und gebe das Geh.rte weiter. Nur ich kann die Stimmen
h.ren. Und das, was ich h.re, ist die absolute Wahrheit.
Aber ich kann nicht beweisen, dass diese Botschaft die
Wahrheit ist. Alles, was ich tun kann, ist, Ihnen eine
Kostprobe meiner Gabe zu gew.hren..
Aomame biss sich leicht auf die Lippen und legte das
Handtuch ab. Was ist das für eine Gabe?, h.tte sie gern
gefragt. Aber sie hielt sich zurück. Die Sache begann sich
zu sehr in die L.nge zu ziehen. Und sie hatte noch etwas
Wichtiges zu erledigen.
.K.nnen Sie sich noch einmal auf den Bauch legen? Ich
würde zum Schluss gern noch Ihre Nackenmuskulatur
lockern., sagte sie.
Der Mann legte seinen riesigen K.rper wieder auf die
Matte und wandte Aomame seinen kr.ftigen Nacken zu.
.Auf alle F.lle haben Sie den Magic Touch., sagte er.
.Magic Touch?.
.Finger, von denen ungew.hnliche Kr.fte ausgehen.
Deren Empfinden so fein ist, dass sie spezielle Punkte am
menschlichen K.rper ertasten k.nnen. Diese besondere
Gabe besitzt nur eine sehr begrenzte Anzahl von
Menschen. Man kann sie nicht erlernen und nicht üben.
Ich bin auf einem anderen Gebiet mit etwas .hnlichem
ausgestattet. Aber für jede Gabe hat der Mensch einen Preis
zu zahlen..
.So habe ich das noch nie gesehen., sagte Aomame. .Ich
habe gelernt, trainiert und mir meine Technik selbst
angeeignet. Es ist nichts, das mir von jemandem gegeben
wurde..
.Ich will nicht streiten. Aber eins sollte man sich merken.
Gott gibt, und Gott nimmt. Auch wenn Sie nicht wissen,
was er Ihnen gegeben hat – Gott erinnert sich genau daran.
Er vergisst nichts. Mit den Gaben, die einem gew.hrt
wurden, sollte man m.glichst sorgsam umgehen..
Aomame betrachtete ihre zehn Finger. Sie legte sie an den
Nacken des Mannes und konzentrierte sich auf die
Fingerspitzen. Gott gibt, Gott nimmt.
.Gleich sind wir fertig. Jetzt kommt nur noch der letzte
Schliff., sagte sie mit rauer Stimme, w.hrend sie sich über
den Rücken des Mannes beugte.
Ihr war, als h.re sie fernes Donnergrollen. Sie hob das
Gesicht und blickte aus dem Fenster. Nichts zu sehen. Nur
der dunkle Himmel. Pl.tzlich ert.nte wieder das gleiche
Ger.usch. Es hallte dumpf in der Stille des Zimmers.
.Es f.ngt an zu regnen., sagte der Mann gleichmütig.
Aomame legte die Hand auf den Nacken des Mannes und
tastete nach dem bestimmten Punkt. Dazu musste sie sich
au.erordentlich stark konzentrieren. Sie schloss die Augen,
hielt den Atem an und lauschte auf den Fluss seines Blutes.
Ihre Fingerspitzen versuchten die Information aus der
Elastizit.t und W.rme der Haut herauszulesen. Es war nur
ein winziger Punkt. Bei manchen war er leicht zu finden,
bei anderen schwieriger. Bei dem Leader war Letzteres der
Fall. So schwierig, wie in einem stockdunklen Zimmer nach
einer Münze zu kramen, ohne dabei ein Ger.usch zu
verursachen. Dennoch hatte Aomame den Punkt bald
entdeckt. Sie legte ihre Fingerspitze darauf und pr.gte sich
die Stelle genau ein. Als würde sie eine Landkarte mit einer
Markierung versehen. Das war ihre besondere Gabe.
.Bitte, bewegen Sie sich jetzt nicht., wandte Aomame
sich an den auf dem Bauch liegenden Mann. Dann streckte
sie die Hand nach der Sporttasche neben sich aus und
nahm das Hartschalenetui mit dem kleinen Eispick heraus.
