging schonungslos und auf direktestem Weg zu Werke.
Der Mann verhielt sich noch gelassener als bei der rechten
Schulter und nahm den Schmerz v.llig selbstverst.ndlich
hin. Nur einmal entrang sich ihm ein erstickter Laut. Na
gut, dachte Aomame, mal sehen, wie viel du noch aush.ltst.
Nach und nach lockerte sie die Muskulatur an seinem
ganzen K.rper, hakte alle Punkte der Checkliste ab, die sie
im Kopf hatte. Sie brauchte sie nur mechanisch und der
Reihe nach durchzugehen. Wie ein pflichtbewusster
Nachtw.chter, der mit einer Taschenlampe furchtlos seine
n.chtliche Runde durch ein Geb.ude macht.
S.mtliche Muskeln des Mannes waren mehr oder weniger
blockiert. Sein K.rper glich einem Landstrich nach einer
Naturkatastrophe. Alle Wasserl.ufe waren verstopft, alle
Deiche gebrochen. Ein normaler Mensch h.tte in diesem
Zustand gar nicht mehr aufstehen k.nnen. Vielleicht nicht
einmal mehr atmen. Aber seine robuste Konstitution und
sein starker Wille hielten diesen Mann aufrecht. Trotz der
verabscheuungswürdigen Taten, die er begangen hatte,
konnte Aomame nicht umhin, ihm professionellen Respekt
für die stoische Haltung zu zollen, mit der er die
schlimmsten Schmerzen über sich ergehen lie..
Sie verdrehte jeden einzelnen Muskel, so weit es ging,
zog, bog und dehnte gewaltsam und bis zum .u.ersten.
Jedes Mal gaben die Gelenke ein scharfes Krachen von sich.
Sie wusste, dass das, was sie tat, an Folter grenzte. Sie hatte
die Muskeln schon vieler Athleten gedehnt, hartgesottener
Sportler, die mit k.rperlichen Schmerzen lebten. Aber
unter Aomames H.nden schrien selbst die st.rksten
M.nner unweigerlich irgendwann auf. Es war unm.glich,
ihr Stretching schweigend zu ertragen. Einige urinierten
sogar. Aber dieser Mann st.hn te nicht einmal.
Unglaublich. Dennoch musste er gro.e Schmerzen habe,
da ihm der Schwei. in Str.men den Nacken hinunterrann.
Aomame geriet selbst ins Schwitzen.
Sie brauchte etwa drei.ig Minuten, um die Muskulatur
auf der K.rperrückseite zu lockern. Als sie fertig war,
machte sie eine Pause und wischte sich mit einem
Handtuch den Schwei. von der Stirn.
Sonderbar, dachte Aomame. Ich bin hier, um diesen
Mann zu t.ten. Meinen Eispick habe ich in der Tasche. Ich
brauche nur seine Spitze an der richtigen Stelle anzusetzen
und auf den Griff zu schlagen, und alles ist vorbei. Der
Mann w.re tot, ehe er wüsste, wie ihm geschieht. Er k.me
ins Jenseits und w.re von allen Schmerzen befreit. Dennoch
versuche ich alles, was in meiner Macht steht, um seine
Schmerzen zumindest ein wenig zu lindern.
Wahrscheinlich, weil das der Auftrag ist, den man mir
gegeben hat. Ich geh.re wohl zu dem Typ Mensch, der
seine ganze Kraft aufbietet, um eine ihm gestellte Aufgabe
zu erfüllen. Erhalte ich also den Auftrag, jemandes Muskeln
wieder hinzubiegen, gebe ich mir die gr..te Mühe. Wenn
ich einen Menschen t.ten muss und der Grund mir
einleuchtet, tue ich auch das mit vollem Einsatz.
Natürlich kann ich nicht beide Aufgaben gleichzeitig
erledigen, da ihre Ziele einander entgegengesetzt sind. Jede
erfordert besondere eigene Ma.nahmen, die mit der
anderen unvereinbar sind. Also kann ich sie nur separat
erfüllen. Vorl.ufig werde ich mich bemühen, die Muskeln
dieses Mannes in einen wenigstens einigerma.en
ordentlichen Zustand zurückzuversetzen. Am besten
konzentriere ich mich erst einmal nur darauf. über den
zweiten Schritt kann ich nachdenken, wenn ich den ersten
hinter mir habe.
