einmal, ob es sich um Schmerz, einen Juckreiz,
Wohlbehagen oder irgendeine Offenbarung handelte, h.tte
er zu sagen gewusst. Es gibt viele Arten zu sterben auf der
Welt, aber einen bequemeren Tod als diesen konnte es
nicht geben.
Wahrscheinlich hattest du einen viel zu angenehmen
Tod, dachte Aomame und verzog das Gesicht. Viel zu
leicht. Ich h.tte dir lieber mit einem Golfeisen zwei oder
drei Rippen brechen, dir richtig wehtun und am Ende den
Gnadentod gew.hren sollen. Denn eine Ratte wie du
verdient einen elenden Tod. Weil du genau das auch deiner
Frau angetan hast. Bedauerlicherweise hatte ich nicht die
Freiheit der Wahl. Mein Auftrag lautete, dich schnell und
unauff.llig, aber sicher ins Jenseits zu bef.rdern. Und
diesen Auftrag habe ich nun erfüllt. Gerade warst du noch
am Leben. Aber jetzt bist du tot. Ohne es selbst zu merken,
hast du die Schwelle vom Leben zum Tod überschritten.
Genau fünf Minuten presste Aomame die Gaze auf die
Wunde. Gewissenhaft und gerade so fest, dass ihr Finger
keinen Abdruck hinterlie.. W.hrend der gesamten Zeit
lie. sie den Sekundenzeiger ihrer Armbanduhr nicht aus
den Augen. Es waren lange fünf Minuten. Sie kamen ihr vor
wie eine Ewigkeit. Falls jetzt jemand die Tür .ffnen, das
Zimmer betreten und sehen würde, wie sie, die spitze
gef.hrliche Waffe in der einen Hand, den Finger auf den
Nacken des Mannes presste, w.re alles aus. Sie würde sich
nicht herausreden k.nnen. Wom.glich würde der
Zimmerkellner das Kaffeek.nnchen abr.umen wollen.
Wom.glich würde es gleich klopfen. Aber diese fünf
Minuten waren entscheidend, und sie konnte sie nicht
verkürzen. Um ihre Nerven zu beruhigen, atmete sie
langsam und tief ein und aus. Sie durfte sich nicht hetzen.
Durfte ihren kühlen Kopf nicht verlieren. Musste die harte,
kaltblütige Aomame sein, die sie immer war.
Sie konnte ihren Herzschlag h.ren. In ihrem Geist ert.nte
im Gleichklang das Thema der Fanfare von Janá.eks
Sinfonietta. Eine sanfte Brise strich lautlos über die grünen
Felder von B.hmen. Sie merkte, dass ihre Gefühle gespalten
waren. Einerseits drückte sie mit au.ergew.hnlicher
Kaltblütigkeit ihren Finger in den Nacken des Toten. Auf
der anderen Seite war sie jedoch v.llig ver.ngstigt. Am
liebsten h.tte sie alles stehen und liegen lassen und w.re
aus dem Zimmer geflohen. Ich bin gleichzeitig hier und
doch nicht hier, dachte sie. Ich bin an zwei Orten zugleich.
Ich versto.e gegen Einsteins Theorie, aber da kann man
nichts machen. Das ist das Zen des M.rders.
Endlich waren die fünf Minuten um. Doch Aomame fügte
sicherheitshalber noch eine hinzu. Noch eine Minute
warten. Bei einem so wichtigen Auftrag konnte man nicht
vorsichtig genug sein. Sie stand die fast endlose Minute
stoisch durch. Dann zog sie behutsam den Finger zurück
und untersuchte die Wunde mit ihrer Minitaschenlampe.
Die Nadel hatte weniger Spuren hinterlassen als ein
Mückenstich.
Ein durch das Eindringen der feinen Nadel in diesen
speziellen Punkt unterhalb des Gehirns herbeigeführter
Tod hatte die allergr..te .hnlichkeit mit einem
natürlichen Tod. Jeder normale Arzt würde das für
gew.hnliches Herzversagen halten. Der Mann hatte,
w.hrend er am Schreibtisch sa. und arbeitete, pl.tzlich
einen Herzinfarkt bekommen und war daran gestorben. Als
Folge von überarbeitung und Stress. Etwas Unnatürliches
war nicht zu entdecken, ebenso wenig bestand die
Notwendigkeit einer Obduktion.