.Hier im Nacken haben Sie noch eine kleine Blockade.,
sagte sie in gelassenem Ton. .Ich kann sie nicht mit den
Fingern l.sen. Wenn ich sie entfernen kann, werden Ihre
Schmerzen stark nachlassen. Ich m.chte dort eine einfache
Akupunkturnadel setzen. Die Stelle ist empfindlich, aber
ich habe das schon .fter praktiziert, und es war kein Fehler.
Darf ich?.
Der Mann seufzte tief. .Ich gebe mich v.llig in Ihre
H.nde. Ich akzeptiere alles, was meine Schmerzen lindert..
Aomame nahm den Eispick aus dem Etui und entfernte
den Korken von seiner Spitze. Sie war wie immer von
t.dlicher Sch.rfe. Die Nadel in der linken Hand, tastete sie
mit dem Zeigefinger der rechten nach dem Punkt, den sie
nun schon kannte. Kein Zweifel. Da war er. Sie setzte die
Spitze der Nadel an und holte tief Luft. Gleich würde sie die
rechte Handfl.che wie einen Hammer auf den Griff fallen
lassen und die feine Spitze – pfftt! – in diesen Punkt
treiben. Und alles w.re vorbei.
Aber irgendetwas hielt sie zurück. Aus irgendeinem
Grund konnte Aomame ihre erhobene rechte Handfl.che
nicht senken. Gleich ist alles zu Ende, dachte sie. Mit nur
einer Bewegung kann ich diesen Mann ins Jenseits
bef.rdern. Dann mit eiskalter Miene aus dem Zimmer
gehen, mein Gesicht und meinen Namen .ndern und
jemand anders werden. Ich kann es. Ich habe keine Angst
und keine Gewissensbisse.
Dieser Mann hatte unzweifelhaft den Tod verdient. Er
würde seine sch.ndlichen Taten nur wiederholen. Dennoch
konnte sie es nicht. Ein vager, aber hartn.ckiger Zweifel
hatte sich eingestellt und lie. sie z.gern.
Du darfst die Sache nicht zu leicht nehmen, sagte ihr
Instinkt.
Es war nicht nur Einbildung. Sie wusste, dass hier etwas
nicht stimmte. Etwas war falsch. Verschiedene
widerstreitende Kr.fte und Faktoren prallten in Aomame
aufeinander. Im Halbdunkel verzerrte sich ihr Gesicht.
.Was ist los?., sagte der Mann. .Ich warte. Auf den
letzten Schliff..
Als er das sagte, erkannte Aomame endlich den Grund für
ihr Z.gern. Der Mann wei. Bescheid, dachte sie. Er wei.,
dass ich ihm jetzt etwas antun will.
.Halten Sie sich nicht zurück., sagte er heiter. .Alles in
Ordnung. Das, was Sie vorhaben, entspricht genau meinen
Wünschen..
Wieder donnerte es. Doch kein Blitz war zu sehen. Es
grollte nur wie fernes Geschützfeuer. Die Schlacht war noch
offen. Der Mann sprach weiter.
.Ihre Behandlung war perfekt. Sie beherrschen Ihr Metier
tadellos. Ich zolle Ihren F.higkeiten meinen reinsten
Respekt. Aber wie Sie schon sagten, letztlich ist das nicht
mehr als eine vorübergehende L.sung. Ich kann nur geheilt
werden, indem man das übel bei der Wurzel packt. In den
Keller geht und die Hauptsicherung herausdreht. Das
werden Sie jetzt für mich tun..
Aomame nahm die Nadel in die linke Hand, setzte ihm
die Spitze in den Nacken und erstarrte mit erhobener
rechter Hand. Sie konnte weder vor noch zurück.
.Wenn ich wollte, k.nnte ich Sie jederzeit an Ihrem
Vorhaben hindern. Ganz einfach., sagte der Mann.
.Bringen Sie bitte Ihre Rechte nach unten..
Aomame wollte die rechte Hand senken. Doch sie konnte
sie pl.tzlich nicht mehr bewegen. Sie ragte starr wie die
Hand einer steinernen Statue in die H.he.
.Ich will Sie nicht hindern, aber ich besitze die Macht
dazu. Sie dürfen Ihre Rechte nun wieder bewegen und
rechts wie links über mein Leben bestimmen..
Aomame spürte, dass sie wieder frei über ihre rechte
Hand verfügen konnte. Sie .ffnete und schloss sie ohne
jegliches Unbehagen. Vielleicht hatte er eine Art Hypnose
angewendet. Aber die Kraft war so au.erordentlich gro.
gewesen.