Hinzu kam, dass Aomame ihre Neugier nicht im Zaum
halten konnte. Das ungew.hnliche chronische Leiden
dieses Mannes, seine dadurch stark in Mitleidenschaft
gezogene, im Grunde jedoch gesunde und sogar exzellente
Muskulatur, seine au.ergew.hnliche Willenskraft und
vitale Konstitution, die es ihm erm.glichten, die
grimmigen Schmerzen zu ertragen, die er den .Preis der
Gnade. nannte – all das reizte ihre Neugier. Sie hatte ein
berufliches und auch pers.nliches Interesse an ihm, wollte
wissen, ob sie etwas für ihn tun konnte und wie sein K.rper
reagieren würde. Au.erdem müsste sie, wenn sie den Mann
jetzt t.tete, auf der Stelle verschwinden. In diesem Fall
würden die beiden Leibw.chter im Nebenzimmer sich
vielleicht fragen, warum sie so schnell mit ihrer Arbeit
fertig w.re, und Verdacht sch.pfen. Vor allem, da sie gesagt
hatte, sie würde mindestens eine Stunde brauchen.
.Die H.lfte haben wir hinter uns. Jetzt kommt die andere
H.lfte. Würden Sie sich bitte auf den Rücken legen?., sagte
Aomame.
Wie ein gro.es gestrandetes Meerestier w.lzte der Mann
sich auf die andere Seite. .Die Schmerzen gehen wirklich
zurück., sagte er nach einem tiefen Seufzer. .Keine meiner
bisherigen Behandlungen war so wirksam..
.Ihre Muskulatur ist beeintr.chtigt., sagte Aomame. .Ich
wei. nicht, was die Ursache ist, aber wie es aussieht, ist sie
ernsthaft gesch.digt. Ich werde versuchen, die
beeintr.chtigten Partien so gut wie m.glich wieder in ihren
ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Das ist nicht
leicht und bringt auch Schmerzen mit sich. Aber bis zu
einem gewissen Grad l.sst sich das machen. Die
Beschaffenheit Ihrer Muskeln ist ausgezeichnet, und Sie
k.nnen einiges an Schmerzen ertragen. Doch das ist
wirklich nur eine provisorische L.sung. Zu einer
endgültigen Besserung wird es nicht kommen. Solange die
Ursache nicht gekl.rt ist, wird wohl immer wieder das
Gleiche geschehen..
.Ich wei.. Es gibt keine L.sung. Es wird immer wieder
passieren, und mit jedem Mal wird mein Zustand sich
verschlechtern. Aber auch wenn es nur vorübergehend ist,
w.re ich dankbar, wenn diese akuten Schmerzen sich
zumindest ein wenig lindern lie.en. Sie k.nnen sich nicht
vorstellen, wie dankbar. Ich habe schon daran gedacht,
Morphium zu verwenden. Aber eigentlich m.chte ich das
vermeiden. Eine langfristige Einnahme zerst.rt wichtige
Gehirnfunktionen..
.Ich mache jetzt mit dem Rest weiter., sagte Aomame.
.Auch diesmal muss ich Sie nicht schonen, nicht wahr?.
.Selbstverst.ndlich nicht..
Aomame verbannte jeden anderen Gedanken aus ihrem
Kopf und rang konzentriert mit den Muskeln des Mannes.
Durch ihren Beruf hatte sie sich den Aufbau aller Muskeln
des menschlichen K.rpers eingepr.gt. Sie wusste, welche
Funktion jeder einzelne erfüllte, mit welchen Knochen er
verbunden war, welche besonderen Eigenschaften er hatte,
mit welchen Empfindungen er ausgestattet war. Der Reihe
nach untersuchte sie alle Muskeln und Gelenke, lockerte
und knetete sie energisch. So wie die fanatischen Schergen
der Inquisition, die sich s.mtliche Schmerzpunkte in jedem
Winkel des menschlichen K.rpers vorzunehmen pflegten.
Nach drei.ig Minuten waren beide schwei.gebadet und
atmeten heftig. Wie Liebende nach einem Geschlechtsakt
von an ein Wunder grenzender Intensit.t. Der Mann sagte
eine Weile nichts, und auch Aomame schwieg.
.Ich will nicht übertreiben., ergriff der Mann schlie.lich
das Wort. .Aber Teile meines K.rpers fühlen sich an wie
ausgewechselt..
.Es kann sein, dass Sie heute Nacht eine Art
schmerzhaften Rückfall erleiden, bei dem die Muskeln sich
verkrampfen. Aber das ist kein Grund zur Sorge. Morgen
früh ist alles wieder normal..
Wenn es ein Morgen gibt, dachte Aomame.
Der Mann kreuzte die Beine auf der Yogamatte und
atmete mehrmals tief ein und aus, wie um den Zustand
seines K.rpers zu überprüfen. .Offenbar verfügen Sie
tats.chlich über eine besondere Begabung., sagte er.