Er war ein tüchtiger, vitaler Mann gewesen, hatte aber zu
viel gearbeitet. Er hatte viel verdient, aber nun, da er tot
war, nutzte ihm das auch nichts mehr. Auch wenn er einen
Anzug von Armani trug und in einem Jaguar herumfuhr,
war er letzten Endes eine Ameise. Arbeiten, nichts als
arbeiten, und dann ein sinnloser Tod. Nicht lange, und es
würde in Vergessenheit geraten, dass er überhaupt existiert
hatte. Der Arme, er war noch jung, würden die Leute
vielleicht sagen. Oder vielleicht auch nicht.
Aomame zog den Korken aus der Tasche und steckte die
Spitze der Nadel hinein. Sie wickelte ihre zierliche Waffe
wieder in das dünne Tuch und legte sie in das
Hartschalenetui, das sie tief in ihrer Umh.ngetasche
verstaute. Sie holte sich ein Handtuch aus dem Bad und
wischte alle Fingerabdrücke im Zimmer sorgf.ltig ab. Nur
auf dem Schaltbrett der Klimaanlage und am Türknauf
konnten welche sein. Sonst hatte sie nichts angefasst. Dann
legte sie das Handtuch zurück. Sie r.umte die Kaffeekanne
und die Tasse auf das Tablett vom Zimmerservice und
stellte es in den Gang. So würde der Kellner, der das
Geschirr abholen kam, nicht an die Tür klopfen, und die
Entdeckung der Leiche würde sich verz.gern. Im
günstigsten Fall würde sie erst nach dem Check-out am
n.chsten Tag gefunden werden, wenn das Zimmerm.dchen
zum Saubermachen kam.
Das Nichterscheinen des Mannes zu der am Abend
stattfindenden Konferenz würde eventuell dazu führen,
dass man ihn auf seinem Zimmer anrief. Aber niemand
würde abnehmen. M.glicherweise w.re jemand beunruhigt
und würde den Manager die Tür .ffnen lassen. Vielleicht
aber auch nicht. Das hing vom Verlauf der Dinge ab.
Aomame überzeugte sich vor dem Spiegel im
Badezimmer, dass ihre Kleidung nicht in Unordnung
geraten war. Sie schloss den obersten Knopf ihrer Bluse. Es
war nicht n.tig gewesen, ihr Dekolleté zu zeigen. Die miese
Ratte hatte ohnehin so getan, als sei sie Luft für ihn. Für
was hielt der sich eigentlich? Sie verzog das Gesicht. Dann
ordnete sie ihr Haar, massierte leicht mit den Fingern ihr
Gesicht, um die Muskeln zu lockern, und l.chelte
liebenswürdig in den Spiegel. Sie bleckte die wei.en Z.hne,
die sie erst kürzlich vom Zahnarzt hatte reinigen lassen. So,
jetzt werde ich das Zimmer mit der Leiche verlassen und in
die gute alte Wirklichkeit zurückkehren, dachte sie. Ich
muss einen atmosph.rischen Druckausgleich vornehmen.
Ich bin keine kaltblütige M.rderin. Ich bin eine charmante,
smarte Gesch.ftsfrau in einem scharfen Kostüm.
Aomame .ffnete die Tür einen Spalt, sondierte die
Umgebung und glitt, nachdem sie sich vergewissert hatte,
dass niemand im Flur war, aus dem Zimmer. Sie benutzte
nicht den Aufzug, sondern ging zu Fu. die Treppe
hinunter. Niemand achtete auf sie, als sie das Foyer verlie..
Sie straffte ihren Rücken, schaute nach vorn und ging rasch
davon. Nicht so schnell jedoch, dass sie Aufmerksamkeit
erregt h.tte. Sie war ein Profi. Ein fast perfekter Profi.
Wenn ich nur einen etwas gr..eren Busen h.tte, w.re ich
ein tadelloser Profi, dachte Aomame bedauernd. Wieder
verzog sie leicht das Gesicht. Aber da war nichts zu
machen. Man musste mit dem auskommen, was man hatte.