.Mir wurde besondere Macht verliehen. Doch im
Gegenzug haben sie alles M.gliche von mir gefordert. Ihre
Begierden wurden zu meinen Begierden. Diese Begierden
sind .u.erst grausam, und man kann sich ihnen nicht
widersetzen..
.Sie., sagte Aomame. .Sind das die Little People?.
.Sie wissen also von ihnen. Gut. Das kürzt die Sache ab..
.Ich kenne nur den Namen. Was sie sind, wei. ich nicht..
.Es gibt wohl niemanden, der genau wei., was die Little
People sind., sagte der Mann. .Das Einzige, was wir
wissen, ist, dass es sie gibt. Haben Sie mal Der goldene
Zweig von Frazer gelesen?.
.Nein..
.Ein hochinteressantes Buch. Man erf.hrt die
verschiedensten Dinge daraus. In einigen Gesellschaften
des Altertums war es Gesetz, den K.nig zu t.ten, sobald
seine Regierungszeit abgelaufen war. Sie dauerte zehn bis
zw.lf Jahre. War diese Zeit um, wurde er geschlachtet. Es
galt als notwendig für die Gemeinschaft, und auch der
K.nig selbst akzeptierte seinen Tod. Er musste grausam
und blutig sein. Dadurch wurde ihm gro.e Ehre zuteil.
Warum er get.tet werden musste? Zu jener Zeit war der
K.nig jemand, der in Vertretung seines Volkes .Stimmen
vernahm.. Solche Personen wurden von sich aus zu einem
Schaltkreis, der uns mit ihnen verband. Und dass derjenige,
der .Stimmen vernahm., nach einer gewissen Zeitspanne
get.tet werden musste, war eine für die Gemeinschaft
notwendige Tat. Sie diente dazu, das Gleichgewicht
zwischen den Kr.ften, die die Little People entwickelten,
und dem Bewusstsein der Menschen auf der Erde zu
erhalten. Herrschaft war in der Welt des Altertums
gleichbedeutend damit, die Stimmen der G.tter zu
vernehmen, ihren Willen zu kennen. Aber natürlich starb
diese Sitte irgendwann aus, die Monarchen wurden nicht
mehr get.tet, ihre Macht wurde weltlich und erblich. Und
sie h.rten keine Stimmen mehr..
W.hrend Aomame zuh.rte, .ffnete und schloss sie
unbewusst ihre nach oben gestreckte Rechte.
Der Mann fuhr fort. .Seit jeher hat man ihnen die
verschiedensten Namen gegeben, meist jedoch gar keinen.
Sie waren einfach da. Die Bezeichnung Little People ist
letztlich nicht mehr als ein Provisorium. Meine Tochter, die
damals erst zehn Jahre alt war, hat sie .die kleinen Leute.
genannt. Sie hatte sie mitgebracht. Ich habe den Namen
dann in Little People ge.ndert. Weil es sich leichter
spricht..
.Und Sie wurden K.nig..
Der Mann atmete stark durch die Nase ein und hielt kurz
den Atem an, ehe er ihn langsam ausstie.. .Nicht K.nig.
Ich wurde der, .der Stimmen h.rt...
.Und jetzt wollen Sie geschlachtet werden..
.Nein, zu schlachten brauchen Sie mich nicht. Immerhin
befinden wir uns im Jahre 1984 und mitten in einer
Gro.stadt. Es braucht nicht besonders blutig zu werden. Es
genügt mir, wenn Sie meinem Leben rasch ein Ende
setzen..
Aomame schüttelte den Kopf und lockerte ihre Muskeln.
Die Nadel war noch immer an dem Punkt im Nacken
aufgesetzt, aber in ihr regte sich nicht der geringste
Wunsch, den Mann zu t.ten.
.Sie haben mehrere kleine M.dchen vergewaltigt. Kinder,
die kaum zehn Jahre alt waren., sagte Aomame.
.Das ist richtig., sagte der Mann. .Nach allgemeiner
Vorstellung habe ich sie gegen ihren Willen dazu
gezwungen. In den Augen der irdischen Gerichtsbarkeit bin
ich ein Verbrecher. Ich habe mich k.rperlich mit
weiblichen Menschen vereinigt, die noch nicht
geschlechtsreif waren. Auch wenn ich es nicht wollte..