.Was ich gemacht habe., sagte Aomame, w.hrend sie
sich mit dem Handtuch den Schwei. vom Gesicht wischte,
.ist eigentlich nur Praxis. An der Universit.t hat man mir
beigebracht, wie Muskulatur aufgebaut ist und wie sie
funktioniert. Diese Kenntnisse habe ich dann durch Praxis
erweitert. Ich habe meine Technik ausgefeilt und ein
eigenes System entwickelt. Ich halte mich ausschlie.lich an
das, was ich ertaste und was für mich einen Sinn ergibt. Auf
meinem Gebiet ist die Wahrheit in der Regel erkennbar
und nachweisbar. Und natürlich mit Schmerzen
verbunden..
Der Mann .ffnete die Augen und musterte Aomame
interessiert. .So denken Sie also..
.Was meinen Sie?., fragte Aomame.
.Dass Wahrheit im Grunde erkennbar und überprüfbar
ist..
Aomame schürzte leicht die Lippen. .Ich sage nicht, dass
das immer so ist. In dem Bereich, in dem ich beruflich t.tig
bin, ist es so. Wenn es überall so w.re, dann w.re wohl
vieles auf der Welt leichter verst.ndlich..
.Ganz und gar nicht., sagte der Mann.
.Wieso nicht?.
.Die meisten Menschen auf der Welt sind nicht auf der
Suche nach beweisbarer Wahrheit. Die Wahrheit ist in den
meisten F.llen, Sie sagten es bereits, mit Schmerz
verbunden. Und kaum jemand sehnt sich nach
schmerzlichen Wahrheiten. Was der Mensch braucht, ist
etwas Sch.nes, Angenehmes, das ihm zumindest den
Glauben vermittelt, sein Dasein habe einen tieferen Sinn.
Aus diesem Grund sind die Religionen entstanden.. Der
Mann dehnte mehrmals seinen Hals, ehe er weitersprach.
.Fall A: Wenn sich das Dasein eines Menschen als
sinnvoll und gelungen erweist, wird es von ihm als wahr
empfunden. Fall B: Wer sich jedoch als unzul.nglich und
schwach empfindet, dem wird sein Leben als unwahr
gelten. Das ist doch ganz klar. Behauptet jemand Kandidat
B gegenüber, seine Unzul.nglichkeiten entspr.chen der
Wahrheit, wird B diesen Menschen ablehnen, hassen und
in manchen F.llen sogar t.tlich angreifen. Ob eine Sache
logisch oder beweisbar ist, hat keinerlei Bedeutung für die
Betroffenen. Die meisten Menschen lehnen die Vorstellung
ab, unzul.nglich und schwach zu sein, und bewahren sich
durch diese Weigerung ihre geistige Gesundheit..
.Aber menschliche K.rper, alle K.rper, sind mit gewissen
geringfügigen Abweichungen unzul.nglich und schwach.
Ist das nicht offensichtlich?., erwiderte Aomame.
.Genau., sagte der Mann. .Jeder Leib ist, mit graduellen
Unterschieden, unzul.nglich und schwach, dem Verfall
und der Aufl.sung anheimgegeben. Das ist eine nicht zu
leugnende Wahrheit. Aber was ist mit dem Geist des
Menschen?.
.über den Geist versuche ich m.glichst nicht
nachzudenken..
.Warum nicht?.
.Es besteht keine Notwendigkeit dazu..
.Und warum nicht? Ist es nicht eine wesentliche Aufgabe
im Leben eines Menschen, über seinen Geist
nachzudenken? Abgesehen davon, ob es einen praktischen
Nutzen hat oder nicht?.
.Mir bleibt die Liebe., sagte Aomame kurz.
Du meine Güte, dachte sie, was mache ich denn da?
Erz.hle einem Mann, den ich gleich umbringen will, etwas
von Liebe.
Wie der Wind eine glatte Wasserfl.che kr.uselt, breitete
sich auf dem Gesicht des Mannes ein leichtes L.cheln aus,
in dem sich ein natürliches und – wie sie zugeben musste –
sympathisches Gefühl ausdrückte.
.Und es genügt, wenn man liebt?., fragte er.
.So ist es..
.Der Gegenstand der Liebe, von der Sie sprechen, ist eine
bestimmte Person, nicht wahr?.
.Ja., sagte Aomame. .Ein bestimmter Mann..
.Die bedingungslose Liebe zu einem unzul.nglichen und
schwachen K.rper …., sagte der Mann ruhig. Er machte
eine Pause. .Offenbar brauchen Sie keine Religion..
.Wahrscheinlich nicht..
.Weil Ihr eigenes Dasein sozusagen schon eine Religion
ist..
.Sie haben vorhin gesagt, Religion diene eher dem
sch.nen Schein als der Wahrheit. Wie ist es mit der
religi.sen Gemeinschaft, der Sie selbst vorstehen?.
.Um ehrlich zu sein, ich halte das, was ich tue, nicht für
Religionsausübung., sagte der Mann. .Ich h.re Stimmen