KAPITEL 4
Tengo
Wenn Sie m.chten
Tengo wurde vom Telefon geweckt. Laut Leuchtanzeige
seines Weckers war es kurz nach eins. Mitten in der Nacht
natürlich. Er wusste gleich, dass der Anruf von Komatsu
kam. Er kannte sonst niemanden, der ihn um ein Uhr
nachts anrufen würde. Und kein Mensch au.er Komatsu
würde es so hartn.ckig klingeln lassen und einfach nicht
aufgeben, bis der Angerufene abhob. Komatsu hatte kein
Gefühl für den richtigen Augenblick. Sobald ihm etwas
einfiel, rief er an. Die Uhrzeit spielte keine Rolle. Ob mitten
in der Nacht oder am frühen Morgen, in der
Hochzeitsnacht, auf dem Totenbett – der prosaische
Gedanke, dass er den Angerufenen eventuell st.ren k.nnte,
schien ihm nicht in seinen eif.rmigen Kopf zu kommen.
Aber das konnte er nicht bei allen machen. Immerhin war
auch Komatsu ein Mensch mit einem Arbeitsplatz und
einem Gehalt. Es war unm.glich, dass er dieses ungeh.rige
Verhalten unterschiedslos auf alle ausdehnte. Bei Tengo
ging das, weil dieser sein Partner war. Komatsu sah in ihm
mehr oder weniger eine Verl.ngerung seiner selbst. So
etwas wie seine Arme und Beine. Deshalb machte er keinen
Unterschied zwischen sich und ihm. Er rechnete fest damit,
dass, wenn er wach war, sein Freund auch wach sein
musste. Allerdings ging Tengo, sofern er nichts vorhatte,
um zehn Uhr schlafen und stand um sechs Uhr auf. Er
führte im Allgemeinen ein sehr geregeltes Leben. Er hatte
einen tiefen Schlaf. Aber wenn er einmal geweckt wurde,
konnte er nicht so leicht wieder einschlafen. Aus dem
Schlaf gerissen zu werden machte ihn nerv.s. Er hatte
Komatsu auch schon mehrmals darauf hingewiesen. Ihn
ausdrücklich gebeten, ihn nicht mehr mitten in der Nacht
aus dem Bett zu klingeln. Aber das war nicht anders, als
würde ein Bauer Gott bitten, vor der Ernte keinen
Heuschreckenschwarm zu schicken. .Einverstanden. Ich
werde dich nicht mehr nachts anrufen., sagte Komatsu.
Aber da dieses Versprechen keine festen Wurzeln in seinem
Bewusstsein schlug, wurde es beim ersten Regen sogleich
wieder davongespült.
Tengo kroch aus dem Bett und tastete sich murrend zum
Telefon in der Küche vor. W.hrenddessen klingelte es
unbarmherzig weiter.
.Ich habe mit Fukaeri gesprochen., sagte Komatsu,
indem er sich wie üblich die Begrü.ung schenkte und
umstandslos zur Sache kam. Kein .Hast du schon
geschlafen?. oder .Tut mir leid, dass ich so sp.t anrufe..
Tengo musste ihn unwillkürlich bewundern.
Er stand mit gerunzelter Stirn im Dunkeln und schwieg.
Wenn man ihn mitten in der Nacht aus dem Schlaf riss,
verweigerte sein Verstand eine Weile den Dienst.
.He, h.rst du mir zu?.
.Ja, ich h.re..
.Ich habe nur am Telefon mit ihr gesprochen. Die meiste
Zeit habe nur ich geredet, und sie hat zugeh.rt. Also, als
gespr.chig kann man sie nicht gerade bezeichnen. Sie ist
auf alle F.lle ein wortkarges M.dchen. Sie hat auch eine
ziemlich exzentrische Art zu sprechen. Das wirst du auch
noch merken. Jedenfalls habe ich ihr in groben Zügen
meinen Plan erkl.rt. Dass wir ihr helfen und .Die Puppe
aus Luft. zu dritt redigieren, es in eine bessere Form
bringen, und wie es w.re, den Debütpreis zu bekommen,
solches Zeug eben. So am Telefon wollte ich die Sache
m.glichst allgemein halten. Allzu offen darüber zu
sprechen k.nnte mir in meiner Position doch gef.hrlich
werden. über alles Konkrete muss man pers.nlich mit ihr
reden, sie treffen und fragen, ob sie Interesse daran hat
oder nicht..
.Und?.
.Sie hat nicht geantwortet..
.Wie, nicht geantwortet?.
Hier machte Komatsu eine effektvolle Pause. Er steckte
sich eine Zigarette in den Mund und zündete sie mit einem
Streichholz an. Es war durch das Telefon zu h.ren, und
Tengo sah ihn dabei ganz deutlich vor sich. Komatsu
benutzte kein Feuerzeug.