Aomame seufzte nur tief. Sie wusste nicht, wie sie das
emotionale Chaos, das in ihr wütete, zur Ruhe bringen
sollte. Ihr Gesicht verzerrte sich, die rechte und die linke
Hand schienen verschiedene Dinge anzustreben.
.Ich m.chte, dass Sie mich t.ten., sagte der Mann. .Ich
will nicht l.nger auf dieser Welt leben, ganz gleich unter
welchen Umst.nden. Ich bin ein Mensch, der eliminiert
werden sollte, um das Gleichgewicht der Welt zu erhalten..
.Gesetzt den Fall, ich t.te Sie, was ist dann?.
.Die Little People verlieren den, der die Stimmen h.rt. Es
gibt noch keinen Nachfolger für mich..
.Und das soll ich glauben?., schnaubte Aomame.
.Wissen Sie, was Sie sind? Ein perverser Typ, der sich eine
sch.ne Theorie zurechtgelegt hat, um seine Schweinereien
zu rechtfertigen. Die Little People hat es nie gegeben, auch
nicht die Stimme und die Gnade Gottes. Sie sind ein
windiger Scharlatan, der sich als Prophet und religi.ser
Führer aufspielt. Von Ihrer Sorte gibt es jede Menge auf der
Welt..
.Sehen Sie die Tischuhr?., sagte der Mann, ohne den
Kopf zu heben. .Dort rechts auf der Truhe..
Aomame blickte nach rechts. Dort stand eine etwa
hüfthohe geschwungene Truhe und auf ihr eine marmorne
Uhr. Sie sah schwer aus.
.Sehen Sie sie bitte an. Schauen Sie nicht weg..
Also drehte Aomame den Hals und starrte auf die Uhr. Sie
spürte an ihren Fingern, wie s.mtliche Muskeln des
Mannes hart wie Stein wurden. Sie strahlten eine
unglaublich starke Energie aus. Wie auf den Befehl dieser
Energie trennte sich die Uhr von der Oberfl.che der Truhe,
bis sie zu schweben schien. Sie hob sich um etwa fünf
Zentimeter in die Luft, entschloss sich mit leichtem Zittern,
als würde sie z.gern, für eine Position und schwebte dort
für etwa zehn Sekunden. Dann erschlafften die Muskeln
des Mannes, und die Uhr fiel mit einem dumpfen Aufschlag
auf die Truhe zurück. Als sei ihr pl.tzlich eingefallen, dass
auf der Erde Schwerkraft herrschte.
Der Mann atmete lange und ersch.pft aus.
.Selbst solche Kleinigkeiten erfordern eine Menge
Energie., sagte er, nachdem er die Luft ganz ausgesto.en
hatte. .So viel, dass es mich aufzehrt. Aber ich wollte, dass
Sie zumindest begreifen, dass ich kein windiger
Scharlatan bin..
Aomame gab keine Antwort. Durch tiefes Ein- und
Ausatmen gewann der Mann seine Kraft zurück. Die Uhr
tickte reglos, als sei nichts gewesen, weiter auf ihrer Truhe
vor sich hin. Sie war nur ein wenig verrutscht. Aomame
hatte den Sekundenzeiger im Blick behalten, w.hrend er
einmal das Zifferblatt umwanderte.
.Sie haben besondere F.higkeiten., sagte sie mit rauer
Stimme.
.Wie Sie sehen..
.In dem Roman Die Brüder Karamasow gibt es diese
Stelle von Christus und dem Teufel., sagte Aomame.
.Christus fastet in der Wüste, und der Teufel verlangt von
ihm, er solle ein Wunder wirken und Steine in Brot
verwandeln. Aber Christus gehorcht ihm nicht. Denn das
Wunder ist eine Versuchung des Teufels..
.Ich wei.. Auch ich habe Die Brüder Karamasow gelesen.
Sie haben natürlich recht. Eine gro.spurige Demonstration
wie diese eben ist kein Beweis. Aber die Zeit, die ich habe,
um Sie zu überzeugen, ist begrenzt. Also habe ich diesen
Versuch gewagt..
Aomame schwieg.
.Wenn es auf dieser Welt das absolut Gute nicht gibt,
gibt es auch das absolut B.se nicht., sagte der Mann. .Gut
und B.se sind keine festen, unver.nderlichen Gr..en,
sondern Aspekte, die st.ndig je nach Perspektive wechseln.
Was in einem Moment gut ist, kann im n.chsten b.se sein.