.Fukaeri sagt, sie m.chte dich zuerst kennenlernen.,
erkl.rte Komatsu, w.hrend er den Rauch ausstie.. .Ob sie
überhaupt Interesse an der Sache hat, hat sie nicht gesagt.
Weder, dass wir es machen dürfen, noch, dass sie nichts
davon wissen will. Sie wird uns ihre Antwort geben,
nachdem ihr euch getroffen und pers.nlich miteinander
gesprochen habt. Ziemlich verantwortungsbewusst, findest
du nicht?.
.Und?.
.Hast du morgen Abend schon was vor?.
Sein Unterricht an der Yobiko begann am Morgen und
endete um vier Uhr nachmittags. Glücklicher- oder
unglücklicherweise hatte er danach nichts geplant. .Nein.,
sagte Tengo.
.Dann sei bitte morgen Abend um sechs Uhr im
Restaurant Nakamura in Shinjuku. Ich reserviere einen
ruhigen Tisch ziemlich weit hinten auf meinen Namen. Das
geht auf Spesen, ihr k.nnt also essen und trinken, was ihr
wollt. Und dabei unterhaltet ihr beide euch mal
ausführlich..
.Das hei.t, Sie sind gar nicht dabei, Herr Komatsu?.
.Fukaeri hat es zur Bedingung gemacht, mit dir allein zu
sprechen. Im Augenblick ist es doch unn.tig, dass sie sich
mit mir trifft..
Tengo schwieg.
.Also dann., sagte Komatsu in aufger.umtem Ton,
.mach deine Sache gut, mein Freund. Du bist gro.
gewachsen und sympathisch. Vor allem bist du als Yobiko-
Lehrer den Umgang mit frühreifen Oberschülerinnen
gewohnt. Du bist also viel geeigneter für so was als ich. Es
w.re toll, wenn du sie überreden k.nntest, dir Vertrauen zu
schenken. Ich warte auf gute Nachricht..
.Halt, warten Sie. War das nicht alles von Anfang an Ihre
Idee? Ich habe Ihnen meine Entscheidung ja noch gar nicht
mitgeteilt. Schon neulich habe ich gesagt, dass ich den Plan
für zu riskant halte und nicht glaube, dass er sich so leicht
durchführen l.sst. Das wird doch garantiert ein Problem.
Ich kann ein M.dchen, das ich noch nie gesehen habe, ja
nicht überreden, wo ich mich selbst noch nicht entschieden
habe, ob ich die Sache übernehme oder nicht..
Komatsu schwieg einen Moment. Dann sagte er: .Ach,
Tengo, die Sache ist doch l.ngst ins Rollen gekommen. Wir
k.nnen den Zug jetzt nicht mehr anhalten und aussteigen.
Ich bin fest entschlossen. Und du bist doch auch schon
mehr als zur H.lfte entschlossen. Du und ich, wir sind eine
Schicksalsgemeinschaft..
Tengo schüttelte den Kopf. Schicksalsgemeinschaft? Du
meine Güte, wann hatte die Sache solche bombastischen
Dimensionen angenommen?
.Aber neulich haben Sie doch gesagt, ich k.nne mir Zeit
lassen und in Ruhe nachdenken..
.Das war vor fünf Tagen. Was hast du dir in Ruhe
überlegt?.
Tengo fehlten die Worte. .Ich bin noch zu keinem
Schluss gekommen., sagte er ehrlich.
.Aber du kannst dich doch trotzdem mit diesem
M.dchen, mit Fukaeri, treffen und mit ihr reden, oder?
Und anschlie.end dein Urteil f.llen..
Tengo presste die Fingerkuppen gegen die Schl.fe. Sein
Verstand arbeitete noch immer schwerf.llig.
.Einverstanden. Ich treffe mich für alle F.lle mal mit
Fukaeri. Morgen um sechs im Nakamura in Shinjuku. Ich
werde ihr alles mit meinen Worten erkl.ren. Mehr kann ich
nicht versprechen. Erkl.ren ja, aber überreden kommt
nicht in Frage..
.Das genügt. Selbstverst.ndlich..
.Was wei. sie über mich?.
.Das Wichtigste habe ich ihr erz.hlt. Dass du
neunundzwanzig oder drei.ig Jahre alt bist, ledig und an
einer Yobiko in Yoyogi als Mathematiklehrer arbeitest. Dass